Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung nach der Brüs­sel-Ia-VO – und das Schrift­form­erfor­der­nis

Für eine Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung gemäß Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Brüs­sel-Ia-VO ist die Ein­hal­tung der Form­erfor­der­nis­se Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zung ist. Allein eine Wil­lens­ei­ni­gung der Par­tei­en führt mit­hin nicht zu einer wirk­sa­men Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung, wenn nicht auch die Form ein­ge­hal­ten ist 1.

Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung nach der Brüs­sel-Ia-VO – und das Schrift­form­erfor­der­nis

Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on sind die Form­erfor­der­nis­se des Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Brüs­sel-Ia-VO eng aus­zu­le­gen, weil die Bestim­mung sowohl die all­ge­mei­ne Zustän­dig­keit nach dem Wohn­sitz des Beklag­ten gemäß Art. 4 Brüs­sel-Ia-VO als auch die beson­de­re Zustän­dig­keit gemäß Art. 7 Brüs­sel-Ia-VO aus­schließt 2. Damit soll gewähr­leis­tet wer­den, dass die Wil­lens­ei­ni­gung zwi­schen den Par­tei­en zwei­fels­frei fest­steht und Gerichts­stands­klau­seln, die ein­sei­tig in den Ver­trag ein­ge­fügt wor­den sind, nicht unbe­merkt blei­ben 3.

Die Form­erfor­der­nis­se sol­len dar­über hin­aus aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit eine ein­deu­ti­ge Bestim­mung des zustän­di­gen Gerichts ermög­li­chen 4. Da Art. 25 Brüs­sel-Ia-VO in sei­nem Anwen­dungs­be­reich lex spe­cia­lis ist, ver­drängt er § 38 ZPO 5.

Nach Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Buchst. a) Brüs­sel-Ia-VO muss eine form­wirk­sa­me Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung schrift­lich oder münd­lich mit schrift­li­cher Bestä­ti­gung geschlos­sen wer­den.

Eine schrift­li­che Ver­ein­ba­rung im Sin­ne des Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Buchst. a) 1. Fall Brüs­sel-Ia-VO liegt grund­sätz­lich nur dann vor, wenn bei­de Par­tei­en ihren Wil­len schrift­lich kund­ge­tan haben, wobei dies – abwei­chend von § 126 Abs. 2 BGB – auch in getrenn­ten Schrift­stü­cken erfol­gen kann, sofern aus ihnen die inhalt­li­che Über­ein­stim­mung bei­der Erklä­run­gen hin­rei­chend deut­lich her­vor­geht 6. Elek­tro­ni­sche Über­mitt­lun­gen, die eine dau­er­haf­te Auf­zeich­nung der Ver­ein­ba­rung ermög­li­chen, sind der Schrift­form gleich­ge­stellt, vgl. Art. 25 Abs. 2 Brüs­sel-Ia-VO.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind im Streit­fall nicht erfüllt. Eine schrift­li­che oder der Schrift­form gleich­ge­stell­te Erklä­rung der Beklag­ten liegt nicht vor. Die­se hat viel­mehr unstrei­tig ledig­lich münd­lich die Annah­me des mit E‑Mail über­mit­tel­ten Ange­bots der Klä­ge­rin, das die Gerichts­stands­klau­sel ent­hält, erklärt.

Aus der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on lässt sich nicht ent­neh­men, dass eine sol­che Ver­fah­rens­wei­se dem Schrift­form­erfor­der­nis des Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Buchst. a) 1. Fall, Abs. 2 Brüs­sel-Ia-VO genügt. Mit einer dem Streit­fall ver­gleich­ba­ren Kon­stel­la­ti­on hat­te sich der Gerichts­hof bis­lang nicht zu befas­sen. Aus dem Wort­laut der Vor­schrift sowie dem in den bis­he­ri­gen Ent­schei­dun­gen des Gerichts­hofs her­aus­ge­stell­ten Zweck des Schrift­form­erfor­der­nis­ses ergibt sich indes ein­deu­tig, dass die Schrift­form nicht ein­ge­hal­ten ist, wenn ein schrift­li­ches Ange­bot ledig­lich münd­lich ange­nom­men wird. Ein zwei­fels­frei­er Beleg für die Wil­lens­ei­ni­gung hin­sicht­lich der Gerichts­stands­klau­sel fehlt in einem sol­chen Fall. Das von der Revi­si­on in Bezug genom­me­ne Urteil des Gerichts­hofs vom 21.05.2015 7 führt zu kei­ner abwei­chen­den Beur­tei­lung. Danach ist bei einem auf elek­tro­ni­schem Wege geschlos­se­nen Kauf­ver­trag die Ein­hal­tung der Schrift­form zu beja­hen, wenn der Käu­fer durch Ankli­cken des ent­spre­chen­den Fel­des auf der Inter­net­sei­te der Ver­käu­fe­rin die All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen, die eine Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung ent­hal­ten, akzep­tiert, sofern eine dau­er­haf­te Auf­zeich­nung der Ver­ein­ba­rung mög­lich war (sog. "click wrap­ping"). Die Ent­schei­dung stützt sich auf Art. 23 Abs. 2 Brüs­sel-I-VO (= Art. 25 Abs. 2 Brüs­sel-Ia-VO), der bestimm­te For­men der elek­tro­ni­schen Über­mitt­lung der Schrift­form gleich­stellt mit dem Ziel, den Abschluss von Ver­trä­gen auf elek­tro­ni­schem Wege zu erleich­tern. Auch in Ver­bin­dung mit Art. 25 Abs. 2 Brüs­sel-Ia-VO liegt eine der Form des Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Buchst. a) 1. Fall Brüs­sel-Ia-VO genü­gen­de Ver­ein­ba­rung jedoch nicht vor, wenn ledig­lich der allein von einer Ver­trags­par­tei stam­men­de Ange­bots­text elek­tro­nisch über­mit­telt wur­de und die Annah­me münd­lich erfolg­te.

