Kei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen den EuGH

Maß­nah­men von Orga­nen, Ein­rich­tun­gen und sons­ti­gen Stel­len der Euro­päi­schen Uni­on sind kei­ne Akte deut­scher öffent­li­cher Gewalt im Sin­ne von Art. 93 Abs. 1 Nr. 4a GG, § 90 Abs. 1 BVerfGG und daher auch nicht unmit­tel­ba­rer Beschwer­de­ge­gen­stand im Ver­fah­ren der Ver­fas­sungs­be­schwer­de 1.

Kei­ne Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen den EuGH

Sol­che Maß­nah­men kön­nen zwar – als Vor­fra­ge – Gegen­stand der Prü­fung durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt sein, soweit sie die Grund­rechts­be­rech­tig­ten in Deutsch­land betref­fen. Sie berüh­ren die Gewähr­leis­tun­gen des Grund­ge­set­zes und die Auf­ga­ben des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts, die den Grund­rechts­schutz in Deutsch­land und inso­weit nicht nur gegen­über deut­schen Staats­or­ga­nen zum Gegen­stand haben 2. Eine sol­che Prü­fungs­be­fug­nis des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in Bezug auf Maß­nah­men nicht­deut­scher Hoheits­trä­ger besteht aber nur inso­weit, als die­se Maß­nah­men ent­we­der Grund­la­ge von Hand­lun­gen deut­scher Staats­or­ga­ne sind 3 oder aus der Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung fol­gen­de Reak­ti­ons­pflich­ten deut­scher Ver­fas­sungs­or­ga­ne aus­lö­sen 4. Inso­fern prüft das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt mit­tel­bar auch Maß­nah­men von Orga­nen, Ein­rich­tun­gen und sons­ti­gen Stel­len der Euro­päi­schen Uni­on dar­auf­hin, ob sie durch das auf der Grund­la­ge von Art. 23 Abs. 1 Satz 2 GG durch das Zustim­mungs­ge­setz gebil­lig­te Inte­gra­ti­ons­pro­gramm gedeckt sind oder gegen die der euro­päi­schen Inte­gra­ti­on durch das Grund­ge­setz sonst gezo­ge­nen Gren­zen ver­sto­ßen 5.

Nach die­sen Maß­stä­ben war die Ver­fas­sungs­be­schwer­de, die das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hier nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men hat, unzu­läs­sig, weil ihr kei­ne taug­li­chen Beschwer­de­ge­gen­stän­de zugrun­de lagen: Die Beschwer­de­füh­re­rin griff eine Ent­schei­dung der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on und Urtei­le des Gerichts sowie des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on an. Damit wen­det sie sich aus­schließ­lich gegen Maß­nah­men von Orga­nen der Euro­päi­schen Uni­on, die als sol­che mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht ange­grif­fen wer­den kön­nen.

Mit Blick auf die von der Beschwer­de­füh­re­rin ver­an­lass­te selbst­schuld­ne­ri­sche Bank­bürg­schaft ist auch nicht abzu­se­hen, dass die Kom­mis­si­on gegen die Beschwer­de­füh­re­rin Voll­stre­ckungs­maß­nah­men ein­lei­ten wird, die (noch) durch die deut­sche öffent­li­che Gewalt durch­ge­setzt wer­den müss­ten (vgl. Art. 299 AEUV). Gegen sol­che Maß­nah­men stün­den der Beschwer­de­füh­re­rin die all­ge­mei­nen Rechts­be­hel­fe zur Ver­fü­gung.

Die Beschwer­de­füh­re­rin rügt schließ­lich auch kei­ne Ver­let­zung der Inte­gra­ti­ons­ver­ant­wor­tung von Bun­des­re­gie­rung und Bun­des­tag, die die­se dazu ver­pflich­ten wür­de, das kar­tell­recht­li­che Buß­geld­re­gime des Uni­ons­rechts auf den Prüf­stand zu stel­len und sich aktiv mit der Fra­ge aus­ein­an­der­zu­set­zen, ob die Aus­le­gung und Anwen­dung von Art. 23 der Ver­ord­nung (EG) Nr. 1/​2003 durch die Orga­ne der Euro­päi­schen Uni­on die Ver­fas­sungs­iden­ti­tät des Grund­ge­set­zes und die Gren­zen des Inte­gra­ti­ons­pro­gramms wahrt, sowie eine posi­ti­ve Ent­schei­dung dar­über her­bei­zu­füh­ren, wel­che Wege zur Gewähr­leis­tung die­ser Anfor­de­run­gen gege­be­nen­falls beschrit­ten wer­den sol­len 6.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 19. Juli 2016 – 2 BvR 2752/​11

  1. BVerfG, Urteil vom 21.06.2016 – 2 BvR 2728/​13 u. a. 97; vgl. BVerfGE 129, 124, 175 f.[]
  2. BVerfGE 89, 155, 175[]
  3. vgl. BVerfGE 134, 366, 382 Rn. 23[]
  4. vgl. BVerfGE 134, 366, 394 ff. Rn. 44 ff.; 135, 317, 393 f. Rn. 146[]
  5. vgl. BVerfGE 73, 339, 374 ff.; 102, 147, 161 ff.; 118, 79, 95 ff.; 123, 267, 354; 126, 286, 298 ff.; BVerfG, Beschluss vom 15.12 2015 – 2 BvR 2735/​14 36 ff.; Urteil vom 21.06.2016, a.a.O., Rn. 98 f.[]
  6. vgl. BVerfGE 134, 366, 397 Rn. 53; BVerfG, Urteil vom 21.06.2016, a.a.O., Rn. 167[]