Ein­sei­tig aus­schließ­li­che Gerichts­stands­klau­seln – und die EuGVVO

31 Abs. 2 EuGV­VO ist auf ein­sei­tig aus­schließ­li­che Gerichts­stands­ver­ein­ba­run­gen anzu­wen­den, wenn durch die Ver­ein­ba­rung eine aus­schließ­li­che Zustän­dig­keit des spä­ter ange­ru­fe­nen Gerichts zu Las­ten der vor dem erst­be­fass­ten Gericht kla­gen­den Par­tei ver­ein­bart wurde.

Ein­sei­tig aus­schließ­li­che Gerichts­stands­klau­seln – und die EuGVVO

Ein Ver­fah­ren ist nach Art. 31 Abs. 2 EuGV­VO aus­zu­set­zen, obwohl die Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung nur für den Klä­ger, nicht aber für die Beklag­te bin­dend ist.

31 Abs. 2 EuGV­VO ist auf ein­sei­tig aus­schließ­li­che Gerichts­stands­ver­ein­ba­run­gen anzu­wen­den, wenn durch die Ver­ein­ba­rung eine aus­schließ­li­che Zustän­dig­keit des spä­ter ange­ru­fe­nen Gerichts zu Las­ten der vor dem erst­be­fass­ten Gericht kla­gen­den Par­tei ver­ein­bart wur­de1. Die­ser Auf­fas­sung sind auch der High Court2, der Court of Appeal3 und das Spa­ni­sche Gericht ers­ter Instanz Nr. 5 von Alco­ben­das4.

Die gegen­tei­li­ge Auf­fas­sung, die sich nament­lich auf Gar­cim­ar­tin5 beruft, wird durch den Wort­laut von Art. 31 Abs. 2 EuGV­VO nicht nahe­ge­legt und läuft Sinn und Zweck der Vor­schrift zuwider.

Der Ver­ord­nungs­wort­laut („Wird ein Gericht eines Mit­glieds­staats ange­ru­fen, das gemäß einer Ver­ein­ba­rung nach Arti­kel 25 aus­schließ­lich zustän­dig ist …“) bezieht sich durch Ver­wen­dung des Sin­gu­lars nicht nur auf beid­sei­tig bin­den­de aus­schließ­li­che Gerichts­stands­ver­ein­ba­run­gen, da er nichts über die Par­tei der Ver­ein­ba­rung besagt, für die sie bin­dend ist und die das Gericht ange­ru­fen hat.

Die Vor­schrift wur­de in die EuGV­VO ein­ge­fügt, um die Wirk­sam­keit von Gerichts­stands­ver­ein­ba­run­gen zu stär­ken und der Mög­lich­keit zum Miss­brauch der Prio­ri­täts­re­gel des Art. 29 Abs. 1 EuGV­VO (damals Art. 21 EuGVÜ) durch die Erhe­bung von soge­nann­ten Tor­pe­do­kla­gen6 zu begeg­nen7.

Weiterlesen:
Kostenfestsetzung - und die Maßgeblichkeit der Kostengrundentscheidung

Die­ses Ziel erreicht Art. 31 Abs. 2 EuGV­VO, indem es einer Par­tei, die unter Ver­stoß gegen eine Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung ver­klagt wird, die Mög­lich­keit gibt, durch Kla­ge­er­he­bung vor dem ver­ein­bar­ten Gericht die Aus­set­zung des proro­ga­ti­ons­wid­ri­gen Ver­fah­rens zu errei­chen. Einen Grund, einer unter Ver­stoß gegen eine aus­schließ­li­che Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung beklag­ten Par­tei den Schutz des Art. 31 Abs. 2 EuGV­VO zu ver­weh­ren, nur, weil sie ihrer­seits in der Wahl des Gerichts­stands frei ist, ist nicht ersichtlich.

