Schul­pflich­ti­ger Sexu­al­kun­de­un­ter­richt und die Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on

Die Ver­pflich­tung zur Teil­nah­me am Sexu­al­kun­de­un­ter­richt auf­grund der Schul­pflicht in Deutsch­land ver­stößt nicht gegen die Euro­päi­sche Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on.

Schul­pflich­ti­ger Sexu­al­kun­de­un­ter­richt und die Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on

Der Euro­päi­sche Gerichts­hof für Men­schen­rech­te hat in dem Ver­fah­ren Dojan und ande­re gegen Deutsch­land ent­schie­den, das die zugrun­de­lie­gen­den Beschwer­den unzu­läs­sig sind.

Das Ver­fah­ren betraf die Beschwer­den von fünf Ehe­paa­ren über die Wei­ge­rung der deut­schen Behör­den, ihre Kin­der vom teil­nah­me­pflich­ti­gen Sexu­al­kun­de­un­ter­richt und ande­ren schu­li­schen Pflicht­ver­an­stal­tun­gen zu befrei­en. Sie mach­ten gel­tend, die­se Ent­schei­dun­gen hät­ten ihr Recht, die Erzie­hung ihrer Kin­der ent­spre­chend ihren eige­nen reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen sicher­zu­stel­len, unver­hält­nis­mä­ßig ein­ge­schränkt.

Die Beschwer­de­füh­rer, fünf deut­sche Ehe­paa­re, gehö­ren einer bap­tis­ti­schen Glau­bens­ge­mein­schaft an. Sie haben jeweils meh­re­re Kin­der, die eine staat­li­che Grund­schu­le in Salz­kot­ten (Nord­rhein-West­fa­len) besu­chen bzw. besuch­ten. Im Juni 2005 bean­trag­ten zwei der Ehe­paa­re, Wil­li und Anna Dojan sowie Theo­dor und Lydia Fröh­lich, die Befrei­ung ihrer Kin­der von den für Viert­kläss­ler vor­ge­se­he­nen Unter­richts­stun­den in Sexu­al­kun­de. Ins­be­son­de­re lehn­ten sie die Inhal­te des für den Unter­richt ver­wen­de­ten Lehr­buchs ab, da die­se zum Teil por­no­gra­fisch sei­en und christ­li­chen Moral­vor­stel­lun­gen wider­sprä­chen, nach denen Sexua­li­tät auf die Ehe beschränkt sein soll­te. Die Schu­le lehn­te den Antrag ab, weil die Teil­nah­me an dem Unter­richt nach den anwend­ba­ren Richt­li­ni­en und nach dem Lehr­plan ver­pflich­tend sei. Die bei­den betrof­fe­nen Kin­der nah­men an den ers­ten bei­den Unter­richts­stun­den teil, ihre Eltern hin­der­ten sie aber an der Teil­nah­me an der nächs­ten Stun­de und schick­ten sie schließ­lich eine Woche lang gar nicht zur Schu­le, wäh­rend der die ver­blei­ben­den Stun­den in Sexu­al­kun­de abge­hal­ten wur­den. Alle Eltern­tei­le wur­den wegen Ver­sto­ßes gegen die Schul­pflicht mit einem Buß­geld von 75 Euro belegt.

