Fran­ce Télé­com und die Bei­hil­fen

Fran­ce Télé­com hat in jedem Jahr von 1994 bis 2002 eine mit dem Gemein­sa­men Markt unver­ein­ba­re staat­li­che Bei­hil­fe erhal­ten. Mit die­ser Ent­schei­dung bestä­tig­te der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on das Urteil des Gerichts 1. Die Ent­schei­dung, mit der die Kom­mis­si­on die­se Bei­hil­fen fest­ge­stellt und ihre Rück­for­de­rung ange­ord­net hat, ist rechts­gül­tig.

Fran­ce Télé­com und die Bei­hil­fen

Die­se Rechts­sa­che hängt mit der Ent­wick­lung zusam­men, die die Rechts­form von Fran­ce Télé­com im Rah­men der Libe­ra­li­sie­rung des Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­sek­tors genom­men hat. Fran­ce Télé­com, die jetzt eine Akti­en­ge­sell­schaft fran­zö­si­schen Rechts ist, wur­de zum 1. Janu­ar 1991 in der Rechts­form einer juris­ti­schen Per­son des öffent­li­chen Rechts sui gene­ris gegrün­det. Im Jahr 1998 wur­de Fran­ce Télé­com in ein staat­li­ches Unter­neh­men umge­wan­delt, des­sen Gesell­schafts­ka­pi­tal zu der für den vor­lie­gen­den Rechts­streit maß­geb­li­chen Zeit zu mehr als der Hälf­te unmit­tel­bar oder mit­tel­bar vom Staat gehal­ten wur­de.

Bei der in Frank­reich erho­be­nen Gewer­be­steu­er han­delt es sich um eine loka­le Steu­er, die jähr­lich von natür­li­chen oder juris­ti­schen Per­so­nen zu ent­rich­ten ist, die eine selb­stän­di­ge Erwerbs­tä­tig­keit gewohn­heits­mä­ßig aus­üben. In Abwei­chung von der Gewer­be­steu­er­re­ge­lung wur­den zuguns­ten von Fran­ce Télé­com zwei auf­ein­an­der fol­gen­de Steu­er­re­ge­lun­gen geschaf­fen, näm­lich eine Über­gangs­re­ge­lung, die vom 1. Janu­ar 1991 bis 31. Dezem­ber 1993 galt, und anschlie­ßend eine end­gül­ti­ge Rege­lung, die ab dem 1. Janu­ar 1994 anwend­bar war. Die letzt­ge­nann­te Rege­lung wur­de mit Wir­kung vom 31. Dezem­ber 2002 auf­ge­ho­ben. Unter der Über­gangs­re­ge­lung (1991 – 1993) durf­te Fran­ce Télé­com nur den staat­li­chen Steu­ern und Abga­ben unter­wor­fen wer­den. Dem­entspre­chend muss­te sie ins­be­son­de­re weder Kör­per­schaft­steu­er noch loka­le Steu­ern wie die Gewer­be­steu­er zah­len. Im Gegen­zug für die­se Befrei­ung muss­te sie eine Pau­schal­ab­ga­be ent­rich­ten, die jähr­lich durch Gesetz fest­ge­legt wur­de.