Es wäre auch im Hin­blick auf die nach der EuGV­VO gewähr­te zustän­dig­keits­recht­li­che Pri­vat­au­to­no­mie im inter­na­tio­na­len Rechts­streit nicht über­zeu­gend, ein­sei­tig bin­den­de Gerichts­stands­ver­ein­ba­run­gen vom Anwen­dungs­be­reich der Vor­schrift aus­zu­neh­men. Gerichts­stands­ver­ein­ba­run­gen soll­ten nach dem Wil­len des Ver­ord­nungs­ge­bers gestärkt wer­den, um die Vor­her­seh­bar­keit des Gerichts­stands für Strei­tig­kei­ten aus einem bestimm­ten Recht­ver­hält­nis zu erhö­hen und Rechts­si­cher­heit für die Par­tei­en zu schaf­fen8.

Die Ein­be­zie­hung ein­sei­ti­ger Gerichts­stands­ver­ein­ba­run­gen in Art. 31 Abs. 2 EuGV­VO steht auch nicht im Wider­spruch zu dem Grund­satz, dass jedes Gericht nur die eige­ne Zustän­dig­keit, nicht aber die Zustän­dig­keit eines ande­ren mit­glied­staat­li­chen Gerichts prü­fen soll9. Die gegen­tei­li­ge Auf­fas­sung der Rechts­be­schwer­de ist nicht nach­voll­zieh­bar. Das spä­ter auf­grund einer asym­me­tri­schen Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung ange­ru­fe­ne Gericht muss auch in dem Fall, dass bei ihm „ein gesetz­li­cher Gerichts­stand grund­sätz­lich gege­ben (wäre)“, nicht „impli­zit“ über die Zustän­dig­keit des zuerst ange­ru­fe­nen Gerichts befin­den. Sei­ne Prü­fung beschränkt sich viel­mehr dar­auf, ob es [selbst] auf­grund der Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung aus­schließ­lich zustän­dig ist. Bejaht es dies, setzt es das Ver­fah­ren fort. Ver­neint es dies, muss es das Ver­fah­ren aus­set­zen, bis die Zustän­dig­keit des zuerst ange­ru­fe­nen Gerichts fest­steht (Art. 29 EuGV­VO). Das spä­ter ange­ru­fe­ne Gericht darf mit­hin gera­de nicht ent­schei­den, ob es aus ande­ren Grün­den zustän­dig ist10.

Weiterlesen:
Erstinstanzliche Parteivernehmung - und die Würdigung des Berufungsgerichts

Der Anwen­dungs­be­reich des Art. 31 Abs. 2 EuGV­VO ist auch nicht im Hin­blick auf die struk­tu­rell ähn­li­che Rege­lung in dem am 30.06.2005 im Rah­men der Haa­ger Kon­fe­renz für Inter­na­tio­na­les Pri­vat­recht geschlos­se­nen Über­ein­kom­men über Gerichts­stands­ver­ein­ba­run­gen11. Das Haa­ger Über­ein­kom­men ist aber nur auf aus­schließ­li­che Gerichts­stands­ver­ein­ba­run­gen anwend­bar, die in Art. 3 Buchst. a)), und dies ist der ent­schei­den­de Unter­schied zur EuGV­VO, gera­de legal defi­niert wer­den als eine Ver­ein­ba­rung, in der die, ein oder meh­re­re bestimm­te Gerich­te eines Ver­trags­staats unter, wie es wört­lich heißt, Aus­schluss der Zustän­dig­keit aller ande­ren Gerich­te zu dem Zweck benannt wer­den, über eine bereits ent­stan­de­ne Rechts­strei­tig­keit oder über einen künf­ti­ge aus einem bestimm­ten Rechts­ver­hält­nis ent­sprin­gen­de Rechts­strei­tig­keit zu ent­schei­den12. Der Begriff der Aus­schließ­lich­keit im Über­ein­kom­men ist inso­fern enger als in Art. 25 EuGVVO.

