Bar­un­ter­halts­pflicht des betreu­en­den Eltern­teils

Auch der betreu­en­de Eltern­teil kann ein ande­rer unter­halts­pflich­ti­ger Ver­wand­ter im Sin­ne von § 1603 Abs. 2 Satz 3 BGB sein, wenn der Kin­des­un­ter­halt von ihm unter Wah­rung sei­nes ange­mes­se­nen Selbst­be­halts gezahlt wer­den kann und ohne sei­ne Betei­li­gung an der Bar­un­ter­halts­pflicht ein erheb­li­ches finan­zi­el­les Ungleich­ge­wicht zwi­schen den Eltern ent­stün­de.

Bar­un­ter­halts­pflicht des betreu­en­den Eltern­teils

Kann auch der an sich bar­un­ter­halts­pflich­ti­ge Eltern­teil bei Zah­lung des vol­len Kin­des­un­ter­halts sei­nen ange­mes­se­nen Selbst­be­halt ver­tei­di­gen, wird eine voll­stän­di­ge oder antei­li­ge Haf­tung des betreu­en­den Eltern­teils für die Auf­brin­gung des Bar­un­ter­halts nur in weni­gen, beson­de­ren Aus­nah­me­fäl­len in Betracht kom­men [1].

Auch der betreu­en­de Eltern­teil kommt als ande­rer unter­halts­pflich­ti­ger Ver­wand­ter in Betracht, wenn die­ser in der Lage ist, unter Berück­sich­ti­gung sei­ner sons­ti­gen Ver­pflich­tun­gen neben der Betreu­ung des Kin­des auch des­sen Bar­un­ter­halt ohne Gefähr­dung des eige­nen ange­mes­se­nen Selbst­be­hal­tes auf­zu­brin­gen. Um die Regel der Gleich­wer­tig­keit von Bar- und Betreu­ungs­un­ter­halt (§ 1606 Abs. 3 Satz 2 BGB) dabei nicht ins Lee­re lau­fen zu las­sen, setzt die antei­li­ge oder voll­stän­di­ge Haf­tung des betreu­en­den Eltern­teils für den Bar­un­ter­halt des min­der­jäh­ri­gen Kin­des nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zusätz­lich vor­aus, dass ohne die Betei­li­gung des betreu­en­den Eltern­teils am Bar­un­ter­halt ein erheb­li­ches finan­zi­el­les Ungleich­ge­wicht zwi­schen den Eltern ent­ste­hen wür­de [2].

Nach die­sen Maß­stä­ben kann die Bar­un­ter­halts­pflicht des nicht betreu­en­den Eltern­teils ent­fal­len oder sich ermä­ßi­gen, wenn er zur Unter­halts­zah­lung nicht ohne Beein­träch­ti­gung sei­nes eige­nen ange­mes­se­nen Unter­halts in der Lage wäre. Kann der bar­un­ter­halts­pflich­ti­ge Eltern­teil dem­ge­gen­über – wie es hier der Fall sein dürf­te – auch bei Zah­lung des vol­len Kin­des­un­ter­halts sei­nen ange­mes­se­nen Selbst­be­halt noch ver­tei­di­gen, wird eine voll­stän­di­ge oder antei­li­ge Haf­tung des betreu­en­den Eltern­teils für die Auf­brin­gung des Bar­un­ter­halts nur in weni­gen, beson­de­ren Aus­nah­me­fäl­len in Betracht kom­men [3].

