Vor­la­ge­pflicht beim EuGH

Nach Art. 234 Abs. 3 EGV in Ver­bin­dung mit Art. 234 Abs. 1 lit. b EGV sind in den Mit­glieds­län­dern der EU die inner­staat­lich letzt­in­stanz­lich ent­schei­den­den Gerich­te grund­sätz­lich ver­pflich­tet, eine Vor­ab­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on ein­zu­ho­len, wenn Gemein­schafts­recht aus­zu­le­gen ist.

Vor­la­ge­pflicht beim EuGH

Die Vor­la­ge­pflicht letzt­in­stanz­li­cher Gerich­te der Mit­glied­staa­ten ent­fällt jedoch dann, wenn die betref­fen­de gemein­schafts­recht­li­che Bestim­mung bereits Gegen­stand einer Aus­le­gung durch den Gerichts­hof war oder wenn die rich­ti­ge Anwen­dung des Gemein­schafts­rechts der­art offen­kun­dig ist, dass für einen ver­nünf­ti­gen Zwei­fel kein Raum mehr bleibt 1. Das inner­staat­li­che Gericht darf davon aus­ge­hen, dass ein sol­cher Fall vor­liegt, wenn es davon über­zeugt ist, dass auch für die Gerich­te der übri­gen Mit­glied­staa­ten und den Gerichts­hof die glei­che Gewiss­heit bestün­de 2.

Bei der Beur­tei­lung, ob die­se Vor­aus­set­zun­gen gege­ben sind, haben die Eigen­hei­ten des Gemein­schafts­rechts, die beson­de­ren Schwie­rig­kei­ten sei­ner Aus­le­gung und die Gefahr abwei­chen­der Gerichts­ent­schei­dun­gen inner­halb der Gemein­schaft Berück­sich­ti­gung zu fin­den 3. Wei­ter­hin ist die gemein­schafts­recht­li­che Vor­schrift in ihrem Zusam­men­hang zu sehen und im Lich­te des gesam­ten Gemein­schafts­rechts, sei­ner Zie­le und sei­nes Ent­wick­lungstan­des zur Zeit der Anwen­dung aus­zu­le­gen 4. Ob nach Maß­ga­be die­ser Kri­te­ri­en die rich­ti­ge Anwen­dung des Gemein­schafts­rechts der­art offen­kun­dig ist und kei­nem ver­nünf­ti­gen Zwei­fel unter­liegt, so dass eine Vor­la­ge an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten ver­zicht­bar ist, bleibt aller­dings allein der Beur­tei­lung des natio­na­len Gerichts über­las­sen 5.

Hier­aus folgt wei­ter, dass bei der Prü­fung der Ver­ein­bar­keit einer natio­na­len Rege­lung mit Art. 6 Abs. 1 der Richt­li­nie nicht eine "punkt­ge­naue" Aus­le­gung der­sel­ben not­wen­dig ist, bei der es in der Regel schwie­rig sein wird, zu einem völ­lig ein­deu­ti­gen Resul­tat zu gelan­gen. Viel­mehr ist ledig­lich zu prü­fen, ob der mit­glied­staat­li­che Gesetz­ge­ber den ihm zuste­hen­den Beur­tei­lungs­spiel­raum über­schrit­ten hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. März 2010 – NotZ 16/​09

  1. EuGH, Urtei­le vom 06.10.1982 – 283/​81 – "CILFIT", Slg. 1982, 3415, 3429 f., Rn. 14 ff.; und vom 15.09.2005 – C‑495/​03 – "Inter­mo­dal Trans­ports", Slg. 2005, I‑8191, 8206 Rn. 33; und stän­dig[]
  2. EuGH, Urteil vom 06.10.1982, a.a.O., S. 3430 Rn. 16[]
  3. EuGH, Urteil vom 15.09.2005, a.a.O.[]
  4. z.B.: Schluss­an­trä­ge der Gene­ral­an­wäl­tin Chris­ti­ne Stix-Hackl in der Rechts­sa­che C‑495/​03 Slg. 2005 I‑8151, 8174 Rn. 82[]
  5. EuGH, Urteil vom 15.09.2005, a.a.O., S. I‑8207 f. Rn. 37; Urteil vom 05.03.2009 – C‑388/​09 – Age Con­cern Eng­land[]