Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Art. 23 Abs. 1 GG – und der Grund­satz der Uni­ons­treue

In einem ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren der (abs­trak­ten) Nor­men­kon­trol­le ist die Rüge eines Ver­sto­ßes gegen euro­päi­sches Uni­ons­recht unzu­läs­sig.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Art. 23 Abs. 1 GG – und der Grund­satz der Uni­ons­treue

Zwar han­delt es sich bei Art. 23 Abs. 1 GG um eine Norm des Grund­ge­set­zes, die im Nor­men­kon­troll­ver­fah­ren Prü­fungs­maß­stab sein kann. Wird jedoch der ange­nom­me­ne Ver­stoß gegen die­se Norm und den aus ihr abzu­lei­ten­den Grund­satz der Euro­pa­rechts­freund­lich­keit des Grund­ge­set­zes der Sache nach allein damit begrün­det, dass die zur Prü­fung gestell­te Ver­ord­nung gegen euro­päi­sches Uni­ons­recht ver­sto­ße, so kann der Antrag­stel­ler mit die­sem Vor­brin­gen – und der damit hilfs­wei­se ver­bun­de­nen Anre­gung einer Vor­la­ge an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on – sie nicht gehört wer­den.

Maß­stab der Prü­fung von Bun­des­recht im Ver­fah­ren der abs­trak­ten Nor­men­kon­trol­le ist allein das Grund­ge­setz (Art. 93 Abs. 1 Nr. 2 GG, § 78 Satz 1 BVerfGG). Auch stellt ein mög­li­cher Ver­stoß gegen Uni­ons­recht die Gül­tig­keit einer inner­staat­li­chen Norm nicht in Fra­ge 1.

Für die Prü­fung, ob eine inner­staat­li­che Norm des ein­fa­chen Rechts mit einer Bestim­mung des Uni­ons­rechts unver­ein­bar ist, ist das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt daher nicht zustän­dig 2.

Die­ser Prü­fungs­maß­stab wird weder durch Art. 23 Abs. 1 GG und die dar­in zum Aus­druck gebrach­te Euro­pa­rechts­freund­lich­keit des Grund­ge­set­zes erwei­tert 3 noch für das Ver­fah­ren der abs­trak­ten Nor­men­kon­trol­le dadurch modi­fi­ziert, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in die­sem Ver­fah­ren ohne Zusam­men­hang mit einem Ver­fah­ren vor den Fach­ge­rich­ten ent­schei­det, in dem eine Vor­la­ge gege­be­nen­falls erfol­gen könn­te und müss­te 4.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 1. April 2014 – 2 BvF 1/​122 BvF 3/​12

  1. vgl. BVerfGE 126, 286, 301 f.[]
  2. vgl. BVerfGE 31, 145, 174 f.; 82, 159, 191; 110, 141, 155; 114, 196, 220; BVerfG, Urteil vom 28.01.2014 – 2 BvR 1561/​12 u.a.[]
  3. vgl. BVerfGE 110, 141, 155; Kai­ser/­Schü­bel-Pfis­ter, in: Emmenegger/​Wiedmann, Lini­en der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, Bd. 2, Ber­lin 2011, S. 545, 568 f.[]
  4. vgl. BVerfGE 114, 196, 220[]