Im Janu­ar und Febru­ar 2007 schick­ten Herr und Frau Dojan ihre Toch­ter nicht zur Schu­le wäh­rend ein Thea­ter­pro­jekt mit dem Titel „Mein Kör­per gehört mir“ ver­an­stal­tet wur­de, das dar­auf abziel­te, die Kin­der für das The­ma „sexu­el­ler Miss­brauch“ durch Frem­de oder auch Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge zu sen­si­bi­li­sie­ren und damit zu des­sen Vor­beu­gung bei­zu­tra­gen. Das The­ma Vor­beu­gung sexu­el­len Miss­brauchs gehört zum Lehr­plan für Schu­len in Nord­rhein-West­fa­len. Herr und Frau Dojan ver­tra­ten die Auf­fas­sung, dass das Thea­ter­pro­jekt und der beglei­ten­de Unter­richt schäd­lich für die mora­li­sche Ent­wick­lung ihrer Toch­ter sei­en. Sie wur­den jeweils mit einem Buß­geld von 120 Euro belegt. Im Febru­ar 2007 hiel­ten dar­über hin­aus das Ehe­paar, Edu­ard und Rita Wiens, eines sei­ner Kin­der und das Ehe­paar, Hein­rich und Ire­ne Wiens, drei sei­ner Kin­der davon ab, an dem Thea­ter­pro­jekt teil­zu­neh­men. Im sel­ben Monat hiel­ten Edu­ard und Rita Wiens sowie das Eltern­paar Artur und Anna Wiens zwei ihrer Kin­der davon ab, am Schul­kar­ne­val teil­zu­neh­men, da die­ser mit ihren reli­giö­sen und mora­li­schen Vor­stel­lun­gen unver­ein­bar sei. Edu­ard, Rita, Hein­rich und Ire­ne Wiens wur­den jeweils mit einem Buß­geld von 80 Euro und Artur und Anna Wiens mit einem Buß­geld von 40 Euro wegen Ver­sto­ßes gegen die Schul­pflicht belegt.

Das Amts­ge­richt Pader­born bestä­tig­te die ver­häng­ten Buß­gel­der und befand ins­be­son­de­re, dass das Erzie­hungs­recht der Eltern und ihre Reli­gi­ons­frei­heit durch den staat­li­chen Erzie­hungs­auf­trag ein­ge­schränkt sei­en, der durch die Schul­pflicht umge­setzt wer­de. In Bezug auf das Thea­ter­pro­jekt ver­trat das Gericht die Auf­fas­sung, dass die Wis­sens­ver­mitt­lung zum The­ma sexu­el­le Gewalt und Miss­brauch mit dem Ziel, Kin­der dazu zu befä­hi­gen, in schwie­ri­gen Situa­tio­nen Hil­fe zu fin­den, eben­so zum staat­li­chen Erzie­hungs­auf­trag gehö­re. Hin­sicht­lich der Kar­ne­vals­ver­an­stal­tung stell­te das Gericht fest, dass die­se nicht mit reli­giö­sen Hand­lun­gen ver­bun­den und ihr Zweck ledig­lich gewe­sen sei, dass die Kin­der bis zum Ende der Unter­richts­zeit am Vor­mit­tag gemein­sam hät­ten fei­ern kön­nen, folg­lich habe sie nicht gegen das Gebot staat­li­cher Neu­tra­li­tät und Tole­ranz ver­sto­ßen. Im Übri­gen hät­ten die Kin­der die Mög­lich­keit gehabt, an alter­na­tiv ange­bo­te­nen Akti­vi­tä­ten teil­zu­neh­men.

Das Ober­lan­des­ge­richt Hamm bestä­tig­te die Ent­schei­dun­gen des Amts­ge­richts. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nahm die Ver­fas­sungs­be­schwer­den der Ehe­paa­re Dojan und Fröh­lich im Juni und Okto­ber 2007 und im Novem­ber 2008 ohne Anga­be von Grün­den nicht zur Ent­schei­dung an. In einer begrün­de­ten Ent­schei­dung nahm das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Ver­fas­sungs­be­schwer­de von Edu­ard und Rita Wiens nicht zur Ent­schei­dung an1. Das Gericht unter­strich, dass der Staat zwar eige­ne Erzie­hungs­zie­le ver­fol­gen dür­fe, dabei aber Neu­tra­li­tät und Tole­ranz gegen­über den erzie­he­ri­schen Vor­stel­lun­gen der Eltern auf­brin­gen müs­se. Die Ent­schei­dun­gen der Vor­in­stan­zen hät­ten die­se Grund­sät­ze befolgt. Mit Ent­schei­dung vom sel­ben Tag nahm das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Ver­fas­sungs­be­schwer­de von Artur und Anna Wiens nicht zur Ent­schei­dung an. In der Fol­ge­zeit hiel­ten die drei Ehe­paa­re Wiens wei­ter meh­re­re ihrer Kin­der davon ab, an den von ihnen abge­lehn­ten Unter­richts­ein­hei­ten und schu­li­schen Akti­vi­tä­ten teil­zu­neh­men. Sie wur­den des­we­gen mit Buß­gel­dern in zuneh­men­der Höhe belegt, deren Zah­lung sie ver­wei­ger­ten. Da alle behörd­li­chen Ver­su­che der Buß­geld­voll­stre­ckung schei­ter­ten, wur­den die sechs Eltern­tei­le den gesetz­li­chen Vor­schrif­ten ent­spre­chend jeweils zu Gefäng­nis­stra­fen von bis zu 43 Tagen ver­ur­teilt.

