Inner­staat­li­che Anwen­dung uni­ons­recht­lich voll­ver­ein­heit­lich­ten Rechts – und der Maß­stab der Uni­ons­grund­rech­te

Bei einem Rechts­streit, dem eine uni­ons­recht­lich voll­stän­dig ver­ein­heit­lich­te Mate­rie zugrun­de liegt, ist im Rah­men der ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Prü­fung die Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on anzu­wen­den.

Inner­staat­li­che Anwen­dung uni­ons­recht­lich voll­ver­ein­heit­lich­ten Rechts – und der Maß­stab der Uni­ons­grund­rech­te
  1. Soweit die Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes durch den Anwen­dungs­vor­rang des Uni­ons­rechts ver­drängt wer­den, kon­trol­liert das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt des­sen Anwen­dung durch deut­sche Stel­len am Maß­stab der Uni­ons­grund­rech­te. Das Gericht nimmt hier­durch sei­ne Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung nach Art. 23 Abs. 1 GG wahr.
  2. Bei der Anwen­dung uni­ons­recht­lich voll­stän­dig ver­ein­heit­lich­ter Rege­lun­gen sind nach dem Grund­satz des Anwen­dungs­vor­rangs des Uni­ons­rechts in aller Regel nicht die Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes, son­dern allein die Uni­ons­grund­rech­te maß­geb­lich. Der Anwen­dungs­vor­rang steht unter ande­rem unter dem Vor­be­halt, dass der Schutz des jewei­li­gen Grund­rechts durch die statt­des­sen zur Anwen­dung kom­men­den Grund­rech­te der Uni­on hin­rei­chend wirk­sam ist.
  3. Soweit das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on als Prü­fungs­maß­stab anlegt, übt es sei­ne Kon­trol­le in enger Koope­ra­ti­on mit dem Euro­päi­schen Gerichts­hof aus. Nach Maß­ga­be des Art. 267 Abs. 3 AEUV legt es dem Gerichts­hof vor.
  4. Wie die Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes gewähr­leis­ten auch die Grund­rech­te der Char­ta nicht nur Schutz im Staat-Bür­ger-Ver­hält­nis, son­dern auch in pri­vat­recht­li­chen Strei­tig­kei­ten. Auf der Basis des maß­geb­li­chen Fach­rechts sind daher die Grund­rech­te der Betei­lig­ten mit­ein­an­der in Aus­gleich zu brin­gen. Inso­weit prüft das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt – wie bei den Grund­rech­ten des Grund­ge­set­zes – nicht das Fach­recht, son­dern allein, ob die Fach­ge­rich­te den Grund­rech­ten der Char­ta hin­rei­chend Rech­nung getra­gen und einen ver­tret­ba­ren Aus­gleich gefun­den haben.

Rich­tet sich der Rechts­streit nach Rege­lun­gen, die durch das Uni­ons­recht voll­stän­dig ver­ein­heit­licht sind und bei deren Anwen­dung des­halb grund­sätz­lich allein die Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on anwend­bar ist, steht dies der Beschwer­de­be­fug­nis nicht ent­ge­gen. Zwar sind die Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes vor­lie­gend nicht anwend­bar, weil der Rechts­streit des Aus­gangs­ver­fah­rens eine uni­ons­recht­lich voll­stän­dig ver­ein­heit­lich­te Mate­rie betrifft. Die Beschwer­de­füh­re­rin kann sich jedoch auf die Grund­rech­te der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on beru­fen. Deren Anwen­dung unter­liegt in der hier zu beur­tei­len­den Kon­stel­la­ti­on der Juris­dik­ti­on des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts.

Für den Regel­fall ist davon aus­zu­ge­hen, dass die Euro­päi­sche Uni­on mit der Wahl der Richt­li­nie als Rechts­form kei­ne voll­stän­di­ge Ver­ein­heit­li­chung eines Rege­lungs­ge­gen­stan­des erstrebt, son­dern den Mit­glied­staa­ten Gestal­tungs­spiel­räu­me belässt. Hier­für spricht schon Art. 288 Abs. 3 AEUV, wonach die Richt­li­nie den Mit­glied­staa­ten zur Errei­chung der ver­bind­li­chen Zie­le die Wahl der Form und der Mit­tel über­lässt, und deren Unter­schei­dung von der Ver­ord­nung nach Art. 288 Abs. 2 AEUV. Dafür spricht auch das Sub­si­dia­ri­täts­prin­zip nach Art. 5 Abs. 3 EUV. Frei­lich hängt die Fra­ge, wie weit der zwin­gen­de Cha­rak­ter einer Richt­li­nie reicht, letzt­lich von deren kon­kre­tem Inhalt ab. Das schließt auch die Mög­lich­keit ein, dass eine Richt­li­nie bestimm­te Fra­gen voll­stän­dig ver­ein­heit­li­chen kann 1.

Bei der Anwen­dung uni­ons­recht­lich voll­stän­dig ver­ein­heit­lich­ter Rege­lun­gen sind grund­sätz­lich nicht die deut­schen Grund­rech­te, son­dern allein die Uni­ons­grund­rech­te maß­geb­lich; das Uni­ons­recht hat hier gegen­über den Grund­rech­ten des Grund­ge­set­zes Anwen­dungs­vor­rang. Hier­von unbe­rührt blei­ben Reser­ve­vor­be­hal­te für den Fall eines grund­sätz­li­chen Weg­bre­chens die­ses Schut­zes.

Dass in voll­ver­ein­heit­lich­ten Mate­ri­en des Uni­ons­rechts die deut­schen Grund­rech­te nicht anwend­bar sind, ent­spricht für die Gül­tig­keits­prü­fung die­ser Nor­men stän­di­ger Recht­spre­chung 2. Nichts ande­res gilt aber für deren kon­kre­ti­sie­ren­de Anwen­dung.

Die Anwen­dung der Uni­ons­grund­rech­te ist hier Kon­se­quenz der Über­tra­gung von Hoheits­be­fug­nis­sen auf die Euro­päi­sche Uni­on nach Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG. Wenn die Uni­on im Rah­men die­ser Befug­nis­se Rege­lun­gen schafft, die in der gesam­ten Uni­on gel­ten und ein­heit­lich ange­wen­det wer­den sol­len, muss auch der bei Anwen­dung die­ser Rege­lun­gen zu gewähr­leis­ten­de Grund­rechts­schutz ein­heit­lich sein. Die­sen Grund­rechts­schutz gewähr­leis­tet die Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on. Die deut­schen Grund­rech­te sind in die­sen Fäl­len nicht anwend­bar, weil dies das Ziel der Rechts­ver­ein­heit­li­chung kon­ter­ka­rie­ren wür­de. Zwar kön­nen in Viel­falt zulas­sen­den, nicht voll­stän­dig ver­ein­heit­lich­ten Berei­chen die Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes das grund­recht­li­che Schutz­ni­veau der Uni­on regel­mä­ßig mit­ge­währ­leis­ten 3. Im Bereich des voll­stän­dig ver­ein­heit­lich­ten Uni­ons­rechts kann von die­ser Mit­ge­währ­leis­tung hin­ge­gen nicht aus­ge­gan­gen wer­den. Hier ver­langt das Uni­ons­recht gera­de die Ein­heit­lich­keit der Rechts­an­wen­dung. Das steht einer Her­an­zie­hung unter­schied­li­cher mit­glied­staat­li­cher Grund­rechts­stan­dards von vorn­her­ein ent­ge­gen, weil dies zur diver­gie­ren­den Anwen­dung des ver­ein­heit­lich­ten Rechts füh­ren wür­de. Der­zeit ist nicht davon aus­zu­ge­hen, dass über das zusam­men­füh­ren­de, aber nicht auf Ver­ein­heit­li­chung zie­len­de gemein­sa­me Fun­da­ment in der Euro­päi­schen Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on hin­aus deckungs­glei­che Grund­rechts­stan­dards bestehen. Zu berück­sich­ti­gen ist hier­bei, dass die Char­ta in Wech­sel­wir­kung mit sehr ver­schie­de­nen Rechts­ord­nun­gen steht, die sich auch hin­sicht­lich des Grund­rechts­schut­zes viel­fach von­ein­an­der unter­schei­den. Dies betrifft schon die äuße­re Form und die insti­tu­tio­nel­le Ein­bin­dung des Grund­rechts­schut­zes, betrifft wei­ter die Anfor­de­run­gen an Grund­rechts­be­schrän­kun­gen im Hin­blick auf die Gewich­tung öffent­li­cher Inter­es­sen oder auf die Ver­ar­bei­tung von Wer­tungs­kon­flik­ten zwi­schen ver­schie­de­nen Grund­rech­ten und betrifft schließ­lich auch Grund­vor­stel­lun­gen, wie­weit und in wel­cher Dich­te eine gericht­li­che Kon­trol­le am Maß­stab der Grund­rech­te zuläs­sig oder gebo­ten ist. Dar­in spie­geln sich viel­fäl­tig beding­te tat­säch­li­che Unter­schie­de in den Mit­glied­staa­ten wie nicht zuletzt auch je eige­ne geschicht­li­che Erfah­run­gen.

Es kann nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass sich die Grund­rech­te­char­ta, soweit, bezo­gen auf voll­ver­ein­heit­lich­tes Uni­ons­recht, ein in allen Mit­glied­staa­ten glei­cher Grund­rechts­schutz gel­ten soll, gera­de dem Grund­ge­setz anschließt und sich in den Ein­zel­hei­ten mit dem hier­nach ins Werk gesetz­ten Grund­rechts­schutz deckt 4. Dies gilt umso mehr, als der Grund­rechts­schutz in Deutsch­land auf einer lan­ge gewach­se­nen, dich­ten Grund­rechts­recht­spre­chung beruht, die die Grund­rech­te auf der Grund­la­ge pro­zess­recht­lich wei­ter Befug­nis­se des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts für den Kon­text der deut­schen Rechts­ord­nung spe­zi­fisch kon­kre­ti­siert. Eine Aus­le­gung voll­ver­ein­heit­lich­ten Uni­ons­rechts am Maß­stab der Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes trü­ge damit die Gefahr in sich, inner­staat­lich gewon­ne­ne Maß­stä­be vor­schnell auch dem Uni­ons­recht zu unter­le­gen – mit der Fol­ge, dass die­se Maß­stä­be dann auch als Maß­stä­be für die ande­ren Mit­glied­staa­ten ver­stan­den wür­den.

