Karls­ru­he und der Anti-IS-Ein­satz der Bun­des­wehr

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat einen Antrag der Frak­ti­on DIE LINKE im Deut­schen Bun­des­tag als unzu­läs­sig ver­wor­fen, mit dem die­se im Wege des Organ­streit­ver­fah­rens die Fest­stel­lung begehrt hat­te, dass Bun­des­re­gie­rung und Bun­des­tag die Rech­te des Deut­schen Bun­des­ta­ges aus Art. 24 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG durch die Beschluss­fas­sung über den Ein­satz bewaff­ne­ter deut­scher Streit­kräf­te zur Ver­hü­tung und Unter­bin­dung ter­ro­ris­ti­scher Hand­lun­gen durch den soge­nann­ten "Isla­mi­schen Staat" (IS) ver­letzt hät­ten.

Karls­ru­he und der Anti-IS-Ein­satz der Bun­des­wehr

Die LINKE-Bun­des­tags­frak­ti­on habe, so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, die Mög­lich­keit einer Rechts­ver­let­zung nicht sub­stan­ti­iert dar­ge­legt hat. Nach dem vor­ge­tra­ge­nen Sach­ver­halt erschei­ne die von der LIN­KE-Bun­des­tags­frak­ti­on behaup­te­te Ver­let­zung von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen.

Der Anti-IS-Ein­satz[↑]

Der IS ist eine inter­na­tio­nal ope­rie­ren­de Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on, die ihr Ziel, ein glo­ba­les Kali­fat zu errich­ten, in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit mit welt­wei­ten Anschlä­gen ver­folgt hat. Bereits seit dem Jahr 2014 gehen Staa­ten auf dem Ter­ri­to­ri­um Syri­ens und des Irak, wo er sich zwi­schen­zeit­lich ver­fes­tigt hat­te, mili­tä­risch gegen den IS vor und beru­fen sich dazu vor­ran­gig auf das völ­ker­recht­li­che Selbst­ver­tei­di­gungs­recht. Syri­en mach­te des­halb wie­der­holt eine Ver­let­zung sei­ner Sou­ve­rä­ni­tät und eine völ­ker­rechts­wid­ri­ge Aus­wei­tung des Selbst­ver­tei­di­gungs­rechts gel­tend.

Nach den ter­ro­ris­ti­schen Anschlä­gen in Paris am 13.11.2015 ver­si­cher­ten die Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on Frank­reich ihre Soli­da­ri­tät und sicher­ten am 17.11.2015 anläss­lich einer Sit­zung des Rates der Euro­päi­schen Uni­on, auf der sich Frank­reich auf den in Art. 42 Abs. 7 des Ver­trags über die Euro­päi­sche Uni­on (im Fol­gen­den: EUV) gere­gel­ten Bei­stands­fall beru­fen hat­te, ein­stim­mig die in ihrer Macht ste­hen­de Hil­fe und Unter­stüt­zung zu.

Der Sicher­heits­rat der Ver­ein­ten Natio­nen (im Fol­gen­den: Sicher­heits­rat) ver­ur­teil­te die Anschlä­ge mit Reso­lu­ti­on 2249 (2015) vom 20.11.2015 und ord­ne­te den IS als "welt­wei­te und bei­spiel­lo­se Bedro­hung des Welt­frie­dens und der inter­na­tio­na­len Sicher­heit" ein. Er for­der­te die Mit­glied­staa­ten, die dazu in der Lage sei­en, auf, unter Ein­hal­tung des Völ­ker­rechts, ins­be­son­de­re der Char­ta der Ver­ein­ten Natio­nen (im Fol­gen­den UN-Char­ta) sowie der inter­na­tio­na­len Men­schen­rechts­nor­men, des Flücht­lings­völ­ker­rechts und des huma­ni­tä­ren Völ­ker­rechts, in dem unter der Kon­trol­le des IS ste­hen­den Gebiet in Syri­en und im Irak alle not­wen­di­gen Maß­nah­men zu ergrei­fen und ihre Anstren­gun­gen zu ver­stär­ken und zu koor­di­nie­ren, um ter­ro­ris­ti­sche Hand­lun­gen zu ver­hü­ten und zu unter­bin­den, und den siche­ren Zufluchts­ort zu besei­ti­gen, den der IS in erheb­li­chen Tei­len des Irak und Syri­ens geschaf­fen habe.

Die Bun­des­re­gie­rung sag­te zunächst die Ent­las­tung Frank­reichs in ande­ren inter­na­tio­na­len Mili­tär­ein­sät­zen (ins­be­son­de­re in der Repu­blik Mali) zu und erklär­te unter der Maß­ga­be, dass man nicht an direk­ten Kampf­hand­lun­gen mit­wir­ke, die Bereit­schaft zur Teil­nah­me an einem Ein­satz in Syri­en und im Irak.

Am 1.12 2015 beschloss die Bun­des­re­gie­rung den Ein­satz bewaff­ne­ter deut­scher Streit­kräf­te zur Ver­hü­tung und Unter­bin­dung ter­ro­ris­ti­scher Hand­lun­gen durch die Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on IS mit bis zu 1.200 Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten zunächst bis zum 31.12 2016. Zu den recht­li­chen Grund­la­gen führ­te sie aus, die Ent­sen­dung bewaff­ne­ter deut­scher Streit­kräf­te erfol­ge im Rah­men und nach den Regeln eines Sys­tems gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit nach Art. 24 Abs. 2 GG. Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land unter­stüt­ze Frank­reich, den Irak und die inter­na­tio­na­le Alli­anz in ihrem Kampf gegen den IS auf der Grund­la­ge des Rechts auf kol­lek­ti­ve Selbst­ver­tei­di­gung gemäß Art. 51 UN-Char­ta. Der Sicher­heits­rat habe wie­der­holt fest­ge­stellt, dass von der Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on IS eine Bedro­hung für den Welt­frie­den und die inter­na­tio­na­le Sicher­heit aus­ge­he. Mit sei­ner Reso­lu­ti­on 2249 (2015) vom 20.11.2015 habe er die Mit­glied­staa­ten auf­ge­for­dert, gegen den IS vor­zu­ge­hen. Mit Frank­reich habe sich über­dies erst­mals ein Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on auf die in Art. 42 Abs. 7 EUV ver­an­ker­te Bei­stands­klau­sel beru­fen. Alle Mit­glied­staa­ten hät­ten den fran­zö­si­schen Antrag nach Art. 42 Abs. 7 EUV ein­hel­lig unter­stützt. Meh­re­re mit Deutsch­land ver­bün­de­te oder part­ner­schaft­lich ver­bun­de­ne Staa­ten gin­gen in Aus­übung des Rechts auf indi­vi­du­el­le und kol­lek­ti­ve Selbst­ver­tei­di­gung im Sin­ne von Art. 51 UN-Char­ta gegen den IS vor und führ­ten auch mili­tä­ri­sche Maß­nah­men auf syri­schem Gebiet durch, da die syri­sche Regie­rung nicht in der Lage und/​oder nicht wil­lens sei, die von ihrem Ter­ri­to­ri­um aus­ge­hen­den Angrif­fe des IS, ins­be­son­de­re auf den Irak, zu unter­bin­den. Der Irak habe um ein Ein­grei­fen drit­ter Staa­ten auf der Grund­la­ge von Art. 51 UN-Char­ta ersucht. Das Vor­ge­hen gegen den IS in Wahr­neh­mung des kol­lek­ti­ven Selbst­ver­tei­di­gungs­rechts sei von der Reso­lu­ti­on 2249 (2015) des Sicher­heits­rats der Ver­ein­ten Natio­nen umfasst. Soweit die kol­lek­ti­ve Selbst­ver­tei­di­gung zuguns­ten Frank­reichs geleis­tet wer­de, erfolg­ten die mili­tä­ri­schen Bei­trä­ge Deutsch­lands zusätz­lich in Erfül­lung der Bei­stands­klau­sel nach Art. 42 Abs. 7 EUV.

Der Deut­sche Bun­des­tag stimm­te dem Ein­satz am 4.12 2015 mit einer Mehr­heit von 445 Stim­men bei 145 Gegen­stim­men (dar­un­ter die Stim­men der anwe­sen­den Mit­glie­der der LIN­KE-Bun­des­tags­frak­ti­on) und sie­ben Ent­hal­tun­gen zu.

