Per­sön­lich­keits­schutz und der Zugang zu EU-Doku­men­ten

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat den Umfang des Schut­zes per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten beim Zugang zu Doku­men­ten der Uni­ons­or­ga­ne prä­zi­siert:

Per­sön­lich­keits­schutz und der Zugang zu EU-Doku­men­ten

Die Ver­ord­nung über den Zugang zu Doku­men­ten 1 sieht vor, dass die Orga­ne den Zugang zu einem Doku­ment ver­wei­gern, wenn des­sen Ver­brei­tung den Schutz der Pri­vat­sphä­re des Ein­zel­nen, ins­be­son­de­re gemäß den Rechts­vor­schrif­ten der Gemein­schaft über den Schutz per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten, beein­träch­ti­gen könn­te.

Die Ver­ord­nung über den Schutz per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten 2 bestimmt, dass per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten an ande­re als die Orga­ne und Ein­rich­tun­gen der Gemein­schaft nur über­mit­telt wer­den dür­fen, wenn der Emp­fän­ger nach­weist, dass die Daten für die Wahr­neh­mung einer Auf­ga­be erfor­der­lich sind, die im öffent­li­chen Inter­es­se oder in Aus­übung öffent­li­cher Gewalt aus­ge­führt wird.

In dem jetzt vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ent­schie­de­nen Ver­fah­ren wur­de die Gesell­schaft Bava­ri­an Lager zum Zweck der Ein­fuhr deut­schen Fla­schen­biers gegrün­det, das in ers­ter Linie für den Aus­schank in Gast­stät­ten des Ver­ei­nig­ten König­reichs bestimmt war. Der Absatz ihres Erzeug­nis­ses erwies sich jedoch als schwie­rig, da die meis­ten die­ser Gast­stät­ten durch Allein­be­zugs­ver­ein­ba­run­gen gebun­den waren, die sie zum aus­schließ­li­chen Bier­be­zug von einer bestimm­ten Braue­rei ver­pflich­te­ten. Nach einer Bier­lie­fe­rungs­re­ge­lung des Ver­ei­nig­ten König­reichs muss­ten bri­ti­sche Braue­rei­en es den Gast­stät­ten­be­trei­bern gestat­ten, auch von einer ande­ren Braue­rei Bier zu bezie­hen, sofern es sich hier­bei um Fass­bier han­del­te. Die­se Bestim­mung wird all­ge­mein als "Guest Beer Pro­vi­si­on" (GBP) bezeich­net. Da Bava­ri­an Lager die GBP als eine Maß­nah­me mit glei­cher Wir­kung wie eine men­gen­mä­ßi­ge Ein­fuhr­be­schrän­kung ansah, reich­te sie eine Beschwer­de bei der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on ein.

Im Lau­fe des von der Kom­mis­si­on gegen das Ver­ei­nig­te König­reich ein­ge­lei­te­ten Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­rens fand am 11. Okto­ber 1996 ein Tref­fen statt, an dem Ver­tre­ter der Euro­päi­schen Gemein­schaft und des Ver­ei­nig­ten König­reichs sowie Ver­tre­ter des Ver­bands der Bier­brau­er des Gemein­sa­men Mark­tes (CBMC) teil­nah­men. Bava­ri­an Lager hat­te um Teil­nah­me an die­sem Tref­fen ersucht, ihrem Ersu­chen gab die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on jedoch nicht statt.

Nach­dem die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on von den bri­ti­schen Behör­den davon in Kennt­nis gesetzt wor­den war, dass die "Guest Beer Pro­vi­si­on" geän­dert wor­den sei und neben Fass­bier künf­tig auch Fla­schen­bier einer ande­ren Braue­rei ver­kauft wer­den kön­ne, teil­te sie Bava­ri­an Lager mit, dass das Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren aus­ge­setzt wor­den sei. In der Fol­ge stell­te die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on das Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren end­gül­tig ein.