Bezo­gen auf die Rechts­ord­nung des Grund­ge­set­zes ist damit – unab­hän­gig davon, wie das in ande­ren Mit­glied­staa­ten zu beur­tei­len ist – von einem jewei­li­gen Eigen­stand der uni­ons­recht­li­chen und der natio­na­len Grund­rech­te aus­zu­ge­hen. Maß­stab für die kon­kre­ti­sie­ren­de Anwen­dung von voll­ver­ein­heit­lich­tem Uni­ons­recht durch inner­staat­li­che Behör­den und Gerich­te ist die Grund­rech­te­char­ta.

Die Nicht­an­wen­dung der deut­schen Grund­rech­te als Kon­troll­maß­stab beruht allein auf der Aner­ken­nung eines Anwen­dungs­vor­rangs des Uni­ons­rechts 5 und lässt die Gel­tung der Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes als sol­che unbe­rührt. Sie blei­ben dahin­ter­lie­gend ruhend in Kraft. Dem­entspre­chend erkennt das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in stän­di­ger Recht­spre­chung einen die Über­prü­fung an den Grund­rech­ten des Grund­ge­set­zes aus­schlie­ßen­den Anwen­dungs­vor­rang des Uni­ons­rechts nur unter dem Vor­be­halt an, dass der Grund­rechts­schutz durch die statt­des­sen zur Anwen­dung kom­men­den Grund­rech­te der Uni­on hin­rei­chend wirk­sam ist 6. Indem das Grund­ge­setz den ein­zel­nen Men­schen und sei­ne Grund­rech­te in den Mit­tel­punkt sei­ner Ord­nung stellt, deren Wesens­ge­halt und Men­schen­wür­de­kern für unan­tast­bar erklärt (vgl. Art.19 Abs. 2, Art. 79 Abs. 3 GG) und die­sen Schutz auch im Hin­blick auf die Uni­ons­ver­trä­ge sichert (vgl. Art. 23 Abs. 1 Satz 3 GG), kön­nen die Garan­ti­en der Grund­rech­te nur inso­weit durch das Uni­ons­recht über­la­gert wer­den, als deren Schutz­ver­spre­chen in der Sub­stanz erhal­ten blei­ben. Erfor­der­lich ist des­halb, dass der Schutz der Char­ta dem vom Grund­ge­setz jeweils als unab­ding­bar gebo­te­nen Grund­rechts­schutz im Wesent­li­chen gleich zu ach­ten ist, zumal den Wesens­ge­halt der Grund­rech­te gene­rell ver­bürgt 6. Maß­geb­lich ist inso­weit eine auf das jewei­li­ge Grund­recht des Grund­ge­set­zes bezo­ge­ne gene­rel­le Betrach­tung.

Nach dem der­zei­ti­gen Stand des Uni­ons­rechts – zumal unter Gel­tung der Char­ta – ist ent­spre­chend stän­di­ger Recht­spre­chung davon aus­zu­ge­hen, dass die­se Vor­aus­set­zun­gen grund­sätz­lich erfüllt sind 7. Den Grund­rech­ten des Grund­ge­set­zes kommt inso­weit nur eine Reser­vefunk­ti­on zu. Soll die­se mit einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de akti­viert wer­den, unter­liegt das hohen Sub­stan­ti­ie­rungs­an­for­de­run­gen 8.

Die wei­te­ren Vor­be­hal­te der Ultra-vires-Kon­trol­le und der Wah­rung der Ver­fas­sungs­iden­ti­tät 9 wer­den durch das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren nicht berührt.

Soweit die Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes durch den Anwen­dungs­vor­rang des Uni­ons­rechts ver­drängt wer­den, kon­trol­liert das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt des­sen Anwen­dung durch deut­sche Stel­len am Maß­stab der Uni­ons­grund­rech­te 10.

In sei­ner bis­he­ri­gen Recht­spre­chung hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt eine Prü­fung am Maß­stab der Uni­ons­grund­rech­te nicht aus­drück­lich in Erwä­gung gezo­gen. Soweit es in Aner­ken­nung eines Vor­rangs des Uni­ons­rechts die grund­ge­setz­li­chen Grund­rech­te nicht ange­wen­det hat, hat es viel­mehr auf eine Grund­rechts­prü­fung ganz ver­zich­tet und die Grund­rechts­kon­trol­le den Fach­ge­rich­ten in Koope­ra­ti­on mit dem Euro­päi­schen Gerichts­hof über­las­sen. Die­se Recht­spre­chung war auf Fall­kon­stel­la­tio­nen bezo­gen, in denen – mit­tel­bar oder unmit­tel­bar – die Gül­tig­keit von Uni­ons­recht selbst in Fra­ge stand. Es han­del­te sich um Fäl­le, in denen dar­über zu ent­schei­den war, ob das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Wirk­sam­keit ent­we­der von bestimm­ten Ent­schei­dun­gen 11 oder Rechts­vor­schrif­ten 12 der Uni­on selbst oder aber von deut­schen Nor­men, die zwin­gen­des Uni­ons­recht inner­staat­lich umset­zen 13, prü­fen kann. Da die Ver­wer­fung oder Ungül­tig­erklä­rung von Uni­ons­recht allein dem Euro­päi­schen Gerichts­hof vor­be­hal­ten ist, hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt dort auf eine vor­he­ri­ge eige­ne Grund­rechts­prü­fung ganz ver­zich­tet. Ob und wie­weit für die­se Kon­stel­la­tio­nen hier­an fest­zu­hal­ten ist, ist hier nicht zu ent­schei­den.

Vor­lie­gend ste­hen jedoch nicht Gül­tig­keit oder Wirk­sam­keit von Uni­ons­recht in Fra­ge, son­dern die rich­ti­ge Anwen­dung voll­ver­ein­heit­lich­ten Uni­ons­rechts im Lich­te der für den Ein­zel­fall kon­kre­ti­sie­rungs­be­dürf­ti­gen Grund­rech­te der Char­ta. Gegen­stand der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist die Kon­trol­le einer Ent­schei­dung eines deut­schen Fach­ge­richts dar­auf­hin, ob es bei der ihm oblie­gen­den Anwen­dung des Uni­ons­rechts den hier­bei zu beach­ten­den Anfor­de­run­gen der Char­ta Genü­ge getan hat. Jeden­falls in sol­chen Fäl­len kann sich das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht aus der Grund­rechts­prü­fung zurück­zie­hen, son­dern gehört es zu sei­nen Auf­ga­ben, Grund­rechts­schutz am Maß­stab der Uni­ons­grund­rech­te zu gewähr­leis­ten.

Die Prü­fungs­kom­pe­tenz des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts für die Uni­ons­grund­rech­te folgt hier aus Art. 23 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit den grund­ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten über die Auf­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts im Bereich des Grund­rechts­schut­zes. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nimmt ent­spre­chend sei­ner Auf­ga­be, gegen­über der deut­schen Staats­ge­walt umfas­send Grund­rechts­schutz zu gewäh­ren, im Bereich der Anwen­dung voll­stän­dig ver­ein­heit­lich­ten Uni­ons­rechts gemäß Art. 23 Abs. 1 Satz 1 GG durch eine Prü­fung der Rech­te der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on im Ver­fah­ren der Ver­fas­sungs­be­schwer­de nach Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG sei­ne Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung wahr.

Nach Art. 23 Abs. 1 GG wirkt die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land an der Ver­wirk­li­chung eines ver­ein­ten Euro­pas mit und kann der Uni­on hier­für Hoheits­rech­te über­tra­gen. Zusam­men mit den ande­ren Mit­glied­staa­ten hat die Bun­des­re­pu­blik der Euro­päi­schen Uni­on durch die Uni­ons­ver­trä­ge Befug­nis­se zum Erlass eige­ner Rechts­ak­te über­tra­gen. Gemein­sam haben die Mit­glied­staa­ten auch die Grund­rech­te­char­ta geschaf­fen, die das Uni­ons­recht und die mit ihm ein­ge­räum­ten Befug­nis­se flan­kiert. Auf die­ser Grund­la­ge öff­nen die Zustim­mungs­ge­set­ze zu den Uni­ons­ver­trä­gen die deut­sche Rechts­ord­nung für das Uni­ons­recht und aner­kennt die deut­sche Rechts­ord­nung Rechts­ak­te der Uni­on als inner­staat­lich unmit­tel­bar wirk­sa­mes Recht. Inso­weit respek­tiert sie grund­sätz­lich auch den Anspruch des Uni­ons­rechts auf Vor­rang gegen­über inner­staat­li­chem Recht, auch gegen­über deut­schem Ver­fas­sungs­recht 14.