Gegen die Beschrän­kung des Anwen­dungs­be­reichs auf all­sei­tig bin­den­de Gerichts­stands­ver­ein­ba­run­gen spricht schließ­lich, dass der von der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on im Vor­feld der EuGV­VO­Re­form in Auf­trag gege­be­ne Hei­del­ber­ger Report die inter­na­tio­na­le Pra­xis in Dar­le­hens­ver­trä­gen her­vor­ge­ho­ben und emp­foh­len hat­te, ein­sei­tig aus­schließ­li­che Gerichts­stands­ver­ein­ba­run­gen von der Aus­set­zungs­pflicht aus­zu­neh­men13, der Ver­ord­nungs­ge­ber die­ser Emp­feh­lung aber nicht gefolgt ist.

Eine Vor­la­ge an den Euro­päi­schen Gerichts­hof zur Vor­ab­ent­schei­dung nach Art. 267 Abs. 3 AEUV ist ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Rechts­be­schwer­de nicht gebo­ten. Die Aus­le­gung von Art. 31 Abs. 2 EuGV­VO ist der­art offen­kun­dig, dass kei­ner­lei Raum für einen ver­nünf­ti­gen Zwei­fel besteht und der Bun­des­ge­richts­hof mit dem High Court14, dem Court of Appeal15 und dem Spa­ni­schen Gericht ers­ter Instanz Nr. 5 von Alco­ben­das16 über­zeugt ist, dass auch für die Gerich­te der übri­gen Mit­glied­staa­ten und den Gerichts­hof die glei­che Gewiss­heit bestün­de (acte clair).

Weiterlesen:
Gebührenpflichtige Streitwertbeschwerden

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 15. Juni 2021 – II ZB 35/​20

