Inter­na­tio­na­le gericht­li­che Zustän­dig­keit nach der Brüs­sel-Ia-VO – und der Erfül­lungs­ort

Nach Art. 7 Nr. 1 Buchst. b) zwei­ter Gedan­ken­strich Brüs­sel-Ia-VO (Gerichts­stand des Erfül­lungs­orts) kann eine Per­son, die ihren Wohn­sitz im Hoheits­ge­biet eines Mit­glied­staats hat, in einem ande­ren Mit­glied­staat ver­klagt wer­den, wenn Ansprü­che aus einem Ver­trag den Gegen­stand des Ver­fah­rens bil­den und in jenem Mit­glied­staat der Erfül­lungs­ort liegt.

Inter­na­tio­na­le gericht­li­che Zustän­dig­keit nach der Brüs­sel-Ia-VO – und der Erfül­lungs­ort

Erfül­lungs­ort für die Erbrin­gung von Dienst­leis­tun­gen ist sofern nichts ande­res ver­ein­bart wor­den ist – der Ort in einem Mit­glied­staat, an dem sie nach dem Ver­trag erbracht wor­den sind oder hät­ten erbracht wer­den müs­sen.

Nr. 1 Buchst. b) zwei­ter Gedan­ken­strich Brüs­sel-Ia-VO ist grund­sätz­lich anwend­bar, wenn die Par­tei­en eine Dienst­leis­tung im Sin­ne die­ser Bestim­mung ver­trag­lich ver­ein­bart haben und Ansprü­che aus die­sem Ver­trag den Gegen­stand des Ver­fah­rens bil­den. Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ist unter einer Dienst­leis­tung eine Leis­tung zu ver­ste­hen, die in der Regel gegen Ent­gelt erbracht wird1. Hier­un­ter fal­len nicht nur Leis­tun­gen im Sin­ne des § 611 BGB, son­dern auch werk­ver­trag­li­che Leis­tun­gen gemäß § 631 BGB2. Bei der Demon­ta­ge, dem Trans­port und der Remon­ta­ge der Maschi­nen­an­la­gen gegen Ent­gelt han­delt es sich danach – was auch von der Revi­si­on nicht in Fra­ge gestellt wird – um eine Dienst­leis­tung im Sin­ne des Art. 7 Nr. 1 Buchst. b) zwei­ter Gedan­ken­strich Brüs­sel-Ia-VO.

Nr. 1 Buchst. b) zwei­ter Gedan­ken­strich Brüs­sel-Ia-VO knüpft für die Bestim­mung des Erfül­lungs­orts an die ver­trags­cha­rak­te­ris­ti­sche Leis­tung – die Erbrin­gung der Dienst­leis­tung – an und legt einen ein­heit­li­chen Erfül­lungs­ort für sämt­li­che Kla­gen aus dem Ver­trag, mit­hin sowohl für Kla­gen bezüg­lich der zu erbrin­gen­den Dienst­leis­tung, als auch für Kla­gen bezüg­lich der Gegen­leis­tung, fest3. Die Vor­schrift ist auch dann anwend­bar, wenn die nach dem Ver­trag geschul­de­ten Dienst­leis­tun­gen in meh­re­ren Mit­glied­staa­ten erbracht wer­den. Sie ist dahin aus­zu­le­gen, dass im Fall der Erbrin­gung von Dienst­leis­tun­gen in meh­re­ren Mit­glied­staa­ten für die Ent­schei­dung über alle Kla­gen aus dem Ver­trag das Gericht zustän­dig ist, das die engs­te Ver­knüp­fung zum Ver­trag auf­weist, wobei dies im All­ge­mei­nen das Gericht ist, in des­sen Spren­gel sich der Ort der haupt­säch­li­chen Leis­tungs­er­brin­gung befin­det4. Im Hin­blick auf das mit der Ver­ord­nung ver­folg­te Ziel der Vor­her­seh­bar­keit und unter Berück­sich­ti­gung des Wort­lauts von Art. 7 Nr. 1 Buchst. b) zwei­ter Gedan­ken­strich Brüs­sel-Ia-VO, wonach maß­ge­bend ist, an wel­chem Ort in einem Mit­glied­staat die Dienst­leis­tun­gen „nach dem Ver­trag” erbracht wor­den sind oder hät­ten erbracht wer­den müs­sen, ist der Ort der haupt­säch­li­chen Leis­tungs­er­brin­gung nach Mög­lich­keit aus den Bestim­mun­gen des Ver­trags selbst abzu­lei­ten5. Hilfs­wei­se ist der Ort her­an­zu­zie­hen, an dem die Tätig­kei­ten zur Erfül­lung des Ver­trags tat­säch­lich über­wie­gend vor­ge­nom­men wor­den sind, vor­aus­ge­setzt, die Erbrin­gung der Dienst­leis­tun­gen an die­sem Ort wider­spricht nicht dem Par­tei­wil­len, wie er sich aus den Ver­trags­be­stim­mun­gen ergibt. Dabei kön­nen tat­säch­li­che Aspek­te der Rechts­sa­che, ins­be­son­de­re die an die­sen Orten auf­ge­wen­de­te Zeit und die Bedeu­tung der dort aus­ge­üb­ten Tätig­keit, berück­sich­tigt wer­den6.

