Anfor­de­run­gen an das Gut­ach­ten im Betreu­ungs­ver­fah­ren

Gemäß § 280 Abs. 1 Satz 2 FamFG soll der Sach­ver­stän­di­ge Arzt für Psych­ia­trie oder Arzt mit Erfah­rung auf dem Gebiet der Psych­ia­trie sein. Ergibt sich die Qua­li­fi­ka­ti­on nicht ohne wei­te­res aus der Fach­be­zeich­nung des Arz­tes (hier: "Arzt für öffent­li­ches Gesund­heits­we­sen"), ist sei­ne Sach­kun­de vom Gericht zu prü­fen und in der Ent­schei­dung dar­zu­le­gen. Ver­fügt der Sach­ver­stän­di­ge über kei­ne aus­rei­chen­den Erfah­run­gen auf dem Gebiet der Psych­ia­trie, die ihn zur Beant­wor­tung der im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren rele­van­ten Fra­gen qua­li­fi­zie­ren, ist sein Gut­ach­ten regel­mä­ßig nicht ver­wert­bar 1.

Anfor­de­run­gen an das Gut­ach­ten im Betreu­ungs­ver­fah­ren

Gemäß § 280 Abs. 3 FamFG hat sich das Gut­ach­ten auf das Krank­heits­bild ein­schließ­lich der Krank­heits­ent­wick­lung, die durch­ge­führ­ten Unter­su­chun­gen und die die­sen zugrun­de geleg­ten For­schungs­er­kennt­nis­se, den kör­per­li­chen und psych­ia­tri­schen Zustand des Betrof­fe­nen, den Umfang des Auf­ga­ben­krei­ses und die vor­aus­sicht­li­che Dau­er der Maß­nah­me zu erstre­cken. Die­se Anfor­de­run­gen an den Inhalt des Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens sol­len gewähr­leis­ten, dass das Gericht sei­ner Pflicht, das Gut­ach­ten auf sei­ne wis­sen­schaft­li­che Begrün­dung, sei­ne inne­re Logik und sei­ne Schlüs­sig­keit hin zu über­prü­fen, nach­kom­men kann. Das Gut­ach­ten muss daher Art und Aus­maß der Erkran­kung im Ein­zel­nen anhand der Vor­ge­schich­te, der durch­ge­führ­ten Unter­su­chun­gen und der sons­ti­gen Erkennt­nis­se dar­stel­len und wis­sen­schaft­lich begrün­den. Nur dann ist das Gericht in der Lage, das Gut­ach­ten zu über­prü­fen und sich eine eige­ne Mei­nung von der Rich­tig­keit der vom Sach­ver­stän­di­gen gezo­ge­nen Schluss­fol­ge­run­gen zu bil­den 1.

Die­sen Anfor­de­run­gen wird im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren das vom Land­ge­richt ein­ge­hol­te Gut­ach­ten nicht gerecht. Das nur vier­sei­ti­ge, über­wie­gend aus ange­kreuz­ten Mehr­fach­aus­wah­len bestehen­de Gut­ach­ten man­gelt sowohl an der Dar­stel­lung der von dem Sach­ver­stän­di­gen durch­ge­führ­ten Unter­su­chun­gen als auch an einer ent­spre­chen­den wis­sen­schaft­li­chen Begrün­dung. Zudem sind die Anga­ben zu dem vom Gut­ach­ter fest­ge­stell­ten Krank­heits­bild unzu­rei­chend, indem eine begin­nen­de Demenz als "wahr­schein­lich" und als "durch einen depres­si­ven Zustand über­la­gert" bezeich­net wird. Der Sach­ver­stän­di­ge beschränkt sich im Wesent­li­chen auf die Wie­der­ga­be der in der Doku­men­ta­ti­on des Pfle­ge­heims ent­hal­te­nen Anga­ben. Auch sei­ne vier­zei­li­ge Beur­tei­lung ist zum Teil in indi­rek­ter Rede gehal­ten. Dadurch fehlt es dem Gut­ach­ten an der inne­ren Über­zeu­gungs­kraft, dass sämt­li­che getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen auf einer eige­nen fach­li­chen Beur­tei­lung des Sach­ver­stän­di­gen beru­hen. Auf­grund die­ser inhalt­li­chen Män­gel durf­te das Gut­ach­ten der land­ge­richt­li­chen Ent­schei­dung nicht zugrun­de gelegt wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 7. August 2013 – XII ZB 223/​13

  1. BGH, Beschluss vom 19.01.2011 – XII ZB 256/​10, Fam­RZ 2011, 637 Rn. 17 f. mwN[][]