Der Ein­satz, der bei der Bun­des­wehr unter der Bezeich­nung "Ope­ra­ti­on Coun­ter Daesh" läuft, begann am 6.12 2015 zunächst mit der Siche­rung des fran­zö­si­schen Flug­zeug­trä­gers Charles de Gaulles durch die Deut­sche Mari­ne. Er umfasst zudem die Bereit­stel­lung von Tor­na­do-Auf­klä­rungs­flug­zeu­gen, von Tank­flug­zeu­gen für die Luft-Luft-Betan­kung der Kampf­flug­zeu­ge der inter­na­tio­na­len Alli­anz "Ope­ra­ti­on Inherent Resol­ve" und von Per­so­nal in Stä­ben und Haupt­quar­tie­ren sowie an Bord von AWACS-Luft­raum­über­wa­chungs­flug­zeu­gen der NATO und wur­de zwi­schen­zeit­lich um eine Aus­bil­dungs­kom­po­nen­te zuguns­ten von Füh­rungs­kräf­ten der zen­tra­li­ra­ki­schen Armee durch Sol­da­ten der Bun­des­wehr erwei­tert. Das Man­dat für den Ein­satz wur­de zuletzt durch Bun­des­tags­be­schluss vom 18.10.2018 ver­län­gert und gilt nun­mehr bis zum 31.10.2019 fort.

Mit Schrei­ben vom 10.12 2015 noti­fi­zier­te die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land gegen­über dem Prä­si­den­ten des Sicher­heits­rats die Wahr­neh­mung von Selbst­ver­tei­di­gungs­hand­lun­gen nach Art. 51 UN-Char­ta gegen den IS und stell­te klar, dass sich die Hand­lun­gen nicht gegen Syri­en rich­te­ten.

Der Antrag der Lin­ken-Frak­ti­on[↑]

In ihrer Antrags­schrift begehrt die Frak­ti­on DIE LINKE im Deut­schen Bun­des­tag die Fest­stel­lung, dass Bun­des­re­gie­rung und Bun­des­tag die Rech­te des Deut­schen Bun­des­ta­ges aus Art. 24 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG durch die Beschluss­fas­sung über den Ein­satz der Bun­des­wehr ver­letzt hät­ten.

Die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts[↑]

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ver­warf den Antrag man­gels Antrags­be­fug­nis als unzu­läs­sig. Die LIN­KE-Bun­des­tags­frak­ti­on habe nicht hin­rei­chend sub­stan­ti­iert dar­ge­legt, dass die von ihr behaup­te­te Ver­let­zung der in Pro­zess­stand­schaft gel­tend gemach­ten ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rech­te des Bun­des­ta­ges mög­lich erscheint.

Antrags­be­fug­nis im Organ­streit­ver­fah­ren[↑]

Die LIN­KE-Bun­des­tags­frak­ti­on kann als Frak­ti­on des Deut­schen Bun­des­ta­ges im Organ­streit­ver­fah­ren eige­ne Rech­te und Rech­te des Deut­schen Bun­des­ta­ges im Wege der Pro­zess­stand­schaft, das heißt frem­de Rech­te im eige­nen Namen, gel­tend machen 1. Dies ist sowohl Aus­druck der Kon­troll­funk­ti­on des Par­la­ments als auch Instru­ment des Min­der­hei­ten­schut­zes 2. Vor dem Hin­ter­grund der weit­ge­hen­den Über­ein­stim­mung von Regie­rung und der sie tra­gen­den Par­la­ments­mehr­heit im par­la­men­ta­ri­schen Regie­rungs­sys­tem soll die Öff­nung des Organ­streits für ande­re Betei­lig­te als die obers­ten Bun­des­or­ga­ne nach der Vor­stel­lung des Par­la­men­ta­ri­schen Rates vor allem dazu die­nen, Oppo­si­ti­ons­frak­tio­nen und damit der orga­ni­sier­ten par­la­men­ta­ri­schen Min­der­heit als dem Gegen­spie­ler der Regie­rungs­mehr­heit den Rechts­weg zum Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zu eröff­nen, um somit die tat­säch­li­che Gel­tend­ma­chung der dem Par­la­ment im Ver­fas­sungs­ge­fü­ge zukom­men­den Rech­te zu ermög­li­chen 3.

Die in § 64 Abs. 1 BVerfGG vor­ge­se­he­ne Pro­zess­stand­schaft stellt den Organ­streit in die Wirk­lich­keit des poli­ti­schen Kräf­te­spiels, in der sich Gewal­ten­tei­lung über die klas­si­sche Gegen­über­stel­lung der geschlos­se­nen Gewal­ten­trä­ger hin­aus in ers­ter Linie in der Ein­rich­tung von Min­der­hei­ten­rech­ten rea­li­siert. Daher lie­gen Sinn und Zweck der Pro­zess­stand­schaft dar­in, der Par­la­ments­min­der­heit die Befug­nis zur Gel­tend­ma­chung der Rech­te des Bun­des­ta­ges nicht nur dann zu erhal­ten, wenn die­ser sei­ne Rech­te, vor allem im Ver­hält­nis zu der von ihm getra­ge­nen Bun­des­re­gie­rung, nicht wahr­neh­men will 4, son­dern auch dann, wenn die Par­la­ments­min­der­heit Rech­te des Bun­des­ta­ges gegen die die Bun­des­re­gie­rung poli­tisch stüt­zen­de Par­la­ments­mehr­heit gel­tend macht 5.

Gemäß Art. 93 Abs. 1 Nr. 1 GG in Ver­bin­dung mit § 13 Nr. 5, §§ 63 ff. BVerfGG ent­schei­det das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt über die Aus­le­gung des Grund­ge­set­zes aus Anlass von Strei­tig­kei­ten über den Umfang der Rech­te und Pflich­ten eines obers­ten Bun­des­or­gans oder ande­rer Betei­lig­ter, die durch die­ses Grund­ge­setz oder in der Geschäfts­ord­nung eines obers­ten Bun­des­or­gans mit eige­nen Rech­ten aus­ge­stat­tet sind. Gegen­stand eines Antrags im Organ­streit­ver­fah­ren ist eine Maß­nah­me oder Unter­las­sung des Antrags­geg­ners. Das zur Nach­prü­fung gestell­te Ver­hal­ten muss rechts­er­heb­lich sein oder sich zumin­dest zu einem die Rechts­stel­lung des Antrag­stel­lers beein­träch­ti­gen­den, rechts­er­heb­li­chen Ver­hal­ten ver­dich­ten kön­nen 6. Erfor­der­lich ist, dass der Antrag­stel­ler durch die ange­grif­fe­ne Maß­nah­me in sei­nem Rechts­kreis kon­kret betrof­fen wird 7.

Ein Antrag im Organ­streit­ver­fah­ren ist gemäß § 64 Abs. 1 BVerfGG nur zuläs­sig, wenn der Antrag­stel­ler gel­tend macht, dass er oder das Organ, dem er ange­hört, durch eine Maß­nah­me oder Unter­las­sung des Antrags­geg­ners in sei­nen ihm durch das Grund­ge­setz über­tra­ge­nen Rech­ten und Pflich­ten ver­letzt oder unmit­tel­bar gefähr­det ist. Bei dem Organ­streit han­delt es sich um eine kon­tra­dik­to­ri­sche Par­tei­strei­tig­keit 8; er dient maß­geb­lich der gegen­sei­ti­gen Abgren­zung der Kom­pe­ten­zen von Ver­fas­sungs­or­ga­nen oder ihren Tei­len in einem Ver­fas­sungs­rechts­ver­hält­nis, nicht hin­ge­gen der Kon­trol­le der objek­ti­ven Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit eines bestimm­ten Organ­han­delns 9. Kern des Organ­streit­ver­fah­rens ist auf Sei­ten des Antrag­stel­lers die Durch­set­zung von Rech­ten 10. Der Organ­streit eröff­net daher nicht die Mög­lich­keit einer objek­ti­ven Bean­stan­dungs­kla­ge 11. Für eine all­ge­mei­ne oder umfas­sen­de, von eige­nen Rech­ten des Antrag­stel­lers los­ge­lös­te, abs­trak­te Kon­trol­le der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit einer ange­grif­fe­nen Maß­nah­me ist im Organ­streit kein Raum 12. Eine Respek­tie­rung sons­ti­gen (Verfassungs-)Rechts kann im Organ­streit nicht erzwun­gen wer­den; er dient allein dem Schutz der Rech­te der Staats­or­ga­ne im Ver­hält­nis zuein­an­der, nicht aber einer all­ge­mei­nen Ver­fas­sungs­auf­sicht 13. Das Grund­ge­setz hat den Deut­schen Bun­des­tag als Gesetz­ge­bungs­or­gan, nicht als umfas­sen­des "Rechts­auf­sichts­or­gan" über die Bun­des­re­gie­rung ein­ge­setzt. Aus dem Grund­ge­setz lässt sich kein eige­nes Recht des Deut­schen Bun­des­ta­ges dahin­ge­hend ablei­ten, dass jeg­li­ches mate­ri­ell oder for­mell ver­fas­sungs­wid­ri­ge Han­deln der Bun­des­re­gie­rung unter­blei­be 14. Auch eröff­net der Organ­streit kei­ne all­ge­mei­ne Kon­trol­le außen- oder ver­tei­di­gungs­po­li­ti­scher Maß­nah­men der Bun­des­re­gie­rung 15. Im Ver­hält­nis zwi­schen Bun­des­tag und Bun­des­re­gie­rung sind im Organ­streit dem­nach vor allem die Gesetz­ge­bungs­be­fug­nis­se und sons­ti­gen Mit­wir­kungs­rech­te des Bun­des­ta­ges rüge­fä­hig. Ein Ein­griff in eine Gesetz­ge­bungs­kom­pe­tenz des Bun­des­ta­ges ist nicht nur bei Anma­ßung der Rege­lungs­kom­pe­tenz mög­lich, son­dern auch bei einem rechts­er­heb­li­chen Han­deln ohne gesetz­li­che Ermäch­ti­gung, wenn die­se von Ver­fas­sungs wegen erfor­der­lich ist. Das Par­la­ment kann des­halb im Wege des Organ­streits eine Ent­schei­dung über die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit eines sol­chen Han­delns her­bei­füh­ren 16.

