Been­di­gung bila­te­ra­ler Inves­ti­ti­ons­schutz­ver­trä­ge zwi­schen den EU-Mitgliedstaaten

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat einen Antrag auf Erlass einer einst­wei­li­gen Anord­nung ver­wor­fen, mit dem das Inkraft­tre­ten des Geset­zes zu dem Über­ein­kom­men vom 05.05.2020 zur Been­di­gung bila­te­ra­ler Inves­ti­ti­ons­schutz­ver­trä­ge zwi­schen den Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on ver­hin­dert wer­den sollte.

Been­di­gung bila­te­ra­ler Inves­ti­ti­ons­schutz­ver­trä­ge zwi­schen den EU-Mitgliedstaaten

Die­se Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts erging auf den Antrag einer nie­der­län­di­schen Gesell­schaft mit einer in der Slo­wa­ki­schen Repu­blik ansäs­si­gen Toch­ter­ge­sell­schaft, über die sie pri­va­te Kran­ken­ver­si­che­run­gen anbot.2007 ver­bot die Slo­wa­ki­sche Repu­blik die Aus­schüt­tung von Gewin­nen aus dem Kran­ken­ver­si­che­rungs­ge­schäft. Das Ver­fas­sungs­ge­richt der Slo­wa­ki­schen Repu­blik erklär­te das Ver­bot im Jahr 2011 für ver­fas­sungs­wid­rig, wor­auf Gewinn­aus­schüt­tun­gen wie­der zuge­las­sen wur­den. Die Antrag­stel­le­rin lei­te­te dar­auf­hin auf der Grund­la­ge von Art. 8 des Abkom­mens über die För­de­rung und den gegen­sei­ti­gen Schutz von Inves­ti­tio­nen zwi­schen der Tsche­chi­schen und Slo­wa­ki­schen Föde­ra­ti­ven Repu­blik und dem König­reich der Nie­der­lan­de ein Schieds­ver­fah­ren ein, mit dem sie von der Slo­wa­ki­schen Repu­blik Ersatz ihrer Schä­den infol­ge der gesetz­li­chen Regu­lie­rungs­maß­nah­men begehr­te. Das hier­auf kon­sti­tu­ier­te Schieds­ge­richt leg­te Frank­furt am Main als Ort des schieds­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens fest.

Das Schieds­ge­richt ver­ur­teil­te die Slo­wa­ki­sche Repu­blik durch Schieds­spruch zur Zah­lung von rund 22, 1 Mil­lio­nen Euro nebst Zin­sen an die Antrag­stel­le­rin wegen Ver­let­zung ver­schie­de­ner Bestim­mun­gen des genann­ten Inves­ti­ti­ons­schutz­ver­tra­ges durch die gesetz­li­chen Restrik­tio­nen der Libe­ra­li­sie­rung des Kran­ken­ver­si­che­rungs­mark­tes. Das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main wies die bean­trag­te Auf­he­bung des Schieds­spruchs zurück. Hier­ge­gen erhob die Slo­wa­ki­sche Repu­blik Rechts­be­schwer­de zum Bun­des­ge­richts­hof. Die­ser leg­te dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on nach Art. 267 AEUV ver­schie­de­ne Fra­gen zur Ver­ein­bar­keit von Inves­tor-Staat-Schieds­ver­fah­ren auf der Grund­la­ge bila­te­ra­ler Inves­ti­ti­ons­schutz­ver­trä­ge zwi­schen Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on zur Vor­ab­ent­schei­dung vor. Mit Urteil vom 06.03.2018 ent­schied der Gerichts­hof, dass Bestim­mun­gen wie Art. 8 des gegen­ständ­li­chen Inves­ti­ti­ons­schutz­ver­tra­ges nicht mit Art. 267, Art. 344 AEUV ver­ein­bar sei­en. Hier­auf hob der Bun­des­ge­richts­hof den Beschluss des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt am Main sowie den Schieds­spruch auf, was Gegen­stand der von der Antrag­stel­le­rin erho­be­nen Ver­fas­sungs­be­schwer­de im Ver­fah­ren 2 BvR 557/​19 ist.

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Die Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on gelang­ten vor dem Hin­ter­grund des Urteils des Gerichts­hofs zu der Ansicht, dass die uni­ons­recht­li­che Unwirk­sam­keit der Inves­tor-Staat-Schieds­klau­seln nicht auf den kon­kre­ten Inves­ti­ti­ons­schutz­ver­trag beschränkt sei, son­dern sämt­li­che – ins­ge­samt rund 200 – Intra-EU-Inves­ti­ti­ons­schutz­ver­trä­ge erfas­se, auch wenn die­se kei­ne mit Art. 8 des dort streit­ge­gen­ständ­li­chen Inves­ti­ti­ons­schutz­ver­tra­ges ver­gleich­ba­re Rege­lung ent­hiel­ten. Am 5.05.2020 wur­de dar­auf­hin ein Über­ein­kom­men von 23 Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on unter­zeich­net, wel­ches die Been­di­gung von bila­te­ra­len Inves­ti­ti­ons­schutz­ver­trä­gen unter Weg­fall von Nach­wir­kungs­klau­seln vor­sieht. In Art. 9 Übk ent­hält das Über­ein­kom­men Rege­lun­gen zu einem „Struk­tu­rier­ten Dia­log“ für anhän­gi­ge Schieds­ver­fah­ren. Führt die­ser Streit­bei­le­gungs­me­cha­nis­mus nicht zum Erfolg, sieht Art. 10 Übk beson­de­re Mög­lich­kei­ten zur Kla­ge vor den Gerich­ten des Inves­ti­ti­ons­staats vor. Von dem Über­ein­kom­men erfasst ist auch das Abkom­men über die För­de­rung und den gegen­sei­ti­gen Schutz von Inves­ti­tio­nen zwi­schen der Tsche­chi­schen und Slo­wa­ki­schen Föde­ra­ti­ven Repu­blik und dem König­reich der Nie­der­lan­de. Der Deut­sche Bun­des­tag ver­ab­schie­de­te schließ­lich das erfor­der­li­che Zustim­mungs­ge­setz zu dem Über­ein­kom­men vom 05.05.2020 zur Been­di­gung bila­te­ra­ler Inves­ti­ti­ons­schutz­ver­trä­ge zwi­schen den Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on (Übk).

