Die nicht hin­rei­chend umge­setz­te EU-Richtlinie

Inner­staat­li­che Rechts­vor­schrif­ten zur Richt­li­ni­en­um­set­zung müs­sen die vol­le Wirk­sam­keit der Richt­li­nie gemäß ihrer Ziel­set­zung gewähr­leis­ten und dem Erfor­der­nis der Rechts­si­cher­heit voll­stän­dig genü­gen. Die Umset­zung muss des­halb in kla­rer und ein­deu­ti­ger Wei­se erfolgen.

Die nicht hin­rei­chend umge­setz­te EU-Richtlinie

Rechts­vor­schrif­ten, durch die die von den Richt­li­ni­en­be­stim­mun­gen Begüns­tig­ten über ihre Mög­lich­kei­ten, sich auf das Uni­ons­recht zu beru­fen, im Unge­wis­sen gelas­sen wer­den, genü­gen nicht der mit­glied­staat­li­chen Ver­pflich­tung zur Richtlinienumsetzung.

Nach Art. 288 Abs. 3 AEUV ist die Richt­li­nie für jeden Mit­glied­staat, an den sie gerich­tet wird, hin­sicht­lich des zu errei­chen­den Ziels ver­bind­lich, über­lässt jedoch den inner­staat­li­chen Stel­len die Wahl der Form und der Mit­tel. Die Umset­zungs­frist, nach deren Ablauf im jewei­li­gen inner­staat­li­chen Recht eine richt­li­ni­en­kon­for­me Rechts­la­ge erreicht sein muss, ergibt sich jeweils aus der Richt­li­nie selbst.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on sind Richt­li­ni­en voll­stän­dig und genau ein­zu­hal­ten, wes­halb die Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on ver­pflich­tet sind, die Bestim­mun­gen der Richt­li­ni­en in hin­rei­chend ver­bind­li­cher, bestimm­ter und so genau­er, kla­rer und ein­deu­ti­ger Wei­se umzu­set­zen, dass dem Erfor­der­nis der Rechts­si­cher­heit in vol­lem Umfang genügt wird [1]. Jeder Mit­glied­staat, der Adres­sat einer Richt­li­nie ist, hat die Ver­pflich­tung, in sei­ner natio­na­len Rechts­ord­nung alle erfor­der­li­chen Maß­nah­men zu ergrei­fen, um die vol­le Wirk­sam­keit der Richt­li­nie gemäß ihrer Ziel­set­zung zu gewähr­leis­ten [2]. Rechts­vor­schrif­ten, durch die die betrof­fe­nen Normadres­sa­ten über ihre Mög­lich­kei­ten, sich auf das Uni­ons­recht zu beru­fen, im Unge­wis­sen gelas­sen wer­den, stel­len kei­ne Erfül­lung der Ver­pflich­tung zur Umset­zung einer Richt­li­nie in inner­staat­li­ches Recht dar [3].

Aller­dings erfor­dert die Umset­zung einer Richt­li­nie in das inner­staat­li­che Recht nicht unbe­dingt in jedem Fall eine förm­li­che Über­nah­me der Bestim­mun­gen einer Richt­li­nie in eine aus­drück­li­che spe­zi­fi­sche Rechts­vor­schrift, da der Umset­zung einer Richt­li­nie je nach ihrem Inhalt durch einen all­ge­mei­nen recht­li­chen Kon­text Genü­ge getan sein kann. Ins­be­son­de­re kann das Bestehen all­ge­mei­ner Grund­sät­ze des Ver­fas­sungs- oder Ver­wal­tungs­rechts die Umset­zung durch Maß­nah­men des Gesetz- oder Ver­ord­nungs­ge­bers über­flüs­sig machen, sofern die­se Grund­sät­ze tat­säch­lich für den Fall, dass die frag­li­che Vor­schrift der Richt­li­nie dem Ein­zel­nen Rech­te ver­lei­hen soll, die voll­stän­di­ge Anwen­dung der Richt­li­nie hin­rei­chend klar und bestimmt gewähr­leis­ten, und die Begüns­tig­ten in die Lage ver­setzt wer­den, von allen ihren Rech­ten Kennt­nis zu erlan­gen und sie gege­be­nen­falls vor den natio­na­len Gerich­ten gel­tend zu machen [4]. Um den Umfang der den Mit­glied­staa­ten oblie­gen­den Umset­zungs­pflicht beur­tei­len zu kön­nen, muss in jedem Ein­zel­fall die Natur der in einer Richt­li­nie ent­hal­te­nen Vor­schrift bestimmt wer­den [5].