Für die Zuläs­sig­keit eines Organ­streit­ver­fah­rens ist es erfor­der­lich, aber auch aus­rei­chend, dass die von dem Antrag­stel­ler behaup­te­te Ver­let­zung oder unmit­tel­ba­re Gefähr­dung der von ihm gel­tend gemach­ten ver­fas­sungs­mä­ßi­gen Rech­te unter Beach­tung der vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­wi­ckel­ten Maß­stä­be nach dem vor­ge­tra­ge­nen Sach­ver­halt mög­lich erscheint 17.

Die­sen Anfor­de­run­gen wird der Antrag nicht gerecht. Die LIN­KE-Bun­des­tags­frak­ti­on hat die Mög­lich­keit, dass der Deut­sche Bun­des­tag durch den ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Ein­satz in Rech­ten ver­letzt sein könn­te, die ihm durch das Grund­ge­setz über­tra­gen wor­den sind (§ 64 Abs. 1 BVerfGG), nicht sub­stan­ti­iert dar­ge­legt. Nach dem vor­ge­tra­ge­nen Sach­ver­halt erscheint die von der LIN­KE-Bun­des­tags­frak­ti­on behaup­te­te Ver­let­zung von Gesetz­ge­bungs­rech­ten des Bun­des­ta­ges aus Art. 24 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen.

Sys­te­me kol­lek­ti­ver Sicher­heit – und die Rech­te des Deut­schen Bun­des­ta­ges[↑]

Das Grund­ge­setz ermäch­tigt den Bund in Art. 24 Abs. 2 GG, sich zur Wah­rung des Frie­dens einem Sys­tem gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit ein­zu­ord­nen. Die­se Ermäch­ti­gung bil­det zugleich eine ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­la­ge für Streit­kräf­te­ein­sät­ze außer­halb des Bun­des­ge­biets, soweit die­se im Rah­men und nach den Regeln eines sol­chen Sys­tems erfol­gen 18. Denn die Bünd­nis­zu­ge­hö­rig­keit der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und der sich dar­aus für Deutsch­land erge­ben­de Schutz sind untrenn­bar mit der Über­nah­me ver­trag­li­cher Pflich­ten im Rah­men des Bünd­nis­zwecks der Frie­dens­wah­rung ver­bun­den 19. Die Ein­ord­nung Deutsch­lands in ein Sys­tem gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit bedarf nach Art. 24 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG der Zustim­mung des Deut­schen Bun­des­ta­ges. Die­ser Geset­zes­vor­be­halt über­trägt dem Bun­des­tag als Gesetz­ge­bungs­or­gan ein Mit­ent­schei­dungs­recht im Bereich der aus­wär­ti­gen Ange­le­gen­hei­ten und begrün­det inso­weit auch ein Recht des Bun­des­ta­ges im Sin­ne von § 64 Abs. 1 BVerfGG 20.

Das Gesetz­ge­bungs­recht nach Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG schützt die Kom­pe­tenz des Bun­des­ta­ges, über die durch völ­ker­recht­li­chen Ver­trag begrün­de­ten Rech­te und Pflich­ten der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land mit­zu­ent­schei­den, sofern die poli­ti­schen Bezie­hun­gen des Bun­des oder Gegen­stän­de der Bun­des­ge­setz­ge­bung betrof­fen sind. Die Vor­schrift gewähr­leis­tet die Legis­la­tiv­funk­ti­on der gesetz­ge­ben­den Kör­per­schaf­ten im Bereich der aus­wär­ti­gen Gewalt, deren Zustim­mung in der Form des Ver­trags­ge­set­zes die inner­staat­li­che Anwen­dung sol­cher Ver­trä­ge sichert und das Han­deln der Regie­rung bei dem völ­ker­recht­li­chen Voll­zug des Ver­trags deckt 21.

Ein nach Maß­ga­be von Art. 24 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG ergan­ge­nes Zustim­mungs­ge­setz zu einem Ver­trag über ein Sys­tem gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit legt das Pro­gramm, vor allem den Zweck und den Anwen­dungs­be­reich die­ses Sys­tems fest. Die­ses Pro­gramm und die damit ein­her­ge­hen­de poli­ti­sche Bin­dung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land wer­den von den Gesetz­ge­bungs­kör­per­schaf­ten maß­geb­lich mit­ver­ant­wor­tet 22. Mit der Zustim­mung zu einem Ver­trags­ge­setz bestim­men die Gesetz­ge­bungs­or­ga­ne den Umfang der auf dem Ver­trag beru­hen­den Bin­dun­gen und tra­gen dafür die poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung gegen­über dem Bür­ger 23. Inso­weit erschöpft sich die recht­li­che und poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung des Par­la­ments nicht in einem ein­ma­li­gen Zustim­mungs­akt, son­dern erstreckt sich auch auf den wei­te­ren Ver­trags­voll­zug 24.

Gleich­wohl sind das poli­ti­sche Han­deln auf der Grund­la­ge des Ver­trags und sei­ne Kon­kre­ti­sie­rung, also die kon­kre­te Aus­fül­lung und Ent­wick­lung des mit ihm nie­der­ge­leg­ten Pro­gramms, Auf­ga­be der Bun­des­re­gie­rung. Die par­la­men­ta­ri­sche Zustim­mung zu einem völ­ker­recht­li­chen Ver­trag ermäch­tigt sie, die­sen Ver­trag in den For­men des Völ­ker­rechts fort­zu­ent­wi­ckeln; das Ver­trags­ge­setz ent­hält zudem den inner­staat­li­chen Anwen­dungs­be­fehl für die auf der Grund­la­ge des Ver­trags gefass­ten völ­ker­recht­li­chen Beschlüs­se 25. Die Anpas­sung eines Sys­tems gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit an sich wan­deln­de welt­po­li­ti­sche Rah­men­be­din­gun­gen und damit ein­her­ge­hen­de ver­än­der­te sicher­heits­po­li­ti­sche Gefähr­dungs­la­gen obliegt inner­staat­lich dem­nach zuerst der Bun­des­re­gie­rung 26. Das Grund­ge­setz über­lässt ihr im Bereich aus­wär­ti­ger Poli­tik einen weit bemes­se­nen Spiel­raum zu eigen­ver­ant­wort­li­cher Auf­ga­ben­wahr­neh­mung. Sowohl die Rol­le des Par­la­ments als Gesetz­ge­bungs­or­gan als auch die­je­ni­ge der recht­spre­chen­den Gewalt sind in die­sem Bereich beschränkt, um die außen- und sicher­heits­po­li­ti­sche Hand­lungs­fä­hig­keit Deutsch­lands nicht in einer Wei­se ein­zu­schrän­ken, die auf eine nicht funk­ti­ons­ge­rech­te Tei­lung der Staats­ge­walt hin­aus­lie­fe 27.

