Betreu­er­tä­tig­keit oder Anwalts­tä­tig­keit?

Ein Antrag des anwalt­li­chen Betreu­ers auf Fest­set­zung pau­scha­ler Ver­gü­tung nach § 1836 BGB schließt die nach­träg­li­che Gel­tend­ma­chung von Auf­wen­dungs­er­satz nach § 1835 Abs. 3 BGB für in dem betref­fen­den Zeit­raum erbrach­te anwalt­li­che Diens­te nicht aus.

Betreu­er­tä­tig­keit oder Anwalts­tä­tig­keit?

Dies stell­te jetzt der Bun­des­ge­richts­hof klar – und befass­te sich gleich­zei­tig mit der Abgren­zung von pau­schal abzu­gel­ten­der Betreu­er­tä­tig­keit und anwalts­spe­zi­fi­scher Tätig­keit, für die nach § 1835 Abs. 3 BGB Auf­wen­dungs­er­satz ver­langt wer­den kann:

Zwar wird mit der pau­scha­len Ver­gü­tung nach § 1836 Abs. 2 und 3 BGB, §§ 4, 5 VBVG grund­sätz­lich die gesam­te Tätig­keit des Betreu­ers abge­gol­ten. Nach § 1835 Abs. 3 BGB, des­sen Gel­tung gemäß §§ 1 Abs. 2 Satz 2 RVG, 4 Abs. 2 Satz 2 VBVG unbe­rührt bleibt, kann jedoch ein Betreu­er dem Betreu­ten erbrach­te Leis­tun­gen, die zu sei­nem Beruf gehö­ren, als Auf­wen­dun­gen geson­dert gel­tend machen. Der als Betreu­er bestell­te Rechts­an­walt kann daher eine Tätig­keit im Rah­men der Betreu­ung gemäß § 1835 Abs. 3 BGB nach anwalt­li­chem Gebüh­ren­recht abrech­nen, wenn und soweit sich die zu bewäl­ti­gen­de Auf­ga­be als eine für den Beruf des Rechts­an­walts spe­zi­fi­sche Tätig­keit dar­stellt. Dies ergibt sich aus dem Grund­satz, dass der Betreu­te – und bei mit­tel­lo­sen Betrof­fe­nen die Staats­kas­se – kei­nen Vor­teil dar­aus zie­hen soll, dass sein Betreu­er zufäl­lig auf­grund einer beson­de­ren beruf­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on etwas ver­rich­ten kann, wozu ein ande­rer Betreu­er berech­tig­ter­wei­se die ent­gelt­li­chen Diens­te eines Drit­ten in Anspruch neh­men wür­de 1.

Die pau­scha­le Ver­gü­tung und der Auf­wen­dungs­er­satz nach § 1835 Abs. 3 BGB ste­hen beim berufs­mä­ßi­gen Betreu­er nicht in einem Alter­na­tiv­ver­hält­nis zuein­an­der. Viel­mehr erfasst der Auf­wen­dungs­er­satz (nur) die­je­ni­gen Leis­tun­gen im Rah­men der Auf­ga­ben­er­fül­lung des Betreu­ers, die eine berufs­spe­zi­fi­sche Tätig­keit dar­stel­len und für die jeder Betreu­er einen Fach­mann hin­zu­zie­hen dürf­te oder – etwa bei Gerichts­ver­fah­ren mit Anwalts­zwang – sogar muss, wäh­rend es im Übri­gen bei der pau­scha­len Ver­gü­tung sein Bewen­den hat. Ein Wahl­recht des Betreu­ers zwi­schen pau­scha­ler Ver­gü­tung nach §§ 4, 5 VBVG einer­seits und Auf­wen­dungs­er­satz gemäß § 1835 Abs. 3 BGB ande­rer­seits besteht schon des­halb nicht, weil durch § 5 VBVG bei der Betreu­er­ver­gü­tung – von den Son­der­fäl­len des § 6 VBVG abge­se­hen – auch die Stun­den­an­zahl pau­scha­liert ist 2. Anders als vor Inkraft­tre­ten des Geset­zes über die Ver­gü­tung von Vor­mün­dern und Betreu­ern mit Wir­kung zum 1.07.2005 3, als der berufs­mä­ßi­ge Betreu­er gemäß § 1836 Abs. 2 BGB in der bis 30.06.2005 gel­ten­den Fas­sung nach erbrach­ten Stun­den abrech­nen konn­te 4, kann der berufs­mä­ßi­ge Betreu­er nun für berufs­spe­zi­fi­sche Tätig­kei­ten kei­ne Erhö­hung sei­ner (Pauschal)Vergütung errei­chen. Auf der ande­ren Sei­te wür­de die Annah­me eines Wahl­rechts dazu füh­ren, dass der berufs­mä­ßi­ge Betreu­er bei Gel­tend­ma­chung von Auf­wen­dungs­er­satz mit der (pau­scha­lier­ten) Ver­gü­tung für sei­ne sons­ti­gen im Auf­ga­ben­kreis erbrach­ten Leis­tun­gen aus­ge­schlos­sen wäre, für die er aber kei­nen Auf­wen­dungs­er­satz nach § 1835 Abs. 3 BGB erlan­gen kann.

