Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft

Gemäß § 3 Abs. 4 AsylG wird einem Aus­län­der, der Flücht­ling nach § 3 Abs. 1 AsylG ist, die Flücht­lings­ei­gen­schaft zuer­kannt, es sei denn, er erfüllt die Vor­aus­set­zun­gen des § 60 Abs. 8 Satz 1 Auf­en­thG oder das Bun­des­amt für Migra­ti­on und Flücht­lin­ge hat nach § 60 Abs. 8 Satz 3 Auf­en­thG von der Anwen­dung des § 60 Abs. 1 Auf­en­thG abge­se­hen.

Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft

Gemäß § 3 Abs. 1 AsylG ist ein Aus­län­der Flücht­ling im Sin­ne des Abkom­mens vom 28.07.1951 über die Rechts­stel­lung der Flücht­lin­ge1, wenn er sich aus begrün­de­ter Furcht vor Ver­fol­gung wegen sei­ner Ras­se, Reli­gi­on, Natio­na­li­tät, poli­ti­schen Über­zeu­gung oder Zuge­hö­rig­keit zu einer bestimm­ten sozia­len Grup­pe außer­halb des Lan­des (Her­kunfts­land) befin­det, des­sen Staats­an­ge­hö­rig­keit er besitzt und des­sen Schutz er nicht in Anspruch neh­men kann oder wegen die­ser Furcht nicht in Anspruch neh­men will.

Nach § 3a Abs. 1 AsylG gel­ten als Ver­fol­gung im Sin­ne des § 3 Abs. 1 AsylG Hand­lun­gen, die auf­grund ihrer Art oder Wie­der­ho­lung so gra­vie­rend sind, dass sie eine schwer­wie­gen­de Ver­let­zung der grund­le­gen­den Men­schen­rech­te dar­stel­len, ins­be­son­de­re der Rech­te von denen nach Art. 15 Abs. 2 der Kon­ven­ti­on vom 04.11.1950 zum Schutz der Men­schen­rech­te und Grund­frei­hei­ten2 – EMRK – kei­ne Abwei­chung zuläs­sig ist, oder in einer Kumu­lie­rung unter­schied­li­cher Maß­nah­men, ein­schließ­lich einer Ver­let­zung der Men­schen­rech­te, bestehen, die so gra­vie­rend ist, dass eine Per­son davon in ähn­li­cher Wei­se betrof­fen ist. Die­se Art. 9 Abs. 1 der Richt­li­nie 2011/​95/​EU des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 13.12 2011 über Nor­men für die Aner­ken­nung von Dritt­staats­an­ge­hö­ri­gen oder Staats­lo­sen als Per­so­nen mit Anspruch auf inter­na­tio­na­len Schutz, für einen ein­heit­li­chen Sta­tus für Flücht­lin­ge oder für Per­so­nen mit Anrecht auf sub­si­diä­ren Schutz und für den Inhalt des zu gewäh­ren­den Schut­zes3 umset­zen­de Legal­de­fi­ni­ti­on der Ver­fol­gungs­hand­lung erfährt in § 3a Abs. 2 AsylG im Ein­klang mit Art. 9 Abs. 2 RL 2011/​95/​EU eine Aus­ge­stal­tung durch einen nicht abschlie­ßen­den Kata­log von Regel­bei­spie­len. Die Annah­me einer Ver­fol­gungs­hand­lung setzt einen geziel­ten Ein­griff in ein nach Art. 9 Abs. 1 RL 2011/​95/​EU geschütz­tes Rechts­gut vor­aus4.

§ 3b Abs. 1 AsylG kon­kre­ti­siert die in § 3 Abs. 1 AsylG genann­ten Ver­fol­gungs­grün­de. Gemäß § 3b Abs. 2 AsylG ist es bei der Bewer­tung der Fra­ge, ob es bei der Furcht eines Aus­län­ders vor Ver­fol­gung begrün­det ist, uner­heb­lich, ob die­ser tat­säch­lich die flücht­lings­re­le­van­ten Merk­ma­le auf­weist, sofern ihm die­se von sei­nem Ver­fol­ger zuge­schrie­ben wer­den.

