Zwangs­gel­der gegen EU-Mit­glieds­staa­ten

Im Rah­men der Erhe­bung eines vom Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fest­ge­setz­ten Zwangs­gelds kann die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on nicht die Ver­ein­bar­keit der natio­na­len Rege­lung mit dem Recht der EU beur­tei­len. Die­se Beur­tei­lung unter­liegt der aus­schließ­li­chen Zustän­dig­keit des Gerichts­hofs, die Kom­mis­si­on hät­te ggfs. ein neu­es Ver­trags­ver­fah­ren ein­lei­ten müs­sen.

Zwangs­gel­der gegen EU-Mit­glieds­staa­ten

Mit Urteil vom 14. Okto­ber 2004 1 hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten fest­ge­stellt, das Por­tu­gal dadurch gegen sei­ne Ver­pflich­tun­gen ver­sto­ßen hat, dass es sei­ne natio­na­le Rege­lung, die die Gewäh­rung von Scha­dens­er­satz an die­je­ni­gen, die durch einen Ver­stoß gegen das Uni­ons­recht über öffent­li­che Auf­trä­ge geschä­digt wur­den, davon abhän­gig macht, dass ein Ver­schul­den oder Arg­list nach­ge­wie­sen wird, nicht auf­ge­ho­ben hat 2. Da sie der Ansicht war, dass Por­tu­gal die­sem Urteil nicht nach­ge­kom­men sei, erhob die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on des­halb am 7. Febru­ar 2006 Kla­ge auf Fest­set­zung eines Zwangs­gelds. In sei­nem Urteil vom 10. Janu­ar 2008 3 hat der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten ent­schie­den, das Por­tu­gal sei­nem ers­ten Urteil vom 2004 nicht nach­ge­kom­men war, da die gerüg­te natio­na­le Rege­lung immer noch nicht auf­ge­ho­ben wor­den war. Der Gerichts­hof hat Por­tu­gal daher ver­ur­teilt, der Kom­mis­si­on ein Zwangs­geld in Höhe von 19 392 € für jeden Tag des Ver­zugs bei der Durch­füh­rung der Maß­nah­men zu zah­len, die erfor­der­lich sind, um dem ers­ten Urteil von 2004, von der Ver­kün­dung des Urteils am 10. Janu­ar 2008 an, nach­zu­kom­men.

Inzwi­schen hat­te Por­tu­gal das am 30. Janu­ar 2008 in Kraft getre­te­ne Gesetz 67/​2007 zur Auf­he­bung der frag­li­chen natio­na­len Rege­lung und zur Ein­füh­rung einer neu­en Rege­lung zum Ersatz der vom Staat ver­ur­sach­ten Schä­den erlas­sen. Die Kom­mis­si­on war jedoch der Ansicht, dass die­ses Gesetz kei­ne ange­mes­se­ne und voll­stän­di­ge Umset­zung des Urteils von 2004 dar­stel­le. Die­se neue Ent­schä­di­gungs­re­ge­lung brin­ge das por­tu­gie­si­sche Recht nicht in Ein­klang mit den Ver­pflich­tun­gen Por­tu­gals aus der Richt­li­nie über die Anwen­dung der Rechts­be­helfs­ver­fah­ren auf dem Gebiet der Ver­ga­be öffent­li­cher Auf­trä­ge. Por­tu­gal erließ dar­auf­hin das Gesetz 31/​2008 zur Ände­rung des Geset­zes 67/​2007, wobei es aber der Ansicht war, dass der Erlass des Geset­zes 67/​2007 alle Maß­nah­men umfas­se, die für die Durch­füh­rung des Urteils von 2004 erfor­der­lich sei­en. Das Gesetz 31/​2008 trat am 18. Juli 2008 in Kraft.
Mit ihrer Ent­schei­dung vom 25. Novem­ber 2008 stell­te die Kom­mis­si­on fest, dass das Gesetz 67/​2007 kei­ne ange­mes­se­ne Durch­füh­rung des Urteils von 2004 sei und dass die natio­na­len Behör­den dem Urteil des Gerichts erst durch den Erlass des Geset­zes 31/​2008 nach­ge­kom­men sei­en. Infol­ge­des­sen ver­lang­te sie von Por­tu­gal die Zah­lung eines Zwangs­gelds in Höhe von ins­ge­samt 3 665 088 € für die Zeit vom 10. Janu­ar bis 17. Juli 2008. Por­tu­gal war der Ansicht, dass das por­tu­gie­si­sche Recht seit dem 30. Janu­ar 2008 – dem Zeit­punkt des Inkraft­tre­tens des Geset­zes 67/​2007 – im Ein­klang mit dem Urteil von 2004 ste­he, und hat daher beim Gericht der Euro­päi­schen Uni­on die Nich­tig­erklä­rung der Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on über die Fest­set­zung des Gesamt­be­trags des Zwangs­gelds bean­tragt.

Das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on erklärt die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on in sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil für nich­tig.