Mit­hin tritt – vom hier nicht gege­be­nen Aus­nah­me­fall abge­se­hen, dass der Auf­ga­ben­kreis des Betreu­ers und die berufs­spe­zi­fi­sche Tätig­keit deckungs­gleich sind – der Auf­wen­dungs­er­satz bei Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen des § 1835 Abs. 3 BGB neben die pau­scha­le Ver­gü­tung. Er kann daher von dem Betreu­er, der die berufs­spe­zi­fi­schen Leis­tun­gen selbst und damit an Stel­le des ansons­ten geson­dert zu ver­gü­ten­den Fach­man­nes erbracht hat, zusätz­lich gel­tend gemacht wer­den 5. Dem­zu­fol­ge ent­fal­tet die Gel­tend­ma­chung der pau­scha­len Ver­gü­tung auch kei­ne Sperr­wir­kung für einen spä­te­ren Antrag, der sich auf in der frag­li­chen Zeit erbrach­te berufs­spe­zi­fi­sche Tätig­kei­ten bezieht.

Dar­aus folgt jedoch nicht, dass jed­we­de Tätig­keit eines anwalt­li­chen Betreu­ers, die er im Rah­men der Betreu­ung erbringt, einen Auf­wen­dungs­er­satz­an­spruch gemäß § 1835 Abs. 3 BGB begrün­det. Viel­mehr sind sol­che Leis­tun­gen, die ein nicht­an­walt­li­cher Betreu­er ohne Hin­zu­zie­hung eines Rechts­an­walts geleis­tet hät­te; vom Anwen­dungs­be­reich des § 1835 Abs. 3 BGB nicht erfasst 6.

Nach die­sen Maß­ga­ben bil­lig­te der Bun­des­ge­richts­hof im hier ent­schie­de­nen Fall die Annah­me der Instanz­ge­rich­te, dass die vor­ma­li­ge Betreue­rin hier kei­nen Auf­wen­dungs­er­satz nach § 1835 Abs. 3 BGB ver­lan­gen kann. Denn die Annah­me, ein ande­rer Betreu­er hät­te für die Erstel­lung und den Abschluss des Erbaus­ein­an­der­set­zungs­ver­tra­ges nicht die ent­gelt­li­chen Diens­te eines Rechts­an­walts in Anspruch genom­men, begeg­net im vor­lie­gen­den Fall für den Bun­des­ge­richts­hof kei­nen recht­li­chen Beden­ken.

Die Erbaus­ein­an­der­set­zung ist auf der Grund­la­ge des vom Amts­ge­richt bereits erteil­ten Erb­scheins durch­ge­führt wor­den, nach dem die Toch­ter der Betrof­fe­nen in gesetz­li­cher Erb­fol­ge beerbt wur­de, und zwar zu ¾ von ihrem Ehe­mann und zu je 1/​8 von ihren Eltern. Zu Recht hat das Beschwer­de­ge­richt den Ver­trag als "kurz und ein­fach struk­tu­riert" bezeich­net und dar­über hin­aus berück­sich­tigt, dass das im Ver­trag in Bezug genom­me­ne Nach­lass­ver­zeich­nis bereits von dem Ehe­mann der Ver­stor­be­nen erstellt wor­den war, das Betreu­ungs­ge­richt der vor­ma­li­gen Betreue­rin in sei­nen bei­den Schrei­ben weit rei­chen­de Hin­wei­se über den Inhalt des abzu­fas­sen­den Ver­tra­ges gemacht hat­te, die Erbaus­ein­an­der­set­zung als sol­che bereits voll­zo­gen war und das Betreu­ungs­ge­richt auch die von der vor­ma­li­gen Betreue­rin vor­ge­nom­me­ne Berech­nung der auf die Erben ent­fal­len­den Beträ­ge über­prüft hat­te.