Die Antrag­stel­le­rin ist der Auf­fas­sung, sie wer­de durch die Rati­fi­ka­ti­on des Über­ein­kom­mens um den mög­li­chen Erfolg ihrer Ver­fas­sungs­be­schwer­de im Ver­fah­ren 2 BvR 557/​19 gebracht.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt sah dies anders und befand, der Antrag sei bereits unzu­läs­sig, weil die Antrag­stel­le­rin weder sub­stan­ti­iert dar­ge­legt habe, dass ihr durch die Rati­fi­zie­rung des Über­ein­kom­mens schwe­re Nach­tei­le im Sin­ne des § 32 Abs. 1 BVerfGG entstehen:

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Die Antrag­stel­le­rin legt bereits nicht näher dar, inwie­fern das Inkraft­tre­ten des deut­schen Zustim­mungs­ge­set­zes und die Rati­fi­ka­ti­on des Über­ein­kom­mens vom 05.05.2020 durch die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land sie über­haupt betrifft bzw. mit irrever­si­blen schwe­ren Nach­tei­len für sie ver­bun­den ist. Nach Art. 4 Abs. 2 Übk wer­den die jewei­li­gen bila­te­ra­len Inves­ti­ti­ons­schutz­ver­trä­ge und Nach­wir­kungs­klau­seln wirk­sam been­det, sobald das Über­ein­kom­men vom 05.05.2020 in Kraft tritt. Im Fal­le des Ver­fah­rens 2 BvR 557/​19 geht es um ein bila­te­ra­les Inves­ti­ti­ons­schutz­ab­kom­men zwi­schen dem König­reich der Nie­der­lan­de und der Slo­wa­ki­schen Repu­blik. Des­sen Been­di­gung wird durch das deut­sche Zustim­mungs­ge­setz und die Rati­fi­ka­ti­on des Über­ein­kom­mens vom 05.05.2020 in kei­ner Wei­se berührt.

Die Antrag­stel­le­rin setzt sich auch nicht damit aus­ein­an­der, wes­halb die Inkraft­set­zung der Über­ein­kunft vom 05.05.2020 ihre Ver­fas­sungs­be­schwer­de in dem Ver­fah­ren 2 BvR 557/​19 fak­tisch ins Lee­re lau­fen las­sen soll­te. In der Ver­fas­sungs­be­schwer­de in dem Ver­fah­ren 2 BvR 557/​19 rügt sie die Ver­let­zung ihrer Rech­te durch die Beschlüs­se des Bun­des­ge­richts­hofs und behaup­tet, durch das Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs vom 06.03.2018 von einem Ultra-vires-Akt betrof­fen zu sein.

Aus dem Vor­trag der Antrag­stel­le­rin ergibt sich aller­dings nicht nach­voll­zieh­bar, wes­halb der Bun­des­ge­richts­hof auf Grund des Über­ein­kom­mens vom 05.05.2020 den ursprüng­li­chen Schieds­spruch erneut auf­he­ben müss­te, soll­te die Ver­fas­sungs­be­schwer­de in dem Ver­fah­ren 2 BvR 557/​19 erfolg­reich sein. Dies­be­züg­lich setzt sie sich weder mit den Rege­lun­gen zu den abge­schlos­se­nen bzw. anhän­gi­gen Schieds­ver­fah­ren noch mit der Fra­ge aus­ein­an­der, wel­ches die mög­li­chen Rechts­fol­gen wären, wenn das mit dem Schieds­spruch zunächst abge­schlos­se­ne Ver­fah­ren nach Erfolg der Ver­fas­sungs­be­schwer­de wie­der als anhän­gi­ges Schieds­ver­fah­ren im Sin­ne der Über­ein­kunft vom 05.05.2020 anzu­se­hen wäre. Inso­weit legt Art. 7 Übk die Pflich­ten der Ver­trags­par­tei­en im Hin­blick auf anhän­gi­ge Schieds­ver­fah­ren fest, wäh­rend Art. 8 Übk Über­gangs­maß­nah­men und Art. 9 Übk ein Streit­bei­le­gungs­ver­fah­ren (struk­tu­rier­ter Dia­log) vor­sieht. Kommt es in die­sem nicht zu einer Eini­gung, eröff­net Art. 10 Übk unter bestimm­ten Mög­lich­kei­ten den Kla­ge­weg zu den natio­na­len Gerich­ten des Inves­ti­ti­ons­staa­tes. Die Antrag­stel­le­rin legt auch nicht dar, wes­halb mit die­sen Ver­fah­ren ihren aus­schließ­lich finan­zi­el­len Inter­es­sen nicht Rech­nung getra­gen und eine mög­li­che Ver­let­zung ihrer Grund­rech­te aus Art. 14 Abs. 1 bzw. Art. 2 Abs. 1 GG nicht weit­ge­hend oder voll­stän­dig aus­ge­räumt wer­den könnte.

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