Das poli­ti­sche Han­deln auf der Grund­la­ge eines Ver­trags und sei­ne Kon­kre­ti­sie­rung erfolgt regel­mä­ßig ohne akti­ve Betei­li­gung des Deut­schen Bun­des­ta­ges, solan­ge weder ein Ände­rungs­ver­trag vor­liegt, der nach Maß­ga­be von Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG eine erneu­te Zustim­mung erfor­dern wür­de, noch die Fort­ent­wick­lung des Sys­tems das ver­trag­li­che Inte­gra­ti­ons­pro­gramm ver­lässt und des­halb eben­falls nicht ohne erneu­te Par­la­ments­be­tei­li­gung erfol­gen darf 28. Inner­halb die­ses Pro­gramms ver­blei­ben­de Ver­trags­fort­bil­dungs­pro­zes­se lösen das Mit­wir­kungs­recht aus Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG nicht erneut aus 29.

Die Fort­ent­wick­lung eines Sys­tems gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit unter Mit­wir­kung der Bun­des­re­gie­rung ver­letzt den Deut­schen Bun­des­tag aller­dings dann in sei­nem Recht auf Teil­ha­be an der aus­wär­ti­gen Gewalt aus Art. 24 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG, wenn sie über die mit dem Zustim­mungs­ge­setz erteil­te Ermäch­ti­gung hin­aus­geht und damit ultra vires erfolgt, weil der Bun­des­tag den Ver­trag, wie er sich in sei­ner tat­säch­li­chen Hand­ha­bung durch die Ver­trags­par­tei­en dar­stellt, dann nicht mehr mit­ver­ant­wor­tet 30. Wesent­li­che Abwei­chun­gen von der Ver­trags­grund­la­ge oder die Iden­ti­tät des Ver­trags betref­fen­de Ände­run­gen sind von dem ursprüng­li­chen Zustim­mungs­ge­setz nicht mehr gedeckt 31. Strengt der Bun­des­tag mit der Behaup­tung einer wesent­li­chen Ver­trags­über­schrei­tung oder ‑ände­rung ein Organ­streit­ver­fah­ren an, wird er daher zur Durch­set­zung sei­nes Rechts, über die völ­ker­ver­trag­li­chen Rech­te und Pflich­ten des Bun­des mit­zu­ent­schei­den, tätig 32.

Die Bun­des­re­gie­rung han­delt aller­dings nicht in jedem Fall schon dann außer­halb des vom Zustim­mungs­ge­setz gezo­ge­nen Ermäch­ti­gungs­rah­mens, wenn gegen ein­zel­ne Bestim­mun­gen des Ver­trags ver­sto­ßen wird. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kann des­halb auf Antrag des Bun­des­ta­ges einen Ver­fas­sungs­ver­stoß nur dann fest­stel­len, wenn sich jen­seits des weit bemes­se­nen Gestal­tungs­spiel­raums der Bun­des­re­gie­rung eine Über­schrei­tung des vom ursprüng­li­chen Zustim­mungs­ge­setz vor­ge­zeich­ne­ten Ermäch­ti­gungs­rah­mens nach­wei­sen lässt, wenn also die kon­sen­sua­le Fort­ent­wick­lung eines Sys­tems gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit gegen wesent­li­che Struk­tur­ent­schei­dun­gen des Ver­trags­werks ver­stößt und damit den Boden des dort fest­ge­leg­ten poli­ti­schen Pro­gramms ver­lässt 33. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt prüft ledig­lich in die­sem Umfang, ob ein bestimm­tes völ­ker­recht­li­ches Han­deln der Regie­rung durch das Ver­trags­ge­setz und des­sen ver­fas­sungs­recht­li­chen Rah­men gedeckt ist 34.

Der Bun­des­tag kann fer­ner ein im Organ­streit­ver­fah­ren bedeut­sa­mes Inter­es­se dar­an haben, fest­stel­len zu las­sen, dass die Fort­ent­wick­lung eines Ver­trags, der die Grund­la­ge eines Sys­tems gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit im Sin­ne von Art. 24 Abs. 2 GG bil­det, die Gren­zen über­schrei­tet, die auch die Gesetz­ge­bungs­kör­per­schaf­ten nicht durch Erlass eines Zustim­mungs­ge­set­zes über­schrei­ten dür­fen 35. Art. 24 Abs. 2 GG berech­tigt den Bund, sich "zur Wah­rung des Frie­dens" einem Sys­tem gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit ein­zu­ord­nen und schließt die Betei­li­gung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land an einem Sys­tem mili­tä­ri­scher Sicher­heit aus, wel­ches nicht der Wah­rung des Frie­dens dient 35. Ver­fas­sungs­recht­lich ste­hen die Ein­ord­nung der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land in ein sol­ches Sys­tem und die fort­dau­ern­de Teil­nah­me an die­sem Sys­tem dem­nach unter dem Vor­be­halt der Frie­dens­wah­rung. Die Ver­fas­sung unter­sagt auch die Umwand­lung eines ursprüng­lich den Anfor­de­run­gen des Art. 24 Abs. 2 GG ent­spre­chen­den Sys­tems in eines, das nicht mehr der Wah­rung des Frie­dens dient oder sogar Angriffs­krie­ge vor­be­rei­tet. Eine sol­che Fort­ent­wick­lung kann nicht vom Inhalt des auf der Grund­la­ge von Art. 24 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG ergan­ge­nen Zustim­mungs­ge­set­zes gedeckt sein 36. Damit ist das Gebot der Frie­dens­wah­rung stets zwin­gen­der Bestand­teil der Ver­trags­grund­la­ge eines Sys­tems gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit. Die frie­dens­wah­ren­de Zweck­set­zung ist nicht nur ein­ma­li­ge Vor­aus­set­zung des Bei­tritts, son­dern fort­dau­ern­de Vor­aus­set­zung des Ver­bleibs Deutsch­lands in dem Sys­tem gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit. Dien­te die­ses in sei­ner gene­rel­len Aus­rich­tung nicht mehr der Wah­rung des Frie­dens im Sin­ne von Art. 24 Abs. 2 GG, wäre dadurch auch die ver­fas­sungs­recht­li­che Ermäch­ti­gung über­schrit­ten.

Der Deut­sche Bun­des­tag ist gegen­über einer Ver­än­de­rung der Ver­trags­grund­la­ge unter Betei­li­gung der Bun­des­re­gie­rung, die inner­halb der Gren­zen des ver­trag­li­chen Pro­gramms erfolgt, zudem nicht schutz­los. Das par­la­men­ta­ri­sche Regie­rungs­sys­tem des Grund­ge­set­zes stellt dem Bun­des­tag aus­rei­chen­de Instru­men­te für die poli­ti­sche Kon­trol­le der Bun­des­re­gie­rung auch im Hin­blick auf die Fort­ent­wick­lung eines Sys­tems gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit zur Ver­fü­gung 37.

Auf Grund­la­ge die­ser Recht­spre­chung ist die von der LIN­KE-Bun­des­tags­frak­ti­on in ihrem Haupt­vor­trag gel­tend gemach­te Ver­let­zung der Gesetz­ge­bungs­rech­te des Bun­des­ta­ges aus Art. 24 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG, die sie dar­aus her­lei­tet, dass der ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­che Ein­satz nicht unter Art. 24 Abs. 2 GG zu sub­su­mie­ren sei, von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen.

Mit ihrem Haupt­vor­trag trägt die LIN­KE-Bun­des­tags­frak­ti­on im Wesent­li­chen vor, Art. 24 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG sei ver­letzt, weil der ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­che Ein­satz nicht auf ein aner­kann­tes Sys­tem gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit zurück­ge­führt wer­den kön­ne und zur Begrün­dung eines dem­nach erfor­der­li­chen Sys­tems der Bun­des­tag betei­ligt wer­den müs­se. Damit rügt sie in der Sache, dass ent­ge­gen der Annah­me von Bun­des­re­gie­rung und Bun­des­tag ein Sys­tem nach Art. 24 Abs. 2 GG für den ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Streit­kräf­te­ein­satz nicht bestehe, aber erfor­der­lich sei.

