Befris­tung nach­ehe­li­chen Krank­heits­un­ter­halts

Zur Befris­tung des nach­ehe­li­chen Krank­heits­un­ter­halts im Fall der Kla­ge des Sozi­al-hil­fe­trä­gers auf rück­stän­di­gen und lau­fen­den Unter­halt aus über­ge­gan­ge­nem Recht hat jetzt der Bun­des­ge­richts­hof Stel­lung genom­men:

Befris­tung nach­ehe­li­chen Krank­heits­un­ter­halts

Der Unter­halts­ver­pflich­te­te kann dem Sozi­al­hil­fe­trä­ger, der nach § 94 SGB XII neu­er Gläu­bi­ger des Unter­halts­an­spruchs gewor­den ist, gemäß §§ 412, 404 BGB den Be-fris­tungs­ein­wand ent­ge­gen­hal­ten1. Das muss auch gel­ten, wenn der Unter­halts­pflich­ti­ge – wie im vor­lie­gen­den Fall – vom Sozi­al­hil­fe­trä­ger nach § 94 Abs. 4 Satz 2 SGB XII auf künf­ti­gen Unter­halt in Anspruch genom­men wird und die Befris­tung erst in der Zukunft ein­greift2. Ande­ren­falls wür­de sich die Rechts­stel­lung des Unter­halts­pflich­ti­gen durch den gesetz­li­chen Anspruchs­über­gang ohne sach­li­chen Grund ver­schlech­tern. Der am Pro­zess nicht betei­lig­te Unter­halts­be­rech­tig­te erlei­det, wenn etwa die Vor­aus­set­zun­gen des § 94 Abs. 4 Satz 2 SGB XII ent­fal­len, dadurch kei­nen Nach­teil, weil die Ent­schei­dung über die Befris­tung für ihn kei­ne Rechts­kraft­wir­kung ent­fal­tet.

Der Unter­halt ist vom Fami­li­en­ge­richt zu befris­ten, wenn ein zeit­lich unbe­grenz­ter Unter­halts­an­spruch auch unter Wah­rung der Belan­ge eines dem Berech­tig­ten zur Pfle­ge oder Erzie­hung anver­trau­ten gemein­schaft­li­chen Kin­des unbil­lig wäre. Dabei ist ins­be­son­de­re zu berück­sich­ti­gen, inwie­weit durch die Ehe Nach­tei­le im Hin­blick auf die Mög­lich­keit ein­ge­tre­ten sind, für den eige­nen Unter­halt zu sor­gen. Sol­che Nach­tei­le kön­nen sich vor allem aus der Dau­er der Pfle­ge oder Erzie­hung eines gemein­schaft­li­chen Kin­des, aus der Gestal­tung von Haus­halts­füh­rung und Erwerbs­tä­tig­keit wäh­rend der Ehe sowie aus der Dau­er der Ehe erge­ben (§ 1578 b Abs. 2 Satz 2, Abs. 1 BGB).

Ehe­be­ding­ter Nach­teil[↑]

Ein ehe­be­ding­ter Nach­teil liegt hier nicht vor3. Die Krank­heit des Unter­halts­be­rech­tig­ten ist regel­mä­ßig kein ehe­be­ding­ter Nach­teil, denn sie wird allen­falls in Aus­nah­me­fäl­len auf der Rol­len­ver­tei­lung in der Ehe oder sons­ti­gen mit der Ehe zusam­men­hän­gen­den Tat­sa­chen beru­hen4. Dafür ist – in dem jetzt vom BGH ent­schie­de­nen Fall – nichts ersicht­lich. Die Krank­heit der Ehe­frau besteht seit meh­re­ren Jahr­zehn­ten und ist der Grund ihrer Unter­halts­be­dürf­tig­keit.

Ein ehe­be­ding­ter Nach­teil kann sich allen­falls dar­aus erge­ben, dass ein Unter­halts­be­rech­tig­ter auf­grund der Rol­len­ver­tei­lung in der Ehe nicht aus­rei­chend für den Fall der krank­heits­be­ding­ten Erwerbs­min­de­rung vor­ge­sorgt hat und sei­ne Erwerbs­un­fä­hig­keits­ren­te infol­ge der Ehe und Kin­der­er­zie­hung gerin­ger ist, als sie ohne die Ehe wäre5. Dann ist aller­dings zu berück­sich­ti­gen, dass der Aus­gleich unter­schied­li­cher Vor­sor­ge­bei­trä­ge vor­nehm­lich Auf­ga­be des Ver­sor­gungs­aus­gleichs ist, durch den die Inter­es­sen des Unter­halts­be­rech­tig­ten regel­mä­ßig aus­rei­chend gewahrt wer­den6.