Bei die­ser Sach­la­ge stellt die Abfas­sung des Ver­tra­ges kei­ne anwalts­spe­zi­fi­sche Tätig­keit dar, weil weder recht­li­che noch tat­säch­li­che Schwie­rig­kei­ten zu bewäl­ti­gen waren. Für die­se Beur­tei­lung ist ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Rechts­be­schwer­de nicht auf einen gene­rel­len Maß­stab abzu­stel­len, son­dern auf die im Ein­zel­fall zu erle­di­gen­de Auf­ga­be. Nur wenn die­se die Hin­zu­zie­hung eines Rechts­an­walts erfor­dert, kann die Tätig­keit nach anwalt­li­chem Gebüh­ren­recht abge­rech­net wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Mai 2014 – XII ZB 683/​11

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 04.12 2013 – XII ZB 57/​13 , Fam­RZ 2014, 472 Rn. 11; vom 17.11.2010 – XII ZB 244/​10 , Fam­RZ 2011, 203 Rn. 13 f.; und vom 20.12 2006 – XII ZB 118/​03 , Fam­RZ 2007, 381, 382 f.[]
  2. vgl. juris­PK-BGB/Pamm­ler-Klein/Pamm­ler 6. Aufl. [Stand: 1.10.2012] § 1835 Rn. 84; Jurgeleit/​Maier Betreu­ungs­recht 3. Aufl. § 4 VBVG Rn. 41; Jürgens/​v. Crails­heim Betreu­ungs­recht 5. Aufl. § 1835 BGB Rn. 15; Damrau/​Zimmermann Betreu­ungs­recht 4. Aufl. § 1835 BGB Rn. 57, 73; Knit­tel Betreu­ungs­recht [Stand: 1.03.2012] § 1835 BGB Rn. 77; im Ergeb­nis eben­so Münch­Komm-BGB/­Wa­genitz 6. Aufl. § 1835 Rn. 43; a.A. – ohne Aus­ein­an­der­set­zung mit der geän­der­ten Rechts­la­ge – z.B. KG Fam­RZ 2012, 63; OLG Hamm Fam­RZ 2007, 1186, 1187; Palandt/​Götz BGB 73. Aufl. § 1835 Rn. 13; Erman/​Saar BGB 13. Aufl. § 1835 Rn. 6; Staudinger/​Bienwald BGB [2014] § 1835 Rn. 62; Beck­OK BGB/​Bettin [Stand: 1.05.2014] § 1835 Rn. 7[]
  3. Vor­mün­der- und Betreu­er­ver­gü­tungs­ge­setz vom 21.04.2005, BGBl. I S. 1073[]
  4. vgl. zum Wahl­recht nach alter Rechts­la­ge z.B. BayO­bLG NJW 2002, 1660, 1661; OLG Köln NJW-RR 2003, 712[]
  5. Jürgens/​v. Crails­heim Betreu­ungs­recht 5. Aufl. § 1835 BGB Rn. 15; Münch­Komm-BGB/­Wa­genitz 6. Aufl. § 1835 Rn. 2; Jurgeleit/​Maier Betreu­ungs­recht 3. Aufl. § 1835 BGB Rn.20 und § 4 VBVG Rn. 41; Damrau/​Zimmermann Betreu­ungs­recht 4. Aufl. § 1835 BGB Rn. 57, 73[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 04.12 2013 – XII ZB 57/​13 , Fam­RZ 2014, 472 Rn. 11 mwN für einen Ergän­zungs­pfle­ger[]