Aus­kunfts­pflicht zum Ver­sor­gungs­aus­gleich – trotz ver­früh­ten Scheidungsantrags

Aktu­ell hat­te sich der Bun­des­ge­richts­hof mit der Aus­kunfts­ver­pflich­tung der Ehe­gat­ten in der Fol­ge­sa­che Ver­sor­gungs­aus­gleich und zu deren zwangs­wei­ser Durch­set­zung zu befas­sen, wenn das Vor­lie­gen der mate­ri­ell-recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Ehe­schei­dung strei­tig ist:

Aus­kunfts­pflicht zum Ver­sor­gungs­aus­gleich – trotz ver­früh­ten Scheidungsantrags

Nach § 220 Abs. 1 FamFG kann das Gericht über Grund und Höhe der Ver­sor­gungs­an­rech­te Aus­künf­te von den Ehe­gat­ten einholen.

Es ent­spricht all­ge­mei­ner Ansicht in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur, dass die Aus­kunfts­pflicht gemäß § 220 FamFG allein an die Ein­lei­tung des Ver­sor­gungs­aus­gleichs­ver­fah­rens anknüpft und des­halb grund­sätz­lich auch dann besteht, wenn zwi­schen den Betei­lig­ten strei­tig ist, ob die mate­ri­ell-recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für eine Ehe­schei­dung vor­lie­gen und der im Ver­bund gestell­te Schei­dungs­an­trag des­halb Aus­sicht auf Erfolg hat[1].

Die­se Ansicht ist auch zutref­fend. Bereits aus der amt­li­chen Über­schrift des § 220 FamFG („ver­fah­rens­recht­li­che Aus­kunfts­pflicht“) ergibt sich ein­deu­tig, dass die Aus­kunfts­pflicht von Ehe­gat­ten, Hin­ter­blie­be­nen, Ver­sor­gungs­trä­gern oder sons­ti­gen Stel­len grund­sätz­lich schon durch die Exis­tenz eines Ver­fah­rens über den Ver­sor­gungs­aus­gleich aus­ge­löst wer­den soll. Auch dem Wort­laut des § 220 FamFG las­sen sich inso­weit kei­ne ein­schrän­ken­den Vor­aus­set­zun­gen ent­neh­men. Die Vor­schrift soll es dem Gericht erleich­tern, sei­ne mit der Ver­fah­rens­ein­lei­tung ein­her­ge­hen­de Pflicht zur Amts­er­mitt­lung (§ 26 FamFG) von Grund und Höhe der Ver­sor­gungs­an­rech­te zu erfül­len und das Ver­fah­ren dadurch effi­zi­en­ter zu gestal­ten. Dem Effi­zi­enz­ge­dan­ken stün­de es ent­ge­gen, wenn das Gericht zunächst auf­wän­di­ge Ermitt­lun­gen zum Vor­lie­gen der mate­ri­ell-recht­li­chen Schei­dungs­vor­aus­set­zun­gen vor­neh­men müss­te, bevor es die Ehe­gat­ten zur Ertei­lung von Aus­künf­ten über ihre Ver­sor­gungs­an­rech­te auf­for­dern dürfte.

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Ob im Hin­blick auf die Aus­kunfts­pflicht der Ehe­gat­ten nach § 220 FamFG aus­nahms­wei­se etwas Ande­res gel­ten kann, wenn der Schei­dungs­an­trag offen­sicht­lich unzu­läs­sig[2] oder offen­sicht­lich unschlüs­sig ist, weil schon nach dem eige­nen Vor­brin­gen des Antrag­stel­lers in der Antrags­schrift das Tren­nungs­jahr (noch) nicht abge­lau­fen ist und sei­nem Vor­trag auch kei­ne trag­fä­hi­gen Grün­de für eine Anwen­dung der Här­te­klau­sel (§ 1565 Abs. 2 BGB) zu ent­neh­men sind[3], braucht nicht ent­schie­den zu wer­den, denn so liegt der Fall hier nicht.

