2 Müt­ter?

Das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le hält die gesetz­li­che Rege­lung des Abstam­mungs­rechts in § 1592 BGB für ver­fas­sungs­wid­rig, wonach die gleich­ge­schlecht­li­che Part­ne­rin einer Mut­ter die Rech­te und Pflich­ten des zwei­ten Eltern­teils nicht von Geset­zes wegen mit der Geburt des Kin­des, son­dern allen­falls über eine Adop­ti­on erlan­gen kann. Das Ober­lan­des­ge­richt hat daher ein bei ihm anhän­gi­ges Ver­fah­ren, in dem die­se Fra­ge ent­schei­dungs­re­le­vant ist, aus­ge­setzt und die Fra­ge dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zur Ent­schei­dung die­ser ver­fas­sungs­recht­li­chen Fra­ge vorgelegt.

2 Müt­ter?

Die Antrag­stel­le­rin­nen in dem beim OLG Cel­le anhän­gi­gen Ver­fah­ren leben in einer gleich­ge­schlecht­li­chen Part­ner­schaft und sind zwi­schen­zeit­lich ver­hei­ra­tet. Eine der bei­den Part­ne­rin­nen wur­de mit­tels einer grund­sätz­lich anony­men Keim­zel­len­spen­de schwan­ger. Die ande­re Part­ne­rin erkann­te vor der Geburt des Kin­des in einer nota­ri­ell beur­kun­de­ten Erklä­rung an, „Mit-Mut­ter“ zu sein. Sie bekräf­tig­te dort, „dass sie unbe­dingt, unein­ge­schränkt und von Geburt an die Eltern-Ver­ant­wor­tung für das Kind über­neh­men“ wol­le. Die Erklä­rung die­ne der Absi­che­rung des Kindes.

Nach der Geburt lehn­ten das zustän­di­ge Stan­des­amt und das Amts­ge­richt Hil­des­heim es unter Ver­weis auf die gel­ten­de Rechts­la­ge ab, die­se „Mit-Mut­ter­schaft“ fest­zu­stel­len. Hier­ge­gen haben sich die Antrag­stel­le­rin­nen mit der Beschwer­de an das Ober­lan­des­ge­richt gewandt. Sie wol­len damit errei­chen, dass die Ehe­frau der Mut­ter als „Mit-Mut­ter“ recht­lich aner­kannt wird.

Das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le hat zunächst auf­ge­zeigt, dass die­se begehr­te Fest­stel­lung nach der gel­ten­den Geset­zes­la­ge nicht getrof­fen wer­den kann:

  • Nach § 1591 BGB ist Mut­ter eines Kin­des die Frau, die das Kind gebo­ren hat.
  • Nach § 1592 BGB ist Vater eines Kin­des der Mann, der mit der Mut­ter ver­hei­ra­tet ist, der die Vater­schaft aner­kannt hat oder des­sen Vater­schaft gericht­lich fest­ge­stellt ist.
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Auf die Ehe­frau der Mut­ter kön­nen die­se Grund­sät­ze trotz der zwi­schen­zeit­lich erfolg­ten Aner­ken­nung gleich­ge­schlecht­li­cher Part­ner­schaf­ten und Ehen nicht über­tra­gen wer­den. Die­se Rege­lung basie­re gemein­sam mit der Mög­lich­keit der Vater­schafts­an­fech­tung viel­mehr auf der grund­le­gen­den gesetz­li­chen Wer­tung, dass der recht­li­che Vater mit dem Kind gene­tisch ver­wandt ist. Die­se gene­ti­sche Ver­wandt­schaft fehlt der „Mit-Mut­ter“.

Dar­über hin­aus habe der Gesetz­ge­ber bewusst davon abge­se­hen, mit der Ein­füh­rung der gleich­ge­schlecht­li­chen Ehe auch die abstam­mungs­recht­li­chen Fra­gen neu zu regeln. An die­se – im Ein­zel­nen vom Senat näher her­aus­ge­ar­bei­te­te – gesetz­ge­be­ri­sche Ent­schei­dung sei­en die Gerich­te gebun­den und dürf­ten sie nicht durch ihre eige­nen Gerech­tig­keits­vor­stel­lun­gen ersetzen.