Nach eben­falls stän­di­ger Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on oblie­gen sowohl die sich aus einer Richt­li­nie erge­ben­de Ver­pflich­tung der Mit­glied­staa­ten, das dar­in vor­ge­se­he­ne Ziel zu errei­chen, als auch die Pflicht der Mit­glied­staa­ten gemäß Art. 4 Abs. 3 EUV und Art. 288 AEUV, alle zur Erfül­lung die­ser Ver­pflich­tung geeig­ne­ten Maß­nah­men all­ge­mei­ner oder beson­de­rer Art zu tref­fen, allen Trä­gern öffent­li­cher Gewalt in den Mit­glied­staa­ten und damit im Rah­men ihrer Zustän­dig­kei­ten auch den Gerich­ten [6]. Zur Erfül­lung die­ser Ver­pflich­tung ver­langt der Grund­satz der uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung von den natio­na­len Gerich­ten, unter Berück­sich­ti­gung des gesam­ten inner­staat­li­chen Rechts und unter Anwen­dung der dort aner­kann­ten Aus­le­gungs­me­tho­den alles zu tun, was in ihrer Zustän­dig­keit liegt, um die vol­le Wirk­sam­keit des Uni­ons­rechts zu gewähr­leis­ten und zu einem Ergeb­nis zu gelan­gen, das mit dem vom Uni­ons­recht ver­folg­ten Ziel im Ein­klang steht [7]. Inso­weit haben die natio­na­len Gerich­te – und damit auch das Bun­des­ar­beits­ge­richt – unter Berück­sich­ti­gung sämt­li­cher natio­na­ler Rechts­nor­men und der im natio­na­len Recht aner­kann­ten Aus­le­gungs­me­tho­den zu ent­schei­den, ob und inwie­weit natio­na­le Rechts­vor­schrif­ten im Ein­klang mit uni­ons­recht­li­chen Vor­ga­ben aus­ge­legt wer­den müs­sen und kön­nen, ohne dass sie con­tra legem aus­ge­legt wer­den [8].

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 25. Juni 2020 – 8 AZR 145/​19

  1. vgl. ua. EuGH 8.07.2019 – C‑543/​17 – [Kommission/​Bel­gi­en] Rn. 51; 16.06.2005 – C‑456/​03 – [Kommission/​Ita­li­en] Rn. 51; 14.12.1995 – C‑16/​95 – [Kommission/​Spa­ni­en] Rn. 8; 3.06.1992 – C‑287/​91 – [Kommission/​Italien] Rn. 7; 28.02.1991 – C-360/​87 – [Kommission/​Italien] Rn. 11, 31 jeweils mwN[]
  2. vgl. etwa EuGH 16.06.2005 – C‑456/​03 – [Kommission/​Italien] Rn. 50 mwN[]
  3. vgl. ua. EuGH 28.02.1991 – C-360/​87 – [Kommission/​Italien] Rn. 12 mwN[]
  4. vgl. etwa EuGH 19.12.2013 – C‑281/​11 – [Kommission/​Polen] Rn. 60 mwN; 3.03.2011 – C‑50/​09 – [Kommission/​Irland] Rn. 46; 16.06.2005 – C‑456/​03 – [Kommission/​Italien] aaO; 12.07.2007 – C‑507/​04 – [Kommission/​Österreich] Rn. 89 mwN; 27.04.1988 – 252/​85 – [Kommission/​Frankreich] Rn. 5[]
  5. vgl. etwa EuGH 16.06.2005 – C‑456/​03 – [Kommission/​Italien] Rn. 52 mwN[]
  6. vgl. etwa EuGH 8.05.2019 – C‑486/​18 – [Pra­x­air MRC] Rn. 36 mwN[]
  7. vgl. etwa EuGH 8.05.2019 – C‑486/​18 – [Pra­x­air MRC] Rn. 37 mwN[]
  8. vgl. ua. EuGH 17.04.2018 – C‑414/​16 – [Egen­ber­ger] Rn. 71[]

Bild­nach­weis:

  • Euro­päi­sche Zen­tral­bank: Bild­rech­te beim Autor