Scha­dens­er­satz wegen nich­ti­ger Agrar­bei­hil­fe

Wegen einer für nich­tig erklär­ten Bei­hil­fe­re­ge­lung der Euro­päi­schen Uni­on steht dem betrof­fe­nen Unter­neh­men nur dann ein Scha­dens­er­satz­an­spruch gegen die Euro­päi­sche Uni­on zu, wenn sie nach­wei­sen, dass zwi­schen dem vom Rat bei Erlass der Stüt­zungs­re­ge­lung began­ge­nen Ver­stoß gegen den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit und den gel­tend gemach­ten Schä­den ein Kau­sal­zu­sam­men­hang besteht. Mit die­ser Begrün­dung wies jetzt das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on die Scha­dens­er­satz­kla­ge von drei Ent­kör­nungs­un­ter­neh­men für Baum­wol­le ab.

Scha­dens­er­satz wegen nich­ti­ger Agrar­bei­hil­fe

Die Bei­hil­fe­re­ge­lung[↑]

Anläss­lich des Bei­tritts Grie­chen­lands zu den Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten wur­de eine Bei­hil­fe­re­ge­lung für Baum­wol­le ein­ge­führt. Die­se Bei­hil­fe­re­ge­lung wur­de aus­ge­wei­tet, als Spa­ni­en und Por­tu­gal den Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten bei­tra­ten. Im Rah­men der Reform der gemein­sa­men Agrar­po­li­tik von 2003 erließ der Rat neue Regeln für Direkt­zah­lun­gen und bestimm­te Stüt­zungs­re­ge­lun­gen für Inha­ber land­wirt­schaft­li­cher Betrie­be und ver­ab­schie­de­te im Jahr 2004 eine neue Bei­hil­fe­re­ge­lung für Baum­wol­le (Bei­hil­fe­re­ge­lung für Baum­wol­le von 2004).

Auf­grund einer von Spa­ni­en erho­be­nen Kla­ge erklär­te der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten die letzt­ge­nann­te Bei­hil­fe­re­ge­lung für Baum­wol­le im Jahr 2006 für nich­tig1. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof stell­te dabei einen Ver­stoß gegen den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit fest, denn der Rat hat­te nicht nach­ge­wie­sen, dass er beim Erlass der Bei­hil­fe­re­ge­lung für Baum­wol­le von 2004 tat­säch­lich sein Ermes­sen aus­ge­übt hat­te. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof wies dar­auf hin, dass die von den Gemein­schafts­or­ga­nen vor­ge­leg­ten Daten es ihm nicht erlaub­ten, zu über­prü­fen, ob der Gemein­schafts­ge­setz­ge­ber, ohne die Gren­zen des ihm in die­sem Bereich zuste­hen­den wei­ten Ermes­sens zu über­schrei­ten, zu dem Schluss hat­te kom­men kön­nen, dass die Fest­set­zung des Betrags der betrieb­li­chen Bei­hil­fe für Baum­wol­le auf 35 % des Gesamt­be­trags der nach der frü­he­ren Bei­hil­fe­re­ge­lung bestehen­den Bei­hil­fen aus­reich­te, um die Ren­ta­bi­li­tät und damit die Fort­set­zung die­ser Kul­tur sicher­zu­stel­len.

Die Kla­gen[↑]

Nach die­sem Urteil haben ins­ge­samt 18 Ent­kör­nungs­un­ter­neh­men von Roh­baum­wol­le, die die Rege­lung von 2004 in Anspruch genom­men hat­ten, beim Gericht der Euro­päi­schen Uni­on die vor­lie­gen­den Kla­gen auf Ersatz des Scha­dens erho­ben, den sie im Wirt­schafts­jahr 2006/​2007 durch den Erlass und die Anwen­dung der genann­ten Stüt­zungs­re­ge­lung behaup­ten, erlit­ten zu haben. Nach­dem 15 die­ser Ent­kör­nungs­un­ter­neh­men von Baum­wol­le ihre Kla­gen 2 im Juli 2008 wie­der zurück­ge­zo­gen hat­ten, ver­blie­ben nun noch die Kla­gen von drei spa­ni­schen Unter­neh­men, die von Rat und Kom­mis­si­on eine Ent­schä­di­gung in Höhe von 37 188 €(Sungro), 2,66 Mio. € (Euro­se­mil­las) und 1,73 Mio. € (Sur­cot­ton) ver­lang­ten.