Die Fra­ge, wann ein sol­cher Aus­nah­me­fall vor­liegt, kann nicht in jedem Ein­zel­fall sche­ma­tisch durch die Gegen­über­stel­lung der bei­der­sei­ti­gen, auf­sei­ten des bar­un­ter­halts­pflich­ti­gen Eltern­teils gege­be­nen­falls auch fik­ti­ven [4] Net­to­ein­künf­te beur­teilt wer­den [5]. Viel­mehr ist die unter­halts­recht­li­che Belas­tung der Eltern­tei­le im Rah­men einer umfas­sen­den Bil­lig­keits­ab­wä­gung ange­mes­sen zu wür­di­gen. Auf­sei­ten des bar­un­ter­halts­pflich­ti­gen Eltern­teils kann daher ins­be­son­de­re berück­sich­tigt wer­den, ob sein eige­ner Unter­halt in neu­er Lebens­ge­mein­schaft gesi­chert ist [6]. Dem­ge­gen­über wird es auf­sei­ten des betreu­en­den Eltern­teils vor allem dar­auf ankom­men, inwie­weit die­ser auf­grund der indi­vi­du­el­len Ver­hält­nis­se durch die Über­nah­me der Kin­des­be­treu­ung neben der Aus­übung sei­ner Erwerbs­tä­tig­keit belas­tet wird; im Rah­men der Gesamt­be­trach­tung kann dane­ben aber auch die Belas­tung des betreu­en­den Eltern­teils mit ande­ren – gege­be­nen­falls auch nach­ran­gi­gen – Unter­halts­pflich­ten von Bedeu­tung sein. Dane­ben ist zuguns­ten eines wirt­schaft­lich bes­ser gestell­ten betreu­en­den Eltern­teils zu beden­ken, dass das min­der­jäh­ri­ge Kind fak­tisch auch des­sen geho­be­ne Lebens­ver­hält­nis­se teilt; ein dadurch erzeug­ter zusätz­li­cher Bar­be­darf des Kin­des muss von vorn­her­ein allein durch den betreu­en­den Eltern­teil befrie­digt wer­den [7].

Wenn der betreu­en­de Eltern­teil etwa über das Drei­fa­che der unter­halts­re­le­van­ten Net­to­ein­künf­te des an sich bar­un­ter­halts­pflich­ti­gen Eltern­teils ver­fügt, nähert sich die Ein­kom­mens­dif­fe­renz einer Gren­ze, an der es unter gewöhn­li­chen Umstän­den der Bil­lig­keit ent­spre­chen kann, den betreu­en­den Eltern­teil auch den Bar­un­ter­halt für das Kind in vol­ler Höhe auf­brin­gen zu las­sen [8].

Unter­halb die­ser Schwel­le wird auch bei einer erheb­li­chen Ein­kom­mens­dif­fe­renz eine voll­stän­di­ge Ent­haf­tung des an sich bar­un­ter­halts­pflich­ti­gen Eltern­teils häu­fig aus­schei­den; in wel­chem Umfang der nicht betreu­en­de Eltern­teil in sol­chen Fäl­len bei der Auf­brin­gung des Bar­un­ter­halts aus­nahms­wei­se ent­las­tet wer­den kann, hat vor­ran­gig der Tatrich­ter unter Berück­sich­ti­gung der vor­ste­hen­den Gesichts­punk­te in eige­ner Ver­ant­wor­tung zu prü­fen. Der Bun­des­ge­richts­hof hat grund­sätz­lich kei­ne recht­li­chen Beden­ken dage­gen, im rech­ne­ri­schen Aus­gangs­punkt auf den Ver­tei­lungs­maß­stab der elter­li­chen Ein­kom­mens- und Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se (§ 1606 Abs. 3 Satz 1 BGB) zurück­zu­grei­fen. Wird aller­dings bei der Quo­ten­be­rech­nung das ver­gleich­ba­re Ein­kom­men der Eltern dadurch bestimmt, dass von den unter­halts­re­le­van­ten Ein­künf­ten bei­der Eltern­tei­le glei­cher­ma­ßen der ange­mes­se­ne Selbst­be­halt als Sockel­be­trag abge­zo­gen wird, müs­sen die auf die­se Wei­se ermit­tel­ten Haf­tungs­an­tei­le in aller Regel zuguns­ten des betreu­en­den Eltern­teils wer­tend ver­än­dert wer­den, um der Gleich­wer­tig­keits­re­gel des § 1606 Abs. 3 Satz 2 BGB Gel­tung zu ver­schaf­fen [9]. Denk­bar erscheint es auch, dem betreu­en­den Eltern­teil bereits bei der Bestim­mung des ver­gleich­ba­ren Ein­kom­mens im Rah­men der Quo­ten­be­rech­nung einen höhe­ren Sockel­be­trag zu gewäh­ren [10]. Auch bei erheb­lich güns­ti­ge­ren Ein­kom­mens­ver­hält­nis­sen des betreu­en­den Eltern­teils kann die Wür­di­gung des Tatrich­ters somit zu dem Ergeb­nis füh­ren, dass der nicht betreu­en­de Eltern­teil im erhöh­ten Maße und gege­be­nen­falls auch allein zur Auf­brin­gung des Bar­un­ter­halts her­an­zu­zie­hen ist.

