Betreu­er­ver­gü­tung aus der Staats­kas­se und der Regreß beim Betreu­ten

Soweit die Staats­kas­se den Betreu­er gemäß § 1 Abs. 2 Satz 2 VBVG ver­gü­tet hat, geht der Ver­gü­tungs­an­spruch auch bei Mit­tel­lo­sig­keit des Betreu­ten unein­ge­schränkt auf sie über. Das im Sozi­al­hil­fe­recht gel­ten­de „Prin­zip der Bedarfs­de­ckung aus dem Ein­kom­men im Zufluss­mo­nat“ gilt für den auf die Staats­kas­se über­ge­gan­ge­nen Ver­gü­tungs­an­spruch nicht.

Betreu­er­ver­gü­tung aus der Staats­kas­se und der Regreß beim Betreu­ten

Der Ver­gü­tungs­an­spruch des Betreu­ers ent­steht mit der Aus­übung sei­ner jewei­li­gen Amts­tä­tig­keit [1]. Die Mit­tel­lo­sig­keit des Betreu­ten im Sin­ne von § 1908 i Abs. 1 Satz 1 BGB i.V.m. §§ 1836 c, 1836 d BGB steht dem Ent­ste­hen des Anspruchs anders etwa als die Leis­tungs­un­fä­hig­keit bei einem Unter­halts­an­spruch nicht ent­ge­gen. Sie ist aller­dings für die Fra­gen von Bedeu­tung, ob der Betreu­er die Ver­gü­tung aus der Staats­kas­se ver­lan­gen kann. Auf die Leis­tungs­fä­hig­keit des Betreu­ten i.S.v. § 1836 c BGB kommt es schließ­lich für die Beur­tei­lung an, ob bzw. inwie­weit die Staats­kas­se den Betreu­ten aus über­ge­gan­ge­nem Recht in Anspruch neh­men kann.

Gemäß §§ 1908 i Abs. 1 Satz 1, 1836 Abs. 1 Satz 3 BGB i.V.m. § 1 Abs. 2 Satz 2 VBVG kann der Betreu­er, der die Betreu­ung berufs­mä­ßig führt, im Fal­le der Mit­tel­lo­sig­keit des Betreu­ten i.S.v. § 1836 d BGB sei­ne Ver­gü­tung aus der Staats­kas­se ver­lan­gen. Ent­spre­chen­des gilt gemäß § 7 Abs. 1 VBVG für den Betreu­ungs­ver­ein, wenn wie hier ein Ver­eins­be­treu­er bestellt ist. Grund für die­se Rege­lung ist einer­seits die Erwä­gung, dass es dem Betreu­ten sozi­al­recht­lich nicht zuge­mu­tet wer­den soll, für die Kos­ten der Betreu­ung auf­zu­kom­men, wenn dadurch sei­ne eige­ne Lebens­ge­stal­tung infra­ge gestellt wür­de; des­halb hat der Staat im Fal­le der Mit­tel­lo­sig­keit in die Haf­tung ein­zu­tre­ten [2]. Bei nur „fik­ti­ver Mit­tel­lo­sig­keit“ [3], also wenn der Betreu­te etwa Raten zah­len könn­te, soll es ande­rer­seits dem Betreu­er durch den Ein­tritt der Staats­kas­se erspart blei­ben, vom Betreu­ten Teil­leis­tun­gen oder Raten­zah­lun­gen ent­ge­gen­neh­men oder mit gericht­li­cher Hil­fe auf Unter­halts­an­sprü­che des Betreu­ten zugrei­fen zu müs­sen [3].

Mit der Leis­tungs­er­brin­gung durch die Staats­kas­se geht der Ver­gü­tungs­an­spruch gemäß § 1908 i Abs. 1 Satz 1 i.V.m. § 1836 e Abs. 1 Satz 1 BGB auf die­se über. Die Staats­kas­se tritt dadurch in die Gläu­bi­ger­stel­lung des Betreu­ers ein [4]. Damit ist der Staats­kas­se die Mög­lich­keit eröff­net, nun­mehr ihrer­seits die­sen Anspruch gel­tend zu machen, also beim Betreu­ten Regress zu neh­men [5]. Der Betreu­te ist damit grund­sätz­lich anders als im Sozi­al­hil­fe­recht zur Rück­zah­lung der Betreu­er­ver­gü­tung ver­pflich­tet [6].

Die Leis­tungs­fä­hig­keit des Betreu­ten gewinnt erst wie­der für die Fra­ge an Bedeu­tung, ob bzw. inwie­weit die Staats­kas­se ihn aus der über­ge­gan­ge­nen For­de­rung in Anspruch neh­men kann. Maß­stab hier­für ist das nach § 1836 c BGB ein­zu­set­zen­de Ein­kom­men und Ver­mö­gen des Betreu­ten, auf das sei­ne Inan­spruch­nah­me begrenzt ist [7]. Dem­zu­fol­ge muss auch ein zur Zeit der Betreu­er­tä­tig­keit mit­tel­lo­ser Betreu­ter sei­ne nun­mehr vor­han­de­nen Mit­tel im Rah­men des § 1836 c BGB für die Kos­ten der Betreu­ung ein­set­zen, wobei auch der auf die Staats­kas­se über­ge­gan­ge­ne Ver­gü­tungs­an­spruch frei­lich in drei Jah­ren ver­jährt [8].