Bava­ri­an Lager bean­trag­te bei der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on mehr­mals, Zugang zu den im Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren ein­ge­reich­ten Schrift­stü­cken zu erhal­ten und ihr die Namen der Teil­neh­mer an der Sit­zung vom 11. Okto­ber 1996 bekannt­zu­ge­ben. Die Kom­mis­si­on wil­lig­te ein, bestimm­te Doku­men­te, die sich auf das Tref­fen vom 11. Okto­ber 1996 bezo­gen, offen­zu­le­gen, schwärz­te jedoch fünf Namen im Pro­to­koll die­ses Tref­fens, weil sich zwei Per­so­nen der Preis­ga­be ihrer Iden­ti­tät wider­setzt hat­ten und die Kom­mis­si­on mit den drei übri­gen Per­so­nen nicht in Kon­takt tre­ten konn­te.

Dar­auf­hin stell­te Bava­ri­an Lager einen neu­en Antrag auf Über­mitt­lung des voll­stän­di­gen Pro­to­kolls der Sit­zung vom Okto­ber 1996 mit Anga­be aller Namen der Teil­neh­mer. Mit Ent­schei­dung vom 18. März 2004 lehn­te die Kom­mis­si­on die­sen Antrag unter Hin­weis ins­be­son­de­re auf den Schutz der Pri­vat­sphä­re die­ser Per­so­nen ab, wie er durch die Ver­ord­nung über den Schutz per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten gewähr­leis­tet sei.

Bava­ri­an Lager erhob dar­auf­hin beim Gericht der Euro­päi­schen Uni­on Kla­ge auf Nich­tig­erklä­rung die­ser Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on. Mit Urteil vom 8. Novem­ber 2007 hat das Gericht die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on ins­be­son­de­re mit der Begrün­dung für nich­tig erklärt, dass die blo­ße Auf­nah­me der Namen der Betrof­fe­nen in die Lis­te der Per­so­nen, die im Namen der von ihnen ver­tre­te­nen Ein­rich­tung an einer Sit­zung teil­näh­men, kei­ne Rechts­ver­let­zung dar­stel­le und nicht die in die Pri­vat­sphä­re die­ser Per­so­nen ein­grei­fe.

Die Kom­mis­si­on, unter­stützt durch das Ver­ei­nig­te König­reich und den Rat, hat gegen die­ses Urteil beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on Rechts­mit­tel ein­ge­legt.

In sei­nem jet­zi­gen Urteil ver­weist der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on dar­an, dass die Ver­ord­nung über den Zugang zu Doku­men­ten als all­ge­mei­ne Regel fest­legt, dass Doku­men­te der Uni­ons­or­ga­ne der Öffent­lich­keit zugäng­lich sind, jedoch wegen bestimm­ter öffent­li­cher und pri­va­ter Inter­es­sen Aus­nah­men vor­sieht. Nament­lich die Bestim­mung die­ser Ver­ord­nung, die – für den Fall, dass durch die Ver­brei­tung der Schutz der Pri­vat­sphä­re oder der Inte­gri­tät des Ein­zel­nen beein­träch­tigt wür­de – eine Aus­nah­me vom Zugang zu Doku­men­ten vor­sieht, ent­hält eine spe­zi­fi­sche, ver­stärk­te Schutz­re­ge­lung für Per­so­nen, deren per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten ver­öf­fent­licht wer­den könn­ten.

Wenn ein nach der Ver­ord­nung über den Zugang zu Doku­men­ten gestell­ter Antrag auf die Gewäh­rung des Zugangs zu Doku­men­ten gerich­tet ist, die per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten ent­hal­ten, wer­den die Bestim­mun­gen der Ver­ord­nung über den Schutz per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten in vol­lem Umfang anwend­bar, ein­schließ­lich der­je­ni­gen, nach der der Emp­fän­ger der Über­mitt­lung per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten ver­pflich­tet ist, die Not­wen­dig­keit der Preis­ga­be die­ser Daten nach­zu­wei­sen, und der­je­ni­gen, nach der der Betrof­fe­ne jeder­zeit aus zwin­gen­den, schutz­wür­di­gen, sich aus sei­ner beson­de­ren Situa­ti­on erge­ben­den Grün­den gegen die Bear­bei­tung von ihn betref­fen­den Daten Wider­spruch ein­le­gen kann.