Unter Beru­fung ins­be­son­de­re auf Arti­kel 2 Pro­to­koll Nr. 1 (Recht auf Bil­dung) zur EMRK sowie auf Arti­kel 9 (Gedanken‑, Gewis­sens- und Reli­gi­ons­frei­heit) und Arti­kel 8 (Recht auf Ach­tung des Pri­vat- und Fami­li­en­le­bens) EMRK rüg­ten die Beschwer­de­füh­rer, dass die Wei­ge­rung der deut­schen Behör­den, ihre Kin­der vom teil­nah­me­pflich­ti­gen Sexu­al­kun­de­un­ter­richt und den ande­ren von ihnen bean­stan­de­ten schu­li­schen Pflicht­ver­an­stal­tun­gen zu befrei­en, eine unver­hält­nis­mä­ßi­ge Ein­schrän­kung ihres Rechts, die Erzie­hung ihrer Kin­der ent­spre­chend ihren eige­nen reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen sicher­zu­stel­len„ dar­ge­stellt habe. Dem Ver­fah­ren lagen fünf Beschwer­den zugrun­de, die am 19. Dezem­ber 2007 (Dojan gegen Deutsch­land), am 10. Janu­ar 2008 (Fröh­lich gegen Deutsch­land) und am 5. Febru­ar 2010 (Wiens gegen Deutsch­land 7908/​10, 8152/​10 und 8155/​10) beim Euro­päi­schen Gerichts­hof für Men­schen­rech­te ein­ge­legt wur­den.

Der Gerichts­hof hat­te bereits in einer frü­he­ren Ent­schei­dung fest­ge­stellt, dass das deut­sche Schul­sys­tem, das eine Schul­pflicht in Grund­schu­len vor­sieht und Heim­un­ter­richt aus­schließt, auf die Inte­gra­ti­on von Kin­dern in die Gesell­schaft abzielt und der Ent­ste­hung von Par­al­lel­ge­sell­schaf­ten vor­beu­gen soll. Die­se Über­le­gun­gen ste­hen im Ein­klang mit der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs zur Bedeu­tung von Plu­ra­lis­mus in einer demo­kra­ti­schen Gesell­schaft.

Ziel des Sexu­al­kun­de­un­ter­richts, von dem die Beschwer­de­füh­rer ihre Kin­der hat­ten befrei­en wol­len, war nach den Schluss­fol­ge­run­gen der deut­schen Gerich­te die neu­tra­le Wis­sens­ver­mitt­lung über Zeu­gung, Ver­hü­tung, Schwan­ger­schaft und Geburt auf der Grund­la­ge aktu­el­ler wis­sen­schaft­li­cher und päd­ago­gi­scher Erkennt­nis­se. Ziel des Thea­ter­pro­jek­tes war die Sen­si­bi­li­sie­rung für den sexu­el­len Miss­brauch von Kin­dern, um die­sem vor­zu­beu­gen. Die Ent­schei­dun­gen der deut­schen Gerich­te spie­gel­ten die Ziel­set­zung der anwend­ba­ren Bestim­mun­gen des Lan­des­schul­ge­set­zes wider, ins­be­son­de­re, dass die Sexu­al­erzie­hung Schü­le­rin­nen und Schü­ler alters- und ent­wick­lungs­ge­mäß mit dem not­wen­di­gen Wis­sen ver­traut machen sol­le, um in Fra­gen der Sexua­li­tät eige­ne Wert­vor­stel­lun­gen sowie einen selbst­be­stimm­ten und selbst­be­wuss­ten Umgang mit der eige­nen Sexua­li­tät ent­wi­ckeln zu kön­nen. Nach Auf­fas­sung der deut­schen Gerich­te war der Unter­richt not­wen­dig, um Kin­der zu einem kri­ti­schen Umgang mit gesell­schaft­li­chen Ein­flüs­sen zu befä­hi­gen statt die­se zu ver­mei­den. Der Gerichts­hof war der Auf­fas­sung, dass die­se Zie­le mit den in Arti­kel 2 Pro­to­koll Nr. 1 ent­hal­te­nen Grund­sät­zen Plu­ra­lis­mus und Objek­ti­vi­tät im Ein­klang ste­hen.