Die­se Argu­men­ta­ti­on der LIN­KE-Bun­des­tags­frak­ti­on genügt für die Dar­le­gung einer Ver­let­zung der Rech­te des Bun­des­ta­ges im vor­lie­gen­den Organ­streit­ver­fah­ren nicht. Denn sie ver­sucht, die Betrof­fen­heit organ­schaft­li­cher Rech­te des Bun­des­ta­ges aus der blo­ßen Stel­lung des Par­la­ments als (Vertrags-)Gesetzgeber – unab­hän­gig von dem Abschluss oder Voll­zug eines Ver­tra­ges durch die Bun­des­re­gie­rung – abzu­lei­ten. Die­se Stel­lung räumt dem Bun­des­tag aber für sich genom­men kein eige­nes Recht im Sin­ne des § 64 Abs. 1 BVerfGG ein, weil andern­falls im Wege des Organ­streit­ver­fah­rens eine abs­trak­te Kon­trol­le der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des Ver­hal­tens der Exe­ku­ti­ve ermög­licht wür­de 38.

Soweit sich die LIN­KE-Bun­des­tags­frak­ti­on dar­auf beruft, dass eine Ver­let­zung organ­schaft­li­cher Rech­te des Bun­des­ta­ges aus Art. 59 Abs. 2 Satz 1 in Ver­bin­dung mit Art. 24 Abs. 2 GG des­halb vor­lie­ge, weil ein rechts­er­heb­li­ches Han­deln ohne die von Ver­fas­sungs wegen erfor­der­li­che gesetz­li­che Ermäch­ti­gung vor­lie­ge 39, lässt sie außer acht, dass eine der­ar­ti­ge Rechts­ver­let­zung den Abschluss eines (neu­en) Ver­tra­ges im Sin­ne von Art. 59 Abs. 2 GG durch die Bun­des­re­gie­rung oder jeden­falls die Über­schrei­tung der Gren­zen eines Ver­trags­ge­set­zes im Sin­ne von Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG zu einem bestehen­den Sys­tem gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit gemäß Art. 24 Abs. 2 GG durch die Bun­des­re­gie­rung vor­aus­setzt. Weder das eine noch das ande­re macht die LIN­KE-Bun­des­tags­frak­ti­on mit ihrem Haupt­vor­trag gel­tend.

Auch das von der LIN­KE-Bun­des­tags­frak­ti­on in den Raum gestell­te Bedürf­nis nach einer exten­si­ve­ren Kon­zep­ti­on des Organ­streits, soweit ein Antrag auf die Kon­trol­le von Ein­sät­zen der Streit­kräf­te zielt, weil die Ein­hal­tung von deren ver­fas­sungs­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen sonst schutz­los der Exe­ku­ti­ve über­ant­wor­tet wür­de, ist nicht geeig­net, ihre Antrags­be­fug­nis zu begrün­den. Zum einen ist die Ent­schei­dung über Aus­lands­ein­sät­ze über die Grund­sät­ze des ver­fas­sungs­recht­lich ver­an­ker­ten Par­la­ments­vor­be­halts nicht der Exe­ku­ti­ve, son­dern dem Deut­schen Bun­des­tag als Reprä­sen­ta­ti­ons­or­gan des Vol­kes anver­traut 40. Zum ande­ren recht­fer­tigt allein die ver­fas­sungs­recht­li­che Bedeu­tung einer Maß­nah­me nicht die Bil­dung wei­te­rer bezie­hungs­wei­se die Aus­wei­tung bestehen­der ver­fas­sungs­ge­richt­li­cher Ver­fah­rens­ar­ten ent­ge­gen dem im Grund­ge­setz ver­an­ker­ten Enu­me­ra­ti­ons­prin­zip 41. Es ist Auf­ga­be des Ver­fas­sungs­ge­setz­ge­bers und nicht des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, neue Ver­fah­rens­ar­ten zu schaf­fen, um Wer­tungs­wi­der­sprü­chen, wie sie die LIN­KE-Bun­des­tags­frak­ti­on behaup­tet, ent­ge­gen­zu­wir­ken.

Die Inte­gra­ti­ons­gren­zen des UN-Bei­tritts[↑]

Eine Ver­let­zung von Rech­ten des Bun­des­ta­ges aus Art. 24 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG durch die von der LIN­KE-Bun­des­tags­frak­ti­on hilfs­wei­se gel­tend gemach­te Über­schrei­tung der Inte­gra­ti­ons­gren­zen des Geset­zes zum Bei­tritt der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zur Char­ta der Ver­ein­ten Natio­nen 42 ist eben­falls aus­ge­schlos­sen. Glei­ches gilt für das Gesetz zum Ver­trag von Lis­sa­bon vom 13.12 2007 43, auf wel­ches sich der Antrag im Organ­streit der Sache nach erstreckt, weil die Antrags­geg­ner die Bei­stands­klau­sel in Art. 42 Abs. 7 EUV in Ver­bin­dung mit Art. 51 UN-Char­ta zur ver­fas­sungs­recht­li­chen Recht­fer­ti­gung des ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Ein­sat­zes her­an­ge­zo­gen haben und die LIN­KE-Bun­des­tags­frak­ti­on dies unter Ver­weis auf die ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Recht­spre­chung grund­sätz­lich für ver­fehlt hält.

Soweit die LIN­KE-Bun­des­tags­frak­ti­on vor­trägt, dass der Bun­des­tag in Rechts­po­si­tio­nen aus Art. 24 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG dadurch betrof­fen sei, dass das Rech­te- und Pflich­ten­pro­gramm aus der UN-Char­ta durch den streit­ge­gen­ständ­li­chen Ein­satz für die Zukunft aus­ge­wei­tet bezie­hungs­wei­se grund­le­gend ver­än­dert wer­de – in die­sem Fall um Ein­sät­ze, die gegen nicht­staat­li­che Akteu­re auf dem Ter­ri­to­ri­um eines Dritt­staats, dem die Hand­lun­gen die­ser Akteu­re nicht ohne wei­te­res zure­chen­bar sind, erfolg­ten – und so die Gren­zen des jewei­li­gen Ver­trags­ge­set­zes über­schrit­ten wor­den sei­en, ist eine Rechts­ver­let­zung von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen. Auf der Grund­la­ge des von der LIN­KE-Bun­des­tags­frak­ti­on dar­ge­leg­ten Sach­ver­halts ist nicht ersicht­lich, dass der ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­che Ein­satz oder die ihm zugrun­de­lie­gen­den Beschlüs­se der Antrags­geg­ner die Ziel­set­zung, Struk­tur oder grund­le­gen­den Regeln der Ver­ein­ten Natio­nen oder gar deren Aus­rich­tung auf die Wah­rung des Frie­dens antas­tet. Dabei kommt es nicht dar­auf an, ob das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die völ­ker­recht­li­che Ein­schät­zung der Antrags­geg­ner, die dem gerüg­ten Han­deln zugrun­de liegt, teilt 44. Die Prü­fung beschränkt sich viel­mehr grund­sätz­lich dar­auf, ob die Annah­men außer­halb des Ver­tret­ba­ren lie­gen 45. Die ver­tret­ba­re Inter­pre­ta­ti­on von Rech­ten und Pflich­ten in einem Sys­tem nach Art. 24 Abs. 2 GG und das Han­deln in einem sol­chen Sys­tem auch in Reak­ti­on auf neue Sicher­heits­her­aus­for­de­run­gen ist Auf­ga­be der Bun­des­re­gie­rung 26 und bewegt sich regel­mä­ßig inner­halb des ver­trags­ge­setz­li­chen Ermäch­ti­gungs­rah­mens.

Der Auf­ruf des Sicher­heits­rats zum Han­deln gegen den IS und die sich dar­auf beru­fen­den Maß­nah­men der Mit­glied­staa­ten die­nen dem erklär­ten Ziel der Ver­ein­ten Natio­nen, "den Welt­frie­den und die inter­na­tio­na­le Sicher­heit zu wah­ren und zu die­sem Zweck wirk­sa­me Kol­lek­tiv­maß­nah­men zu tref­fen, um Bedro­hun­gen des Frie­dens zu ver­hü­ten und zu besei­ti­gen" (Art. 1 Abs. 1 UN-Char­ta). Mit Blick auf die­ses Ziel ord­ne­te auch der dama­li­ge Gene­ral­se­kre­tär der Ver­ein­ten Natio­nen Ban Ki-moon die Maß­nah­men der Koali­ti­on gegen den IS ein 46. Anders als in den ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren, die die Neu­aus­rich­tung der NATO zum Gegen­stand hat­ten 47, geht es hier nicht um eine Neu­aus­rich­tung der Ver­ein­ten Natio­nen als kol­lek­ti­ves Sicher­heits­sys­tem, son­dern (nur) um die Ver­fol­gung der in der UN-Char­ta nie­der­ge­leg­ten Zie­le der Frie­dens- und Sicher­heits­wah­rung im Ange­sicht des neu auf­ge­tre­te­nen Phä­no­mens einer ter­ri­to­ri­al ver­fes­tig­ten inter­na­tio­na­len Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on.