Die Haf­tungs­vor­aus­set­zun­gen[↑]

Das Gericht der Euro­päi­sche Uni­on bestä­tigt in sei­nem heu­ti­gen Urteil, dass die außer­ver­trag­li­che Haf­tung der Gemein­schaft für ein rechts­wid­ri­ges Ver­hal­ten ihrer Orga­ne aus­ge­löst wird, wenn drei Vor­aus­set­zun­gen kumu­la­tiv erfüllt sind:

  • die Rechts­wid­rig­keit des den Gemein­schafts­or­ga­nen vor­ge­wor­fe­nen Ver­hal­tens,
  • das tat­säch­li­che Vor­lie­gen eines Scha­dens und
  • das Bestehen eines Kau­sal­zu­sam­men­hangs zwi­schen die­sem Ver­hal­ten und dem gel­tend gemach­ten Scha­den.

Das Urteil des EuG[↑]

Das Gericht hat dazu zuerst den Kau­sal­zu­sam­men­hang zwi­schen der von den Gemein­schafts­or­ga­nen mit dem Erlass der Rege­lung von 2004 began­ge­nen Rechts­ver­let­zung und den von den Unter­neh­men behaup­te­ten Schä­den geprüft.

Das Gericht stellt in die­sem Punkt fest, dass das Vor­brin­gen der Klä­ge­rin­nen auf den Nach­weis eines Zusam­men­hangs zwi­schen dem im Wirt­schafts­jahr 2006/​2007 fest­ge­stell­ten Rück­gang des Absat­zes von Baum­wol­le und dem Inkraft­tre­ten der Bei­hil­fe­re­ge­lung für Baum­wol­le von 2004 und nicht zwi­schen dem genann­ten Rück­gang und der vom Rat mit dem Erlass der genann­ten Rege­lung began­ge­nen Rechts­ver­let­zung gerich­tet ist. Die­se Unter­neh­men haben des­halb nach Ansicht des Gerichts nicht den Nach­weis erbracht, dass der gel­tend gemach­te Scha­den unmit­tel­bar mit dem Ver­stoß gegen den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit zusam­men­hängt, den der Rat mit dem Erlass der Bei­hil­fe­re­ge­lung für Baum­wol­le von 2004 began­gen hat.

Aus dem Urteil Spanien/​Rat ergibt sich näm­lich, dass nicht die Bei­hil­fe­re­ge­lung selbst, son­dern die vor deren Erlass unter­las­se­ne Berück­sich­ti­gung aller ein­schlä­gi­gen Kri­te­ri­en und Umstän­de unter dem Gesichts­punkt eines Ver­sto­ßes gegen den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit bean­stan­det wur­de. Dem­zu­fol­ge war es Sache der Klä­ge­rin­nen, nach­zu­wei­sen, dass die mit der Reform von 2004 fest­ge­leg­ten gekop­pel­ten und ent­kop­pel­ten Bei­hil­fe­sät­ze, d. h. die Sät­ze von 35 % und 65 %, die für den von ihnen gel­tend gemach­ten Scha­den ursäch­lich sein sol­len, anders gewe­sen wären, wenn die Gemein­schafts­or­ga­ne im Ein­klang mit die­sem Urteil sämt­li­che ein­schlä­gi­gen Anga­ben (die Aus­wir­kun­gen auf die Baum­woll­pro­duk­ti­on, die mit dem Baum­wollan­bau zusam­men­hän­gen­den Arbeits­kos­ten und die Aus­wir­kun­gen der neu­en Rege­lung auf den Ent­kör­nungs­sek­tor) berück­sich­tigt hät­ten.

