Aner­ken­nung aus­län­di­scher Schei­dungs­ur­tei­le – und die Beschwer­de­be­rech­ti­gung de Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung

Im Ver­fah­ren betref­fend die Aner­ken­nung aus­län­di­scher Ent­schei­dun­gen in Ehe­sa­chen steht der Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung kei­ne Befug­nis zur Ein­le­gung einer Rechts­be­schwer­de zu, und zwar auch dann nicht, wenn das Ober­lan­des­ge­richt ihren Bescheid auf­ge­ho­ben und die Sache zur Neu­be­schei­dung an die Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung zurück­ver­wie­sen hat.

Aner­ken­nung aus­län­di­scher Schei­dungs­ur­tei­le – und die Beschwer­de­be­rech­ti­gung de Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung

Die Rechts­be­schwer­de ist unzu­läs­sig. Es braucht dabei nicht grund­le­gend erör­tert zu wer­den, ob die Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung, deren Bescheid durch einen Antrag auf gericht­li­che Ent­schei­dung gemäß § 107 Abs. 5 FamFG ange­foch­ten wird, an dem anschlie­ßen­den Ver­fah­ren vor dem Ober­lan­des­ge­richt grund­sätz­lich zu betei­li­gen ist 1 oder ob sie nach der Reform des fami­li­en­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens im Aner­ken­nungs­ver­fah­ren allein die Funk­ti­on einer ers­ten Instanz über­nimmt und schon des­halb nicht Betei­lig­te des mit dem Antrag auf gericht­li­che Ent­schei­dung vor das Ober­lan­des­ge­richt gezo­ge­nen Ver­fah­rens sein kann 2. Denn selbst wenn die Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung – der im vor­lie­gen­den Fall Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me zum Antrag der Antrag­stel­le­rin gege­ben wor­den ist – als Betei­lig­te des vor dem Ober­lan­des­ge­richt geführ­ten Aner­ken­nungs­ver­fah­rens ange­se­hen wer­den könn­te, erwächst ihr allein aus ihrer Ver­fah­rens­be­tei­li­gung kei­ne Rechts­be­schwer­de­be­rech­ti­gung.

Nicht nur die Zuläs­sig­keit einer (Erst)Beschwer­de, son­dern auch die Zuläs­sig­keit einer Rechts­be­schwer­de ist von einer Beschwer­de­be­rech­ti­gung des Rechts­mit­tel­füh­rers abhän­gig. Rich­tig ist zwar, dass die Vor­schrif­ten über die Rechts­be­schwer­de (§§ 70 ff. FamFG) kei­ne unmit­tel­ba­re Ver­wei­sung auf die ent­spre­chen­de Anwen­dung der Vor­schrif­ten für das Beschwer­de­ver­fah­ren ent­hal­ten. Es ent­spricht indes­sen all­ge­mei­ner Auf­fas­sung, dass das Rechts­be­schwer­de­ge­richt gleich­wohl die Beschwer des Rechts­be­schwer­de­füh­rers in for­mel­ler und mate­ri­el­ler Hin­sicht zu prü­fen hat 3. Wird der Rechts­be­schwer­de­füh­rer durch die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung nicht for­mell beschwert, setzt die Zuläs­sig­keit der Rechts­be­schwer­de auch in Fami­li­en­sa­chen der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit stets eine mate­ri­el­le Beschwer des Rechts­be­schwer­de­füh­rers vor­aus. Dies ergab sich unter dem bis zum 31.08.2009 gel­ten­den Ver­fah­rens­recht für das Ver­fah­ren der wei­te­ren Beschwer­de unmit­tel­bar aus §§ 29 Abs. 4, 20 Abs. 1 FGG, und es gibt kei­ne Anhalts­punk­te dafür, dass der Reform­ge­setz­ge­ber abwei­chend vom frü­he­ren Rechts­zu­stand eine Popu­lar­be­schwer­de zum Bun­des­ge­richts­hof eröff­nen woll­te.