Die Struk­tur der Ver­ein­ten Natio­nen wird durch den ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Ein­satz nicht berührt. Das Selbst­ver­tei­di­gungs­recht bleibt auch bei Ein­sät­zen gegen Angrif­fe ter­ri­to­ri­al ver­fes­tig­ter nicht­staat­li­cher Akteu­re auf dem Gebiet eines Dritt­staats erkenn­bar gegen­über den Befug­nis­sen des Sicher­heits­rats nach Kapi­tel VII der UN-Char­ta nach­ran­gig. Gemäß Art. 51 Satz 1 2. Halb­satz UN-Char­ta ist ein Rück­griff auf das Selbst­ver­tei­di­gungs­recht dann ver­sperrt, wenn der Sicher­heits­rat die zur Wah­rung des Welt­frie­dens und der inter­na­tio­na­len Sicher­heit erfor­der­li­chen Maß­nah­men getrof­fen hat. Der Sicher­heits­rat bleibt dem­nach, ent­spre­chend der Grund­struk­tur des Frie­dens­si­che­rungs­sys­tems der Ver­ein­ten Natio­nen, haupt­ver­ant­wort­lich für die Wah­rung des Welt­frie­dens und der inter­na­tio­na­len Sicher­heit und behält die Mög­lich­keit, jeder­zeit die zur Wie­der­her­stel­lung des Frie­dens erfor­der­li­chen Maß­nah­men zu tref­fen und den indi­vi­du­el­len oder kol­lek­ti­ven Rück­griff auf das völ­ker­recht­li­che Selbst­ver­tei­di­gungs­recht zu been­den.

Die LIN­KE-Bun­des­tags­frak­ti­on legt ihrem Hilfs­vor­trag maß­geb­lich zugrun­de, dass die Gren­zen des Ver­trags­ge­set­zes zur UN-Char­ta dadurch über­schrit­ten wür­den, dass Art. 51 UN-Char­ta von den Antrags­geg­nern unver­tret­bar weit aus­ge­legt wor­den sei. Dem könn­te bereits ent­ge­gen­ste­hen, dass die Reso­lu­ti­on 2249 (2015) des Sicher­heits­rats eine aus­rei­chen­de Grund­la­ge für den Ein­satz der Bun­des­wehr dar­stel­len könn­te, so dass es eines Rück­griffs auf Art. 51 UN-Char­ta nicht mehr bedürf­te. Jeden­falls ist die als unver­tret­bar weit gerüg­te Aus­le­gung vor dem Hin­ter­grund, dass der genaue Norm­ge­halt des Art. 51 UN-Char­ta und einer mög­li­cher­wei­se par­al­lel gel­ten­den Norm des Völ­ker­ge­wohn­heits­rechts nie unum­strit­ten war, son­dern seit ihrer Ent­ste­hung Gegen­stand diver­ser Aus­le­gungs­strei­tig­kei­ten ist, die sich auch auf ihre Anwend­bar­keit auf Angrif­fe nicht­staat­li­cher Akteu­re bezie­hen 48, nicht ersicht­lich.

Der Wort­laut des Art. 51 UN-Char­ta sperrt sich grund­sätz­lich nicht gegen die Ein­be­zie­hung nicht­staat­li­cher Akteu­re als Urhe­ber eines bewaff­ne­ten Angriffs. Auch ein voll­stän­di­ges Ver­bot nach­tei­li­ger Aus­wir­kun­gen von Selbst­ver­tei­di­gungs­hand­lun­gen auf ande­re Rechts­trä­ger, wie etwa Staa­ten, von deren Gebiet aus ter­ri­to­ri­al ver­fes­tig­te nicht­staat­li­che Akteu­re agie­ren, ergibt sich aus dem Wort­laut nicht. Die von der LIN­KE-Bun­des­tags­frak­ti­on gerüg­te wei­te Aus­le­gung des Art. 51 UN-Char­ta wider­spricht auch nicht dem Sinn und Zweck der Norm, die letzt­lich die fort­be­stehen­de Mög­lich­keit der UN-Mit­glied­staa­ten ver­brieft, sich trotz ihrer Ver­pflich­tung zur umfas­sen­den Ach­tung des Gewalt­ver­bots gegen Angrif­fe, gleich von wem sie aus­ge­hen, ver­tei­di­gen zu kön­nen 49. Dass der­ar­ti­ge Bedro­hun­gen in der Ver­gan­gen­heit haupt­säch­lich von zwi­schen­staat­li­chen Kon­flik­ten aus­gin­gen, beschreibt nur die his­to­ri­schen Gege­ben­hei­ten, erzwingt aber nicht die Beschrän­kung des Selbst­ver­tei­di­gungs­rechts auf Angrif­fe staat­li­cher Akteu­re. Es erscheint daher zumin­dest ver­tret­bar, Angrif­fe nicht­staat­li­cher Akteu­re als in den Sinn und Zweck des Selbst­ver­tei­di­gungs­rechts, eine effek­ti­ve Ver­tei­di­gung bis zum Tätig­wer­den des Sicher­heits­rats zu ermög­li­chen, ein­be­zo­gen anzu­se­hen.

Die Recht­spre­chung des Inter­na­tio­na­len Gerichts­hofs (im Fol­gen­den: IGH) steht dem nicht ent­ge­gen. Urtei­le des IGH sind gemäß Art. 59 IGH-Sta­tut zwar nur zwi­schen den Par­tei­en ver­bind­lich. Gut­ach­ten und Urtei­le des IGH ent­fal­ten aber eine fak­ti­sche Ori­en­tie­rungs­wir­kung über den kon­kret ent­schie­de­nen Ein­zel­fall hin­aus, die­nen als völ­ker­recht­li­che Rechts­er­kennt­nis­quel­le nach Art. 38 Abs. 1 Buch­sta­be d IGH-Sta­tut und sind unter dem Gesichts­punkt der Völ­ker­rechts­freund­lich­keit des Grund­ge­set­zes von deut­schen Gerich­ten zu berück­sich­ti­gen 50. Die IGH-Recht­spre­chung ten­dier­te zwar zu einem restrik­ti­ve­ren Ver­ständ­nis des Art. 51 UN-Char­ta, wonach die Zuläs­sig­keit von gegen Staa­ten gerich­te­te Selbst­ver­tei­di­gungs­hand­lun­gen als Reak­ti­on auf Hand­lun­gen nicht­staat­li­cher Akteu­re eine Zurech­nung die­ser Akti­vi­tä­ten zum betrof­fe­nen Staat vor­aus­setzt 51. In der jün­ge­ren Recht­spre­chung hat der IGH sich in die­ser Hin­sicht aber zum einen nicht mehr fest­ge­legt 52. Zum ande­ren hat er bis­lang nicht ent­schie­den, ob dies auch gilt, wenn sich Ver­tei­di­gungs­hand­lun­gen unter Beru­fung auf Art. 51 UN-Char­ta nicht gegen den betrof­fe­nen Staat selbst, son­dern unmit­tel­bar ledig­lich gegen einen auf des­sen Gebiet ver­fes­tig­ten nicht­staat­li­chen Akteur rich­ten (die Rich­ter Kooij­mans und Sim­ma haben in ihren Son­der­vo­ten eine Beru­fung auf das Selbst­ver­tei­di­gungs­recht in sol­chen Fäl­len für zuläs­sig erach­tet 53). In die­sem Fall sind die Rech­te des Ter­ri­to­ri­al­staats nur dadurch betrof­fen, dass das Gebiet, auf dem die Ver­tei­di­gungs­hand­lung erfolgt, ihm völ­ker­recht­lich zuge­ord­net ist, obwohl er dort allen­falls noch ein­ge­schränkt Staats­ge­walt aus­übt 54.