Zunächst prüft das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on sei­ne Zustän­dig­keit für die Ent­schei­dung über die vor­lie­gen­de Kla­ge. Hier­zu stellt es fest, dass das Uni­ons­recht nicht die Ein­zel­hei­ten der Voll­stre­ckung eines Urteils des Gerichts­hofs in einem Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren fest­legt, mit dem ein Mit­glied­staat zur Zah­lung eines Zwangs­gelds an die Kom­mis­si­on ver­ur­teilt wird. Auch ent­hält das Recht der Uni­on kei­ne beson­de­re Bestim­mung in Bezug auf die Behand­lung der Rechts­strei­tig­kei­ten, die zwi­schen einem Mit­glied­staat und der Kom­mis­si­on bei der Durch­füh­rung eines sol­chen Urteils ent­ste­hen kön­nen. Es ist jedoch, so das Gericht, Sache der Kom­mis­si­on, die Beträ­ge zu erhe­ben, die dem Haus­halt der Uni­on in Durch­füh­rung eines Urteils des Gerichts­hofs geschul­det wer­den. Das Gericht sieht sich daher als zustän­dig für die Prü­fung einer Kla­ge gegen eine Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on über die Fest­set­zung des von dem Mit­glied­staat als Zwangs­geld geschul­de­ten Betrags an. Aller­dings darf es, wie es klar­stellt, im Rah­men der Aus­übung die­ser Zustän­dig­keit nicht in die dem Gerichts­hof vor­be­hal­te­ne aus­schließ­li­che Zustän­dig­keit für die Prü­fung der Ver­let­zung der Ver­pflich­tun­gen eines Mit­glied­staats aus dem Uni­ons­recht ein­grei­fen.
Sodann ver­weist das Gericht in Bezug auf die Begründ­etheit der Kla­ge dar­auf, dass aus dem Urteil von 2008 her­vor­geht, dass Por­tu­gal die in Rede ste­hen­de natio­na­le Rege­lung hät­te auf­he­ben müs­sen, um dem Urteil von 2004 nach­zu­kom­men, und dass das Zwangs­geld bis zu die­sem Zeit­punkt geschul­det wird. Die­se Rege­lung wur­de durch das Gesetz 67/​2007, das am 30. Janu­ar 2008 in Kraft trat, auf­ge­ho­ben. Die Kom­mis­si­on wei­ger­te sich jedoch, die Ver­trags­ver­let­zung als zu die­sem Zeit­punkt been­det anzu­se­hen, son­dern ging davon aus, dass die Ver­trags­ver­let­zung am 18. Juli 2008 been­det wor­den sei, als das Gesetz 31/​2008 in Kraft trat. Die Kom­mis­si­on hat damit nach Ansicht des Gerichts den Tenor des Urteils von 2008 ver­kannt, so dass das Gericht die Ent­schei­dung der Kom­mis­si­on für nich­tig erklärt.

Schließ­lich weist das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on das Vor­brin­gen der Kom­mis­si­on zurück, sie sei ver­pflich­tet gewe­sen, zu prü­fen, ob die neue, durch den Erlass des Geset­zes 67/​2007 ein­ge­führ­te Rege­lung eine ord­nungs­ge­mä­ße Umset­zung des Uni­ons­rechts dar­ge­stellt habe. Zum einen ist, so das Gericht, für eine sol­che Beur­tei­lung aus­schließ­lich der Gerichts­hof zustän­dig, und zum ande­ren geht sie über eine Kon­trol­le hin­aus, die der Fest­stel­lung dient, ob natio­na­le Rege­lun­gen tat­säch­lich auf­ge­ho­ben wor­den sind. Die Kom­mis­si­on konn­te daher dem Urteil zufol­ge im Rah­men der Durch­füh­rung des Urteils von 2008 nicht ent­schei­den, dass das Gesetz 67/​2007 nicht mit dem Uni­ons­recht ver­ein­bar gewe­sen sei, und dann dar­aus die Kon­se­quen­zen für die Berech­nung des vom Gerichts­hof ver­häng­ten Zwangs­gelds zie­hen. Sofern sie der Ansicht war, dass die durch die­ses Gesetz ein­ge­führ­te Rege­lung kei­ne ord­nungs­ge­mä­ße Umset­zung des Uni­ons­rechts dar­stel­le, hät­te sie ein neu­es Ver­trags­ver­let­zungs­ver­fah­ren ein­lei­ten müs­sen.

Gericht der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 29. März 2011 – T‑33/​09 [Por­tu­gal /​Kom­mis­si­on]

  1. EuGH, Urteil vom 14.10.2004 – C‑275/​03 [Kommission/​Portugal].[]
  2. Ver­pflich­tun­gen aus den Art. 1 Abs. 1 und Art. 2 Abs. 1 Buchst. c der Richt­li­nie 89/​665/​EWG des Rates vom 21. Dezem­ber 1989 zur Koor­di­nie­rung der Rechts- und Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten für die Anwen­dung der Nach­prü­fungs­ver­fah­ren im Rah­men der Ver­ga­be öffent­li­cher Lie­fer- und Bau­auf­trä­ge (ABl. L 395, S. 33).[]
  3. EuGH, Urteil vom 10.01.2008 – C‑70/​06 [Kommission/​Portugal].[]