Die Ehe­gat­ten sind gemäß § 220 Abs. 5 FamFG ver­pflich­tet, den gericht­li­chen Ersu­chen um Aus­kunfts­er­tei­lung Fol­ge zu leis­ten. Die Pflicht zur Aus­kunfts­er­tei­lung kann unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 35 FamFG auch zwangs­wei­se durch­ge­setzt wer­den[4]. Steht die Begründ­etheit des Schei­dungs­an­trags zwi­schen den betei­lig­ten Ehe­leu­ten im Streit, ist dem Gericht im Rah­men sei­ner Ver­fah­rens­lei­tung ein pflicht­ge­mä­ßes Ermes­sen dahin­ge­hend ein­ge­räumt, ob es einen Ter­min anbe­raumt, um vor­ab das Vor­lie­gen der mate­ri­ell-recht­li­chen Schei­dungs­vor­aus­set­zun­gen auf­zu­klä­ren, oder ob es statt­des­sen unmit­tel­bar in die Ermitt­lung zu den Ver­sor­gungs­an­rech­ten ein­tritt und die Ver­pflich­tung der Ehe­gat­ten zur Aus­kunfts­er­tei­lung gege­be­nen­falls auch mit Zwangs­mit­teln durch­setzt. Die Ermes­sens­aus­übung durch den Tatrich­ter ist vom Rechts­be­schwer­de­ge­richt auf ent­spre­chen­de Ver­fah­rens­rüge nur ein­ge­schränkt dar­auf­hin zu über­prü­fen, ob sie rechts­feh­ler­haft ist. Dies ist nur dann der Fall, wenn der Tatrich­ter sich des ihm zuste­hen­den Ermes­sens nicht bewusst ist, nicht alle wesent­li­chen Umstän­de berück­sich­tigt, von dem Ermes­sen in einer mit dem Zweck der Ermäch­ti­gung nicht ent­spre­chen­den Wei­se Gebrauch macht oder die gesetz­li­chen Gren­zen des Ermes­sens über­schrei­tet[5].

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Das Gericht darf sich in die­sem Zusam­men­hang bei der Aus­übung sei­nes Ermes­sens maß­geb­lich durch das Ver­bund­prin­zip (§ 137 Abs. 1 FamFG) lei­ten las­sen. Danach hat das Fami­li­en­ge­richt über sämt­li­che im Ver­bund ste­hen­den Fol­ge­sa­chen gleich­zei­tig und zusam­men mit der Schei­dungs­sa­che zu ver­han­deln und – sofern dem Schei­dungs­an­trag statt­zu­ge­ben ist – durch ein­heit­li­chen Beschluss zu ent­schei­den. Erscheint es des­halb aus Sicht des Gerichts zumin­dest mög­lich, dass sich in dem anzu­be­rau­men­den Ter­min nach Anhö­rung der Ehe­gat­ten oder der Erhe­bung sons­ti­ger Bewei­se das Vor­lie­gen der mate­ri­ell­recht­li­chen Schei­dungs­vor­aus­set­zun­gen erwei­sen kann, han­delt das Gericht grund­sätz­lich nicht ermes­sens­feh­ler­haft, wenn es zuvor zweck­ent­spre­chen­de Ermitt­lun­gen zu den Ver­sor­gungs­an­rech­ten der Ehe­gat­ten vor­nimmt, um über die Schei­dung und die im Ver­bund ste­hen­de Fol­ge­sa­che Ver­sor­gungs­aus­gleich ein­heit­lich ent­schei­den zu können.

Die getrof­fe­ne Ermes­sens­ent­schei­dung wird auch durch den Ein­wand, der Ehe­mann kön­ne sich auf die­se Wei­se durch einen „ver­früh­ten“ Schei­dungs­an­trag wirt­schaft­li­che Vor­tei­le im Ver­sor­gungs­aus­gleich oder im Güter­recht ver­schaf­fen, nicht grund­sätz­lich in Fra­ge gestellt. Las­sen sich kon­kre­te Tat­sa­chen dafür fest­stel­len, dass ein Ehe­gat­te mit sei­nem „ver­früh­ten“ Schei­dungs­an­trag in illoya­ler Wei­se bezweckt hat, die maß­geb­li­chen Stich­ta­ge zu sei­nen Guns­ten vor­zu­ver­la­gern, kann die­sem Umstand in beson­ders gela­ger­ten Ein­zel­fäl­len einer­seits durch die Anwen­dung von § 27 VersAus­glG im Ver­sor­gungs­aus­gleich[6] und ande­rer­seits durch eine Abwei­chung von den gesetz­lich gere­gel­ten Stich­ta­gen im Zuge­winn­aus­gleich[7] Rech­nung getra­gen werden.

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Schließ­lich ergibt sich auch kei­ne ande­re Beur­tei­lung aus dem Umstand, dass die Dar­le­gun­gen des Antrag­stel­lers zu den Tat­sa­chen, aus denen sich das Schei­tern der Ehe erge­ben soll, hin­rei­chend sub­stan­ti­iert sein müs­sen. Lei­det das Vor­brin­gen des Antrag­stel­lers in der Antrags­schrift an Sub­stan­ti­ie­rungs­män­geln, ist es gemäß § 113 Abs. 1 Satz 2 FamFG iVm § 139 Abs. 1 ZPO zuvör­derst Auf­ga­be des Gerichts, sich um Klä­rung und Ver­voll­stän­di­gung des Tat­sa­chen­vor­trags zu bemü­hen. Hält es das Gericht danach für mög­lich, dass der Antrag­stel­ler durch ergän­zen­des Vor­brin­gen die Beden­ken gegen die Schlüs­sig­keit des Schei­dungs­an­tra­ges bis zur münd­li­chen Ver­hand­lung aus­räu­men kann, ist es regel­mä­ßig nicht ermes­sens­feh­ler­haft, das Ver­fah­ren gleich­zei­tig durch die Ein­ho­lung von Ver­sor­gungs­aus­künf­ten zu fördern.

