Hand­ge­päck im Flug­zeug

Eine Lis­te von Gegen­stän­den, die an Bord von Flug­zeu­gen ver­bo­ten sind, kann dem Ein­zel­nen nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, wenn sie nicht ver­öf­fent­licht wur­de.

Hand­ge­päck im Flug­zeug

Eine Ver­ord­nung der Gemein­schaft, die nicht im Amts­blatt der Euro­päi­schen Uni­on ver­öf­fent­licht wur­de, hat kei­ne Bin­dungs­wir­kung, soweit sie dem Ein­zel­nen Pflich­ten auf­er­le­gen soll. Nach Art. 254 EG sind Ver­ord­nun­gen im Amts­blatt der Euro­päi­schen Uni­on zu ver­öf­fent­li­chen.

Die­se Leit­sät­ze des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten muten wie All­ge­mein­plät­ze an. Doch mit die­sem, aus dem Streit um einen Ten­nis­schlä­ger resul­tie­ren­den Urteil hat der EuGH einen der Aus­wüch­se der Nine-Ele­ven-Hys­te­rie besei­tigt, näm­lich die "gehei­me Lis­te" der EU-weit an Bord von Flug­zeu­gen ver­bo­te­nen Gegen­stän­de.

Was war pas­siert?

Im Jahr 2002 erlie­ßen das EU-Par­la­ment und der Rat die Ver­ord­nung Nr. 2320/​2002 über die Luft­si­cher­heit 1. Der Anhang die­ser Ver­ord­nung ent­hielt gemein­sa­me grund­le­gen­de Nor­men für Sicher­heits­maß­nah­men im Luft­ver­kehr. Der Anhang leg­te u. a. in all­ge­mei­ner Wei­se die Lis­te der an Bord eines Flug­zeugs ver­bo­te­nen Gegen­stän­de fest, unter denen "Schlag­waf­fen: Tot­schlä­ger, Schlag­stö­cke, Base­ball­schlä­ger und ähn­li­che Gegen­stän­de" auf­ge­zählt waren. Die Ver­ord­nung sah außer­dem vor, dass bestimm­te Maß­nah­men nicht zu ver­öf­fent­li­chen sei­en, son­dern nur den zustän­di­gen Behör­den zur Ver­fü­gung gestellt wer­den soll­ten. Die Ver­ord­nung Nr. 2320/​2002 wur­de ein­schließ­lich ihres Anhangs ver­öf­fent­licht.

Im April 2003 erließ die Kom­mis­si­on die Ver­ord­nung Nr. 622/​2003 2 zur Durch­füh­rung der Ver­ord­nung Nr. 2320/​2002. Die durch die­se Ver­ord­nung vor­ge­se­he­nen Maß­nah­men waren in deren Anhang ent­hal­ten. Die­ser Anhang, der im Jahr 2004 durch eine wei­te­re Ver­ord­nung 3 geän­dert wur­de, wur­de nie­mals ver­öf­fent­licht, obwohl es in den Erwä­gungs­grün­den die­ser Ände­rungs­ver­ord­nung hieß, dass die Flug­gäs­te über die Regeln, die die ver­bo­te­nen Gegen­stän­de beträ­fen, genau infor­miert wer­den müss­ten.

Am 25. Sep­tem­ber 2005 wur­de ein Herr Gott­fried Hein­rich auf dem Flug­ha­fen Wien-Schwe­chat an der Sicher­heits­kon­trol­le zurück­ge­wie­sen, weil er in sei­nem Hand­ge­päck Ten­nis­schlä­ger mit sich führ­te, die die Behör­den als nach den genann­ten Ver­ord­nun­gen der Gemein­schaft ver­bo­te­ne Gegen­stän­de betrach­te­ten. Als sich Herr Hein­rich gleich­wohl mit den Ten­nis­schlä­gern im Hand­ge­päck an Bord des Flug­zeugs begab, muss­te er es auf Auf­for­de­rung der Sicher­heits­be­am­ten wie­der ver­las­sen.

Herr Hein­rich leg­te vor dem Unab­hän­gi­gen Ver­wal­tungs­se­nat im Land Nie­der­ös­ter­reich (Öster­reich) eine Beschwer­de ein, um fest­stel­len zu las­sen, dass die gegen ihn ergrif­fe­nen Maß­nah­men rechts­wid­rig waren. Die­ses öster­rei­chi­sche Gericht hat dem Gerichts­hof die Fra­ge vor­ge­legt, ob Ver­ord­nun­gen oder Tei­le von Ver­ord­nun­gen, die nicht im Amts­blatt ver­öf­fent­licht wur­den, gleich­wohl Bin­dungs­wir­kung haben kön­nen.