Inte­gra­ti­ons­gren­zen bei der EU als Sys­tem kol­lek­ti­ver Sicher­heit[↑]

Auch mit Blick auf die Euro­päi­sche Uni­on ist eine Ver­let­zung von Rech­ten des Bun­des­ta­ges aus Art. 24 Abs. 2 in Ver­bin­dung mit Art. 59 Abs. 2 Satz 1 GG nach dem vor­ge­tra­ge­nen Sach­ver­halt nicht ersicht­lich. Die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist, anders als die LIN­KE-Bun­des­tags­frak­ti­on meint, nicht dahin­ge­hend zu ver­ste­hen, dass die Euro­päi­sche Uni­on grund­sätz­lich nicht als Sys­tem im Sin­ne von Art. 24 Abs. 2 GG ein­ge­ord­net wer­den kann. Ein Sys­tem gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit im Sin­ne des Art. 24 Abs. 2 GG setzt ein frie­den­si­chern­des Regel­werk sowie den Auf­bau einer eige­nen Orga­ni­sa­ti­on und einen Sta­tus völ­ker­recht­li­cher Gebun­den­heit vor­aus, der wech­sel­sei­tig zur Wah­rung des Frie­dens ver­pflich­tet und Sicher­heit gewährt 55. Anhand die­ser Kri­te­ri­en kann die Euro­päi­sche Uni­on zumin­dest ver­tret­bar als ein Sys­tem gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit ange­se­hen wer­den 56. Einer sol­chen Ein­ord­nung ste­hen Aus­füh­run­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts im Lis­sa­bon, Urteil nicht ent­ge­gen, in denen er – dem dama­li­gen Ver­fah­rens­ge­gen­stand ent­spre­chend – fest­stell­te, dass jeder kon­kre­te Ein­satz deut­scher Streit­kräf­te selbst beim Errei­chen einer enge­ren Inte­gra­ti­ons­stu­fe wie einer gemein­sa­men Ver­tei­di­gung im Sin­ne von Art. 42 Abs. 2 UAbs. 2 EUV wei­ter­hin unter den – inte­gra­ti­ons­fes­ten – Par­la­ments­vor­be­halt fal­le 57. Die Antrags­geg­ner haben sich zur Recht­fer­ti­gung des ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Ein­sat­zes auch auf Art. 24 Abs. 2 GG in Ver­bin­dung mit Art. 42 Abs. 7 EUV beru­fen. Ein Streit­kräf­te­ein­satz auf der Grund­la­ge der Bei­stands­klau­sel des Art. 42 Abs. 7 EUV ist ver­fas­sungs­recht­lich dem Grun­de nach jeden­falls nicht aus­ge­schlos­sen.

Abs. 7 EUV ver­weist sowohl expli­zit, durch die Nen­nung des Art. 51 UN-Char­ta, wie auch impli­zit, durch Auf­grei­fen des Wort­lauts von Art. 51 UN-Char­ta, auf das in der UN-Char­ta ange­leg­te Selbst­ver­tei­di­gungs­recht. Inso­weit sind für die Ver­tret­bar­keit einer Annah­me der Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen des Art. 42 Abs. 7 EUV im ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Fall die Aus­füh­run­gen zu Art. 51 UN-Char­ta über­trag­bar.

Zur Zeit der Ver­ab­schie­dung des Zustim­mungs­ge­set­zes zum Ver­trag über die Euro­päi­sche Uni­on im Jahr 2007, als das Bedro­hungs­po­ten­zi­al, das von nicht­staat­li­chen Akteu­ren aus­ge­hen kann, der inter­na­tio­na­len Gemein­schaft infol­ge der Anschlä­ge am 11.09.2001 in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka bereits sehr bewusst war, war auch vor­her­seh­bar, dass zukünf­tig, wie im ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Fall, ein ter­ro­ris­ti­scher Angriff gegen einen Mit­glied­staat tat­be­stand­lich unter die Bei­stands­klau­sel des Art. 42 Abs. 7 EUV gefasst wer­den könn­te. Auch auf der Rechts­fol­gen­sei­te ist nicht ersicht­lich, dass der ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­che Ein­satz ange­sichts der dem Wort­laut des Art. 42 Abs. 7 EUV zu ent­neh­men­den Ver­pflich­tung der Mit­glied­staa­ten, dem ange­grif­fe­nen Mit­glied alle in ihrer Macht ste­hen­de Hil­fe und Unter­stüt­zung zu leis­ten, die Gren­zen des­sen über­schrei­tet, was im Rah­men eines Bei­stands­falls gemäß Art. 42 Abs. 7 EUV zu erwar­ten war.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 17. Sep­tem­ber 2019 – 2 BvE 2/​16

