Kein Kin­der­geld für das in Nord­zy­pern leben­de Kind

Bei dem nörd­li­chen Teil der Repu­blik Zypern („Tür­ki­sche Repu­blik Nord­zy­pern“) han­delt es sich nicht um einen EU-Mit­glied­staat i.S. des Kindergeldrechts.

Kein Kin­der­geld für das in Nord­zy­pern leben­de Kind

Gemäß § 63 Abs. 1 Satz 6 EStG setzt der Kin­der­geld­an­spruch vor­aus, dass das Kind ent­we­der im Inland oder in einem EU-Mit­glied­staat oder in einem Staat, auf den das Abkom­men über den Euro­päi­schen Wirt­schafts­raum Anwen­dung fin­det, sei­nen Wohn­sitz oder sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt hat.

Schon aus dem Wort­laut „Mit­glied­staat“ ergibt sich, dass der Bei­tritt des Staa­tes zur EU vor­aus­ge­setzt wird und es ent­ge­gen der Ansicht der Klä­ge­rin nicht allein auf einen ter­ri­to­ria­len Aspekt ankommt. Die Akte über den Bei­tritt eines neu­en Mit­glied­staats beruht im Wesent­li­chen auf dem all­ge­mei­nen Grund­satz der sofor­ti­gen und voll­stän­di­gen Anwen­dung der Bestim­mun­gen des Gemein­schafts­rechts auf die­sen Staat, wobei Abwei­chun­gen nur inso­weit zuläs­sig sind, als sie in Über­gangs­be­stim­mun­gen aus­drück­lich vor­ge­se­hen sind1. Ent­schei­dend für die Bestim­mung als EU-Mit­glied­staat ist daher nicht allein, ob das Gebiet völ­ker­recht­lich dem Gebiet der EU zuge­ord­net wer­den kann. Hin­zu­kom­men muss, dass auf die­sem Gebiet auch das Recht der EU (acquis com­mu­n­au­taire = gemein­sa­mer Besitz­stand) gilt. Die Anwen­dung des EU-Rechts ist aber im Bereich der völ­ker­recht­lich nicht aner­kann­ten Tür­ki­schen Repu­blik Nord­zy­pern durch das Pro­to­koll Nr. 10 über Zypern der Akte über die Bedin­gun­gen des Bei­tritts der Tsche­chi­schen Repu­blik, der Repu­blik Est­land, der Repu­blik Zypern, der Repu­blik Lett­land, der Repu­blik Litau­en, der Repu­blik Ungarn, der Repu­blik Mal­ta, der Repu­blik Polen, der Repu­blik Slo­we­ni­en und der Slo­wa­ki­schen Repu­blik und die Anpas­sun­gen der die Euro­päi­schen Uni­on begrün­den­den Ver­trä­ge2 sus­pen­diert, solan­ge die Regie­rung der Repu­blik Zypern in die­sem Gebiet kei­ne tat­säch­li­che Kon­trol­le aus­übt. Die­ses Pro­to­koll zieht die Kon­se­quenz dar­aus, dass es vor dem Bei­tritt Zyperns nicht mehr gelun­gen ist, eine poli­ti­sche Lösung für die geteil­te Insel zu fin­den3. Der Besitz­stand, der hier durch das Pro­to­koll aus­ge­setzt ist, umfasst alle Rechts­ak­te, die für die Mit­glied­staa­ten der EU ver­bind­lich sind. Fak­tisch trat daher nach dem Schei­tern des Refe­ren­dums zum Ann­an-Plan am 24.04.2004 der Nord­teil der Insel (Tür­ki­sche Repu­blik Nord­zy­pern) nicht der EU bei. Solan­ge die Repu­blik Zypern Hoheits­ak­te in Nord­zy­pern und damit auch EU-Recht nicht durch­set­zen kann, gilt der nörd­li­che Teil der Insel Zyperns nicht als EU-Mit­glied­staat i.S. des § 63 Abs. 1 Satz 6 EStG.

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Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 18. Febru­ar 2021 – III B 123/​20

  1. EuGH, Urteil vom 28.04.2009 – C‑420/​07, Euro­päi­sche Grund­rech­te Zeit­schrift 2009, 210 bis 216, Rz 33[]
  2. ABl.EU 2003, Nr. L 236, S. 955[]
  3. BT-Drs. 15/​1100, S. 90[]

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