Euro­päi­sche Strom- und Gas­märk­te

Die Strom- und Gas­märk­te in der EU sol­len wei­ter libe­ra­li­siert, die Ver­brau­cher­rech­te der Strom- und Gas­kun­den wei­ter gestärkt wer­den. Die ent­spre­chen­den Rege­lun­gen fin­den sich im "Drit­ten Ener­gie­pa­ket", einer weit­rei­chen­den Gesetz­ge­bungs­in­itia­ti­ve aus zwei Richt­li­ni­en und drei Ver­ord­nun­gen für den Ener­gie­markt, der das Euor­päi­sche Par­la­ment ent­spre­chend einem mit dem Rat aus­ge­han­del­ten Kom­pro­miss heu­te zuge­stimmt hat.

Euro­päi­sche Strom- und Gas­märk­te

Tren­nung des Netz­be­triebs von Ver­sor­gung und Erzeu­gung

Der Kom­pro­miss gibt den Mit­glied­staa­ten die Mög­lich­keit, zwi­schen drei Optio­nen zu wäh­len, um den Netz­be­trieb von der Strom- und Gas­ver­sor­gung und ‑erzeu­gung zu tren­nen:

  • eigen­tums­recht­li­che Ent­flech­tung
  • unab­hän­gi­ge Netz­be­trei­be (Inde­pen­dent Sys­tem Ope­ra­tor – ISO)
  • unab­hän­gi­ge Über­tra­gungs­netz­be­trei­ber (Inde­pen­dent Trans­mis­si­on Ope­ra­tor – ITO)
  1. Die voll­stän­di­ge eigen­tums­recht­li­che Ent­flech­tung zwingt die Ener­gie­kon­zer­ne ihre Strom- und Gas­über­tra­gungs­net­ze zu ver­äu­ßern, sodass sepa­ra­te unab­hän­gi­ge Betrei­ber den Netz­be­trieb über­neh­men. Ein Ener­gie­ver­sor­ger kann in die­sem Fall nicht die Akti­en­mehr­heit an einem unab­hän­gi­gen Netz­be­trei­ber hal­ten.
  2. Als Alter­na­ti­ven zur eigen­tums­recht­li­chen Ent­flech­tung erlau­ben es die ISO- und ITO-Optio­nen den Ener­gie­ver­sor­gern, ihre Net­ze als ihr Eigen­tum zu behal­ten. Um ihre Ener­gie­märk­te zu libe­ra­li­sie­ren, kön­nen Mit­glieds­län­der zum Bei­spiel ihre Ener­gie­kon­zer­ne ver­pflich­ten, ihren Netz­be­trieb von einer unab­hän­gi­gen, sepa­ra­ten Gesell­schaft durch­füh­ren zu las­sen – dem unab­hän­gi­gen Netz­be­trei­ber (ISO).
  3. Die drit­te Opti­on – das ITO-Modell – bewahrt die her­kömm­li­che inte­grier­te Kon­zern­struk­tur von Netz, Erzeu­gung und Ver­sor­gung, zwingt jedoch das Unter­neh­men ver­schie­de­ne Regeln ein­zu­hal­ten, die garan­tie­ren, dass die bei­den Unter­neh­mens­tei­le in der Pra­xis unab­hän­gig von­ein­an­der arbei­ten:
    • ein Auf­sichts­or­gan – bestehend aus Ver­tre­tern des Gas­kon­zerns, von drit­ten Anteils­eig­nern und des Über­tra­gungs­netz­be­trei­bers – ist ver­ant­wort­lich für "Ent­schei­dun­gen, die von erheb­li­chem Ein­fluss auf den Wert der Ver­mö­gens­wer­te der Anteils­eig­ner" sind;
    • ein "Gleich­be­hand­lungs­pro­gramm" legt Maß­nah­men fest, "mit denen sicher­ge­stellt wird, dass dis­kri­mi­nie­ren­de Ver­hal­tens­wei­sen aus­ge­schlos­sen wer­den";
    • ein "Gleich­be­hand­lungs­be­auf­trag­ter" über­wacht die Durch­füh­rung des Gleich­be­hand­lungs­pro­gramms;
    • Füh­rungs­kräf­te dür­fen drei Jah­re vor Beginn und für vier Jah­re nach Been­di­gung ihrer Tätig­keit für den Über­tra­gungs­netz­be­trei­ber nicht bei dem Ener­gie­ver­sor­ger ange­stellt sein ("Cooling-off"-Zeiten).

Für die­ses ITO-Modell hat­ten sich vor allem Frank­reich und Deutsch­land stark gemacht. Bei Ver­stö­ßen gegen die Unbund­ling-Vor­schrif­ten sieht die neue Ver­ord­nung stren­ge Sank­tio­nen vor. Der natio­na­le Regu­lie­rer kann in die­sem Fall dem betref­fen­den Unter­neh­men bis zu zehn Pro­zent sei­nes Gewin­nes ein­zie­hen.