Inso­weit ist in die Abwä­gun­gen ein­zu­be­zie­hen, dass der Kin­des­va­ter gegen­über sei­ner Ehe­frau, die selbst nur über gerin­ge Ein­künf­te ver­fügt, unter­halts­pflich­tig ist. Die Ansicht aller­dings, wonach auch der Umstand, dass die Eltern des Kin­des nie­mals ver­hei­ra­tet waren, einer Ent­las­tung des an sich bar­un­ter­halts­pflich­ti­gen Eltern­teils ent­ge­gen­ste­hen könn­te, ver­wirft der Bun­des­ge­richts­hof. Bei der Fra­ge, ob ohne eine Betei­li­gung des betreu­en­den Eltern­teils an der Auf­brin­gung des Bar­un­ter­halts ein erheb­li­ches finan­zi­el­les Ungleich­ge­wicht zwi­schen den Eltern ent­ste­hen wür­de, geht es in ers­ter Linie um die gerech­te Auf­tei­lung der aus der elter­li­chen Ver­ant­wor­tung her­rüh­ren­den Belas­tun­gen bei­der Eltern­tei­le. Sie ist des­halb unab­hän­gig davon zu beant­wor­ten, ob es sich um Eltern eines nicht­ehe­lich gebo­re­nen Kin­des oder um getrennt leben­de bzw. geschie­de­ne Eltern han­delt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Juli 2013 – XII ZB 297/​12

  1. im Anschluss an BGH, Urteil vom 20.03.2002 – XII ZR 216/​00, FamRZ 2002, 742[]
  2. vgl. zuletzt BGH, Urtei­le BGHZ 189, 284 = FamRZ 2011, 1041 Rn. 41 f. und vom 31.10.2007 – XII ZR 112/​05, FamRZ 2008, 137 Rn. 41 f.[]
  3. BGH, Urteil vom 20.03.2002 – XII ZR 216/​00, FamRZ 2002, 742[]
  4. vgl. Münch­Komm-BGB/­Born 6. Aufl. § 1603 Rn. 114; OLG Köln OLGR 2003, 340, 343; OLG Bam­berg FamRZ 1995, 566 f.[]
  5. vgl. Palandt/​Brudermüller BGB 72. Aufl. § 1606 Rn. 16[]
  6. vgl. FAKomm-Fam­R/­K­lein 4. Aufl. § 1603 BGB Rn. 41[]
  7. vgl. Gut­deutsch FamRZ 2006, 1724, 1727[]
  8. vgl. Wendl/​Klinkhammer 8. Aufl. § 2 Rn. 434; Botur in Büte/​Poppen/​Menne Unter­halts­recht 2. Aufl. § 1603 BGB Rn. 99; vgl. zuletzt auch OLG Naum­burg FamRZ 2013, 796; OLG Bran­den­burg JAmt 2012, 710, 711 f.; OLG Cel­le NJW 2009, 521, 523[]
  9. vgl. auch Erd­rich in Scholz/​Kleffmann/​Motzer Pra­xis­hand­buch Fami­li­en­recht [Bear­bei­tungs­stand: Janu­ar 2013] Teil I Rn. 149[]
  10. vgl. etwa Gut­deutsch FamRZ 2006, 1724, 1727; Scholz FamRZ 2006, 1728, 1730[]