Die Unter­neh­men haben nicht nach­ge­wie­sen, dass die Bei­hil­fe­re­ge­lung für Baum­wol­le von 2004 ohne den vom Gerichts­hof im Urteil Spanien/​Rat fest­ge­stell­ten Rechts­ver­stoß nicht erlas­sen wor­den wäre oder zwangs­läu­fig einen ande­ren Inhalt gehabt hät­te. Das Gericht weist in die­sem Zusam­men­hang dar­auf hin, dass die strei­ti­ge Bei­hil­fe­re­ge­lung in den Rah­men der Reform der gemein­sa­men Agrar­po­li­tik fällt und dass die Ent­kop­pe­lung der Direkt­bei­hil­fe für die Erzeu­ger und die Ein­füh­rung der Betriebs­prä­mi­en­re­ge­lung zu den Kern­stü­cken die­ser Reform gehö­ren. Dem­zu­fol­ge war es Sache der drei Unter­neh­men, nach­zu­wei­sen, dass es für den Rat unaus­weich­lich war, beim Erlass einer neu­en Rege­lung – die sich durch die Durch­füh­rung einer Stu­die über die Aus­wir­kun­gen der Reform nicht nur an die Rechts­norm hält, son­dern auch die der Reform der gemein­sa­men Agrar­po­li­tik zugrun­de lie­gen­den Zie­le berück­sich­tigt – ein ande­res Sys­tem und einen ande­ren Grad der Ent­kop­pe­lung fest­zu­le­gen, als in der Bei­hil­fe­re­ge­lung für Baum­wol­le von 2004 vor­ge­se­hen ist.

Außer­dem weist das Gericht dar­auf hin, dass gemäß dem von der Kom­mis­si­on am 9. Novem­ber 2007 vor­ge­leg­ten neu­en Vor­schlag für eine Bei­hil­fe­re­ge­lung für Baum­wol­le die durch­ge­führ­ten Stu­di­en zu der Schluss­fol­ge­rung geführt haben, dass die Pro­zent­sät­ze von 35 % bei gekop­pel­ten und 65 % bei ent­kop­pel­ten Pro­duk­ti­ons­bei­hil­fen bei­be­hal­ten wer­den soll­ten, und dass die neue Bei­hil­fe­re­ge­lung für Baum­wol­le von 2008 die­sel­ben Pro­zent­sät­ze für gekop­pel­te und ent­kop­pel­te Bei­hil­fen vor­sieht.

Daher kommt das Gericht zu dem Ergeb­nis, dass die Klä­ge­rin­nen nicht den Nach­weis erbracht haben, dass der ihnen ent­stan­de­ne Scha­den in kau­sa­lem Zusam­men­hang mit dem Ver­stoß gegen den Grund­satz der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit steht, der der für nich­tig erklär­ten Bei­hil­fe­re­ge­lung für Baum­wol­le von 2004 anhaf­tet. Des­halb wer­den die Kla­gen als unbe­grün­det abge­wie­sen, ohne dass geprüft zu wer­den braucht, ob die übri­gen Vor­aus­set­zun­gen für die Aus­lö­sung der außer­ver­trag­li­chen Haf­tung der Gemein­schaft erfüllt sind.

Gericht der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 20. Janu­ar 2009 – T‑252/​07, T‑271/​07 und T‑272/​07 (Sungro SA, Euro­se­mil­las SA und Sur­cot­ton SA /​Rat und Kom­mis­si­on)

  1. EuGH, Urteil vom 7. Sep­tem­ber 2006 – C‑310/​04, Slg. 2006, I- 7285[]
  2. EuG – T‑217/​07, T‑218/​07, T‑244/​07 bis T‑246/​07, T‑253/​07 bis T‑255/​07, T‑258/​07 bis T‑260/​07, T‑268/​07 bis T‑270/​07 und T‑394/​07[]