Die in Art. 23 Abs. 1 GG vor­ge­se­he­ne Öff­nung des Grund­ge­set­zes für das Uni­ons­recht meint dabei nicht einen Rück­zug der deut­schen Staats­ge­walt aus der Ver­ant­wor­tung für die der Uni­on über­tra­ge­nen Mate­ri­en, son­dern sieht viel­mehr eine Mit­wir­kung der Bun­des­re­pu­blik an deren Ent­fal­tung vor. In Bezug genom­men wird damit ein eng ver­floch­te­nes Mit­ein­an­der der Ent­schei­dungs­trä­ger, wie es dem Inhalt der Uni­ons­ver­trä­ge ent­spricht. Danach obliegt die Umset­zung des Uni­ons­rechts nur begrenzt den Insti­tu­tio­nen der Euro­päi­schen Uni­on unmit­tel­bar selbst, son­dern in wei­tem Umfang den Mit­glied­staa­ten. Inner­staat­lich wird dabei das Uni­ons­recht grund­sätz­lich nach Maß­ga­be der grund­ge­setz­li­chen Staats­or­ga­ni­sa­ti­on zur Gel­tung gebracht. Für die Mit­wir­kung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land in der Euro­päi­schen Uni­on tra­gen alle Staats­or­ga­ne auch in die­sem Sin­ne Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung 15. Zustän­dig sind hier­für nach all­ge­mei­nen Regeln ins­be­son­de­re die inner­staat­li­chen Par­la­men­te, sei es auf Bun­des- oder Lan­des­ebe­ne, die Bun­des- oder Lan­des­re­gie­run­gen sowie die öffent­li­che Ver­wal­tung nach den Maß­ga­ben der föde­ra­len Staats­or­ga­ni­sa­ti­on.

Nichts ande­res gilt für die Gerich­te. Unmit­tel­bar anwend­ba­res Uni­ons­recht und natio­na­les Umset­zungs­recht sind von den nach der all­ge­mei­nen Gerichts­ver­fas­sung zustän­di­gen Gerich­ten nach den Regeln der jewei­li­gen Pro­zess­ord­nun­gen anzu­wen­den – unab­hän­gig davon, ob es sich um unmit­tel­bar anwend­ba­re Vor­schrif­ten der Uni­on selbst oder um uni­ons­recht­lich ver­an­lass­tes inner­staat­li­ches Recht han­delt.

Danach obliegt es dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, bei sei­ner Kon­trol­le der Recht­spre­chung der Fach­ge­rich­te erfor­der­li­chen­falls auch die Uni­ons­grund­rech­te in sei­nen Prü­fungs­maß­stab ein­zu­be­zie­hen.

Die Gewähr­leis­tung eines wirk­sa­men Grund­rechts­schut­zes gehört zu den zen­tra­len Auf­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts. Sei­nen Aus­druck fin­det das vor allem in der Urteils­ver­fas­sungs­be­schwer­de als der die Arbeit des Gerichts in beson­de­rer Wei­se prä­gen­den Ver­fah­rens­art. Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist bewusst weit und umfas­send kon­zi­piert: Beschwer­de­be­rech­tigt und ‑befugt ist nach Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG jede Per­son, die behaup­tet, in ihren Grund­rech­ten ver­letzt zu sein, und Gegen­stand einer Ver­fas­sungs­be­schwer­de kann jeder Akt der öffent­li­chen Gewalt sein. Dem Anspruch nach bie­tet die Ver­fas­sungs­be­schwer­de so einen umfas­sen­den Grund­rechts­schutz gegen­über der gesam­ten deut­schen Staats­ge­walt in allen ihren Aus­prä­gun­gen.

Auch die Uni­ons­grund­rech­te gehö­ren heu­te zu dem gegen­über der deut­schen Staats­ge­walt durch­zu­set­zen­den Grund­rechts­schutz. Sie sind nach Maß­ga­be des Art. 51 Abs. 1 GRCh inner­staat­lich anwend­bar und bil­den zu den Grund­rech­ten des Grund­ge­set­zes ein Funk­ti­ons­äqui­va­lent. Ein­ge­bet­tet in einen aus­for­mu­lier­ten Grund­rechts­ka­ta­log haben sie ihrem Inhalt und nor­ma­ti­ven Anspruch nach für das Uni­ons­recht und des­sen Aus­le­gung heu­te eine weit­ge­hend glei­che Funk­ti­on wie die deut­schen Grund­rech­te für das Recht unter dem Grund­ge­setz: Sie die­nen in ihrem Anwen­dungs­be­reich dem Schutz der Frei­heit und Gleich­heit der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger und bean­spru­chen – gege­be­nen­falls auch gericht­lich durch­zu­set­zen­den – Vor­rang vor jeder Art uni­ons­recht­li­chen Han­delns, unab­hän­gig von des­sen Rechts­form und der hier­für ver­ant­wort­li­chen Stel­le. Schon nach ihrer Prä­am­bel stellt sich die Char­ta in die Tra­di­ti­on der unver­letz­li­chen und unver­äu­ßer­li­chen Men­schen­rech­te und ent­spre­chend bin­det sie ihre Aus­le­gung in Art. 52, Art. 53 GRCh an die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on. Sie beruft sich damit auf die­sel­be Tra­di­ti­on, in die Art. 1 Abs. 2 GG auch die Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes stellt.

Ohne Ein­be­zie­hung der Uni­ons­grund­rech­te in den Prü­fungs­maß­stab des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts blie­be danach der Grund­rechts­schutz gegen­über der fach­ge­richt­li­chen Rechts­an­wen­dung nach dem heu­ti­gen Stand des Uni­ons­rechts unvoll­stän­dig. Dies gilt ins­be­son­de­re für Rege­lungs­ma­te­ri­en, die durch das Uni­ons­recht voll­stän­dig ver­ein­heit­licht sind. Da hier die Anwen­dung der deut­schen Grund­rech­te grund­sätz­lich aus­ge­schlos­sen ist, ist ein ver­fas­sungs­ge­richt­li­cher Grund­rechts­schutz nur gewähr­leis­tet, wenn das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt für die Über­prü­fung fach­ge­richt­li­cher Rechts­an­wen­dung die Uni­ons­grund­rech­te zum Prü­fungs­maß­stab nimmt. Wür­de es sich hier aus dem Grund­rechts­schutz her­aus­zie­hen, könn­te es die­se Auf­ga­be mit zuneh­men­der Ver­dich­tung des Uni­ons­rechts immer weni­ger wahr­neh­men. Ent­spre­chend ver­langt ein voll­stän­di­ger Grund­rechts­schutz die Berück­sich­ti­gung der Uni­ons­grund­rech­te auch dann, wenn das Schutz­ni­veau der Char­ta außer­halb voll­ver­ein­heit­lich­ter Rege­lungs­ma­te­ri­en aus­nahms­wei­se Anfor­de­run­gen stellt, die die grund­ge­setz­li­chen Grund­rech­te nicht abde­cken 16.

Die Schutz­lü­cke hin­sicht­lich der fach­ge­richt­li­chen Anwen­dung der Uni­ons­grund­rech­te wird auch nicht durch ent­spre­chen­de Rechts­be­hel­fe auf der Ebe­ne des Uni­ons­rechts geschlos­sen. Eine Mög­lich­keit Ein­zel­ner, die Ver­let­zung von Uni­ons­grund­rech­ten durch die mit­glied­staat­li­chen Fach­ge­rich­te unmit­tel­bar vor dem Euro­päi­schen Gerichts­hof gel­tend zu machen, besteht nicht.

Die Erstre­ckung der ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Prü­fung auf die Uni­ons­grund­rech­te ist auch nicht des­halb ent­behr­lich, weil bei der Anwen­dung des Uni­ons­rechts schon die Fach­ge­rich­te den uni­ons­recht­li­chen Grund­rechts­schutz zu gewähr­leis­ten haben. Denn eine wirk­sa­me Wahr­neh­mung der Auf­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, wie vom Grund­ge­setz vor­ge­se­hen, erfor­dert, dass das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auch den Fach­ge­rich­ten gegen­über sei­ne grund­rechts­spe­zi­fi­sche Kon­troll­funk­ti­on wahr­neh­men kann.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de ergänzt den fach­ge­richt­li­chen Rechts­schutz bewusst um eine eige­ne ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Kon­trol­le. Mit ihr soll zusätz­lich und bun­des­ein­heit­lich eine auf die grund­recht­li­che Per­spek­ti­ve spe­zia­li­sier­te Kon­trol­le gegen­über den Fach­ge­rich­ten eröff­net wer­den, um so den Grund­rech­ten gegen­über dem ein­fa­chen Recht ihr spe­zi­fi­sches Gewicht zu sichern und den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern dies­be­züg­lich beson­de­ren Schutz zukom­men zu las­sen. Wenn heu­te der ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­rechts­schutz teil­wei­se durch den Anwen­dungs­vor­rang des Uni­ons­rechts über­la­gert wird, gibt es kei­nen Grund, den Bür­ge­rin­nen und Bür­gern die­sen Rechts­be­helf des­halb zu ver­sa­gen. In der Kon­se­quenz der in Art. 23 Abs. 1 Satz 1 GG vor­ge­se­he­nen Mit­wir­kung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und damit auch des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts bei der Ent­wick­lung der Euro­päi­schen Uni­on liegt es viel­mehr, die­sen Rechts­be­helf auch auf die Durch­set­zung der Uni­ons­grund­rech­te zu erstre­cken. Eine Kon­trol­le der fach­ge­richt­li­chen Rechts­an­wen­dung auf ihre Ver­ein­bar­keit mit Grund­rech­ten wäre ansons­ten jen­seits von Art. 267 AEUV nicht mög­lich.

Es reicht inso­weit auch nicht, die Fach­ge­rich­te unter der Per­spek­ti­ve der Garan­tie des gesetz­li­chen Rich­ters (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG; vgl. BVerfGE 147, 364, 378 f. Rn. 37 m.w.N.; BVerfG, Urteil vom 18.07.2018 – 1 BvR 1675/​16 u.a., Rn. 138 m.w.N.) nur dar­auf­hin zu kon­trol­lie­ren, ob sie ihren uni­ons­recht­li­chen Vor­la­ge­pflich­ten genü­gen. Denn mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist eine umfas­sen­de Grund­rechts­kon­trol­le zuge­sagt, die auch die rich­ti­ge Anwen­dung der Grund­rech­te im Ein­zel­fall umfasst. Dies­be­züg­lich erschöpft sich die grund­recht­li­che Ver­ant­wor­tung der Fach­ge­rich­te aber nicht in der Beach­tung der Vor­la­ge­ver­pflich­tung und damit der Ver­ge­wis­se­rung über die uni­ons­recht­lich zugrun­de zu legen­den Aus­le­gungs­grund­sät­ze. Viel­mehr ver­bleibt ihnen, auch soweit die Aus­le­gung der Grund­rech­te geklärt ist, die Auf­ga­be, sie im Ein­zel­fall anzu­wen­den. Bei der Anwen­dung des Fach­rechts im Lich­te der Grund­rech­te haben sie dabei in der Regel – wie auch in dem Rechts­streit des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens – einen Aus­gleich von Grund­rechts­po­si­tio­nen zu suchen, der eine Abwä­gung unter Berück­sich­ti­gung der je kon­kre­ten Umstän­de ver­langt und sich in jedem Fall anders stellt.