Die bean­stan­de­te Kar­ne­vals­ver­an­stal­tung war nicht mit reli­giö­sen Hand­lun­gen ver­bun­den gewe­sen. Wie die deut­schen Gerich­te fest­ge­stellt hat­ten, hat­te sich die Schu­le mit den alter­na­tiv ange­bo­te­nen Akti­vi­tä­ten zudem dar­um bemüht, die mora­li­schen und reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen der Kin­der und Eltern, die der bap­tis­ti­schen Glau­bens­ge­mein­schaft ange­hör­ten, so weit wie mög­lich zu berück­sich­ti­gen. Es gab kei­ne Anhalts­punk­te dafür, dass die bean­stan­de­ten Unter­richts­ein­hei­ten und schu­li­schen Akti­vi­tä­ten die Sexu­al­erzie­hung durch die Eltern ent­spre­chend ihren reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen in Fra­ge gestellt hät­ten. Auch hat­te die Schu­le im Rah­men die­ser Unter­richts­ein­hei­ten kei­ne bevor­zug­te Behand­lung einer bestimm­ten Reli­gi­on oder Welt­an­schau­ung zum Aus­druck gebracht. Der Gerichts­hof unter­strich, dass die Kon­ven­ti­on kein Recht garan­tiert, nicht mit Mei­nun­gen kon­fron­tiert zu wer­den, die den eige­nen Über­zeu­gun­gen wider­spre­chen. Schließ­lich hat­te es den Beschwer­de­füh­rern frei­ge­stan­den, ihre Kin­der nach der Schu­le und am Wochen­en­de ihren eige­nen reli­giö­sen Über­zeu­gun­gen ent­spre­chend zu erzie­hen.

Die Wei­ge­rung der deut­schen Behör­den, die Kin­der der Beschwer­de­füh­rer von dem bean­stan­de­ten Unter­richt zu befrei­en, hielt sich in den Gren­zen des Beur­tei­lungs­spiel­raums, den der Staat nach Arti­kel 2 Pro­to­koll Nr. 1 EMRK genießt. Es gab kei­ne Anhalts­punk­te dafür, dass die den Beschwer­de­füh­rern auf­er­leg­ten Buß­gel­der unver­hält­nis­mäs­sig oder ihre Fest­le­gung will­kür­lich gewe­sen wären. Die Gefäng­nis­stra­fen, zu denen die Ehe­paa­re Wiens ver­ur­teilt wor­den waren, stell­ten kei­ne Sank­ti­on für die von ihnen began­ge­ne Ord­nungs­wid­rig­keit dar, son­dern sie waren ledig­lich ein Mit­tel der Buß­geld­voll­stre­ckung. Die Beschwer­de war folg­lich offen­sicht­lich unbe­grün­det und daher unzu­läs­sig. Ande­re Arti­kel Ange­sichts die­ser Schluss­fol­ge­run­gen war der Gerichts­hof der Auf­fas­sung, dass sich kei­ne sepa­ra­ten Fra­gen unter Arti­kel 8 oder 9 stell­ten.

Euro­päi­scher Gerichts­hof für Men­schen­rech­te, Ent­schei­dung vom 13. Sep­tem­ber 2011 – Dojan und ande­re gegen Deutsch­land, 319/​08, 2455/​08, 7908/​10, 8152/​10 und 8155/​10

  1. BVerfG vom 21. 07.2009 – 1 BvR 1358/​09