Aus der – zu Art. 23 Abs. 1 Satz 3 Buchst. a) LugÜ ergan­ge­nen – Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 25.01.2017 8 ergibt sich nichts ande­res. In dem jener Ent­schei­dung zugrun­de lie­gen­den Sach­ver­halt hat­ten bei­de Ver­trags­par­tei­en den aus­ge­han­del­ten und spä­ter in Voll­zug gesetz­ten Ver­trag gemein­sam schrift­lich fixiert, wobei nur die durch die Gerichts­stands­klau­sel benach­tei­lig­te Par­tei den Ver­trags­text unter­zeich­net hat­te. Der Bun­des­ge­richts­hof hat hier­zu ent­schie­den, dass die Ein­hal­tung der Schrift­form in einem sol­chen Fall nicht zwin­gend die Unter­schrift bei­der Ver­trags­par­tei­en erfor­de­re. Der Streit­fall unter­schei­det sich von jener Kon­stel­la­ti­on, weil vor­lie­gend ein allein von einer Ver­trags­par­tei for­mu­lier­tes Ange­bot in Text­form in Rede steht, das von der ande­ren Par­tei münd­lich ange­nom­men wur­de.

Eine schrift­li­che Bestä­ti­gung einer münd­li­chen Ver­ein­ba­rung im Sin­ne des Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Buchst. a) 2. Fall Brüs­sel-Ia-VO erfor­dert, dass die Gerichts­stands­klau­sel zunächst münd­lich ver­ein­bart wor­den ist und anschlie­ßend eine Par­tei die­se Ver­ein­ba­rung schrift­lich bestä­tigt und die ande­re Par­tei kei­ne Ein­wen­dun­gen erho­ben hat. Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind nach den inso­weit nicht ange­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts nicht erfüllt. Es liegt kei­ne schrift­li­che Bestä­ti­gung einer zuvor getrof­fe­nen münd­li­chen Eini­gung vor, son­dern ledig­lich ein mit E‑Mail über­mit­tel­tes Ange­bot, das münd­lich ange­nom­men wur­de.

Dabei war die Beklag­te in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall auch nicht nach Treu und Glau­ben gehin­dert, sich auf die Form­un­wirk­sam­keit der Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung gemäß Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Buchst. a) 1. Fall, Abs. 2 Brüs­sel-Ia-VO zu beru­fen. Denn die Revi­si­on hat kei­ne Umstän­de auf­ge­zeigt, nach denen die Beklag­te gegen Treu und Glau­ben ver­sto­ßen haben könn­te. Sie beruft sich ledig­lich dar­auf, dass auf­grund der münd­li­chen Annah­me des Ange­bots eine Wil­lens­ei­ni­gung der Par­tei­en auch hin­sicht­lich der Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung vor­ge­le­gen habe und die Beklag­te die schrift­li­che Fixie­rung der Annah­me­er­klä­rung unter­las­sen habe. Hier­in liegt jedoch kein gegen Treu und Glau­ben ver­sto­ßen­des unred­li­ches oder wider­sprüch­li­ches Ver­hal­ten der Beklag­ten.

Eines Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on gemäß Art. 267 Abs. 1 bis 3 AEUV zur Aus­le­gung von Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Buchst. a) 1. Fall, Abs. 2 Brüs­sel-Ia-VO bedarf es nicht. Die Vor­la­ge­pflicht letzt­in­stanz­li­cher Gerich­te der Mit­glied­staa­ten ent­fällt, wenn die uni­ons­recht­li­che Bestim­mung bereits Gegen­stand einer Aus­le­gung durch den Gerichts­hof war ("acte éclai­ré") oder wenn die rich­ti­ge Anwen­dung des Uni­ons­rechts der­art offen­kun­dig ist, dass für einen ver­nünf­ti­gen Zwei­fel kein Raum mehr bleibt ("acte clair") 9. Letz­te­res ist hier – wie vor­ste­hend dar­ge­stellt – der Fall.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. April 2018 – VII ZR 139/​17

  1. vgl. EuGH, RIW 1981, 709 Rn. 24 f.; NJW 1977, 495 8, 11; Man­kow­ski in Rau­scher, EuZ­PR und EuI­PR, 4. Aufl., Art. 25 Brüs­sel-Ia-VO Rn. 87[]
  2. vgl. EuGH, NJW 1997, 1431 Rn. 14 m.w.N.; NJW 1977, 494 7[]
  3. vgl. EuGH, ZIP 2016, 1747 Rn. 39; ZIP 2015, 1540 Rn. 29 f.; NJW 1997, 1431 Rn. 15, 17[]
  4. EuGH, ZIP 1999, 1184 Rn. 48 m.w.N.[]
  5. allg. Mei­nung, vgl. z.B. Musielak/​Voit/​Stadler, ZPO, 15. Aufl., Art. 25 EuGV­VO Rn. 1 m.w.N.; BGH, Urteil vom 20.03.1980 – III ZR 151/​79, NJW 1980, 2022, 2023 14 zum EuGVÜ[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 22.02.2001 – IX ZR 19/​00, NJW 2001, 1731 8[]
  7. EuGH, ZIP 2015, 1540[]
  8. BGH, Beschluss vom 25.01.2017 – VIII ZR 257/​15, WM 2017, 1770[]
  9. vgl. nur EuGH, EuZW 2016, 111 Rn. 38 f. m.w.N.[]