Aus­län­di­sche Sor­ge­rechts­ent­schei­dun­gen

Sor­ge­rechts­ent­schei­dun­gen aus­län­di­scher Stel­len sind in Deutsch­land grund­sätz­lich anzu­er­ken­nen. Wie das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig nun in vier bei ihm anhän­gi­gen Revi­si­ons­ver­fah­ren ent­schied, müs­sen deut­sche Behör­den und Gerich­te aus­län­di­sche Sor­ge­rechts­ent­schei­dun­gen im Visum­ver­fah­ren grund­sätz­lich aner­ken­nen. Sie dür­fen die­se nur dann außer Acht las­sen, wenn ihre Anwen­dung mit der öffent­li­chen Ord­nung offen­sicht­lich unver­ein­bar ist.

Aus­län­di­sche Sor­ge­rechts­ent­schei­dun­gen

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat­te über meh­re­re Fäl­le zu ent­schei­den, in denen min­der­jäh­ri­ge Aus­län­der zu einem in Deutsch­land leben­den Eltern­teil nach­zie­hen wol­len. In drei Fäl­len war dem im Bun­des­ge­biet leben­den Vater durch eine Ent­schei­dung eines tür­ki­schen Gerichts, in einem Fall einer hier leben­den mon­go­li­schen Mut­ter das allei­ni­ge Sor­ge­recht über­tra­gen wor­den.

Die Anträ­ge auf Ertei­lung von Visa zum Zweck des Kin­der­nach­zugs wur­den von den zustän­di­gen deut­schen Aus­lands­ver­tre­tun­gen abge­lehnt. Das Aus­wär­ti­ge Amt war der Auf­fas­sung, dass die in § 32 Abs. 3 Auf­en­thG ent­hal­te­ne Nach­zugs­vor­aus­set­zung der allei­ni­gen Per­so­nen­sor­ge­be­rech­ti­gung bei dem im Bun­des­ge­biet leben­den Eltern­teil nicht vor­lie­ge. Die aus­län­di­schen Sor­ge­rechts­ent­schei­dun­gen sei­en nicht anzu­er­ken­nen, da sie mit der öffent­li­chen Ord­nung (ord­re public) unver­ein­bar sei­en. In den die Tür­kei betref­fen­den Fäl­len hät­ten weder die Vor­aus­set­zun­gen für die Über­tra­gung des Sor­ge­rechts nach den Vor­schrif­ten des tür­ki­schen Fami­li­en­rechts vor­ge­le­gen noch sei das Kin­des­wohl der Klä­ger von den tür­ki­schen Stel­len aus­rei­chend berück­sich­tigt wor­den. In dem Fall der Sor­ge­rechts­über­tra­gung in der Mon­go­lei sei die bereits 14jährige Klä­ge­rin im gericht­li­chen Ver­fah­ren nicht ange­hört wor­den, was mit rechts­staat­li­chen Grund­sät­zen nicht ver­ein­bar sei.

In den Ver­fah­ren der tür­ki­schen Klä­ger hat das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land zur Ertei­lung der bean­trag­ten Visa ver­pflich­tet gese­hen [1]. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ist der Rechts­auf­fas­sung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg zur Aner­ken­nung der Sor­ge­rechts­ent­schei­dun­gen gefolgt.

Dabei hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat sei­ne Ent­schei­dung dar­auf gestützt, dass die­se Sor­ge­rechts­ent­schei­dun­gen mit dem deut­schen ord­re public zu ver­ein­ba­ren und des­halb auf­ent­halts­recht­lich zu respek­tie­ren sind.

Nach Art. 16 des hier anzu­wen­den­den Haa­ger Min­der­jäh­ri­gen­schutz-Über­ein­kom­mens kann eine von einem aus­län­di­schen Gericht getrof­fe­ne Sor­ge­rechts­ent­schei­dung nur dann unbe­ach­tet blei­ben, wenn die Anwen­dung mit der öffent­li­chen Ord­nung offen­sicht­lich unver­ein­bar ist. Die­ser ord­re public-Vor­be­halt schließt es grund­sätz­lich aus, aus­län­di­sche Ent­schei­dun­gen auf ihre Rich­tig­keit hin zu über­prü­fen. Von Bedeu­tung ist bei einer aus­län­di­schen Sor­ge­rechts­über­tra­gung nur, ob das Ent­schei­dungs­er­geb­nis in einem so star­ken Wider­spruch zu dem Grund­ge­dan­ken des Kin­des­wohls steht, dass es untrag­bar erscheint, oder die Ent­schei­dung in einem Ver­fah­ren zustan­de gekom­men ist, das grund­le­gen­den rechts­staat­li­chen Anfor­de­run­gen nicht genügt. Dar­an gemes­sen sind die hier zugrun­de­lie­gen­den Sor­ge­rechts­ent­schei­dun­gen der tür­ki­schen Gerich­te nicht zu bean­stan­den. Die Klä­ger sind ange­hört wor­den und haben – wie auch ihre Müt­ter – der Sor­ge­rechts­über­tra­gung zuge­stimmt. Die zugrun­de­lie­gen­de wirt­schaft­li­che Moti­va­ti­on, dem Kind durch die Über­sied­lung nach Deutsch­land eine bes­se­re För­de­rung und Aus­bil­dung zu bie­ten, spricht nicht gegen das Kin­des­wohl.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat zwei der Beru­fungs­ur­tei­le aller­dings teil­wei­se auf­ge­ho­ben und die Sachen zur erneu­ten Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Beru­fungs­ge­richt zurück­ver­wie­sen, weil die Berech­nun­gen zur Siche­rung des Lebens­un­ter­halts (§ 5 Abs. 1 Nr. 1 i.V.m. § 2 Abs. 3 Auf­en­thG) Anlass zur Bean­stan­dung gaben.

Im Fall der Klä­ge­rin aus der Mon­go­lei hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt die strit­ti­ge Sor­ge­rechts­ent­schei­dung nicht aner­kannt. Denn es ist mit Grund­prin­zi­pi­en des deut­schen Ver­fah­rens­rechts unver­ein­bar, im Sor­ge­rechts­ver­fah­ren dem Kind kei­ne Gele­gen­heit zur Äuße­rung ein­zu­räu­men. Viel­mehr hat eine Anhö­rung ent­we­der unmit­tel­bar vor dem ent­schei­den­den Gericht oder durch einen Ver­tre­ter oder eine geeig­ne­te Stel­le zu erfol­gen. Ist dies – wie hier – nicht gesche­hen, ist der Sor­ge­rechts­über­tra­gung die Aner­ken­nung in Deutsch­land zu ver­sa­gen. In die­sem Ver­fah­ren wird das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg daher nun zu prü­fen haben, ob sich ein Nach­zugs­an­spruch aus einem ande­ren Rechts­grund ergibt.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urtei­le vom 29. Novem­ber 2012 – 10 C 4.12, 10 C 5.12, 10 C 11.12 und 10 C 14.12

  1. OVG Ber­lin-Bran­den­burg, Urtei­le vom 25.10.2011 – 11 B 3.10 und 11 B 23.10; vom 23.02.2012 – 2 B 6.22; sowie vom 10.05.2012 – 11 B 29.10[]