Inter­na­tio­na­le gericht­li­che Zustän­dig­keit – auf­grund eines Han­dels­brauchs

Der Behaup­tung einer Par­tei, eine bestimm­te Form der Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung ent­spre­che unter Kauf­leu­ten in dem betref­fen­den Geschäfts­zweig des inter­na­tio­na­len Han­dels­ver­kehrs einem Han­dels­brauch im Sin­ne des Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Buchst. c) Brüs­sel-Ia-VO, ist im Rah­men der von Amts wegen durch­zu­füh­ren­den Prü­fung der inter­na­tio­na­len Zustän­dig­keit grund­sätz­lich nach­zu­ge­hen.

Inter­na­tio­na­le gericht­li­che Zustän­dig­keit – auf­grund eines Han­dels­brauchs

Das Gericht ist dabei von Beweis­an­trä­gen unab­hän­gig und kann im Wege des Frei­be­wei­ses vor­ge­hen. An die Annah­me, die Beweis­erhe­bung sei ent­behr­lich, weil die Behaup­tung will­kür­lich "ins Blaue hin­ein" erfolgt sei, sind stren­ge Anfor­de­run­gen zu stel­len.

Auch der Bun­des­ge­richts­hof hat als Revi­si­ons­ge­richt die inter­na­tio­na­le Zustän­dig­keit der deut­schen Gerich­te von Amts wegen zu prü­fen. Die Vor­schrift des § 545 Abs. 2 ZPO steht dem nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht ent­ge­gen1.

Die Brüs­sel-Ia-Ver­ord­nung gilt gemäß Art. 66 Abs. 1 Brüs­sel-Ia-VO für alle Ver­fah­ren, die ab dem 10.01.2015 ein­ge­lei­tet wor­den sind. Dabei kann dahin­ste­hen, ob es hier­für ent­spre­chend Art. 32 Abs. 1 Brüs­sel-Ia-VO auf den Zeit­punkt der Ein­rei­chung der Kla­ge bei Gericht oder auf den nach der lex fori des Gerichts­staats zu bestim­men­den Zeit­punkt der Kla­ge­er­he­bung ankommt2. Denn im vor­lie­gen­den Fall erfolg­ten sowohl die Ein­rei­chung der Kla­ge als auch die nach­fol­gen­de Zustel­lung nach dem Stich­tag, so dass die Ver­ord­nung in zeit­li­cher Hin­sicht Anwen­dung fin­det. Auch der sach­li­che und räum­li­che Anwen­dungs­be­reich der Brüs­sel-Ia-Ver­ord­nung ist eröff­net. Dies wird von der Revi­si­on nicht in Fra­ge gestellt.

Für eine Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung gemäß Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Brüs­sel-Ia-VO ist die Ein­hal­tung der Form­erfor­der­nis­se Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zung ist. Allein eine Wil­lens­ei­ni­gung der Par­tei­en führt mit­hin nicht zu einer wirk­sa­men Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung, wenn nicht auch die Form ein­ge­hal­ten ist3. Nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on sind die Form­erfor­der­nis­se des Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Brüs­sel-Ia-VO eng aus­zu­le­gen, weil die Bestim­mung sowohl die all­ge­mei­ne Zustän­dig­keit nach dem Wohn­sitz des Beklag­ten gemäß Art. 4 Brüs­sel-Ia-VO als auch die beson­de­re Zustän­dig­keit gemäß Art. 7 Brüs­sel-Ia-VO aus­schließt4. Damit soll gewähr­leis­tet wer­den, dass die Wil­lens­ei­ni­gung zwi­schen den Par­tei­en zwei­fels­frei fest­steht und Gerichts­stands­klau­seln, die ein­sei­tig in den Ver­trag ein­ge­fügt wor­den sind, nicht unbe­merkt blei­ben5. Die Form­erfor­der­nis­se sol­len dar­über hin­aus aus Grün­den der Rechts­si­cher­heit eine ein­deu­ti­ge Bestim­mung des zustän­di­gen Gerichts ermög­li­chen6. Da Art. 25 Brüs­sel-Ia-VO in sei­nem Anwen­dungs­be­reich lex spe­cia­lis ist, ver­drängt er § 38 ZPO7.