  1. vgl. BVerfGE 2, 143, 165; 45, 1, 28; 67, 100, 125; 131, 152, 190; 139, 194, 220 Rn. 96; 140, 115, 138 f. Rn. 56; 142, 25, 49 Rn. 66[]
  2. vgl. BVerfGE 45, 1, 29 f.; 60, 319, 325 f.; 68, 1, 77 f.; 121, 135, 151; 123, 267, 338 f.; 131, 152, 190; 139, 194, 220 Rn. 96; 142, 25, 49 Rn. 66[]
  3. vgl. BVerfGE 90, 286, 344 mit Nach­wei­sen zur Debat­te im Par­la­men­ta­ri­schen Rat; 117, 359, 367 f.[]
  4. vgl. BVerfGE 1, 351, 359; 45, 1, 29 f.; 121, 135, 151[]
  5. vgl. BVerfGE 123, 267, 338 f.[]
  6. vgl. BVerfGE 57, 1, 4 f.; 60, 374, 381; 97, 408, 414; 118, 277, 317; 120, 82, 96; 138, 45, 59 f. Rn. 27[]
  7. vgl. BVerfGE 124, 161, 185; 138, 45, 59 f. Rn. 27[]
  8. vgl. BVerfGE 126, 55, 67; 138, 256, 258 f. Rn. 4[]
  9. vgl. BVerfGE 104, 151, 193 f.; 118, 244, 257; 126, 55, 67 f.; 140, 1, 21 f. Rn. 58; 143, 1, 8 Rn. 29; BVerfG, Beschluss vom 11.12 2018 – 2 BvE 1/​18, Rn. 18; stRspr[]
  10. vgl. Lenz/​Hansel, BVerfGG, 2. Aufl.2015, § 64 Rn.19; vgl. auch BVerfGE 67, 100, 126; 124, 78, 113; 143, 101, 132 Rn. 104[]
  11. vgl. BVerfGE 118, 277, 319; 126, 55, 68; 138, 256, 259 Rn. 5; 140, 1, 21 f. Rn. 58; 143, 1, 8 Rn. 29; BVerfG, Beschluss vom 11.12 2018 – 2 BvE 1/​18, Rn. 18[]
  12. vgl. BVerfGE 73, 1, 30; 80, 188, 212; 104, 151, 193 f.; 118, 277, 318 f.; 136, 190, 192 Rn. 5; BVerfG, Beschluss vom 11.12 2018 – 2 BvE 1/​18, Rn. 18[]
  13. vgl. BVerfGE 100, 266, 268; 118, 277, 319; BVerfG, Beschluss vom 11.12 2018 – 2 BvE 1/​18, Rn. 18[]
  14. vgl. BVerfGE 68, 1, 72 f.; 126, 55, 68; BVerfG, Beschluss vom 11.12 2018 – 2 BvE 1/​18, Rn. 18[]
  15. vgl. BVerfGE 118, 244, 257[]
  16. vgl. BVerfGE 104, 151, 194 f.; 118, 244, 258[]
  17. vgl. BVerfGE 138, 256, 259 Rn. 6; 140, 1, 21 f. Rn. 58; BVerfG, Beschluss vom 11.12 2018 – 2 BvE 1/​18, Rn.20; stRspr[]
  18. vgl. BVerfGE 90, 286, 345 ff.; 121, 135, 156[]
  19. vgl. BVerfGE 90, 286, 345; 118, 244, 261 f.; 121, 135, 156 f.[]
  20. vgl. BVerfGE 68, 1, 85 f.; 90, 286, 351; 104, 151, 194; 118, 244, 258[]
  21. vgl. BVerfGE 90, 286, 357; 104, 151, 194; 118, 244, 258[]
  22. vgl. BVerfGE 104, 151, 209; 118, 244, 259 f.; 121, 135, 157[]
  23. vgl. BVerfGE 104, 151, 209; 118, 244, 260; 121, 135, 157[]
  24. vgl. BVerfGE 104, 151, 209[]
  25. vgl. BVerfGE 104, 151, 209; 118, 244, 259[]
  26. vgl. BVerfGE 121, 135, 158[][]
  27. vgl. BVerfGE 68, 1, 87 f.; 90, 286, 363 f.; 104, 151, 207; 118, 244, 259[]
  28. vgl. BVerfGE 104, 151, 199 f., 209 f.; 118, 244, 259 ff.; 121, 135, 158[]
  29. vgl. BVerfGE 68, 1, 84 ff.; 90, 286, 359 ff.; 104, 151, 206 ff.; 121, 135, 158[]
  30. vgl. BVerfGE 104, 151, 209 f.; 118, 244, 260; 121, 135, 158[]
  31. vgl. BVerfGE 58, 1, 37; 68, 1, 102; 77, 170, 231; 89, 155, 188; 104, 151, 195; 118, 244, 260; 121, 135, 158[]
  32. vgl. BVerfGE 118, 244, 260[]
  33. vgl. BVerfGE 104, 151, 210; 118, 244, 260 f.; 121, 135, 158[]
  34. vgl. BVerfGE 58, 1, 36 f.; 68, 1, 102 f.; 90, 286, 346 ff., 351 ff.; 104, 151, 196; 118, 244, 261[]
  35. vgl. BVerfGE 118, 244, 261[][]
  36. vgl. BVerfGE 104, 151, 212 f.; 118, 244, 261[]
  37. vgl. BVerfGE 68, 1, 89; 90, 286, 364 f.; 104, 151, 208; 121, 135, 158 f.[]
  38. vgl. BVerfGE 68, 1, 73; 126, 55, 73 f.[]
  39. vgl. BVerfGE 104, 151, 194; 118, 244, 258[]
  40. vgl. BVerfGE 90, 286, 381 ff.; 121, 135, 153 f. m.w.N.; 140, 160, 187 ff. Rn. 66 ff.[]
  41. vgl. BVerfGE 2, 341, 346; 21, 52, 53 f.[]
  42. BGBl II 1973 S. 430[]
  43. BGBl II 2008 S. 1038[]
  44. vgl. BVerfGE 118, 244, 268[]
  45. vgl. BVerfGE 118, 244, 269[]
  46. UN-Gene­ral­se­kre­tär, Remarks at the Cli­ma­te Sum­mit press con­fe­rence [inclu­ding comments on Syria] vom 23.09.2014[]
  47. BVerfGE 104, 151; 118, 244[]
  48. vgl. Nolte/​Randelzhofer, in: Simma/​Khan/​Nolte/​Paulus, The Char­ter of the United Nati­ons, Bd. II, 3. Aufl.2012, Art. 51 Rn. 17 ff.[]
  49. statt vie­ler Dau, Die völ­ker­recht­li­che Zuläs­sig­keit von Selbst­ver­tei­di­gung gegen nicht-staat­li­che Akteu­re, 2018, S. 64 f.; Fin­ke, AVR 2017, S. 1, 26; Moir, in: Wel­ler, The Oxford Hand­book of the Use of Force in Inter­na­tio­nal Law, 2015, S. 720, 735; Thie­le, Aus­lands­ein­sät­ze der Bun­des­wehr zur Bekämp­fung des inter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus, 2011, S. 166 ff.; Lowe, Inter­na­tio­nal Law, 2007, S. 278; Bruha, AVR 2002, S. 383, 393 ff.[]
  50. vgl. BVerfGK 9, 174, 192 f.; vgl. zum Grund­satz der Völ­ker­rechts­freund­lich­keit BVerfGE 148, 296, 350 ff. Rn. 126 ff.[]
  51. vgl. IGH, Urteil vom 27.06.1986 – Mili­ta­ry and Para­mi­li­ta­ry Activi­ties in and against Nica­ra­gua, Nica­ra­gua v. Ver­ei­nig­te Staa­ten von Ame­ri­ka, ICJ Reports 1986, S. 14, 64 f. Rn. 115; 103 f. Rn.195; Gut­ach­ten vom 09.07.2004 – Legal Con­se­quen­ces of the Con­struc­tion of a Wall in the Occu­pied Pales­ti­ni­an Ter­rito­ry, ICJ Reports 2004, S. 136, 194 Rn. 139[]
  52. vgl. IGH, Urteil vom 19.12 2005 – Armed Activi­ties on the Ter­rito­ry of Con­go, Kon­go v. Ugan­da, ICJ Reports 2005, S. 168, 223 Rn. 147[]
  53. IGH, Urteil vom 19.12 2005 – Armed Activi­ties on the Ter­rito­ry of Con­go, Kon­go v. Ugan­da, Son­der­vo­tum Sim­ma, ICJ Reports 2005, S. 334, 337 f. Rn. 12 f. und Son­der­vo­tum Kooij­mans, ICJ Reports 2005, S. 306, 313 f. Rn. 25 ff.; sie­he auch IGH, Gut­ach­ten vom 09.07.2004 – Legal Con­se­quen­ces of the Con­struc­tion of a Wall in the Occu­pied Pales­ti­ni­an Ter­rito­ry, Erklä­rung Bue­r­gen­thal, ICJ Reports 2004, S. 240, 242 f. Rn. 6[]
  54. vgl. für die Anwend­bar­keit des Art. 51 UN-Char­ta auf die­se Fäl­le: z. B. Dau, Die völ­ker­recht­li­che Zuläs­sig­keit von Selbst­ver­tei­di­gung gegen nicht-staat­li­che Akteu­re, 2018, S. 60 ff.; 115 ff.; Krie­ger, in: Schmidt-Bleib­treu/Hof­man­n/Hen­ne­ke, GG, 14. Aufl.2018, Art. 87a Rn. 13a; Fin­ke, AVR 2017, S. 1, 31 ff.; Stein/​von Buttlar/​Kotzur, Völ­ker­recht, 14. Aufl.2017, Rn. 845 f.; Cre­mer, ZG 2016, S. 97, 104 f.; Moir, in: Wel­ler, The Oxford Hand­book of the Use of Force in Inter­na­tio­nal Law, 2015, S. 720; Peters, EJIL:Talk vom 08.12 2015; in die­se Rich­tung gehend auch von Arnauld, Völ­ker­recht, 3. Aufl.2016, § 13 Rn. 1119; Bothe, in: Vitzthum/​Proelß, Völ­ker­recht, 7. Aufl.2016, S. 608; Nolte/​Randelzhofer, in: Simma/​Khan/​Nolte/​Paulus, The Char­ter of the United Nati­ons, Bd. II, 3. Aufl.2012, Art. 51 Rn. 41; a.A. Payandeh/​Sauer, ZRP 2016, S. 34, 35 f.; Star­ski, ZaöRV 75, 2015, S. 455 ff.[]
  55. vgl. BVerfGE 90, 286, 347 ff. m.w.N.[]
  56. befür­wor­tend Sau­er, in: Bon­ner Kom­men­tar, GG, Art. 24 Rn. 277 ff., Mai 2019; Schmahl, in: Sodan, GG, 4. Aufl.2018, Art. 24 Rn.20; Cal­liess, in: Maunz/​Dürig, GG, Art. 24 Abs. 2 Rn. 45 ff., Janu­ar 2018; Clas­sen, in: von Mangoldt/​Klein/​Starck, GG, Bd. 2, 7. Aufl.2018, Art. 24 Rn. 94; Heun, in: Drei­er, GG, 3. Aufl.2018, Art. 87a Rn. 18; Krie­ger, in: Schmidt-Bleib­treu/Hof­man­n/Hen­ne­ke, GG, 14. Aufl.2018, Art. 87a Rn. 21; von Hein­egg, in: Epping/​Hillgruber, GG, Art. 24 Rn. 33.3, März 2015; Fass­ben­der, in: Isensee/​Kirchhof, HStR XI, 3. Aufl.2013, § 244 Rn. 73; Oeter, in: Isensee/​Kirchhof, HStR XI, 3. Aufl.2013, § 243 Rn. 28 f.; Hobe, in: Friauf/​Höfling, GG, Art. 24 Rn. 57, Mai 2012; Thym, EuR-Bei­heft 1/​2010, S. 171, 183 ff.; Röben, Außen­ver­fas­sungs­recht, 2007, S. 250?f.; a.A. unter Hin­weis auf das Lis­sa­bon, Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts Bal­dus/­Mül­ler-Fran­ken, in: von Mangoldt/​Klein/​Starck, GG, Bd. 3, 7. Aufl.2018, Art. 87a Rn. 95; Fähr­mann, Die Bun­des­wehr im Ein­satz für Euro­pa, 2010, S.202 ff.[]
  57. vgl. BVerfGE 123, 267, 361; 425 f.[]