Gemäß der end­gül­ti­gen Rege­lung (1994 – 2002) (im Fol­gen­den: Steu­er­son­der­re­ge­lung) galt für Fran­ce Télé­com ab dem 1. Janu­ar 1994 die Steu­er­re­ge­lung des all­ge­mei­nen Rechts, von der die loka­len direk­ten Steu­ern aus­ge­nom­men waren, zu denen die Gewer­be­steu­er gehör­te. Hin­sicht­lich der letzt­ge­nann­ten Steu­er galt für Fran­ce Télé­com ein natio­na­ler Satz. Die bei­den genann­ten Rege­lun­gen wur­den von der Kom­mis­si­on geprüft, die am 2. August 2004 eine Ent­schei­dung 2 erließ, der zufol­ge die Über­gangs­re­ge­lung kei­ne staat­li­che Bei­hil­fe dar­stell­te. Dem­ge­gen­über hielt die Kom­mis­si­on die von 1994 bis 2002 anwend­ba­re Steu­er­son­der­re­ge­lung für eine staat­li­che Bei­hil­fe, die in der Dif­fe­renz zwi­schen der Steu­er, die Fran­ce Télé­com unter den Bedin­gun­gen des all­ge­mei­nen Rechts hät­te tra­gen müs­sen, und dem tat­säch­lich von ihr abge­führ­ten Betrag der Gewer­be­steu­er bestehe. Die­se rechts­wid­rig durch­ge­führ­te neue Bei­hil­fe wur­de über­dies für mit dem Gemein­sa­men Markt unver­ein­bar befun­den. Des­halb wur­de ihre Rück­for­de­rung durch die fran­zö­si­schen Behör­den ange­ord­net. In der Ent­schei­dung wur­de der zurück­zu­for­dern­de Betrag nicht genau fest­ge­legt, doch es wur­de klar­ge­stellt, dass der Kapi­tal­be­trag zwi­schen 798 und 1 140 Mio. Euro lie­gen müs­se, zuzüg­lich Zin­sen ab der Bereit­stel­lung der frag­li­chen Bei­hil­fen für die Begüns­tig­te bis zur Rück­erlan­gung der Bei­hil­fen.

Die fran­zö­si­schen Behör­den und Fran­ce Télé­com begehr­ten beim Gericht die Nich­tig­erklä­rung der Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on. Das Gericht wies die Kla­gen mit Urteil vom 30. Novem­ber 2009 3 ab, weil es der Auf­fas­sung war, dass die Kom­mis­si­on das Vor­lie­gen einer staat­li­chen Bei­hil­fe zu Recht bejaht habe. Fran­ce Télé­com hat mit dem Ziel der Auf­he­bung jenes Urteils beim Gerichts­hof Rechts­mit­tel ein­ge­legt.

Mit sei­nem Urteil vom heu­ti­gen Tag weist der Gerichts­hof das Rechts­mit­tel­vor­brin­gen von Fran­ce Télé­com zurück. Nach Ansicht des Gerichts­hofs hat das Gericht zu Recht ent­schie­den, dass die Steu­er­son­der­re­ge­lung für Fran­ce Télé­com (von 1994 bis 2002) eine staat­li­che Bei­hil­fe gewe­sen sei.

Fran­ce Télé­com kam tat­säch­lich eine gerin­ge­re Gewer­be­steu­er­be­las­tung und damit ein Vor­teil zugu­te, was unmit­tel­bar mit den Merk­ma­len zusam­men­hängt, die der Steu­er­son­der­re­ge­lung inne­woh­nen, die auf sie ange­wandt wur­de. Ins­be­son­de­re pro­fi­tier­te das Unter­neh­men von einer steu­er­li­chen Son­der­be­hand­lung auf natio­na­ler Ebe­ne, die dadurch gekenn­zeich­net war, dass Berech­nungs­grund­la­ge für die Gewer­be­steu­er ein gewich­te­ter Durch­schnitts­satz war, der im Ver­hält­nis zu den in den ver­schie­de­nen loka­len Gebiets­kör­per­schaf­ten anwend­ba­ren unter­schied­li­chen Sät­zen ermit­telt wur­de, wäh­rend die Sät­ze für die übri­gen Unter­neh­men von die­sen Gebiets­kör­per­schaf­ten jähr­lich beschlos­sen wur­den. Außer­dem galt für Fran­ce Télé­com ein ein­zi­ger Gewer­be­steu­er­satz am Ort ihrer Haupt­nie­der­las­sung, wäh­rend die übri­gen Unter­neh­men zu den ver­schie­de­nen Sät­zen besteu­ert wur­den, die von den loka­len Gebiets­kör­per­schaf­ten beschlos­sen wur­den, in deren Gebiet sie Nie­der­las­sun­gen hat­ten. Auch galt bei den Ver­wal­tungs­kos­ten für Fran­ce Télé­com ein Satz von 1,9 % statt 8 % wie für die ande­ren Unter­neh­men.