Nach Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Buchst. a) Brüs­sel-Ia-VO muss eine form­wirk­sa­me Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung schrift­lich oder münd­lich mit schrift­li­cher Bestä­ti­gung geschlos­sen wer­den.

Dage­gen kann nach Art 25 Abs. 1 Satz 3 Buchst. c) Brüs­sel-Ia-VO eine Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung im inter­na­tio­na­len Han­del auch in einer Form geschlos­sen wer­den, die einem Han­dels­brauch ent­spricht, den die Par­tei­en kann­ten oder ken­nen muss­ten und den Par­tei­en von Ver­trä­gen die­ser Art in dem betref­fen­den Geschäfts­zweig all­ge­mein ken­nen und regel­mä­ßig beach­ten. Ob ein Han­dels­brauch besteht ist nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on nicht für den inter­na­tio­na­len Han­dels­ver­kehr gene­rell zu bestim­men, son­dern nur für den Geschäfts­zweig, in dem die Par­tei­en tätig sind. Ein Han­dels­brauch ist danach dann zu beja­hen, wenn die in dem betref­fen­den Geschäfts­zweig täti­gen Kauf­leu­te bei Abschluss einer bestimm­ten Art von Ver­trä­gen all­ge­mein und regel­mä­ßig ein bestimm­tes Ver­hal­ten befol­gen. Ist das Ver­hal­ten auf­grund des­sen hin­rei­chend bekannt, um als stän­di­ge Übung ange­se­hen zu wer­den, wird die Kennt­nis der Par­tei­en vom Han­dels­brauch ver­mu­tet8. Es obliegt dem natio­na­len Gericht, zu prü­fen, ob die­se Vor­aus­set­zun­gen vor­lie­gen9.

Der Behaup­tung einer Par­tei, eine bestimm­te Form der Gerichts­stands­ver­ein­ba­rung ent­spre­che unter Kauf­leu­ten in dem betref­fen­den Geschäfts­zweig des inter­na­tio­na­len Han­dels­ver­kehrs einem Han­dels­brauch im Sin­ne des Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Buchst. c) Brüs­sel-Ia-VO, ist im Rah­men der von Amts wegen durch­zu­füh­ren­den Prü­fung der inter­na­tio­na­len Zustän­dig­keit grund­sätz­lich nach­zu­ge­hen. Das Gericht ist dabei von Beweis­an­trä­gen unab­hän­gig und kann im Wege des Frei­be­wei­ses vor­ge­hen. An die Annah­me, die Beweis­erhe­bung sei ent­behr­lich, weil die Behaup­tung will­kür­lich "ins Blaue hin­ein" erfolgt sei, sind stren­ge Anfor­de­run­gen zu stel­len. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs10 ist der Beweis­füh­rer grund­sätz­lich nicht gehin­dert, Tat­sa­chen zu behaup­ten, über die er kei­ne genau­en Kennt­nis­se hat, die er aber nach Lage der Din­ge für wahr­schein­lich hält. Eine Beweis­erhe­bung darf danach nur dann unter­blei­ben, wenn der Beweis­füh­rer ohne greif­ba­re Anhalts­punk­te für das Vor­lie­gen eines bestimm­ten Sach­ver­halts will­kür­lich Behaup­tun­gen "aufs Gera­te­wohl" oder "ins Blaue hin­ein" auf­stellt. Bei der Annah­me von Will­kür in die­sem Sin­ne ist jedoch Zurück­hal­tung gebo­ten. In der Regel wird sie nur bei Feh­len jeg­li­cher tat­säch­li­cher Anhalts­punk­te vor­lie­gen11.

