EU-Recht – und die Gren­zen rich­ter­li­cher Rechts­aus­le­gung

Die richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung eines deut­schen Geset­zes ent­ge­gen sei­nem ein­deu­ti­gen Wort­laut, sei­nem Sinn und Zweck und der Gesetz­ge­bungs­ge­schich­te über­schrei­tet die Befug­nis der Gerich­te. Dies gilt auch dann, wenn nur hier­durch den Anfor­de­run­gen einer uni­ons­recht­li­chen Richt­li­nie bzw. einer ent­spre­chen­den Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on genügt wer­den kann.

EU-Recht – und die Gren­zen rich­ter­li­cher Rechts­aus­le­gung

Das ver­bie­tet dem Gericht das in Art.20 Abs. 3 GG ver­an­ker­te Rechts­staats­prin­zip. Die Beach­tung des klar erkenn­ba­ren Wil­lens des Gesetz­ge­bers ist Aus­druck demo­kra­ti­scher Ver­fas­sungs­staat­lich­keit. Dies trägt dem Grund­satz der Gewal­ten­tei­lung (Art.20 Abs. 2 Satz 2 GG) Rech­nung. Das Gesetz bezieht sei­ne Gel­tungs­kraft aus der demo­kra­ti­schen Legi­ti­ma­ti­on des Gesetz­ge­bers, des­sen arti­ku­lier­ter Wil­le den Inhalt des Geset­zes daher mit­be­stimmt. Der klar erkenn­ba­re Wil­le des Gesetz­ge­bers darf nicht über­gan­gen oder ver­fälscht wer­den. So ver­wirk­licht sich die in Art.20 Abs. 3 und Art. 97 Abs. 1 GG vor­ge­ge­be­ne Bin­dung der Gerich­te an das Gesetz, weil dies eine Bin­dung an die im Norm­text zum Aus­druck gebrach­te demo­kra­ti­sche Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers ist [1].

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Gerichts­hofs darf die Ver­pflich­tung zur uni­ons­rechts­kon­for­men Aus­le­gung nicht als Grund­la­ge für eine Aus­le­gung con­tra legem des natio­na­len Rechts die­nen [2].

Die Aus­le­gung des natio­na­len Rechts darf nicht dazu füh­ren, dass einer nach Wort­laut und Sinn ein­deu­ti­gen Norm ein ent­ge­gen­ge­setz­ter Sinn gege­ben oder der nor­ma­ti­ve Gehalt der Norm grund­le­gend neu bestimmt wird. Rich­ter­li­che Rechts­fort­bil­dung berech­tigt den Rich­ter nicht dazu, sei­ne eige­ne mate­ri­el­le Gerech­tig­keits­vor­stel­lung an die Stel­le der­je­ni­gen des Gesetz­ge­bers zu set­zen [3]. Dem­ge­mäß kommt eine richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung nur in Fra­ge, wenn eine Norm tat­säch­lich unter­schied­li­che Aus­le­gungs­mög­lich­kei­ten im Rah­men des­sen zulässt, was der gesetz­ge­be­ri­schen Zweckund Ziel­set­zung ent­spricht. Die Pflicht zur Ver­wirk­li­chung des Richt­li­ni­en­ziels im Aus­le­gungs­we­ge fin­det ihre Gren­zen an dem nach der inner­staat­li­chen Rechts­tra­di­ti­on metho­disch Erlaub­ten [4].

Die richt­li­ni­en­kon­for­me Aus­le­gung eines deut­schen Geset­zes ent­ge­gen sei­nem ein­deu­ti­gen Wort­laut, sei­nem Sinn und Zweck und der Gesetz­ge­bungs­ge­schich­te über­schrei­tet die Befug­nis der Gerich­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 31. März 2020 – XI ZR 198/​19

  1. BVerfGE 149, 126 Rn. 75[]
  2. EuGH, Urteil vom 16.06.2005 [Gro­ße Kam­mer] – C‑105/​03, "Pupi­no", Slg. 2005, I- 5285 Rn. 47; Urteil vom 04.07.2006 [Gro­ße Kam­mer] – C‑212/​04, "Ade­neler", Slg. 2006, I‑6057 Rn. 110; Urteil vom 15.04.2008 [Gro­ße Kam­mer] – C‑268/​06, "Impact", Slg. 2008, I‑2483 Rn. 100, 103; Urteil vom 24.01.2012 [Gro­ße Kam­mer] – C‑282/​10, "Dom­in­guez", NJW 2012, 509 Rn. 25; Urteil vom 22.01.2019 [Gro­ße Kam­mer] – C‑193/​17, "Cres­co Inves­ti­ga­ti­on", NZA 2019, 297 Rn. 74; Urteil vom 08.05.2019 – C‑486/​18, "Pra­x­air MRC", NZA 2019, 1131 Rn. 38; Urteil vom 11.09.2019 – C‑143/​18, "Roma­no", WM 2019, 1919 Rn. 38; BVerfG, WM 2012, 1179, 1181; BGH, Urteil vom 15.10.2019 – XI ZR 759/​17, WM 2019, 2164 Rn. 22 mwN[]
  3. BVerfG, WM 2012, 1179, 1181[]
  4. BGH, Urtei­le vom 07.05.2014 – IV ZR 76/​11, BGHZ 201, 101 Rn.20; vom 28.06.2017 – IV ZR 440/​14, BGHZ 215, 126 Rn. 24; vom 26.03.2019 – II ZR 244/​17, WM 2019, 925 Rn. 21; und vom 15.10.2019 – XI ZR 759/​17, WM 2019, 2164 Rn. 24 mwN; BVerfG, aaO[]