Stär­kung von Ver­brau­cher­rech­ten

Die neue Gesetz­ge­bung gibt den Kun­den das Recht,

  • ihren Gas- oder Strom­an­bie­ter inner­halb von drei Wochen kos­ten­los zu wech­seln;
  • spä­tes­tens sechs Wochen nach einem Wech­sel des Strom­ver­sor­gers eine Abschluss­rech­nung zu erhal­ten;
  • alle erfor­der­li­chen Gas- und Strom­ver­brauchs­da­ten zu erhal­ten;
  • auf einen unab­hän­gi­gen Mecha­nis­mus, bei­spiels­wei­se ein unab­hän­gi­ger Beauf­trag­ter für Ener­gie oder eine Ver­brau­cher­schutz­ein­rich­tung, um Beschwer­den effi­zi­ent zu behan­deln und güt­li­che Eini­gun­gen her­bei­zu­füh­ren;
  • auf etwai­ge Ent­schä­di­gungs- und Erstat­tungs­re­ge­lun­gen bei Nicht­ein­hal­tung der ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Leis­tungs­qua­li­tät, ein­schließ­lich unge­nau­er und ver­spä­te­ter Abrech­nung;
  • auf ein­deu­ti­ge Infor­ma­tio­nen zu den Ver­brau­cher­rech­ten auf der Abrech­nung oder auf Unter­neh­mens­web­sei­ten.

Die Kom­mis­si­on soll "eine ver­ständ­li­che und kurz gefass­te Check­lis­te" mit prak­ti­schen Infor­ma­tio­nen über die Rech­te der Ener­gie­ver­brau­cher erstel­len, so der jetzt beschlos­se­ne Text.

Nach einer wirt­schaft­li­chen Bewer­tung sol­len min­des­tens 80 Pro­zent aller Ver­brau­cher bis 2020 mit einem intel­li­gen­ten Zäh­ler­sys­tem aus­ge­stat­tet wer­den.

Recht auf Grund­ver­sor­gung mit Elek­tri­zi­tät

Durch das jetzt vom EP beschlos­se­ne drit­te Ener­gie­pa­ket wer­den die Mit­glied­staa­ten zudem ver­pflich­ten, eine Grund­ver­sor­gung aller pri­va­ten Haus­hal­te und auch – wenn nötig – klei­ne­rer Unter­neh­men (mit weni­ger als 50 Ange­stell­ten und einem jähr­li­chen Umsatz von weni­ger als 10 Mil­lio­nen Euro) mit Elek­tri­zi­tät zu garan­tie­ren. Die­se Kun­den hät­ten dann ein "Recht auf Ver­sor­gung mit Elek­tri­zi­tät einer bestimm­ten Qua­li­tät zu ange­mes­se­nen, leicht und ein­deu­tig ver­gleich­ba­ren und trans­pa­ren­ten und dis­kri­mi­nie­rungs­frei­en Prei­sen".

Schutz von „schutz­be­dürf­ti­gen Kun­den“

Auf Initia­ti­ve der Euro­pa­par­la­men­ta­ri­er beinhal­tet die neue Gesetz­ge­bung spe­zi­el­le Maß­nah­men zum Schutz „schutz­be­dürf­ti­ger Kun­den“. Die EU-Staa­ten soll­ten dem­nach "geeig­ne­te Maß­nah­men" ergrei­fen, um Ener­gie-Armut zu bekämp­fen. Dazu könn­ten "natio­na­le ener­gie­po­li­ti­sche Akti­ons­plä­ne" oder Leis­tun­gen im Rah­men der Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­te­me gehö­ren, um die not­wen­di­ge Strom­ver­sor­gung für schutz­be­dürf­ti­ge Kun­den zu gewähr­leis­ten oder Zuschüs­se für Ver­bes­se­run­gen der Ener­gie­ef­fi­zi­enz zu gewäh­ren.

Wei­te­re Maß­nah­men

Die zwei Richt­li­ni­en und drei Ver­ord­nun­gen des drit­ten Ener­gie­pa­ke­tes beinhal­ten außer­dem:

  • die Grün­dung einer EU-Agen­tur für die Zusam­men­ar­beit der Ener­gie­re­gu­lie­rungs­be­hör­den, die unver­bind­li­che Leit­li­ni­en ent­wi­ckeln soll;
  • den Auf­trag an die Kom­mis­si­on, auf Basis die­ser Leit­li­ni­en ver­bind­li­che Netz­ko­di­zes zu ver­ab­schie­den, z. B. für Not­fall-Situa­tio­nen;
  • die Eta­blie­rung eines Euro­päi­schen Net­zes der Über­tra­gungs­netz­be­trei­ber für Strom (ENTSOE) und Gas (ENTSOG);
  • die Ver­pflich­tung der Über­tra­gungs­netz­be­trei­ber, jedes Jahr den natio­na­len Regu­lie­rungs­be­hör­den "einen zehn­jäh­ri­gen Netz­ent­wick­lungs­plan" vor­zu­le­gen;
  • Maß­nah­men, um die Zusam­men­ar­beit auf regio­na­ler Ebe­ne zwi­schen den ver­schie­de­nen natio­na­len Regu­lie­rern zu ver­bes­sern;
  • Maß­nah­men, um die Unab­hän­gig­keit der natio­na­len Regu­lie­rungs­be­hör­den zu stär­ken.

Nach Inkraft­tre­ten der Richt­li­ni­en haben die Mit­glieds­staa­ten andert­halb Jah­re Zeit, die­se in natio­na­les Recht umzu­set­zen.