In solch kon­kre­ti­sie­ren­der Anwen­dung liegt eine eige­ne Ver­ant­wor­tung der Fach­ge­rich­te, die sich nicht durch Vor­la­gen auf den Euro­päi­schen Gerichts­hof ver­la­gern lässt. Viel­mehr fasst der Gerichts­hof sei­ne Aus­le­gung der Grund­rech­te in anwen­dungs­be­dürf­ti­ge ver­all­ge­mei­nern­de Grund­sät­ze und erwar­tet umge­kehrt von den mit­glied­staat­li­chen Gerich­ten, dass sie die­se – auch in wei­te­ren Fäl­len – ver­stän­dig umset­zen und kon­kre­ti­sie­rend mit Leben fül­len. Dabei belässt er ihnen zum Teil erheb­li­che Kon­kre­ti­sie­rungs­spiel­räu­me 17. Bezo­gen auf voll­stän­dig ver­ein­heit­lich­tes Uni­ons­recht liegt hier­in nicht die Aner­ken­nung eines Frei­raums für mit­glied­staat­li­che Viel­falt. Der Gerichts­hof trägt damit viel­mehr dem Umstand Rech­nung, dass die Grund­rech­te auch dort, wo die Rechts­an­wen­dung im Geist uni­ons­wei­ter Ein­heit­lich­keit und Gleich­för­mig­keit steht, nur dann ihre indi­vi­du­al­schüt­zen­de Kraft ent­fal­ten kön­nen, wenn sie ein­zel­fall­ge­recht auf den jewei­li­gen Sach­ver­halt hin kon­kre­ti­siert wer­den. Dies ist Auf­ga­be der mit­glied­staat­li­chen Fach­ge­rich­te.

Als Garant eines umfas­sen­den inner­staat­li­chen Grund­rechts­schut­zes hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Fach­ge­rich­te dies­be­züg­lich zu kon­trol­lie­ren. Das aber erfor­dert eine Kon­trol­le nicht nur am Maß­stab des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG, son­dern die Ein­be­zie­hung der Uni­ons­grund­rech­te selbst in sei­nen Prü­fungs­maß­stab.

Eine sol­che Ein­be­zie­hung der Uni­ons­grund­rech­te ver­bie­tet auch nicht der Wort­laut der Ver­fas­sung, ins­be­son­de­re nicht Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG. Zwar hat die­se Vor­schrift trotz ihrer offe­nen For­mu­lie­rung von ihrer Ent­ste­hungs­ge­schich­te her nur die Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes im Blick. Aus der dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nach Art. 23 Abs. 1 Satz 1 GG auf­ge­tra­ge­nen Mit­wir­kung an der Anwen­dung von Uni­ons­recht im Rah­men der hier­mit ver­bun­de­nen Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung folgt jedoch zugleich, dass Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG inso­weit auf Rügen einer Ver­let­zung von Rech­ten der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on dem­entspre­chend Anwen­dung fin­det. Soweit das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in frü­he­ren Ent­schei­dun­gen – im kon­kre­ten Kon­text ohne­hin nicht auf die Char­ta bezo­gen – ver­all­ge­mei­nernd aus­ge­führt hat, dass gemein­schafts­recht­lich begrün­de­te Rech­te nicht zu den Grund­rech­ten gehö­ren, die nach Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG, § 90 Abs. 1 BVerfGG mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ver­tei­digt wer­den kön­nen 18, wird hier­an in Bezug auf die inner­staat­li­che Anwen­dung der Uni­ons­grund­rech­te in dem oben ent­wi­ckel­ten Umfang nicht fest­ge­hal­ten. Dabei lässt sich die Prü­fung anhand der Uni­ons­grund­rech­te auch ohne Schwie­rig­kei­ten auf der Grund­la­ge des gel­ten­den Pro­zess­rechts durch­füh­ren (vgl. §§ 90 ff. BVerfGG).

Soweit das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Grund­rech­te der Grund­rech­te­char­ta als Prü­fungs­maß­stab anlegt, übt es sei­ne Kon­trol­le in enger Koope­ra­ti­on mit dem Euro­päi­schen Gerichts­hof aus.

Nach Art.19 Abs. 1 UA 1 Satz 2 EUV, Art. 267 AEUV liegt die Zustän­dig­keit für die letzt­ver­bind­li­che Aus­le­gung des Uni­ons­rechts beim Euro­päi­schen Gerichts­hof. Hier­zu gehö­ren auch die Aus­le­gung der Grund­rech­te der Char­ta und die Ent­wick­lung der aus ihnen abzu­lei­ten­den Grund­sät­ze für deren Anwen­dung. Dem­ge­gen­über betrifft die Prü­fungs­kom­pe­tenz des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts die rich­ti­ge Anwen­dung der Uni­ons­grund­rech­te. Es ist inso­weit inner­staat­lich letzt­ent­schei­den­de Instanz im Sin­ne des Art. 267 Abs. 3 AEUV und dem­nach gege­be­nen­falls vor­la­ge­ver­pflich­tet 19.

Eine Anwen­dung der Uni­ons­grund­rech­te kommt des­halb nur in Betracht, wenn der Euro­päi­sche Gerichts­hof deren Aus­le­gung bereits geklärt hat oder die anzu­wen­den­den Aus­le­gungs­grund­sät­ze aus sich her­aus offen­kun­dig sind – etwa auf der Grund­la­ge einer Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te, die im Ein­zel­fall auch den Inhalt der Char­ta bestimmt (vgl. Art. 52 Abs. 3, 4 GRCh). Andern­falls sind die Fra­gen dem Euro­päi­schen Gerichts­hof vor­zu­le­gen. Da hier die Aus­le­gungs­fra­gen grund­sätz­lich unmit­tel­bar ent­schei­dungs­er­heb­lich sind, wer­den Vor­la­gen in wesent­lich grö­ße­rem Umfang in Betracht zu zie­hen sein als in Fäl­len, in denen neben dem Grund­ge­setz zwar auch die Char­ta anwend­bar ist 20, das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aber – wie bis­her – sei­ne Kon­trol­le am Maß­stab der deut­schen Grund­rech­te aus­übt 21.

Dabei kann ein Rück­griff auf die inner­staat­li­che Recht­spre­chung zu den deut­schen Grund­rech­ten Unklar­hei­ten grund­sätz­lich nicht besei­ti­gen. Zwar mögen sich der Grund­rechts­schutz des Grund­ge­set­zes und der­je­ni­ge der Char­ta oft­mals decken und Aus­le­gungs­grund­sät­ze von einer Ord­nung auf die ande­re über­trag­bar sein. Jedoch ist in Blick auf die Ein­heit des Uni­ons­rechts hier Vor­sicht gebo­ten. Grund­sätz­lich muss die Aus­le­gung unmit­tel­bar an den Grund­rech­ten der Char­ta selbst und der Recht­spre­chung der euro­päi­schen Gerich­te anset­zen und ist rück­ge­bun­den an das Grund­rechts­ver­ständ­nis in den Mit­glied­staa­ten der Uni­on ins­ge­samt. Ein wesent­li­ches Indiz für eine Vor­la­ge­pflicht ist dabei ins­be­son­de­re, wenn in der Rechts­pra­xis der Mit­glied­staa­ten über den Ein­zel­fall hin­aus­rei­chen­de unter­schied­li­che Ver­ständ­nis­se der Uni­ons­grund­rech­te zum Aus­druck kom­men. Vor dem Anspruch der Ein­heit des Uni­on­rechts ist es Auf­ga­be des Euro­päi­schen Gerichts­hofs, sol­che Dif­fe­ren­zen zu klä­ren – eben­so wie der Gerichts­hof auch sonst bei Zwei­feln über die der Anwen­dung vor­aus­lie­gen­de Aus­le­gung der Uni­ons­grund­rech­te nach Art. 267 Abs. 3 AEUV zu befas­sen ist.

Nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich ist, ob, soweit das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt als letzt­ent­schei­den­de Instanz im Sin­ne des Art. 267 Abs. 3 AEUV vor­la­ge­pflich­tig ist, die ent­spre­chen­de Vor­la­ge­pflicht der Fach­ge­rich­te ent­fällt oder ob dar­an fest­zu­hal­ten ist, dass auch die Fach­ge­rich­te, soweit sie im fach­ge­richt­li­chen Instan­zen­zug letzt­in­stanz­lich ent­schei­den, für Fra­gen der Anwen­dung der Uni­ons­grund­rech­te vor­la­ge­pflich­tig blei­ben 22.

Wird an einer sol­chen Vor­la­ge­pflicht fest­ge­hal­ten, könn­ten zwei Gerich­te neben­ein­an­der und gleich­zei­tig als letzt­in­stanz­li­ches Gericht im Sin­ne des Art. 267 Abs. 3 AEUV anzu­se­hen sein. Das liegt für das Neben­ein­an­der von Ver­fas­sungs­ge­richts­bar­keit und Fach­ge­richts­bar­keit aller­dings nicht nahe 23. Indes­sen ist ange­sichts der Beson­der­hei­ten der Ver­fas­sungs­be­schwer­de als außer­or­dent­li­cher Rechts­be­helf nicht aus­ge­schlos­sen, das letzt­in­stanz­li­che Fach­ge­richt auch für die Aus­le­gung der Uni­ons­grund­rech­te inner­staat­lich als grund­sätz­lich abschlie­ßen­de Instanz zu qua­li­fi­zie­ren.