Sodann stellt der Gerichts­hof fest, dass das Gericht zu Recht zu dem Ergeb­nis gelangt ist, dass die Lis­te der Teil­neh­mer des Tref­fens vom 11. Okto­ber 1996 im Pro­to­koll die­ses Tref­fens per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten ent­hal­te, da die Per­so­nen, die an die­sem Tref­fen teil­ge­nom­men hät­ten, im Pro­to­koll iden­ti­fi­ziert wer­den könn­ten.

Nach der Fest­stel­lung, dass Bava­ri­an Lager Zugang zu allen Infor­ma­tio­nen über das Tref­fen vom 11. Okto­ber 1996 ein­schließ­lich der von den Betei­lig­ten in ihrer beruf­li­chen Eigen­schaft abge­ge­be­nen Mei­nungs­äu­ße­run­gen gewährt wur­de, prüft der Gerichts­hof anschlie­ßend die Fra­ge, ob die Kom­mis­si­on Zugang zu dem Schrift­stück mit den fünf Namen der Teil­neh­mer des Tref­fens vom 11. Okto­ber 1996 gewäh­ren durf­te, und gelangt zu der Schluss­fol­ge­rung, dass die Kom­mis­si­on zu Recht geprüft hat, ob die­se Per­so­nen der Preis­ga­be der sie betref­fen­den per­so­nen­be­zo­ge­nen Daten zuge­stimmt hat­ten.

Da die Zustim­mung der fünf Teil­neh­mer des Tref­fens von Okto­ber 1996 nicht vor­lag, hat die Kom­mis­si­on mit der Wei­ter­ga­be einer Fas­sung des strei­ti­gen Schrift­stücks, in der ihre Namen geschwärzt waren, hin­rei­chend die ihr oblie­gen­de Pflicht zur Trans­pa­renz beach­tet.

Da Bava­ri­an Lager kei­ne aus­drück­li­che recht­li­che Begrün­dung gege­ben und kein über­zeu­gen­des Argu­ment vor­ge­tra­gen hat, um die Not­wen­dig­keit der Über­mitt­lung die­ser per­so­nen­be­zo­ge­nen Daten dar­zu­tun, war es der Kom­mis­si­on nicht mög­lich, die ver­schie­de­nen Inter­es­sen der Betei­lig­ten gegen­ein­an­der abzu­wä­gen. Sie konn­te auch nicht gemäß der Ver­ord­nung über den Schutz per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten prü­fen, ob ein Grund für die Annah­me, dass durch die­se Über­mitt­lung mög­li­cher­wei­se die berech­tig­ten Inter­es­sen der Betrof­fe­nen beein­träch­tigt wer­den konn­ten, bestand oder nicht.

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof ist dem­ge­mäß zu dem Ergeb­nis gelangt, dass die Kom­mis­si­on den Antrag auf Zugang zum voll­stän­di­gen Pro­to­koll der Sit­zung vom 11. Okto­ber 1996 zu Recht abge­lehnt hat.

Der Gerichts­hof hat daher das Urteil des erst­in­stanz­li­chen Gerichts auf­ge­ho­ben.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 29. Juni 2010 – C‑28/​08 P [Kom­mis­si­on /​Bava­ri­an Lager]

  1. Ver­ord­nung (EG) Nr. 1049/​2001 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 30. Mai 2001 über den Zugang der Öffent­lich­keit zu Doku­men­ten des Euro­päi­schen Par­la­ments, des Rates und der Kom­mis­si­on (ABl. L 145, S. 43).[]
  2. Ver­ord­nung (EG) Nr. 45/​2001 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 18. Dezem­ber 2000 zum Schutz natür­li­cher Per­so­nen bei der Ver­ar­bei­tung per­so­nen­be­zo­ge­ner Daten durch die Orga­ne und Ein­rich­tun­gen der Gemein­schaft und zum frei­en Daten­ver­kehr (ABl. 2001, L 8, S. 1).[]