Nach die­sen Grund­sät­zen waren im vor­lie­gen­den Fall nicht die deut­schen Gerich­te inter­na­tio­nal zustän­dig, da auf der Grund­la­ge der tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen R., Öster­reich, als Ort der haupt­säch­li­chen Leis­tungs­er­brin­gung anzu­se­hen ist. Ziel des Ver­trags der Par­tei­en ist die Inbe­trieb­nah­me der Maschi­nen­an­la­gen durch die Beklag­te am Ort der Remon­ta­ge in Öster­reich. Die ver­ein­bar­te Dienst­leis­tung ist erst nach Remon­ta­ge und Inbe­trieb­nah­me an dem Bestim­mungs­ort der Maschi­nen­an­la­gen in Öster­reich abge­schlos­sen. Bereits hier­durch begrün­det sich die enge­re Ver­knüp­fung des betref­fen­den öster­rei­chi­schen Gerichts zum Ver­trag. Dar­über hin­aus ergibt sich ein ent­spre­chen­der Schwer­punkt auch aus dem vom Beru­fungs­ge­richt fest­ge­stell­ten sons­ti­gen Ver­trags­in­halt. Danach macht die Remon­ta­ge mit einem ver­ein­bar­ten Ver­gü­tungs­an­teil von 70.200 € net­to zuzüg­lich der Ver­rech­nungs­sät­ze für Remon­ta­ge und Inbe­trieb­nah­me (drei Mon­teu­re über ca. sechs Wochen (900 Stun­den) bei Stun­den­sät­zen von 45 € und 34 €) auch den wirt­schaft­lich bedeu­tends­ten Teil an der Gesamt­leis­tung aus.

Im übri­gen konn­te für den Bun­des­ge­richts­hof dahin ste­hen, inwie­weit die Ver­ein­ba­rung des Erfül­lungs­orts für ein­zel­ne ver­trag­li­che Ver­pflich­tun­gen über­haupt einen Gerichts­stand abwei­chend von Art. 7 Nr. 1 Buchst. b) zwei­ter Gedan­ken­strich Brüs­sel-Ia-VO begrün­den kann. Offen blei­ben kann wei­ter, ob die Ver­ein­ba­rung hin­sicht­lich des Erfül­lungs­orts einer Dienst­leis­tung dazu füh­ren kann, dass die­ser ver­ein­bar­te Erfül­lungs­ort den Ort der Dienst­leis­tungs­er­brin­gung in Art. 7 Nr. 1 Buchst. b) zwei­ter Gedan­ken­strich Brüs­sel-Ia-VO als Anknüp­fungs­punkt ersetzt, oder ob in einem sol­chen Fall auf Art. 7 Nr. 1 Buchst. a)) zurück­zu­grei­fen ist7. Denn auch wenn die Ver­ein­ba­rung eines Erfül­lungs­orts allein für die Dienst­leis­tungs­ver­pflich­tung im Rah­men von Art. 7 Nr. 1 Buchst. b) zwei­ter Gedan­ken­strich Brüs­sel-Ia-VO grund­sätz­lich als beacht­lich ange­se­hen wer­den soll­te, schei­det im Streit­fall ein Erfül­lungs­orts­ge­richts­stand in Deutsch­land aus. So kom­men jeden­falls bei Ver­ein­ba­rung von ver­schie­de­nen Erfül­lungs­or­ten für ver­schie­de­ne Tei­le einer Dienst­leis­tung die­se von vorn­her­ein als geeig­ne­ter Anknüp­fungs­punkt im Sin­ne des Art. 7 Nr. 1 Buchst. b) zwei­ter Gedan­ken­strich Brüs­sel-Ia-VO für die ein­heit­lich zu erbrin­gen­de Gegen­leis­tung nicht in Betracht. Wird dem­ge­gen­über auf Art. 7 Nr. 1 Buchst. a)) Brüs­sel-Ia-VO zurück­ge­grif­fen, bestimmt sich die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit für den gel­tend gemach­ten Anspruch auf Zah­lung der Ver­gü­tung geson­dert nach dem hier­für gege­be­nen Erfül­lungs­ort. Die­ser ist nach der lex cau­sae zu bestim­men. Nach dem gemäß Rechts­wahl der Par­tei­en (Art. 3 Abs. 1 Rom-I-VO) anwend­ba­ren deut­schen Recht wäre dies im vor­lie­gen­den FAll – man­gels Ver­ein­ba­rung eines dies­be­züg­li­chen Erfül­lungs­orts – gemäß § 270 Abs. 4, § 269 BGB der Sitz des Schuld­ners der Zah­lungs­ver­pflich­tung, mit­hin Öster­reich.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. April 2018 – VII ZR 139/​17

  1. vgl. EuGH, NJW 2009, 1865 Rn. 29
  2. vgl. Leible in Rau­scher, EuZ­PR und EuI­PR, 4. Aufl., Art. 7 Brüs­sel-Ia-VO Rn. 67; Musielak/​Voit/​Stadler, ZPO, 15. Aufl., Art. 7 EuGV­VO Rn. 9, jeweils m.w.N.
  3. vgl. EuGH, NZI 2014, 919 Rn. 41; NJW 2010, 1189 Rn. 43; NJW 2007, 1799 Rn. 26
  4. vgl. EuGH, Urteil vom 07.03.2018 – C‑274/​16 67; NJW 2010, 1189 Rn. 2533 und NJW 2009, 2801 Rn. 3638
  5. vgl. EuGH, NJW 2010, 1189 Rn. 38
  6. vgl. EuGH, NJW 2010, 1189 Rn. 40
  7. vgl. hier­zu Wais, Der Euro­päi­sche Erfül­lungs­ge­richts­stand für Dienst­leis­tungs­ver­trä­ge, 2013, S. 226 ff.