Nach dem Stand der Recht­spre­chung kann das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt im Fall uni­ons­grund­recht­lich begrün­de­ter Aus­le­gungs­zwei­fel die Hand­ha­bung der Vor­la­ge­pflicht nach Art. 267 Abs. 3 AEUV durch das letzt­in­stanz­li­che Fach­ge­richt wei­ter am zurück­ge­nom­me­nen Ver­tret­bar­keits­maß­stab des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG mes­sen 24. Liegt kein Ver­stoß gegen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG vor, wird es zudem die Ver­ein­bar­keit der fach­ge­richt­li­chen Aus­le­gung uni­ons­recht­lich deter­mi­nier­ten Rechts mit der Grund­rech­te­char­ta prü­fen und wegen der Aus­le­gung der Uni­ons­grund­rech­te gege­be­nen­falls selbst nach Art. 267 Abs. 3 AEUV dem Euro­päi­schen Gerichts­hof vor­le­gen.

Von vorn­her­ein unbe­rührt bleibt die Vor­la­ge­pflicht der Fach­ge­rich­te und deren Kon­trol­le über Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG für die Kon­stel­la­tio­nen, in denen es nicht um die Fra­ge des Inhalts der Grund­rech­te der Char­ta selbst geht. Soweit also die Aus­le­gung des Uni­ons­rechts unab­hän­gig von den Rech­ten der Char­ta in Fra­ge steht, sind hier­zu allein die Fach­ge­rich­te beru­fen und blei­ben die­se dem­entspre­chend als letzt­ent­schei­den­de inner­staat­li­che Instanz gege­be­nen­falls auch vor­la­ge­ver­pflich­tet. Dies betrifft sowohl die Aus­le­gung von Pri­mär- als auch die­je­ni­ge von Sekun­där­recht der Euro­päi­schen Uni­on. Da das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt dies­be­züg­lich kei­ne Kon­troll­be­fug­nis hat, prüft es inso­weit allein die Beach­tung der sich unmit­tel­bar aus dem Grund­ge­setz erge­ben­den Garan­tie des gesetz­li­chen Rich­ters gemäß Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG.

Unbe­rührt bleibt auch die Befug­nis der Fach­ge­rich­te, dem Euro­päi­schen Gerichts­hof ent­schei­dungs­er­heb­li­che Aus­le­gungs­fra­gen der Grund­rech­te­char­ta nach Art. 267 Abs. 2 AEUV vor­zu­le­gen.

Die Fra­ge, ob die Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes oder der Char­ta anzu­wen­den sind, hängt, wie sich aus den vor­ste­hen­den Erwä­gun­gen ergibt, maß­geb­lich von einer Unter­schei­dung zwi­schen voll­stän­dig ver­ein­heit­lich­tem und gestal­tungs­of­fe­nem Uni­ons­recht ab. Das kann Abgren­zungs­fra­gen auf­wer­fen.

Ob eine Rege­lung uni­ons­recht­lich voll­stän­dig ver­ein­heit­licht ist, rich­tet sich nach einer Aus­le­gung des jeweils anzu­wen­den­den uni­ons­recht­li­chen Fach­rechts. Die Fra­ge der Gestal­tungs­of­fen­heit ist dabei jeweils in Bezug auf die kon­kret auf den Fall anzu­wen­den­den Vor­schrif­ten in ihrem Kon­text zu beur­tei­len, nicht aber auf­grund einer all­ge­mei­nen Betrach­tung des Rege­lungs­be­reichs. Soweit etwa für eine bestimm­te Rege­lung des deut­schen Rechts eine Deter­mi­nie­rung durch Be-stim­mun­gen einer Richt­li­nie ange­nom­men wird, gilt dies nicht zwin­gend auch für alle wei­te­ren Rege­lun­gen der Richt­li­nie 25.

Das stellt indes nicht in Fra­ge, dass für die Beur­tei­lung, ob mit einer Rege­lung eine voll­stän­di­ge Ver­ein­heit­li­chung inten­diert ist, die Ein­bin­dung der Vor­schrift in das Regel­werk als Gan­zes und die hier­mit ver­bun­de­ne Ziel­set­zung Berück­sich­ti­gung fin­den müs­sen. Dabei kann auch eine Rol­le spie­len, ob es sich um eine Richt­li­nie oder eine Ver­ord­nung han­delt. Aller­dings las­sen sich aus der Rechts­form allein kei­ne abschlie­ßen­den Kon­se­quen­zen ablei­ten: Auch Ver­ord­nun­gen kön­nen durch Öff­nungs­klau­seln Gestal­tungs­frei­räu­me der Mit­glied­staa­ten begrün­den, eben­so wie Richt­li­ni­en zwin­gen­de und abschlie­ßen­de Vor­ga­ben machen kön­nen. Von einer voll­stän­dig ver­ein­heit­lich­ten Rege­lung ist aber grund­sätz­lich aus­zu­ge­hen, wenn eine Ver­ord­nung einen bestimm­ten Sach­ver­halt abschlie­ßend regelt. Dabei wer­den deren Rege­lun­gen nicht schon dadurch ins­ge­samt gestal­tungs­of­fen, dass sie für eng ein­ge­grenz­te Son­der­kon­stel­la­tio­nen die Mög­lich­keit abwei­chen­der Rege­lun­gen schaf­fen. Sol­che Öff­nungs­klau­seln las­sen Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten nur in dem jeweils frei­ge­ge­be­nen Umfang, erlau­ben aber nicht, die Anwen­dung der Rege­lung ins­ge­samt an den Grund­rech­ten des Grund­ge­set­zes zu mes­sen.

Ob ein Gestal­tungs­spiel­raum ein­ge­räumt ist, lässt sich auch nicht ein­fach­hin ent­lang der im deut­schen Recht bekann­ten Abgren­zung zwi­schen unbe­stimm­ten Rechts­be­grif­fen und Ermes­sen ent­schei­den, zwi­schen denen das Uni­ons­recht eben­so wie das Recht ande­rer Mit­glied­staa­ten nicht in glei­cher Wei­se unter­schei­det wie das deut­sche Recht 26. Es ist viel­mehr in Bezug auf die jewei­li­ge Norm des Uni­ons­rechts zu unter­su­chen, ob sie auf die Ermög­li­chung von Viel­falt und die Gel­tend­ma­chung ver­schie­de­ner Wer­tun­gen ange­legt ist, oder ob sie nur dazu die­nen soll, beson­de­ren Sach­ge­ge­ben­hei­ten hin­rei­chend fle­xi­bel Rech­nung zu tra­gen, dabei aber von dem Ziel der gleich­för­mi­gen Rechts­an­wen­dung getra­gen ist 27.

Die Unter­schei­dung zwi­schen voll­ver­ein­heit­lich­tem und gestal­tungs­of­fe­nem Uni­ons­recht ist erfor­der­lich, um zu ent­schei­den, ob die Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes oder die­je­ni­gen der Char­ta anwend­bar sind. Soweit im Ein­zel­fall fest­ge­stellt wird, dass die Anwen­dung der ver­schie­de­nen Grund­rech­te im kon­kre­ten Kon­text nicht zu unter­schied­li­chen Ergeb­nis­sen führt, sind die Fach­ge­rich­te – ent­spre­chend dem all­ge­mei­nen Pro­zess­recht – nicht gehin­dert, schwie­ri­ge Abgren­zungs­fra­gen nach der Reich­wei­te der Ver­ein­heit­li­chung dahin­ste­hen zu las­sen.

Ein Fach­ge­richt kann mit der Annah­me, das anzu­wen­den­de Uni­ons­recht las­se kei­nen Spiel­raum für eine Umset­zung in natio­na­les Recht, Bedeu­tung und Trag­wei­te der Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes ver­ken­nen; das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ist inso­weit nicht auf eine Will­kür­prü­fung beschränkt 28.

Die Beschwer­de­be­fug­nis der Beschwer­de­füh­re­rin ist auf eine mög­li­che Ver­let­zung der Art. 7 und Art. 8 GRCh zu stüt­zen. Mit ihrem Vor­brin­gen hat sie hin­rei­chend dar­ge­legt, dass sie durch die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung in ihren Grund­rech­ten auf Ach­tung des Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens und auf Schutz per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten nach die­sen Vor­schrif­ten ver­letzt sein kann.

Mit ihrer Ver­fas­sungs­be­schwer­de beruft sich die Beschwer­de­füh­re­rin unter Aus­ein­an­der­set­zung mit der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung auf eine Ver­let­zung ihres Rechts auf Ent­fal­tung ihrer Per­sön­lich­keit. Sie macht sub­stan­ti­iert gel­tend, dass sie durch die Bereit­stel­lung des strei­ti­gen Links durch den beklag­ten Such­ma­schi­nen­be­trei­ber bei namens­be­zo­ge­nen Such­ab­fra­gen bis tief in ihr Pri­vat­le­ben hin­ein in der Gestal­tung ihrer sozia­len Kon­tak­te beein­träch­tigt sei. Damit rügt sie der Sache nach eine Ver­let­zung ihrer Grund­rech­te auf Ach­tung des Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens und auf Schutz per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten nach Art. 7 und Art. 8 GRCh. Dass sie inso­weit die Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes und nicht die Grund­rech­te der Char­ta nennt, ist unschäd­lich. Wird nur die fal­sche Norm benannt, aber in der Sache sub­stan­ti­iert vor­ge­tra­gen, wird hier­durch die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht unzu­läs­sig. Die rich­ti­ge Rechts­an­wen­dung ist viel­mehr Auf­ga­be des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts.