Ob der Tat­sa­chen­vor­trag des Ehe­manns – nament­lich zur räum­li­chen Tren­nung inner­halb der Ehe­woh­nung – hin­rei­chend sub­stan­ti­iert ist, braucht im vor­lie­gen­den Fall aber nicht ent­schie­den zu wer­den. Das Amts­ge­richt hat in der Begrün­dung sei­ner Nicht­ab­hil­fe­ent­schei­dung dar­auf abge­stellt, dass jeden­falls die Tat­sa­che einer auf Dau­er ange­leg­ten neu­en Part­ner­schaft des Ehe­manns unstrei­tig sei und die Ehe­frau über das schlich­te Bestrei­ten einer Tren­nung inner­halb der Ehe­woh­nung hin­aus selbst kei­nen kon­kre­ten Gegen­vor­trag über das Maß der noch bestehen­den Gemein­sam­kei­ten gehal­ten habe. Dar­über hin­aus habe die Ehe­frau sogar einen eige­nen Schei­dungs­an­trag gestellt, der schon für sich genom­men eine ver­fah­rens­recht­li­che Aus­kunfts­pflicht der Ehe­gat­ten aus­ge­löst hat. Wenn es das Gericht aus die­sem Grund für zweck­mä­ßig erach­tet hat, das Ver­fah­ren in der Fol­ge­sa­che Ver­sor­gungs­aus­gleich wei­ter zu för­dern, lässt dies Rechts­feh­ler bei der Aus­übung des Ermes­sens nicht erkennen.

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Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 30. Sep­tem­ber 2020 – XII ZB 438/​18

  1. vgl. OLG Olden­burg FamRZ 2012, 55 f.; MünchKommFamFG/​Stein 3. Aufl. § 220 Rn. 13; MünchKommBGB/​Dörr 7. Aufl. § 220 FamFG Rn. 2; Zöller/​Lorenz ZPO 33. Aufl. § 220 FamFG Rn. 4; Schul­te-Bun­er­t/­Wein­reich/B­reu­ers FamFG 6. Aufl. § 220 Rn. 4; Bahrenfuss/​Schwedhelm FamFG 3. Aufl. § 220 Rn. 6; Wick Der Ver­sor­gungs­aus­gleich 4. Aufl. Rn. 147; Borth Ver­sor­gungs­aus­gleich 8. Aufl. Kap. 11 Rn. 69; Götsche/​Rehbein/​Breuers Ver­sor­gungs­aus­gleichs­recht 3. Aufl. § 220 FamFG Rn. 10; Ruland Ver­sor­gungs­aus­gleich 4. Aufl. Rn. 1198; vgl. auch OLG Dres­den FamRZ 2004, 1981, 1982; OLG Karls­ru­he Beschluss vom 21.10.2003 – 16 WF 131/​03 6; OLGR Saar­brü­cken 2001, 290; OLG Bran­den­burg FamRZ 1998, 681 f.; OLG Braun­schweig FamRZ 1995, 300, 301; OLG Köln FamRZ 1984, 1111, jeweils zu § 11 Abs. 2 VAHRG[]
  2. Wick Der Ver­sor­gungs­aus­gleich 4. Aufl. Rn. 147; Götsche/​Rehbein/​Breuers Ver­sor­gungs­aus­gleichs­recht 3. Aufl. § 220 FamFG Rn. 10[]
  3. vgl. OLG Koblenz FamRZ 2009, 1836; OLG Düs­sel­dorf FamRZ 1987, 618, 619, jeweils zu § 11 Abs. 2 VAHRG[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 06.09.2017 – XII ZB 42/​17 , FamRZ 2017, 1948 Rn. 17[]
  5. vgl. auch BGH, Beschlüs­se vom 08.11.2017 – XII ZB 90/​17 , FamRZ 2018, 206 Rn. 22; und vom 01.02.2012 – XII ZB 172/​11 , FamRZ 2012, 610 Rn.19[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 16.08.2017 – XII ZB 21/​17 FamRZ 2017, 1914 Rn. 16 ff.[]
  7. vgl. BGH, Beschluss BGHZ 217, 119 = FamRZ 2018, 331 Rn. 21 f.[]

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