Gemäß § 3a Abs. 3 AsylG muss zwi­schen den in § 3 Abs. 1 Nr. 1 i.V.m. § 3b AsylG genann­ten Ver­fol­gungs­grün­den und den in § 3a Abs. 1 und 2 AsylG als Ver­fol­gung ein­ge­stuf­ten Hand­lun­gen oder dem Feh­len von Schutz vor sol­chen Hand­lun­gen eine Ver­knüp­fung bestehen. Die Maß­nah­me muss dar­auf gerich­tet sein, den von ihr Betrof­fe­nen gera­de in Anknüp­fung an einen oder meh­re­re Ver­fol­gungs­grün­de zu tref­fen. Ob die Ver­fol­gung "wegen" eines Ver­fol­gungs­grun­des erfolgt, mit­hin ent­we­der die Ver­fol­gungs­hand­lung oder das Feh­len von Schutz vor Ver­fol­gung oder bei­de auf einen der in § 3b AsylG genann­ten Ver­fol­gungs­grün­de zurück­ge­hen, ist anhand ihres inhalt­li­chen Cha­rak­ters nach der erkenn­ba­ren Gericht­etheit der Maß­nah­me zu beur­tei­len, nicht hin­ge­gen nach den sub­jek­ti­ven Grün­den oder Moti­ven, die den Ver­fol­gen­den dabei lei­ten5. Die­se Ziel­ge­richt­etheit muss nicht nur hin­sicht­lich der durch die Ver­fol­gungs­hand­lung bewirk­ten Rechts­gut­ver­let­zung, son­dern auch in Bezug auf die Ver­fol­gungs­grün­de im Sin­ne des § 3b AsylG, an die die Hand­lung anknüpft, anzu­neh­men sein6. Für die "Ver­knüp­fung" reicht ein Zusam­men­hang im Sin­ne einer Mit­ver­ur­sa­chung aus.

Die Furcht vor Ver­fol­gung ist im Sin­ne des § 3 Abs. 1 AsylG begrün­det, wenn dem Aus­län­der die vor­ge­nann­ten Gefah­ren auf­grund der in sei­nem Her­kunfts­land gege­be­nen Umstän­de in Anbe­tracht sei­ner indi­vi­du­el­len Lage tat­säch­lich, das heißt mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit ("real risk") dro­hen7. Der Wahr­schein­lich­keits­maß­stab bedingt, dass bei einer zusam­men­fas­sen­den Wür­di­gung des zur Prü­fung gestell­ten Lebens­sach­ver­halts die für eine Ver­fol­gung spre­chen­den Umstän­de ein grö­ße­res Gewicht besit­zen und des­halb gegen­über den dage­gen spre­chen­den Tat­sa­chen über­wie­gen. Dabei ist eine "qua­li­fi­zie­ren­de" Betrach­tungs­wei­se im Sin­ne einer Gewich­tung und Abwä­gung aller fest­ge­stell­ten Umstän­de und ihrer Bedeu­tung anzu­le­gen. Es kommt dar­auf an, ob in Anbe­tracht die­ser Umstän­de bei einem ver­nünf­tig den­ken­den, beson­ne­nen Men­schen in der Lage des Betrof­fe­nen Furcht vor Ver­fol­gung her­vor­ge­ru­fen wer­den kann8.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 22. Mai 2019 – 1 C 10.18

  1. BGBl.1953 II S. 559, 560 []
  2. BGBl.1952 II S. 685, 953 []
  3. ABl. L 337 S. 9 []
  4. BVerwG, Urteil vom 19.01.2009 – 10 C 52.07, BVerw­GE 133, 55 Rn. 22 []
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 01.07.1987 – 2 BvR 478/​86, 2 BvR 962/​86, BVerfGE 76, 143, 157, 166 f. []
  6. BVerwG, Urteil vom 19.01.2009 – 10 C 52.07, BVerw­GE 133, 55 Rn. 22 und Beschluss vom 21.11.2017 – 1 B 148.17 17 []
  7. stRspr, vgl. BVerwG, Urtei­le vom 20.02.2013 – 10 C 23.12, BVerw­GE 146, 67 Rn.19; vom 19.04.2018 – 1 C 29.17, NVwZ 2018, 1408 Rn. 14 und Beschluss vom 15.08.2017 – 1 B 120.17 8 []
  8. BVerwG, Urteil vom 20.02.2013 – 10 C 23.12, BVerw­GE 146, 67 Rn. 32 []