Der Gerichts­hof bestä­tigt die Ana­ly­se des Gerichts, nach der die­se Steu­er­son­der­re­ge­lung dadurch, dass sie Fran­ce Télé­com einen Vor­teil ver­schaff­te, eine staat­li­che Bei­hil­fe war, auch wenn der genaue Betrag der auf­grund die­ser Rege­lung gewähr­ten Bei­hil­fen anhand bestimm­ter rege­lungs­ex­ter­ner Fak­to­ren ermit­telt wer­den muss. Hier han­del­te es sich näm­lich um eine gemisch­te Kon­fi­gu­ra­ti­on, bei der das Bestehen eines Vor­teils zum einen einer fes­ten Grö­ße geschul­det war, die mit der Steu­er­son­der­re­ge­lung für Fran­ce Télé­com im Ver­gleich zur all­ge­mei­nen Rege­lung zusam­men­hing, und zum ande­ren einer varia­blen Grö­ße, die sich nach außer­halb der Rege­lung lie­gen­den Fak­to­ren rich­te­te wie der Lage der Räu­me oder Grund­stü­cke des Unter­neh­mens in den ver­schie­de­nen loka­len Gebiets­kör­per­schaf­ten und dem in die­sen Gebiets­kör­per­schaf­ten gel­ten­den Steu­er­satz. Der Gerichts­hof weist sodann das Vor­brin­gen von Fran­ce Télé­com zurück, dass das Gericht nicht die steu­er­li­che Gesamt­re­ge­lung berück­sich­tigt habe, die für sie unter den zwei auf­ein­an­der fol­gen­den Steu­er­re­ge­lun­gen gegol­ten habe. Dass die bei­den Rege­lun­gen durch das­sel­be Gesetz ein­ge­führt wur­den, bedeu­tet näm­lich nicht, dass die für Fran­ce Télé­com gel­ten­de Steu­er­re­ge­lung aus zwei untrenn­ba­ren Zeit­räu­men bestand, deren ers­ter eine Über­be­steue­rung und deren zwei­ter eine Unter­be­steue­rung mit sich gebracht hät­te. Das Gericht ist daher nach Ansicht des Gerichts­hofs rechts­feh­ler­frei zu dem Ergeb­nis gelangt, dass die Kom­mis­si­on einen Aus­gleich zwi­schen den von Fran­ce Télé­com von 1991 bis 1993 ent­rich­te­ten Beträ­gen der Pau­schal­ab­ga­be und den Besteue­rungs­un­ter­schie­den, die sich aus der zuguns­ten des Unter­neh­mens ein­ge­führ­ten Steu­er­son­der­re­ge­lung für die Jah­re 1994 bis 2002 erga­ben, zu Recht abge­lehnt habe.

Schließ­lich weist der Gerichts­hof auch das Vor­brin­gen von Fran­ce Télé­com zurück, mit dem die­se einen Ver­stoß gegen den Grund­satz des Ver­trau­ens­schut­zes und einen Begrün­dungs­man­gel des Urteils des Gerichts gel­tend gemacht hat.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 8. Dezem­ber 2011 – C‑81/​10 P – Fran­ce Télé­com /​Kom­mis­si­on

  1. EuG, Urteil vom 30.11.2009 – T‑427/​04 und T‑17/​05, Frank­reich und Fran­ce Télécom/​Kommission[]
  2. Euro­päi­sche Kom­mis­si­on, Ent­schei­dung vom 02.08.2004 – 2005/​709/​EG über die staat­li­che Bei­hil­fe, die Frank­reich Fran­ce Télé­com gewährt hat, ABl. 2005, L 269, S. 30[]
  3. EuG, Urteil vom 30.11.2009 – T‑427/​04 und T‑17/​05, Frank­reich und Fran­ce Télé­com /​Kom­mis­si­on[]