Nach die­sen Maß­stä­ben hät­te im vor­lie­gen­den Fall Beweis über die betref­fen­de Behaup­tung der Klä­ge­rin erho­ben wer­den müs­sen. Die Klä­ge­rin hat vor­ge­tra­gen, die Ver­ein­ba­rung eines Gerichts­stands am Sitz des Unter­neh­mers in der Form, dass ein schrift­li­ches Ver­trags­an­ge­bot mit Gerichts­stands­klau­sel münd­lich ange­nom­men wer­de, sei unter Kauf­leu­ten in dem betref­fen­den Geschäfts­zweig des inter­na­tio­na­len Han­dels­ver­kehrs (hier: Mon­ta­geleis­tun­gen im deutsch­ös­ter­rei­chi­schen Han­dels­ver­kehr) üblich und ent­spre­che einem Han­dels­brauch im Sin­ne des Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Buchst. c) Brüs­sel-Ia-VO. Sie hat dies durch Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens und Aus­kunft der Indus­trie- und Han­dels­kam­mer unter Beweis gestellt. Die Klä­ge­rin hat damit die gemäß Art. 25 Abs. 1 Satz 3 Buchst. c) Brüs­sel-Ia-VO erheb­li­chen Tat­sa­chen bezeich­net. Sie hat dar­über hin­aus meh­re­re Vor­dru­cke mit All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen von Mit­be­wer­bern aus dem betref­fen­den Geschäfts­zweig vor­ge­legt, die ver­gleich­ba­re Gerichts­stands­klau­seln ent­hal­ten. Soweit sie ihren Vor­trag, es sei in die­sem Geschäfts­zweig üblich, Auf­trä­ge in der Wei­se zu ver­ge­ben, dass per E‑Mail über­mit­tel­te Ange­bo­te münd­lich ange­nom­men wür­den, ledig­lich mit all­ge­mei­nen Erwä­gun­gen unter­legt hat, führt dies nicht dazu, dass die­ser Vor­trag als will­kür­lich und "ins Blaue hin­ein" ange­se­hen wer­den kann. Eine wei­te­re Sub­stan­ti­ie­rung des Vor­trags ist von ihr inso­weit nicht zu ver­lan­gen.

Das Beru­fungs­ur­teil ist danach auf­zu­he­ben und die Sache ist zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Beru­fungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen. Das Beru­fungs­ge­richt wird die erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen zum Vor­lie­gen eines Han­dels­brauchs zu tref­fen haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 26. April 2018 – VII ZR 139/​17

  1. vgl. z.B. BGH, Urtei­le vom 14.11.2017 – VI ZR 73/​17, WM 2018, 285 Rn. 6; vom 09.07.2009 – Xa ZR 19/​08, BGHZ 182, 24 Rn. 9; und vom 28.11.2002 – III ZR 102/​02, BGHZ 153, 82, 84 f. 9, jeweils m.w.N. []
  2. vgl. zum Streit­stand z.B. Stau­din­ger in Rau­scher, EuZ­PR und EuI­PR, 4. Aufl., Art. 66 Brüs­sel-Ia-VO Rn. 2; BGH, Urteil vom 24.06.2014 – VI ZR 315/​13, WM 2014, 1614 Rn. 14 betref­fend das Luga­no­Über­ein­kom­men und die Brüs­sel-I-VO, jeweils m.w.N. []
  3. vgl. EuGH, RIW 1981, 709 Rn. 24 f.; NJW 1977, 495 8, 11; Man­kow­ski in Rau­scher, EuZ­PR und EuI­PR, 4. Aufl., Art. 25 Brüs­sel-Ia-VO Rn. 87 []
  4. vgl. EuGH, NJW 1997, 1431 Rn. 14 m.w.N.; NJW 1977, 494 7 []
  5. vgl. EuGH, ZIP 2016, 1747 Rn. 39; ZIP 2015, 1540 Rn. 29 f.; NJW 1997, 1431 Rn. 15, 17 []
  6. EuGH, ZIP 1999, 1184 Rn. 48 m.w.N. []
  7. allg. Mei­nung, vgl. z.B. Musielak/​Voit/​Stadler, ZPO, 15. Aufl., Art. 25 EuGV­VO Rn. 1 m.w.N.; BGH, Urteil vom 20.03.1980 – III ZR 151/​79, NJW 1980, 2022, 2023 14 zum EuGVÜ []
  8. vgl. EuGH, ZIP 2016, 1747 Rn. 43 ff., 48; NJW 1997, 1431 Rn. 23 f. []
  9. EuGH, ZIP 2016, 1747 Rn. 41 []
  10. vgl. z.B. Urteil vom 08.05.2012 – XI ZR 262/​10, BGHZ 193, 159 Rn. 40 m.w.N. []
  11. vgl. BGH, Urteil vom 08.05.2012 – XI ZR 262/​10, aaO []