Einer Ent­schei­dung des Ple­nums nach § 16 BVerfGG bedarf es nicht.

Die Anru­fung des Ple­nums ist gebo­ten, wenn ein Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt von einer Auf­fas­sung des ande­ren Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts abwei­chen möch­te, die für die Ent­schei­dung des ande­ren Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts tra­gend war 29. Nach der Recht­spre­chung des Ple­nums des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kann eine sol­che Abwei­chung auch dann vor­lie­gen, wenn die tra­gen­de Rechts­auf­fas­sung zwar nicht aus­drück­lich aus­ge­spro­chen wur­de, sie aber der Ent­schei­dung eines Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts unaus­ge­spro­chen zugrun­de­liegt und die­se nach ihrem Sinn und Inhalt zu Ende gedacht mit einer von dem ande­ren Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ver­tre­te­nen Auf­fas­sung nicht ver­ein­bar ist 30.

Danach weicht das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit der Her­an­zie­hung der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on als Prü­fungs­maß­stab für die gegen das ober­lan­des­ge­richt­li­che Urteil gerich­te­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht von Ent­schei­dun­gen tra­gen­den Rechts­auf­fas­sun­gen ab.

In der Erstre­ckung der bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Prü­fungs­kom­pe­tenz auf die Uni­ons­grund­rech­te liegt kei­ne Abwei­chung von der mit der soge­nann­ten Solan­ge II, Ent­schei­dung 31 begrün­de­ten Recht­spre­chung beid­as Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­te 32.

Gegen­stand die­ser Recht­spre­chung ist allein, ob und wie­weit Uni­ons­recht und inner­staat­li­ches Recht, das zwin­gen­des Uni­ons­recht umsetzt, am Maß­stab des Grund­ge­set­zes zu prü­fen sind. Geklärt wur­de mit ihr, dass dies nach dem Stand des Uni­ons­rechts grund­sätz­lich nicht der Fall ist, dabei für beson­de­re Situa­tio­nen aber Vor­be­hal­te zu machen sind. Dem­ge­gen­über zog die­se Recht­spre­chung eine Anwend­bar­keit der Uni­ons­grund­rech­te – und schon gar der erst im Jahr 2009 ver­bind­lich gewor­de­nen Grund­rech­te­char­ta – weder expli­zit noch impli­zit in Betracht und traf hier­zu weder eine posi­ti­ve noch eine nega­ti­ve Aus­sa­ge. Die Behand­lung ent­spre­chen­der Ver­fas­sungs­be­schwer­den als unzu­läs­sig beruh­te nicht auf einer eigen­stän­di­gen Aus­sa­ge die­ser Recht­spre­chung, dass Uni­ons­grund­rech­te nicht anwend­bar sei­en, son­dern war nur Reflex der Unan­wend­bar­keit des Grund­ge­set­zes.

Selbst wenn man anneh­men woll­te, dass hier­in impli­zit die Aus­sa­ge ent­hal­ten war, Uni­ons­grund­rech­te kämen nicht zur Anwen­dung, betrifft jene Recht­spre­chung aber ohne­hin eine ande­re Kon­stel­la­ti­on als die vor­lie­gen­de Ent­schei­dung: Sowohl die Zurück­nah­me des deut­schen Grund­rechts­schut­zes als auch die Behand­lung ent­spre­chen­der Ver­fas­sungs­be­schwer­den als unzu­läs­sig bezo­gen sich stets auf Fäl­le, in denen es um die Gül­tig­keit oder Wirk­sam­keit von Uni­ons­recht ging. Mit dem Rück­zug aus der Grund­rechts­prü­fung soll­te ver­hin­dert wer­den, dass unter Beru­fung auf deut­sches Ver­fas­sungs­recht ver­bind­li­che Ent­schei­dun­gen der Euro­päi­schen Uni­on in Fra­ge gestellt wer­den kön­nen. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat daher ent­schei­dungs­er­heb­lich jeweils ledig­lich zum Aus­druck gebracht, sei­ne Gerichts­bar­keit über die Anwend­bar­keit von abge­lei­te­tem Gemein­schafts- bezie­hungs­wei­se Uni­ons­recht, das inner­staat­li­che Behör­den und Gerich­te als Rechts­grund­la­ge für ihr Han­deln her­an­ge­zo­gen haben, nicht aus­zu­üben und die­ses Recht nicht an den Grund­rech­ten des Grund­ge­set­zes zu prü­fen 33. Dem­ge­gen­über geht es in der vor­lie­gen­den Ent­schei­dung nicht um eine Infra­ge­stel­lung von Uni­ons­recht, son­dern um des­sen rich­ti­ge Anwen­dung im Lich­te des kla­ren oder geklär­ten Gehalts der Uni­ons­grund­rech­te. Hier­zu ent­hält die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung weder aus­drück­lich noch impli­zit eine Aus­sa­ge.

Nichts ande­res ergibt sich aus der Ent­schei­dung vom 15.12 2015 zum Euro­päi­schen Haft­be­fehl 34. Gegen­stand der Ent­schei­dung war nicht die Anwen­dung der Uni­ons­grund­rech­te, son­dern die Reich­wei­te des Iden­ti­täts­vor­be­halts, die nicht Gegen­stand die­ser Ent­schei­dung ist. Zwar mag hin­ter der Ent­schei­dung die impli­zi­te Rechts­auf­fas­sung gestan­den haben, dass die Uni­ons­grund­rech­te durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht ange­wen­det wer­den kön­nen. Die­se Rechts­auf­fas­sung wur­de für die Ent­schei­dung indes nicht tra­gend. Denn der Zwei­te Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt stütz­te die Auf­he­bung der dor­ti­gen Aus­gangs­ent­schei­dung dar­auf, dass unter den kon­kre­ten Umstän­den des dor­ti­gen Fal­les uni­ons­recht­li­ches Fach­recht einer Anwen­dung des Art. 1 Abs. 1 GG nicht ent­ge­gen­stand; eine Prü­fung am Maß­stab der Uni­ons­grund­rech­te hät­te an der Ent­schei­dung im Ergeb­nis nichts geän­dert, weil uni­ons­recht­li­che Maß­ga­ben nicht hin­ter den Anfor­de­run­gen des Art. 1 Abs. 1 GG zurück­blie­ben, die zur Auf­he­bung der fach­ge­richt­li­chen Aus­gangs­ent­schei­dung führ­ten 35.

Kei­ne Abwei­chung besteht auch hin­sicht­lich der Ent­schei­dung vom 19.12 2017 zur Aus­lie­fe­rung 36. Die Ent­schei­dung stützt sich tra­gend auf eine Vor­la­ge­pflicht der letzt­in­stanz­li­chen Fach­ge­rich­te bei Fra­gen zur Aus­le­gung der Uni­ons­grund­rech­te. Die vor­lie­gen­de Ent­schei­dung steht einer Bei­be­hal­tung die­ser Recht­spre­chung nicht ent­ge­gen. Auch die Ein­be­zie­hung der Uni­ons­grund­rech­te in den Prü­fungs­maß­stab des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts begrün­det kei­ne Abwei­chung von die­ser Ent­schei­dung des Zwei­ten Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts. Eine Prü­fung des Falls an den Uni­ons­grund­rech­ten wur­de dort nicht in Erwä­gung gezo­gen. Die Nicht­an­wend­bar­keit der Uni­ons­grund­rech­te ist auch nicht unaus­ge­spro­che­ne Vor­aus­set­zung 30 der Annah­me des Zwei­ten Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, im Fall uni­ons­grund­recht­lich begrün­de­ter Aus­le­gungs­zwei­fel kön­ne eine Vor­la­ge­ver­pflich­tung aus Art. 267 Abs. 3 AEUV des letzt­in­stanz­li­chen Fach­ge­richts bestehen, denn dies schließt die Anwen­dung der Grund­rech­te­char­ta durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht aus.

Die Erstre­ckung des ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Prü­fungs­maß­stabs auf die Uni­ons­grund­rech­te begrün­det auch kei­ne Abwei­chung von der Ent­schei­dung vom 28.01.2014 zur Film­för­der­ab­ga­be 37, in der die­ser die Prü­fung eines deut­schen Geset­zes am Maß­stab der uni­ons­recht­li­chen Bei­hil­fe­vor­schrif­ten ablehn­te und dafür unter ande­rem auf eine all­ge­mein for­mu­lier­te Aus­sa­ge vom 28.03.2006 ver­wies, nach der gemein­schafts­recht­lich begrün­de­te Rech­te nicht mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ver­tei­digt wer­den könn­ten 38. Der Zwei­te Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schied dort allein die Fra­ge der Prü­fungs­kom­pe­tenz des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts am Maß­stab der uni­ons­recht­li­chen Vor­schrif­ten des Bei­hil­fe­rechts. Davon weicht die vor­lie­gen­de Ent­schei­dung, die nur die Prü­fungs­kom­pe­tenz für die Uni­ons­grund­rech­te betrifft, nicht ab.

Einer Ent­schei­dung des Ple­nums nach § 16 BVerfGG bedarf es nicht.

Die Anru­fung des Ple­nums ist gebo­ten, wenn ein Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt von einer Auf­fas­sung des ande­ren Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts abwei­chen möch­te, die für die Ent­schei­dung des ande­ren Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts tra­gend war 29. Nach der Recht­spre­chung des Ple­nums des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kann eine sol­che Abwei­chung auch dann vor­lie­gen, wenn die tra­gen­de Rechts­auf­fas­sung zwar nicht aus­drück­lich aus­ge­spro­chen wur­de, sie aber der Ent­schei­dung eines Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts unaus­ge­spro­chen zugrun­de­liegt und die­se nach ihrem Sinn und Inhalt zu Ende gedacht mit einer von dem ande­ren Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ver­tre­te­nen Auf­fas­sung nicht ver­ein­bar ist 30.