Inso­weit stimmt der Senat mit der Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs über­ein, der kürz­lich in einem ver­gleich­ba­ren Fall ent­schie­den hat, dass die Ehe­frau der Mut­ter nicht mit der Geburt des Kin­des des­sen Mit-Eltern­teil wird1. Im Gegen­satz zu der Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs, der die gel­ten­de gesetz­li­che Rege­lung für ver­fas­sungs­kon­form hält, geht das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le aber davon aus, dass die feh­len­de gesetz­li­che Rege­lung einer „Mit-Mut­ter­schaft“ die mit der Mut­ter ver­hei­ra­te­te Antrag­stel­le­rin in ihrem ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten Eltern­recht aus Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG ver­letzt. Nach die­ser Ver­fas­sungs­norm sind „die Pfle­ge und Erzie­hung der Kin­der (…) das natür­li­che Recht der Eltern und die zuvör­derst ihnen oblie­gen­de Pflicht.“ Die­se Ver­pflich­tung beruht nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts dar­auf, dass die Eltern dem Kind das Leben gege­ben haben und ihm sozi­al und fami­li­är ver­bun­den sind.

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Nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts fol­gen aus die­sen Gesichts­punk­ten nicht nur die Rech­te und Pflich­ten leib­li­cher Eltern, son­dern – in Fäl­len der Zeu­gung des Kin­des im Wege einer anony­men Keim­zel­len­spen­de – auch die Berech­ti­gung und Ver­pflich­tung der Part­ne­rin der Mut­ter. Auch die­se wol­le im Ein­ver­ständ­nis mit der Mut­ter für das aus der künst­li­chen Befruch­tung her­vor­ge­hen­de Kind dau­er­haft und unauf­lös­lich Ver­ant­wor­tung über­neh­men. Der gemein­sa­me Ent­schluss bei­der Part­ne­rin­nen sei in die­sen Fäl­len die Vor­aus­set­zung dafür, dass neu­es Leben ent­ste­he. Der hier­durch gegen­über dem Kind begrün­de­ten Ver­pflich­tung fol­ge zugleich das Recht, die Pfle­ge und Erzie­hung des Kin­des wahr­neh­men zu kön­nen. Die Spen­der der Keim­zel­le bräch­ten durch die anony­me Spen­de dem­ge­gen­über zum Aus­druck, die­se Eltern­stel­lung gera­de nicht ein­neh­men zu wol­len. Wie für leib­li­che Eltern gilt nach Ansicht des OLG Cel­le auch für Wunsch­el­tern, dass gera­de ihnen das Wohl des Kin­des mehr am Her­zen liegt als irgend­ei­ner ande­ren Per­son, auch den Spen­der­el­tern. Aus den­sel­ben Grün­den ist nach Auf­fas­sung des OLG auch das Grund­recht des betrof­fe­nen Kin­des auf Gewähr­leis­tung von Pfle­ge und Erzie­hung durch sei­ne Eltern verletzt.

Das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le sieht hier­nach eine ver­fas­sungs­recht­li­che Hand­lungs­pflicht des Gesetz­ge­bers, die Eltern­stel­lung für sol­che „Mit-Eltern“ gesetz­lich zu begrün­den und näher aus­zu­ge­stal­ten. Es weist abschlie­ßend dar­auf hin, dass sich ver­gleich­ba­re Fra­gen auch im Fall einer gleich­ge­schlecht­li­chen Ehe von zwei Män­nern stel­len, die in dem vor­lie­gen­den Ver­fah­ren aber nicht zu bewer­ten sind.

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Auf­grund die­ser ver­fas­sungs­recht­li­chen Beur­tei­lung hat das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le das bei ihm anhän­gi­ge Ver­fah­ren aus­ge­setzt und dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt zur Ent­schei­dung über die Fra­ge der Ver­fas­sungs­wid­rig­keit der §§ 1591, 1592 BGB vorgelegt.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Beschluss vom 24. März 2021 – 21 UF 146/​20

  1. BGH, Beschluss vom 10.10.2018 – XII ZB 231/​18[]