Der Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung steht kei­ne Befug­nis zur Rechts­be­schwer­de gegen eine im Aner­ken­nungs­ver­fah­ren ergan­ge­ne Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts zu.

Auf eine Son­der­re­ge­lung für Behör­den nach § 59 Abs. 3 FamFG lässt sich eine Beschwer­de­be­fug­nis der Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung nicht stüt­zen. Über den Fall einer eige­nen Rechts­be­ein­träch­ti­gung hin­aus räumt die Vor- schrift Behör­den nur bei ent­spre­chen­der beson­de­rer gesetz­li­cher Anord- nung eine Beschwer­de­be­rech­ti­gung ein 4. Eine sol­che Rege­lung der (Rechts) Beschwer­de­be­rech­ti­gung der Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung für das Aner­ken­nungs­ver­fah­ren gemäß § 107 FamFG fin­det sich weder im Gesetz über das Ver­fah­ren in Fami­li­en­sa­chen und in den Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit noch in ande­ren Vor­schrif­ten.

Eine for­mel­le Beschwer für die Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung ist nicht in der Auf­he­bung des von ihr erlas­se­nen Bescheids zu sehen. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist eine – für die Beschwer­de­be­fug­nis im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren aus­rei­chen­de – for­mel­le Beschwer gege­ben, wenn und soweit die eige­ne Erst­be­schwer­de des Rechts­be­schwer­de­füh­rers zurück­ge­wie­sen oder als unzu­läs­sig ver­wor­fen wur­de 5. Aus­ge­hend von die­sen Grund­sät­zen kann die Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung durch eine Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts im Aner­ken­nungs­ver­fah­ren nicht for­mell beschwert wer­den, denn sie kann nicht die­je­ni­ge sein, die mit dem Antrag auf gericht­li­che Ent­schei­dung den (ers­ten) Rechts­be­helf zum Ober­lan­des­ge­richt ergreift.

Schließ­lich ist die Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung auch in mate­ri­el­ler Hin­sicht nicht beschwert.

Nach § 59 Abs. 1 FamFG steht die Beschwer­de dem­je­ni­gen zu, der durch den Beschluss in sei­nen Rech­ten beein­träch­tigt ist. Eine Rechts­be­ein­träch­ti­gung liegt vor, wenn der Ent­schei­dungs­satz des ange­foch­te­nen Beschlus­ses unmit­tel­bar in ein dem Rechts­mit­tel­füh­rer zuste­hen­des Recht ein­greift. Die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung muss daher ein bestehen­des Recht des Rechts­mit­tel­füh­rers auf­he­ben, beschrän­ken, min­dern, ungüns­tig beein­flus­sen oder gefähr­den, die Aus­übung die­ses Rechts stö­ren oder dem Rechts­mit­tel­füh­rer die mög­li­che Ver­bes­se­rung sei­ner Rechts­stel­lung vor­ent­hal­ten oder erschwe­ren. Eine Beein­träch­ti­gung ledig­lich wirt­schaft­li­cher, recht­li­cher oder sons­ti­ger berech­tig­ter Inter­es­sen ist nicht aus­rei­chend. Daher kann sich für eine Behör­de aus § 59 Abs. 1 FamFG eine Beschwer­de­be­rech­ti­gung nur dann erge­ben, wenn sie durch eine gericht­li­che Ent­schei­dung in gesetz­lich ein­ge­räum­ten eige­nen Rech­ten unmit­tel­bar betrof­fen ist. Eine blo­ße Beein­träch­ti­gung des öffent­li­chen Inter­es­ses an der Erfül­lung der einer Behör­de über­tra­ge­nen öffent­li­chen Auf­ga­be genügt dage­gen nicht 6.

Gemes­sen dar­an fehlt es an einer mate­ri­el­len Beschwer für die Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung.

Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den hat, wird eine Behör­de nicht schon des­halb in eige­nen Rech­ten unmit­tel­bar betrof­fen, weil sie durch ein Gericht der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit zur Vor­nah­me einer bestimm­ten Amts­hand­lung ange­hal­ten wird 7. Die Auf­he­bung eines im Aner­ken­nungs­ver­fah­ren nach § 107 FamFG ergan­ge­nen Bescheids und die Zurück­ver­wei­sung der Sache an die Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung mit der Maß­ga­be, dass dort wei­te­re Ermitt­lun­gen zur Auf­klä­rung des Sach­ver­halts durch­zu­füh­ren sei­en, berührt allein das all­ge­mei­ne öffent­li­che Inter­es­se an der ord­nungs­ge­mä­ßen Erfül­lung der der Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung kraft Geset­zes über­tra­ge­nen Auf­ga­be, stellt aber kei­nen Ein­griff in ein eige­nes Recht der Behör­de dar.

Glei­ches gilt, soweit die Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung nach der Zurück­ver­wei­sung der Sache nach §§ 107 Abs. 7 Satz 3, 69 Abs. 1 Satz 4 FamFG an die Rechts­auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts gebun­den ist, wonach die Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung auch nach der Reform des Ver­fah­rens in Fami­li­en­sa­chen und in Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit bei Hei­mat­staa­ten­ent­schei­dun­gen wei­ter­hin um eine Fest­stel­lung der Aner­ken­nungs­vor­aus­set­zun­gen gebe­ten wer­den kann 8. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung steht den in einem Ver­fah­ren der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit betei­lig­ten Behör­den ohne wei­te­res auch kein eige­nes Recht zu, in den für die Erfül­lung ihrer Auf­ga­ben wich­ti­gen und umstrit­te­nen Rechts­fra­gen eine klä­ren­de ober- oder höchst­ge­richt­li­che Ent­schei­dung her­bei­zu­füh­ren. Auch hier­zu bedarf es einer aus­drück­li­chen gesetz­li­chen Anord­nung im Sin­ne von § 59 Abs. 3 FamFG 9.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Okto­ber 2015 – XII ZB 695/​14

  1. Staudinger/​Spellenberg BGB [2004] Art. 7 § 1 Fam­RÄndG Rn.196; Jansen/​Wick FGG 3. Aufl. § 16 a Rn.20[]
  2. Keidel/​Zimmermann FamFG 18. Aufl. § 107 Rn. 48[]
  3. vgl. nur Kei­del/­Mey­er-Holz FamFG 18. Aufl. § 74 Rn. 6; Borth/​Grandel in Musielak/​Borth FamFG 5. Aufl. § 74 Rn. 2; Münch­Komm-FamFG/Ans­gar Fischer 2. Aufl. § 59 Rn. 4; Beck­OK-FamFG/Gut­jahr [Stand: Juli 2015] § 74 Rn. 7[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 08.10.2014 XII ZB 406/​13 , Fam­RZ 2015, 42 Rn. 11; und vom 18.04.2012 XII ZB 624/​11 , Fam­RZ 2012, 1131 Rn. 8[]
  5. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 17.06.2015 – XII ZB 730/​12 , Fam­RZ 2015, 1479 Rn. 6; und vom 05.11.2014 XII ZB 117/​14 , Fam­RZ 2015, 42 Rn. 4 mwN[]
  6. BGH, Beschlüs­se vom 17.06.2015 – XII ZB 730/​12 , Fam­RZ 2015, 1479 Rn. 16; und vom 08.10.2014 XII ZB 406/​13 , Fam­RZ 2015, 42 Rn. 15[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 17.06.2015 – XII ZB 730/​12 , Fam­RZ 2015, 1479 Rn. 17[]
  8. vgl. zum frü­he­ren Recht BGH, Beschluss BGHZ 112, 127 = Fam­RZ 1990, 1228, 1229 f.[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 19.02.2014 – XII ZB 180/​12 , Fam­RZ 2014, 741 Rn. 5 f. zum Beschwer­de­recht der Stan­des­amts­auf­sicht[]