Das Feh­len ehe­be­ding­ter Nach­tei­le führt indes­sen nicht ohne wei­te­res dazu, dass der Krank­heits­un­ter­halt zwangs­läu­fig zu befris­ten wäre7. Auch wenn kei­ne ehe­be­ding­ten Nach­tei­le vor­lie-gen, ist die Befris­tung als gesetz­li­che Aus­nah­me nur bei Unbil­lig­keit eines wei­ter­ge­hen­den Unter­halts­an­spruchs begrün­det. Bei der hier anzu­stel­len­den Bil­lig­keits­ab­wä­gung hat das Fami­li­en­ge­richt das im Ein­zel­fall gebo­te­ne Maß der nach­ehe­li­chen Soli­da­ri­tät fest­zu­le­gen, wobei vor allem die in § 1578 b Abs. 1 BGB auf­ge­führ­ten Gesichts­punk­te zu berück­sich­ti­gen sind. Auch in sol­chen Fäl­len, in denen die fort­wir­ken­de ehe­li­che Soli­da­ri­tät den wesent­li­chen Bil­lig­keits­maß­stab bil­det, fällt den in § 1578 b Abs. 1 Satz 3 BGB genann­ten Umstän­den beson­de­re Bedeu­tung zu8. Auf deren Grund­la­ge, ins­be­son­de­re der Dau­er der Pfle­ge oder Erzie­hung gemein­schaft­li­cher Kin­der, der Gestal­tung von Haus­halts­füh­rung und Erwerbs­tä­tig­keit wäh­rend der Ehe sowie der Dau­er der Ehe ist auch der Umfang einer geschul­de­ten nach­ehe­li­chen Soli­da­ri­tät zu bemes­sen9.

Eine im Fall einer Unter­halts­ver­sa­gung ein­tre­ten­de oder – wie im vor­lie­gen­den Fall – erwei­ter­te Sozi­al­leis­tungs­be­dürf­tig­keit schließt eine Befris­tung nach § 1578 b Abs. 2 BGB nicht not­wen­dig aus. Viel­mehr nimmt das Gesetz durch die Mög­lich­keit der Befris­tung des Krank­heits­un­ter­halts in Kauf, dass der Unter­halts­be­rech­tig­te infol­ge der Unter­halts­be­fris­tung sozi­al­leis­tungs­be­dürf­tig wird und somit die Unter­halts­ver­ant­wor­tung des geschie­de­nen Ehe­gat­ten durch eine staat­li­che Ver­ant­wor­tung ersetzt wird10.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. April 2010 – XII ZR 141/​08

  1. vgl. Wendl/​Scholz Das Unter­halts­recht in der fami­li­en­rich­ter­li­chen Pra­xis 7. Aufl. § 8 Rdn. 79
  2. vgl. OLG Karls­ru­he Fam­RZ 2005, 1756
  3. zur Dar­le­gungs- und Beweis­last sie­he BGH, Urteil vom 24.03.2010 – XII ZR 175/​08
  4. vgl. BGH, Urtei­le in BGHZ 179, 43 = Fam­RZ 2009, 406, Tz. 33; vom 27.05.2009 – XII ZR 111/​08, Fam­RZ 2009, 1207, Tz. 37; und vom 14.04.2010 – XII ZR 89/​08
  5. BGHZ 179, 43 = Fam­RZ 2009, 406, Tz. 34
  6. BGH, Urtei­le vom 16.04.2008 – XII ZR 107/​06, Fam­RZ 2008, 1325, Tz. 42; und vom 25.06.2008 – XII ZR 109/​07, Fam­RZ 2008, 1508, Tz. 25
  7. BGH, Urtei­le in BGHZ 179, 43 = Fam­RZ 2009, 406, Tz. 36; vom 27.05.2009 – XII ZR 111/​08, Fam­RZ 2009, 1207, Tz. 37; und vom 14.04.2010 – XII ZR 89/​08
  8. BT-Drs. 16/​1830, S. 19
  9. BGH, Urteil vom 27.05.2009 – XII ZR 111/​08, Fam­RZ 2009, 1207, Tz. 39
  10. vgl. auch BGHZ 179, 43 = Fam­RZ 2009, 406 – Tz. 37