Angeb­li­che Scha­dens­er­satz­an­sprü­che im Ver­gü­tungs­fest­set­zungs­ver­fah­ren

Im Ver­gü­tungs­fest­set­zungs­ver­fah­ren nach §§ 292, 168 FamFG kön­nen Gegen­an­sprü­che, die dar­auf gestützt wer­den, der Betreu­er habe sein Amt man­gel­haft geführt, nicht berück­sich­tigt wer­den.

Angeb­li­che Scha­dens­er­satz­an­sprü­che im Ver­gü­tungs­fest­set­zungs­ver­fah­ren

In der Recht­spre­chung und über­wie­gend auch in der Lite­ra­tur besteht Einig­keit dar­über, dass im Ver­gü­tungs­fest­set­zungs­ver­fah­ren nach § 168 FamFG, der für Betreu­ungs­ver­fah­ren ent­spre­chend gilt (§ 292 FamFG), Gegen­an­sprü­che, die dar­auf gestützt wer­den, der Vor­mund bzw. Pfle­ger oder Betreu­er habe sein Amt man­gel­haft geführt, nicht berück­sich­tigt wer­den kön­nen 1.

Der Bun­des­ge­richts­hof schließt sich der über­wie­gen­den Auf­fas­sung an.

Für das Ver­fah­ren auf Fest­set­zung der Betreu­er­ver­gü­tung ist gemäß § 3 Nr. 2 a RPflG i.V.m. § 168 FamFG der Rechts­pfle­ger funk­tio­nell zustän­dig.

Sei­ne Kom­pe­tenz umfasst die Ent­schei­dung über Grund und Höhe des Ver­gü­tungs­an­spruchs, nicht jedoch die Ent­schei­dung über Gegen­an­sprü­che wegen man­gel­haf­ter Amts­füh­rung 2. Er ist des­halb grund­sätz­lich nur zur Ent­schei­dung über Ein­wen­dun­gen beru­fen, die im Ver­gü­tungs­recht ihren Grund haben, nicht aber über sol­che, die auf man­gel­haf­te Amts­füh­rung gestützt wer­den.

Sol­che Ein­wen­dun­gen kön­nen nur mit der Voll­stre­ckungs­ge­gen­kla­ge nach § 95 Abs. 1 Nr. 1 FamFG i.V.m. § 767 ZPO 3 oder in einem Ver­fah­ren vor dem Pro­zess­ge­richt gel­tend gemacht wer­den. Einer Voll­stre­ckungs­ge­gen­kla­ge steht § 767 Abs. 2 ZPO nicht ent­ge­gen, obwohl die Grün­de, auf denen die Ein­wen­dun­gen beru­hen, bereits vor Erlass des Fest­set­zungs­be­schlus­ses vor­la­gen. Denn die Ein­wen­dun­gen konn­ten im Ver­gü­tungs­fest­set­zungs­ver­fah­ren man­gels Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz des Rechts­pfle­gers nicht gel­tend gemacht wer­den 4.

Die in dem Ein­wand, der Betreu­er habe pflicht­wid­rig die Mit­tei­lung des Aus­schlus­sur­teils unter­las­sen, lie­gen­de Auf­rech­nungs­er­klä­rung der Betrof­fe­nen mit einem Scha­dens­er­satz­an­spruch gemäß §§ 1908 i, 1833, 1901 Abs. 5 BGB kann danach im Ver­gü­tungs­fest­set­zungs­ver­fah­ren nicht berück­sich­tigt wer­den. Die Betrof­fe­ne kann die­sen Anspruch mit der Voll­stre­ckungs­ge­gen­kla­ge oder in einem Ver­fah­ren vor dem Pro­zess­ge­richt gel­tend machen.

Soweit die Rechts­be­schwer­de meint, auf den vor­lie­gen­den Fall sei die Recht­spre­chung zu über­tra­gen, die den Ein­wand der Untä­tig­keit oder der Erbrin­gung nutz­lo­ser Tätig­kei­ten eines Pfle­gers im Ver­gü­tungs­fest­set­zungs­ver­fah­ren zuge­las­sen habe, ver­kennt sie, dass es sich in die­sen Ver­fah­ren um Ein­wen­dun­gen gehan­delt hat, die im Ver­gü­tungs­recht ihren Grund hat­ten und des­halb in die Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz des Rechts­pfle­gers fie­len. In den dort ent­schie­de­nen Fäl­len war die Ver­gü­tung – anders als hier – nach kon­kre­tem Zeit­auf­wand abzu­rech­nen. Das Betreu­ungs­ge­richt hat­te des­halb die Ange­mes­sen­heit der Tätig­keit und des Zeit­auf­wan­des zu über­prü­fen, um fest­zu­stel­len, ob und gege­be­nen­falls in wel­chem Umfang ein Ver­gü­tungs­an­spruch über­haupt ent­stan­den war 5.

Dem­ge­gen­über steht hier dem Betreu­er für die Dau­er der Betreu­ung gemäß §§ 1 Abs. 2, 4, 5 VBVG i.V.m. § 1908 i BGB ein Ver­gü­tungs­an­spruch in dem pau­schal fest­ge­leg­ten Umfang zu, ohne dass der Rechts­pfle­ger zu über­prü­fen hat, ob und in wel­chem Umfang der Betreu­er tätig gewor­den ist und ob die Auf­he­bung der Betreu­ung frü­her hät­te erfol­gen müs­sen.

