Die ein­ge­fro­re­nen Gel­der von Al-Aqsa

Im Rah­men der Ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung dür­fen Gel­der von der Euro­päi­schen Uni­on nur bis zu dem Zeit­punkt ein­ge­fro­ren wer­den, wie natio­na­le Ver­fol­gungs­maß­nah­men gegen den Betrof­fe­nen fort­be­stehen. Daher ist es rech­tens gewe­sen, dass das Gericht auf­grund der Auf­he­bung der nie­der­län­di­schen Maß­nah­men gegen Al-Aqsa die Rechts­ak­te für nich­tig erklärt hat, mit denen der Rat der Euro­päi­schen Uni­on die Gel­der die­ser Stif­tung wei­ter­hin ein­ge­fro­ren ließ.

Die ein­ge­fro­re­nen Gel­der von Al-Aqsa

So hat sich die Gene­ral­an­wäl­tin Trs­ten­jak in den hier vor­lie­gen­den Fäl­len in ihren Schluss­an­trä­gen geäu­ßert und damit vor­ge­schla­gen, das Urteil des Gerichts der Euro­päi­schen Uni­on zu bestä­ti­gen, in dem es um die Gel­der der nie­der­län­di­schen Stif­tung Al-Aqsa geht. Die Schluss­an­trä­ge des Gene­ral­an­walts sind für den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on nicht bin­dend. Auf­ga­be des Gene­ral­an­walts ist es, dem Gerichts­hof in völ­li­ger Unab­hän­gig­keit einen Ent­schei­dungs­vor­schlag für die betref­fen­de Rechts­sa­che zu unter­brei­ten.

In dem hier vor­lie­gen­den Fall wehrt sich die nie­der­län­di­sche Stif­tung Al-Aqsa wehrt sich seit 2003 gericht­lich gegen ihre Auf­nah­me bzw. ihren Ver­bleib auf der vom Rat erstell­ten Lis­te der­je­ni­gen Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen, deren Ver­mö­gens­wer­te im Rah­men der Ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung ein­zu­frie­ren sind. Eine ers­te Rei­he von Rats­be­schlüs­sen, mit denen der Rat Al-Aqsa in die­se Lis­te auf­ge­nom­men bzw. dort belas­sen hat­te, erklär­te das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on wegen unzu­rei­chen­der Begrün­dung für nich­tig 1. Eine zwei­te Rei­he sol­cher Maß­nah­men des Rates betref­fend die Jah­re 2007 bis 2009 erklär­te das Gericht eben­falls für nich­tig, dies­mal weil die Nie­der­lan­de den Minis­te­rial­er­lass gegen Al-Aqsa, der letzt­lich die Grund­la­ge der spä­te­ren Maß­nah­men des Rates bil­de­te, auf­ge­ho­ben hat­ten. Die Auf­nah­me bzw. der Ver­bleib auf der Lis­te set­ze näm­lich vor­aus, dass gegen den Betrof­fe­nen wegen einer ter­ro­ris­ti­schen Hand­lung ein natio­na­les Ermitt­lungs- oder Straf­ver­fol­gungs­ver­fah­ren aktiv betrie­ben oder eine bereits ver­häng­te Stra­fe voll­streckt wer­de 2.

Im Rah­men eines Rechts­mit­tels, das die Nie­der­lan­de gegen die­ses letz­te­re Gerichts­ur­teil ein­ge­legt haben, ist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on auf­ge­for­dert, die Vor­aus­set­zun­gen des Ein­frie­rens von Gel­dern zu über­prü­fen. Beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on kann ein auf Rechts­fra­gen beschränk­tes Rechts­mit­tel gegen ein Urteil oder einen Beschluss des Gerichts der Euro­päi­schen Uni­on ein­ge­legt wer­den. Das Rechts­mit­tel hat grund­sätz­lich kei­ne auf­schie­ben­de Wir­kung. Ist das Rechts­mit­tel zuläs­sig und begrün­det, hebt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Ent­schei­dung des Gerichts auf. Ist die Rechts­sa­che zur Ent­schei­dung reif, kann der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on den Rechts­streit selbst ent­schei­den. Andern­falls ver­weist er die Rechts­sa­che an das Gericht zurück, das an die Rechts­mit­tel­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on gebun­den ist.