  1. aus dem deutsch­spra­chi­gen Schrift­tum etwa Frei­tag, Fest­schrift U. Magnus, 2014, S. 419, 431; E. Pfeiffer/​M. Pfeif­fer in Geimer/​Schütze, Inter­na­tio­na­ler Recht­ver­kehr, Stand: August 2020, Art. 31 EuGV­VO Rn. 14; Gei­mer in Geimer/​Schütze, Euro­päi­sches Zivil­ver­fah­rens­recht, 4. Aufl., Art. 31 EuGV­VO Rn. 22; Schlos­ser in Schlosser/​Hess, EUZi­vil­pro­zess­recht, 4. Aufl., Art. 31 EuGV­VO Rn. 2; Abend­roth, WM 2017, 1786, 1791; Hoh­mei­er, IHR 2014, 217, 223; fer­ner Fen­ti­man in Magnus/​Mankowski, Euro­pean Com­men­ta­ries on Pri­va­te Inter­na­tio­nal Law, Art. 31 EuGV­VO Rn. 16 f.[]
  2. High Court, Urteil vom 18.11.2019, [2019] EWHC 3107 (Comm) Rn. 183 ff., 220 Eti­had Air­ways PJSC v Flö­ther mwN aus dem eng­lisch­spra­chi­gen Schrift­tum; Urteil vom 03.02.2017, [2017] EWHC 161 (Comm) Rn. 62 ff. Com­merz­bank Akti­en­ge­sell­schaft v Liqui­mar Tan­ker Manage­ment Inc; Urteil vom 17.05.2016, [2016] EWHC 1182 (Comm) Rn. 18 Perel­la Wein­berg v Code­re SA[]
  3. Court of Appeal, Beru­fungs­ur­teil vom 18.12.2020, [2020] EWCA Civ 1707, dort ins­be­son­de­re Rn. 93 f. Eti­had Air­ways PJSC v Flö­ther[]
  4. Gericht ers­ter Instanz Nr. 5 von Alco­ben­das, Urteil vom 18.04.2016 Code­re SA v Perel­la Wein­berg, zitiert nach High Court, Urteil vom 18.11.2019, [2019] EWHC 3107 (Comm), dort Rn. 165 f. Eti­had Air­ways PJSC v Flö­ther[]
  5. Gar­cim­ar­tin, in Dickinson/​Lein, The Brussels – I Recast, 2015, Rn. 11.54; aus dem deutsch­spra­chi­gen Schrift­tum: Beck­OK ZPO/​Eichel, Stand: 1.03.2021, Art. 31 Rn. 14 f.; Man­kow­ski, RIW 2015, 17, 19; Rauscher/​Leible, Euro­päi­sches Zivil­pro­zess und Kol­li­si­ons­recht, 5. Aufl., Art. 31 EuGV­VO Rn. 10a; Wais, Rabel­sZ 81 [2017], 815, 850 ff.[]
  6. vgl. dazu EuGH, Urteil vom 09.12.2003 – C‑116/​02, ECLI:EU:C:2003:657 = Slg. 2003, I‑14693 = RIW 2004, 289 Gas­ser[]
  7. Erwä­gungs­grund 22[]
  8. Vor­schlag für eine Ver­ord­nung des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates über die gericht­li­che Zustän­dig­keit und die Aner­ken­nung und Voll­stre­ckung von Ent­schei­dun­gen in Zivil und Han­dels­sa­chen vom 14.12.2010, KOM(2010) 748 endg., S. 4; dazu Wel­ler, ZZPInt 19 (2014), 251[]
  9. zu Art. 21 EuGVÜ: EuGH, Urteil vom 09.12.2003 – C‑116/​02, ECLI:EU:C:2003:657 Rn. 44 = RIW 2004, 289 Rn. 44 Gas­ser[]
  10. vgl. Wel­ler, ZZPInt 19 [2014], 251, 272[]
  11. ABl.2009, L 133, S. 1) (im Fol­gen­den: Haa­ger Über­ein­kom­men) auf all­sei­tig bin­den­de Gerichts­stands­ver­ein­ba­run­gen ein­zu­schrän­ken. Das Gegen­teil ist rich­tig. Zwar ist Art. 31 Abs. 2 EuGV­VO der Rege­lung in Art. 6 des Haa­ger Über­ein­kom­mens nach­emp­fun­den ((Vor­schlag der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on zur Reform der EuGV­VO KOM(2010) 748 end­gül­tig, S. 10[]
  12. vgl. dazu Nagel/​Gottwald, Inter­na­tio­na­les Zivil­pro­zess­recht, 8. Aufl., Rn.03.403; Reuter/​Wegen, ZVglR­Wiss 116 (2017), 382, 398[]
  13. vgl. Wel­ler in Hess/​Pfeiffer/​Schlosser, Hei­del­ber­ger Report [The Brussels – I regu­la­ti­on 44/​2001], 2008, Rn. 402[]
  14. High Court, Urteil vom 18.11.2019, [2019] EWHC 3107 (Comm) Rn. 220 Eti­had Air­ways PJSC v Flö­ther; Urteil vom 03.02.2017, [2017] EWHC 161 (Comm) Rn. 62 ff. Com­merz­bank Akti­en­ge­sell­schaft v Liqui­mar Tan­ker Manage­ment Inc; Urteil vom 17.05.2016, [2016] EWHC 1182 (Comm) Rn. 18 Perel­la Wein­berg v Code­re SA[]
  15. Court of Appeal,Berufungsurteil vom 18.12.2020, [2020] EWCA Civ 1707 Rn. 92 f. Eti­had Air­ways PJSC v Flö­ther[]
  16. Gericht ers­ter Instanz Nr. 5 von Alco­ben­das, Urteil vom 18.04.2016 Code­re SA v Perel­la Wein­berg, zitiert nach High Court, Urteil vom 18.11.2019, [2019] EWHC 3107 (Comm), dort Rn. 166 Eti­had Air­ways PJSC v Flö­ther[]

Bild­nach­weis:

Weiterlesen:
Kein Berufsgeheimnis für Syndikusanwälte in der EU