Danach weicht das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit der Her­an­zie­hung der Char­ta der Grund­rech­te der Euro­päi­schen Uni­on als Prü­fungs­maß­stab für die gegen das ober­lan­des­ge­richt­li­che Urteil gerich­te­te Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht von Ent­schei­dun­gen tra­gen­den Rechts­auf­fas­sun­gen ab.

In der Erstre­ckung der bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Prü­fungs­kom­pe­tenz auf die Uni­ons­grund­rech­te liegt kei­ne Abwei­chung von der mit der soge­nann­ten Solan­ge II, Ent­schei­dung 31 begrün­de­ten Recht­spre­chung beid­as Bun­des­ver­fas­sungs­ge­rich­te 32.

Gegen­stand die­ser Recht­spre­chung ist allein, ob und wie­weit Uni­ons­recht und inner­staat­li­ches Recht, das zwin­gen­des Uni­ons­recht umsetzt, am Maß­stab des Grund­ge­set­zes zu prü­fen sind. Geklärt wur­de mit ihr, dass dies nach dem Stand des Uni­ons­rechts grund­sätz­lich nicht der Fall ist, dabei für beson­de­re Situa­tio­nen aber Vor­be­hal­te zu machen sind. Dem­ge­gen­über zog die­se Recht­spre­chung eine Anwend­bar­keit der Uni­ons­grund­rech­te – und schon gar der erst im Jahr 2009 ver­bind­lich gewor­de­nen Grund­rech­te­char­ta – weder expli­zit noch impli­zit in Betracht und traf hier­zu weder eine posi­ti­ve noch eine nega­ti­ve Aus­sa­ge. Die Behand­lung ent­spre­chen­der Ver­fas­sungs­be­schwer­den als unzu­läs­sig beruh­te nicht auf einer eigen­stän­di­gen Aus­sa­ge die­ser Recht­spre­chung, dass Uni­ons­grund­rech­te nicht anwend­bar sei­en, son­dern war nur Reflex der Unan­wend­bar­keit des Grund­ge­set­zes.

Selbst wenn man anneh­men woll­te, dass hier­in impli­zit die Aus­sa­ge ent­hal­ten war, Uni­ons­grund­rech­te kämen nicht zur Anwen­dung, betrifft jene Recht­spre­chung aber ohne­hin eine ande­re Kon­stel­la­ti­on als die vor­lie­gen­de Ent­schei­dung: Sowohl die Zurück­nah­me des deut­schen Grund­rechts­schut­zes als auch die Behand­lung ent­spre­chen­der Ver­fas­sungs­be­schwer­den als unzu­läs­sig bezo­gen sich stets auf Fäl­le, in denen es um die Gül­tig­keit oder Wirk­sam­keit von Uni­ons­recht ging. Mit dem Rück­zug aus der Grund­rechts­prü­fung soll­te ver­hin­dert wer­den, dass unter Beru­fung auf deut­sches Ver­fas­sungs­recht ver­bind­li­che Ent­schei­dun­gen der Euro­päi­schen Uni­on in Fra­ge gestellt wer­den kön­nen. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat daher ent­schei­dungs­er­heb­lich jeweils ledig­lich zum Aus­druck gebracht, sei­ne Gerichts­bar­keit über die Anwend­bar­keit von abge­lei­te­tem Gemein­schafts- bezie­hungs­wei­se Uni­ons­recht, das inner­staat­li­che Behör­den und Gerich­te als Rechts­grund­la­ge für ihr Han­deln her­an­ge­zo­gen haben, nicht aus­zu­üben und die­ses Recht nicht an den Grund­rech­ten des Grund­ge­set­zes zu prü­fen 33. Dem­ge­gen­über geht es in der vor­lie­gen­den Ent­schei­dung nicht um eine Infra­ge­stel­lung von Uni­ons­recht, son­dern um des­sen rich­ti­ge Anwen­dung im Lich­te des kla­ren oder geklär­ten Gehalts der Uni­ons­grund­rech­te. Hier­zu ent­hält die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung weder aus­drück­lich noch impli­zit eine Aus­sa­ge.

Nichts ande­res ergibt sich aus der Ent­schei­dung vom 15.12 2015 zum Euro­päi­schen Haft­be­fehl 34. Gegen­stand der Ent­schei­dung war nicht die Anwen­dung der Uni­ons­grund­rech­te, son­dern die Reich­wei­te des Iden­ti­täts­vor­be­halts, die nicht Gegen­stand die­ser Ent­schei­dung ist. Zwar mag hin­ter der Ent­schei­dung die impli­zi­te Rechts­auf­fas­sung gestan­den haben, dass die Uni­ons­grund­rech­te durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht ange­wen­det wer­den kön­nen. Die­se Rechts­auf­fas­sung wur­de für die Ent­schei­dung indes nicht tra­gend. Denn der Zwei­te Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt stütz­te die Auf­he­bung der dor­ti­gen Aus­gangs­ent­schei­dung dar­auf, dass unter den kon­kre­ten Umstän­den des dor­ti­gen Fal­les uni­ons­recht­li­ches Fach­recht einer Anwen­dung des Art. 1 Abs. 1 GG nicht ent­ge­gen­stand; eine Prü­fung am Maß­stab der Uni­ons­grund­rech­te hät­te an der Ent­schei­dung im Ergeb­nis nichts geän­dert, weil uni­ons­recht­li­che Maß­ga­ben nicht hin­ter den Anfor­de­run­gen des Art. 1 Abs. 1 GG zurück­blie­ben, die zur Auf­he­bung der fach­ge­richt­li­chen Aus­gangs­ent­schei­dung führ­ten 35.

Kei­ne Abwei­chung besteht auch hin­sicht­lich der Ent­schei­dung vom 19.12 2017 zur Aus­lie­fe­rung 36. Die Ent­schei­dung stützt sich tra­gend auf eine Vor­la­ge­pflicht der letzt­in­stanz­li­chen Fach­ge­rich­te bei Fra­gen zur Aus­le­gung der Uni­ons­grund­rech­te. Die vor­lie­gen­de Ent­schei­dung steht einer Bei­be­hal­tung die­ser Recht­spre­chung nicht ent­ge­gen. Auch die Ein­be­zie­hung der Uni­ons­grund­rech­te in den Prü­fungs­maß­stab des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts begrün­det kei­ne Abwei­chung von die­ser Ent­schei­dung des Zwei­ten Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts. Eine Prü­fung des Falls an den Uni­ons­grund­rech­ten wur­de dort nicht in Erwä­gung gezo­gen. Die Nicht­an­wend­bar­keit der Uni­ons­grund­rech­te ist auch nicht unaus­ge­spro­che­ne Vor­aus­set­zung 30 der Annah­me des Zwei­ten Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, im Fall uni­ons­grund­recht­lich begrün­de­ter Aus­le­gungs­zwei­fel kön­ne eine Vor­la­ge­ver­pflich­tung aus Art. 267 Abs. 3 AEUV des letzt­in­stanz­li­chen Fach­ge­richts bestehen, denn dies schließt die Anwen­dung der Grund­rech­te­char­ta durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht aus.

Die Erstre­ckung des ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Prü­fungs­maß­stabs auf die Uni­ons­grund­rech­te begrün­det auch kei­ne Abwei­chung von der Ent­schei­dung vom 28.01.2014 zur Film­för­der­ab­ga­be 37, in der die­ser die Prü­fung eines deut­schen Geset­zes am Maß­stab der uni­ons­recht­li­chen Bei­hil­fe­vor­schrif­ten ablehn­te und dafür unter ande­rem auf eine all­ge­mein for­mu­lier­te Aus­sa­ge vom 28.03.2006 ver­wies, nach der gemein­schafts­recht­lich begrün­de­te Rech­te nicht mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ver­tei­digt wer­den könn­ten 38. Der Zwei­te Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schied dort allein die Fra­ge der Prü­fungs­kom­pe­tenz des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts am Maß­stab der uni­ons­recht­li­chen Vor­schrif­ten des Bei­hil­fe­rechts. Davon weicht die vor­lie­gen­de Ent­schei­dung, die nur die Prü­fungs­kom­pe­tenz für die Uni­ons­grund­rech­te betrifft, nicht ab.

Wie die Grund­rech­te des Grund­ge­set­zes gewähr­leis­ten dem­nach auch die Grund­rech­te der Char­ta nicht nur Schutz im Staat-Bür­ger-Ver­hält­nis, son­dern auch in pri­vat­recht­li­chen Strei­tig­kei­ten 39. Dies gilt ins­be­son­de­re auch für die Art. 7, Art. 8 GRCh, die der Euro­päi­sche Gerichts­hof, unab­hän­gig von der Rechts­na­tur der zugrun­de­lie­gen­den Strei­tig­keit, wie­der­holt für die Aus­le­gung des uni­ons­recht­li­chen Fach­rechts her­an­ge­zo­gen hat. Dem ent­spricht auch das Ver­ständ­nis von Art. 8 EMRK, der in stän­di­ger Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te gera­de auch in Strei­tig­kei­ten zwi­schen Pri­va­ten zur Gel­tung gebracht wird. Auf der Basis des maß­geb­li­chen Fach­rechts sind dabei die Grund­rech­te der einen Sei­te mit ent­ge­gen­ste­hen­den Grund­rech­ten der ande­ren Sei­te in Aus­gleich zu brin­gen 40. Ent­spre­chend der gleich­be­rech­tig­ten Frei­heit, in der sich Daten­ver­ar­bei­ter und Betrof­fe­ne pri­vat­recht­lich gegen­über­ste­hen, bestimmt sich der Schutz der Grund­rech­te nach Maß­ga­be einer Abwä­gung.

Eine Leh­re der "mit­tel­ba­ren Dritt­wir­kung", wie sie das deut­sche Recht kennt 41, wird der Aus­le­gung des Uni­ons­rechts dabei nicht zugrun­de gelegt. Im Ergeb­nis kommt den Uni­ons­grund­rech­ten für das Ver­hält­nis zwi­schen Pri­va­ten jedoch eine ähn­li­che Wir­kung zu. Die Grund­rech­te der Char­ta kön­nen ein­zel­fall­be­zo­gen in das Pri­vat­recht hin­ein­wir­ken.