Gene­ral­an­wäl­tin Veri­ca Trs­ten­jak schlägt dem Gerichts­hof in ihren Schluss­an­trä­gen vom heu­ti­gen Tag vor, das Urteil des Gerichts zu bestä­ti­gen. Sie weist dar­auf hin, dass die Uni­ons­maß­nah­men zur Ter­ro­ris­mus­be­kämp­fung – auf der Grund­la­ge des Gemein­sa­men Stand­punkts des Rates vom 27.12.2001 über die Anwen­dung beson­de­rer Maß­nah­men zur Bekämp­fung des Ter­ro­ris­mus 3 sowie der Ver­ord­nung (EG) Nr. 2580/​2001 des Rates vom 27.12.2001 über spe­zi­fi­sche, gegen bestimm­te Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen gerich­te­te restrik­ti­ve Maß­nah­men zur Bekämp­fung des Ter­ro­ris­mus 4 – nicht im frei­en Ermes­sen des Rates stün­den. Viel­mehr kön­ne der Rat die Gel­der von Per­so­nen und Orga­ni­sa­tio­nen auf­grund der Annah­me, dass sie ter­ro­ris­ti­schen Akti­vi­tä­ten Vor­schub leis­te­ten, nur dann ein­frie­ren, wenn ein Mit­glied­staat infol­ge eines behörd­li­chen Beschlus­ses zumin­dest Ermitt­lun­gen gegen sie auf­ge­nom­men habe. Da letzt­lich allein die­se Ermitt­lun­gen das Ein­frie­ren der Gel­der durch den Rat recht­fer­tig­ten, müs­se der Rat die Gel­der jeden­falls dann wie­der frei­ge­ben, wenn der Rat im Rah­men sei­ner Pflicht zur regel­mä­ßi­gen Über­prü­fung der erlas­se­nen Maß­nah­men fest­stel­le, dass der natio­na­le Beschluss ent­fal­len sei oder die Ermitt­lun­gen auf natio­na­ler Ebe­ne nicht mehr fort­ge­setzt wür­den
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Vor die­sem Hin­ter­grund sei es nicht mehr gerecht­fer­tigt gewe­sen, Al-Aqsa auf der Rats­lis­te zu belas­sen. Die Nie­der­lan­de hät­ten näm­lich den Minis­te­rial­er­lass gegen Al-Aqsa, der der Auf­nah­me die­ser Stif­tung in die Rats­lis­te letzt­lich zugrun­de gele­gen habe, bereits im August 2003 auf­ge­ho­ben, und der Rat habe nicht geprüft, ob eine ander­wei­ti­ge natio­na­le Ermitt­lungs­maß­nah­me vor­lie­ge, die das Ein­frie­ren ihrer Gel­der durch den Rat hät­te recht­fer­ti­gen kön­nen. Dass ein nie­der­län­di­sches Gericht im Juni 2003 einen Antrag Al-Aqsas auf vor­über­ge­hen­de Aus­set­zung des nie­der­län­di­schen Minis­te­rial­er­las­ses zurück­ge­wie­sen habe, sei in die­sem Zusam­men­hang unbe­acht­lich. Das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on habe inso­weit zutref­fend fest­ge­stellt, dass die­sem nie­der­län­di­schen Urteil nach Auf­he­bung des Minis­te­rial­er­las­ses kei­ne eigen­stän­di­ge Bedeu­tung zukom­me.

Gene­ral­an­wäl­tin Trs­ten­jak schlägt dem Gerichts­hof daher vor, das Rechts­mit­tel der Nie­der­lan­de zurück­zu­wei­sen. Außer­dem schlägt sie vor, auch das von Al-Aqsa ein­ge­leg­te Rechts­mit­tel zurück­zu­wei­sen. Die­ses rich­te sich näm­lich nicht gegen das Ergeb­nis des Urteils des Gerichts der Euro­päi­schen Uni­on, son­dern ledig­lich gegen dar­in ent­hal­te­ne Erwä­gun­gen und sei damit unzu­läs­sig.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Schluss­an­trä­ge der Gene­ral­an­wäl­tin vom 6. Juni 2012 – C‑539/​10 P und C‑550/​10 P, Stich­t­ing Al-Aqsa /​Rat und Nie­der­lan­de /​Stich­t­ing Al-Aqsa

  1. EuG, Urteil vom 11.07.2007 – T‑327/​0, Al-Aqsa/­Rat[]
  2. EuG, Urteil vom 09.09.2010 – T‑348/​07, Al-Aqsa/­Rat[]
  3. ABl. L 344, S. 93[]
  4. ABl. L 344, S. 70 []