Mit der Ein­füh­rung der Pau­scha­lie­rung der Betreu­er­ver­gü­tung durch das Zwei­te Betreu­ungs­rechts­än­de­rungs­ge­setz, deren Ziel es ist, Betreu­er und Rechts­pfle­ger von den zeit­auf­wän­di­gen Abrech­nun­gen zu ent­las­ten, ist ein vom tat­säch­li­chen Auf­wand im kon­kre­ten Fall unab­hän­gi­ges Ver­gü­tungs­sys­tem geschaf­fen wor­den. Die in § 5 VBVG anhand einer Misch­kal­ku­la­ti­on zwi­schen auf­wän­di­gen und weni­ger auf­wän­di­gen Fäl­len fest­ge­leg­ten Stun­den­an­sät­ze ste­hen von Beginn des Betreu­ungs­ver­fah­rens an fest 6. Die Aus­übung einer kon­kre­ten Betreu­ungs­tä­tig­keit wird bei der pau­scha­len Ver­gü­tung typi­sie­rend unter­stellt; nicht erfor­der­lich ist, dass der Betreu­er in dem zu ver­gü­ten­den Zeit­raum auch tat­säch­lich für den Betreu­ten in dem vom Gesetz pau­scha­lie­rend unter­stell­ten Umfang tätig gewor­den ist 7.

Der Ver­gü­tungs­an­spruch besteht in dem durch § 5 VBVG pau­schal fest­ge­leg­ten Umfang für den gesam­ten Zeit­raum der Betreu­ung. Die­se endet gemäß § 1908 d BGB erst durch aus­drück­li­che gericht­li­che Ent­schei­dung. Die Rege­lung dient der Klar­heit der Rechts­ver­hält­nis­se. Denn es ist viel­fach zwei­fel­haft und erst durch gericht­li­che Ermitt­lun­gen zu klä­ren, ob die Vor­aus­set­zun­gen für eine Betreu­ung nicht mehr vor­lie­gen 8. Des­halb ist es hin­zu­neh­men, dass zwi­schen dem Ende der Not­wen­dig­keit der Betreu­ung und der Auf­he­bung der Betreu­ung eine gewis­se noch mit dem pau­scha­len Stun­den­an­satz nach § 5 VBVG zu ver­gü­ten­de Zeit­span­ne liegt, die auf gerichts- oder behör­den­in­ter­ne Abläu­fe und auf die Prü­fung, ob die Vor­aus­set­zun­gen für die Auf­he­bung der Betreu­ung tat­säch­lich vor­lie­gen, zurück­zu­füh­ren ist 9.

Dem Rechts­pfle­ger ist im Ver­gü­tungs­fest­set­zungs­ver­fah­ren ledig­lich die Prü­fung über­tra­gen, ob und wann die gemäß § 1908 d Abs. 1 BGB i.V.m. § 23 c Abs. 2 GVG, § 19 Abs. 1 Satz 1 Ziff. 1 RPflG dem Rich­ter vor­be­hal­te­ne Auf­he­bung der Betreu­ung erfolgt ist, nicht aber, ob die Auf­he­bung frü­her hät­te erfol­gen kön­nen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. April 2012 – XII ZB 459/​10

  1. OLG Schles­wig Fam­RZ 2012, 143 Rn.19; KG NJW-RR 2007, 1598; OLG Cel­le RVGre­port 2004, 120; BayO­bLG Fam­RZ 1999, 1591, 1592; NJW-RR 1998, 8, 9 und NJW 1988, 1919; OLG Düs­sel­dorf RPfle­ger 1978, 410; Schul­te-Bun­er­t/Wein­reich/Do­deg­ge FamFG 3. Aufl. § 168 Rn. 65; Keidel/​Engelhardt FamFG 17. Aufl. § 168 Rn. 21; Münch­Komm-ZPO/Heil­mann 3. Aufl. § 168 FamFG Rn.20; Kretz in Jür­gens Betreu­ungs­recht 4. Aufl. § 168 FamFG Rn. 22; Bet­tin in Beck­OK § 1836 BGB Rn. 21; dif­fe­ren­zie­rend Münch­Komm-BGB/­Wa­genitz 5. Aufl. § 1836 Rn. 48; aA Soergel/​Zimmermann BGB 13. Aufl. § 1836 Rn. 44; Staudinger/​Bienwald BGB [2004] § 1836 Rn. 87; Knit­tel Betreu­ungs­ge­setz Stand 1.10.2009 § 292 FamFG Rn. 54 ff.[]
  2. OLG Cel­le RVGre­port 2004, 120; für die Insol­venz­ver­wal­ter­ver­gü­tung: BGH Urteil vom 05.01.1995 – IX ZR 241/​93ZIP 1995, 290; für die Nach­lass­pfle­ger­ver­gü­tung: KG NJW-RR 2007, 1598, 1599; OLG Schles­wig Fam­RZ 2012, 143 Rn.19; für die Ergän­zungs­pfle­ger­ver­gü­tung: OLG Mün­chen OLGR 2006, 139, 140; Erman/​Saar BGB 13. Aufl. § 1836 Rn. 9[]
  3. vgl. OLG Cel­le RVGre­port 2004, 120[]
  4. vgl. für Insol­venz­ver­wal­ter­ver­gü­tung: BGH, Urteil vom 05.01.1995 – IX ZR 241/​93, ZIP 1995, 290, 291 mwN[]
  5. BayO­bLG NJW 1988, 1919; Fam­RZ 1999, 1591, 1592; OLG Köln Fam­RZ 1991, 483[]
  6. BT-Drucks. 15/​2494 S. 33[]
  7. BGH, Beschluss vom 28.05.2008 – XII ZB 53/​08, Fam­RZ 2008, 1611 Rn. 30; OLG Mün­chen BtPrax 2007,129; OLG Schles­wig Fam­RZ 2007, 236[]
  8. BT-Drucks. 11/​4528, S. 155[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 14.12.2011 – XII ZB 489/​10, Fam­RZ 2012, 295 Rn. 11 f.[]