, Beschluss vom 6. Novem­ber 2019 – 1 BvR 276/​17

  1. vgl. EuGH, Urteil vom 25.04.2002, Kom­mis­si­on/​Frank­reich, – C‑52/​00, EU:C:2002:252, Rn. 16 ff.; Urteil vom 24.01.2012, Dom­in­guez, – C‑282/​10, EU:C:2012:33, Rn. 33 ff.; Urteil vom 21.11.2018, Ayu­bi, – C‑713/​17, EU:C:2018:929, Rn. 37 ff.; Urteil vom 29.07.2019, Fun­ke Medi­en NRW, – C‑469/​17, EU:C:2019:623, Rn. 35 ff.; Urteil vom 29.07.2019, Pel­ham u.a., – C‑476/​17, EU:C:2019:624, Rn. 58 ff.; vgl. auch BVerfGE 118, 79, 95 f.[]
  2. vgl. BVerfGE 73, 339, 387; 102, 147, 162 ff.; 118, 79, 95 ff.; 121, 1, 15; 123, 267, 335; 125, 260, 306 f.; 129, 78, 103; 129, 186, 199[]
  3. vgl. BVerfG, Beschluss vom sel­ben Tag – 1 BvR 16/​13, Rn. 50 ff., 55 ff.[]
  4. sie­he auch BVerfG, Beschluss vom 06.11.2019 – 1 BvR 16/​13, Rn. 62[]
  5. vgl. BVerfGE 123, 267, 398 ff.; 126, 286, 301 f.; 129, 78, 99; 140, 317, 335 ff. Rn. 37 ff. m.w.N.[]
  6. vgl. BVerfGE 73, 339, 376, 387; 102, 147, 162 ff.; 118, 79, 95; 129, 186, 199; stRspr[][]
  7. vgl. BVerfGE 73, 339, 387; 102, 147, 162 ff.; 118, 79, 95 ff.; 129, 186, 199; stRspr[]
  8. vgl. BVerfGE 102, 147, 164[]
  9. vgl. BVerfGE 123, 267, 353 f.; 126, 286, 302 ff.; 134, 366, 382 ff. Rn. 22 ff.; 140, 317, 336 f. Rn. 42 f.; 142, 123, 194 ff. Rn. 136 ff.; 146, 216, 252 ff. Rn. 52 ff.; BVerfG, Urteil vom 30.07.2019 – 2 BvR 1685/​14 u.a., Rn. 120 ff.[]
  10. vgl. zur ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Prü­fung anhand der GRCh: VerfGH Öster­reich, Erkennt­nis vom 14.03.2012 – U 466/​11 u.a., AT:VFGH:2012:U466.2011, sub.5.5; vgl. auch VerfGH Bel­gi­en, Ent­scheid vom 15.03.2018 – Nr. 29/​2018, B.09., B.10.05., B.15. ff.; Con­seil Con­sti­tu­ti­on­nel, Urteil vom 26.07.2018, Nr.2018 – 768 DC, Rn. 10, 12, 38; Cor­te cos­ti­tu­zio­na­le, Ent­schei­dung vom 23.01.2019, Nr.20/2019, IT:COST:2019:20, Rn.02.1, 2.3[]
  11. vgl. etwa BVerfGE 129, 186, 198 f. – Inves­ti­ti­ons­zu­la­gen­ge­setz[]
  12. vgl. etwa BVerfGE 73, 339, 374 ff. – Solan­ge II; 102, 147, 160 ff. – Bana­nen­markt­ord­nung[]
  13. vgl. etwa BVerfGE 118, 79, 95 f. m.w.N. – Emis­si­ons­han­del[]
  14. vgl. BVerfGE 129, 78, 100; 142, 123, 187 Rn. 118 m.w.N.[]
  15. vgl. dazu auch BVerfGE 123, 267, 356; 142, 123, 180 Rn. 98; BVerfG, Urteil vom 30.07.2019 – 2 BvR 1685/​14 u.a., Rn. 141 ff.[]
  16. vgl. BVerfG, Beschluss vom 06.11.2019 – 1 BvR 16/​13, Rn. 67 ff.[]
  17. vgl. nur EuGH, Urteil vom 06.11.2003, Lind­qvist, – C‑101/​01, EU:C:2003:596, Rn. 86 ff., 90; Urteil vom 09.03.2017, Man­ni, – C‑398/​15, EU:C:2017:197, Rn. 62 f.; Urteil vom 27.09.2017, Puškár, – C‑73/​16, EU:C:2017:725, Rn. 72; vgl. auch Urteil vom 19.10.2016, Brey­er, – C‑582/​14, EU:C:2016:779, Rn. 62[]
  18. vgl. BVerfGE 110, 141, 154 f.; 115, 276, 299 f.[]
  19. vgl. EuGH, Urteil vom 06.10.1982, Cil­fit, – C-283/​81, EU:C:1982:335, Rn. 21[]
  20. vgl. BVerfG, Beschluss vom 06.11.2019 – 1 BvR 16/​13, Rn. 43 f.[]
  21. vgl. a.a.O., Rn. 45 ff., 154[]
  22. vgl. BVerfGE 147, 364, 378 ff. Rn. 37 ff.[]
  23. vgl. VerfGH Öster­reich, Erkennt­nis vom 14.03.2012 – U 466/​11 u.a., AT:VFGH:2012:U466.2011, sub.5.7, der gege­be­nen­falls allein sich selbst als vor­la­ge­pflich­tig ansieht; bestä­ti­gend EuGH, Urteil vom 11.09.2014, A, – C‑112/​13, EU:C:2014:2195, Rn. 39 ff., 46[]
  24. vgl. BVerfGE 147, 364, 380 ff. Rn. 40 ff.[]
  25. vgl. BVerfGE 142, 74, 114 Rn. 119; EuGH, Urteil vom 29.07.2019, Spie­gel Online, – C‑516/​17, EU:C:2019:625, Rn. 28 ff.; Urteil vom 29.07.2019, Fun­ke Medi­en NRW, – C‑469/​17, EU:C:2019:623, Rn. 40; Urteil vom 29.07.2019, Pel­ham u.a., – C‑476/​17, EU:C:2019:624, Rn. 80 ff.[]
  26. vgl. nur Kadel­bach, All­ge­mei­nes Ver­wal­tungs­recht unter euro­päi­schem Ein­fluß, 1999, S. 453; sie­he auch BVerwG, Urteil vom 17.09.2015 – 1 C 37/​14, NVwZ 2016, S. 161, 162 Rn.19[]
  27. vgl. EuGH, Urteil vom 29.07.2019, Fun­ke Medi­en NRW, – C‑469/​17, EU:C:2019:623, Rn. 40 m.w.N.[]
  28. vgl. BVerfGE 129, 78, 102 f.[]
  29. vgl. BVerfGE 4, 27, 28; 77, 84, 104; 96, 375, 404; 112, 1, 23; 112, 50, 63; 132, 1, 3 Rn. 10; stRspr[][]
  30. vgl. BVerfGE 4, 27, 28[][][][]
  31. BVerfGE 73, 339[][]
  32. vgl. BVerfGE 73, 339, 387; 102, 147, 164; 118, 79, 95; 121, 1, 15; 123, 267, 335; 125, 260, 306; 129, 78, 103; 129, 186, 199[][]
  33. vgl. nur BVerfGE 73, 339, 387; 102, 147, 163[][]
  34. vgl. BVerfGE 140, 317, 334 ff. Rn. 35 ff. – Iden­ti­täts­kon­trol­le I[][]
  35. vgl. BVerfGE 140, 317, 342 f. Rn. 51 f.; 355 ff. Rn. 84 ff.; 366 Rn. 107 f.[][]
  36. vgl. BVerfGE 147, 364, 378 ff. Rn. 35 ff.[][]
  37. vgl. BVerfGE 135, 155, 229 Rn. 172[][]
  38. vgl. BVerfGE 115, 276, 299 f.[][]
  39. vgl. EuGH, Urteil vom 29.01.2008, Pro­mu­si­cae, – C‑275/​06, EU:C:2008:54, Rn. 65 ff.; Urteil vom 16.07.2015, Coty Ger­ma­ny, – C‑580/​13, EU:C:2015:485, Rn. 33 ff.; Urteil vom 29.07.2019, Spie­gel Online, – C‑516/​17, EU:C:2019:625, Rn. 51 ff.; dazu auch Streinz/​Michl, EuZW 2011, S. 384, 385 ff.; Frant­ziou, HRLR 2014, S. 761, 771; Fab­bri­ni, in: de Vries/​Bernitz/​Weatherill, The EU Char­ter of Fun­da­men­tal Rights as a Bin­ding Instru­ment, 2015, S. 261, 275 ff.; Lock, in: Kellerbauer/​Klamert/​Tomkin, The EU Trea­ties and the Char­ter of Fun­da­men­tal Rights, 2019, Art. 8 GRCh Rn. 5[]
  40. vgl. EuGH, Urteil vom 29.01.2008, Pro­mu­si­cae, – C‑275/​06, EU:C:2008:54, Rn. 68; Urteil vom 16.12 2008, Sata­kunn­an Mark­ki­na­pörs­si und Sata­me­dia, – C‑73/​07, EU:C:2008:727, Rn. 53; Urteil vom 24.11.2011, ASNEF und FECEMD, – C‑468/​10 und – C‑469/​10, EU:C:2011:777, Rn. 43; Urteil vom 29.07.2019, Spie­gel Online, – C‑516/​17, EU:C:2019:625, Rn. 38, 42[]
  41. vgl. BVerfG, Beschluss vom 06.11.2019 – 1 BvR 16/​13, Rn. 76 f.[]