Der EuGH erin­nert dar­an, dass eine Ver­ord­nung der Gemein­schaft, wie aus Art. 254 EG her­vor­geht, nur Rechts­wir­kun­gen erzeu­gen kann, wenn sie im Amts­blatt ver­öf­fent­licht wur­de. Außer­dem kann ein Rechts­akt eines Gemein­schafts­or­gans den Ein­zel­nen nicht ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, bevor sie die Mög­lich­keit hat­ten, durch die ord­nungs­ge­mä­ße Ver­öf­fent­li­chung des Rechts­akts im Amts­blatt von die­sem Kennt­nis zu neh­men. Die glei­chen Grund­sät­ze gel­ten für natio­na­le Maß­nah­men zur Durch­füh­rung einer gemein­schafts­recht­li­chen Rege­lung.

Der Gerichts­hof stellt fest, dass die Ver­ord­nung Nr. 2320/​2002, soweit sie die Mit­nah­me bestimm­ter, in einer Lis­te im Anhang der Ver­ord­nung all­ge­mein umschrie­be­ner Gegen­stän­de an Bord des Flug­zeugs ver­bie­tet, den Ein­zel­nen Pflich­ten auf­er­le­gen soll.
Da der Anhang der Ver­ord­nung Nr. 622/​2003 nicht ver­öf­fent­licht wur­de, kann der Gerichts­hof nicht beur­tei­len, ob die­ser Anhang eben­falls die Lis­te ver­bo­te­ner Gegen­stän­de betrifft und damit eben­falls den Ein­zel­nen Pflich­ten auf­er­le­gen soll. Dies lässt sich jedoch nicht aus­schlie­ßen. Dass es in den Erwä­gungs­grün­den der erwähn­ten Ände­rungs­ver­ord­nung zur Ver­ord­nung Nr. 622/​2003 heißt, es wer­de eine öffent­lich zugäng­li­che har­mo­ni­sier­te Lis­te der ver­bo­te­nen Gegen­stän­de benö­tigt, impli­ziert, dass die der Ver­ord­nung Nr. 2320/​2002 bei­gefüg­te Lis­te tat­säch­lich geän­dert wur­de. Jeden­falls wur­den die­se etwai­gen Ände­run­gen der Lis­te nicht im Amts­blatt ver­öf­fent­licht.

Der Gerichts­hof stellt fer­ner fest, dass die Lis­te ver­bo­te­ner Gegen­stän­de zu kei­ner der Arten von Maß­nah­men und Anga­ben gehört, die nach der Ver­ord­nung Nr. 2320/​2002 geheim­zu­hal­ten sind und nicht ver­öf­fent­licht wer­den. Die Kom­mis­si­on durf­te daher auf Maß­nah­men zur Anpas­sung der Lis­te die Geheim­hal­tungs­re­ge­lung nicht anwen­den. Daher wäre die Ver­ord­nung Nr. 622/​2003, wenn sie tat­säch­lich Anpas­sun­gen der Lis­te ver­bo­te­ner Gegen­stän­de ent­hiel­te, inso­weit zwangs­läu­fig ungül­tig.
Der Gerichts­hof gelangt zu dem Ergeb­nis, dass der Anhang der Ver­ord­nung Nr. 622/​2003 kei­ne Bin­dungs­wir­kung hat, soweit mit ihm den Ein­zel­nen Pflich­ten auf­er­legt wer­den sol­len.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten, Urteil vom 10. März 2009 – C‑345/​06 (Gott­fried Hein­rich)

  1. Ver­ord­nung (EG) Nr. 2320/​2002 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 16. Dezem­ber 2002 zur Fest­le­gung gemein­sa­mer Vor­schrif­ten über die Sicher­heit in der Zivil­luft­fahrt (ABl. L 355, S. 1) []
  2. Ver­ord­nung (EG) Nr. 622/​2003 der Kom­mis­si­on vom 4. April 2003 zur Fest­le­gung von Maß­nah­men für die Durch­füh­rung der gemein­sa­men grund­le­gen­den Nor­men für die Luft­si­cher­heit (ABl. L 89, S. 9) []
  3. Ver­ord­nung (EG) Nr. 68/​2004 der Kom­mis­si­on vom 15. Janu­ar 2004 zur Ände­rung der Ver­ord­nung (EG) Nr. 622/​2003 zur Fest­le­gung von Maß­nah­men für die Durch­füh­rung der gemein­sa­men grund­le­gen­den Nor­men für die Luft­si­cher­heit (ABl. L 10, S. 14) []

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