Dem­ge­gen­über fin­det auf den Regress § 1836 d BGB kei­ne Anwen­dung, soweit der Betreu­te danach auch als mit­tel­los gilt, wenn er die For­de­rung zum Teil oder in Raten erfül­len könn­te [9]. Andern­falls wäre ein Regress selbst dann aus­ge­schlos­sen, wenn der Betreu­te die über­ge­gan­ge­ne For­de­rung raten­wei­se beglei­chen könn­te (vgl. § 1836 d Nr. 1 BGB letz­te Alter­na­ti­ve).

Die Auf­fas­sung, das monat­li­che Ein­kom­men des Betreu­ten sei nach § 1836 c Nr. 1 BGB i.V.m. § 85 Abs. 1 SGB XII im Rah­men des Regres­ses nur in dem Umfang her­an­zu­zie­hen, in dem es wäh­rend der Dau­er des Bedarfs die in § 85 Abs. 1 SGB XII genann­te Ein­kom­mens­gren­ze über­stei­ge, geht fehl. Das dem Sozi­al­hil­fe­recht ent­nom­me­ne „Prin­zip der Bedarfs­de­ckung aus dem Ein­kom­men im Zufluss­mo­nat“ [10], das für die Fra­ge von Bedeu­tung ist, ob Hil­fen nach dem fünf­ten bis neun­ten Kapi­tel des SGB XII gewährt wer­den, fin­det auf den Regress der Staats­kas­se für geleis­te­te Betreu­er­ver­gü­tun­gen kei­ne Anwen­dung.

Zwar ist nach § 85 Abs. 1 SGB XII der nach­fra­gen­den Per­son die Auf­brin­gung der Mit­tel nicht zuzu­mu­ten, wenn wäh­rend der Dau­er des Bedarfs ihr monat­li­ches Ein­kom­men die dort defi­nier­te Ein­kom­mens­gren­ze nicht über­steigt. Dabei ist regel­mä­ßig für die Berech­nung allein auf den jewei­li­gen Kalen­der­mo­nat abzu­stel­len, in dem ein zu decken­der Bedarf besteht [11]. Die Rechts­be­schwer­de führt jedoch zutref­fend aus, dass der in § 1836 c Nr. 1 BGB ent­hal­te­ne Ver­weis auf die §§ 82, 85 Abs. 1 und 86 SGB XII allein der Ermitt­lung der Ein­kom­mens­gren­ze dient. Das ergibt sich bereits aus dem ein­deu­ti­gen Wort­laut des § 1836 c Nr. 1 BGB, der allein auf die Ein­kom­mens­gren­ze abstellt. Hin­zu kommt, dass § 1836 e BGB, der den gesetz­li­chen For­de­rungs­über­gang eröff­net, die vor­er­wähn­ten Vor­schrif­ten nicht in Bezug nimmt.

Auch eine teleo­lo­gi­sche Aus­le­gung ver­mag das gegen­tei­ige Ergeb­nis nicht zu recht­fer­ti­gen. § 1836 c BGB will sicher­stel­len, dass der Betreu­te nicht unan­ge­mes­sen in sei­ner Lebens­füh­rung ein­ge­schränkt wird. Da die­se Norm aber nicht nur für die Fra­ge von Bedeu­tung ist, ob der Betreu­er sei­ne Ver­gü­tung von der Staats­kas­se ver­lan­gen kann, son­dern dem Betreu­ten auch zur Sei­te steht, wenn es um die Fra­ge geht, ob bzw. in wel­chem Umfang die Staats­kas­se bei ihm Rück­griff neh­men kann, ist die­ser Schutz auch nach einem unein­ge­schränk­ten Anspruchs­über­gang gewähr­leis­tet.

Schließ­lich spricht auch der Wil­le des Gesetz­ge­bers ein­deu­tig gegen die­ses Ergeb­nis. In der Geset­zes­be­grün­dung heißt es aus­drück­lich, dass die Staats­kas­se bei einem Mün­del künf­tig Rück­griff neh­men kann, der „nach­träg­lich zu Geld kommt“ [12].

Der Betreu­te wird bei einer Inan­spruch­nah­me durch die Staats­kas­se auch nicht schlech­ter gestellt als bei einer Gel­tend­ma­chung des Ver­gü­tungs­an­spruchs durch den Betreu­er selbst. Die Ent­ste­hung des Ver­gü­tungs­an­spru­ches hängt nicht von der Leis­tungs­fä­hig­keit des Betreu­ten ab. Der Anspruch ent­steht also in vol­ler Höhe, auch wenn der Betreu­te mit­tel­los ist. Eine ande­re Fra­ge ist, ob und in wel­cher Höhe der Betreu­er die­sen gegen­über dem Betreu­ten durch­zu­set­zen ver­mag. Der Betreu­er hat des­halb die Wahl, ob er den Betreu­ten im Rah­men der von § 1836 c BGB gezo­ge­nen Gren­zen auf Teil­leis­tun­gen in Anspruch neh­men oder sich ins­ge­samt an die Staats­kas­se hal­ten will [3].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. Janu­ar 2013 – XII ZB 478/​11

  1. BGH, Beschluss vom 25.01.2012 – XII ZB 461/​11 FamRZ 2012, 627 Rn. 15[]
  2. BGH, Beschluss vom 25.01.2012 – XII ZB 461/​11 FamRZ 2012, 627 Rn. 17[]
  3. Münch­Komm-BGB/­Wa­genitz 6. Aufl. § 1836 e Rn. 7[][][]
  4. BGH, Beschluss vom 25.01.2012 – XII ZB 461/​11 FamRZ 2012, 627 Rn. 18[]
  5. Münch­Komm-BGB/­Wa­genitz 6. Aufl. § 1836 e Rn. 4[]
  6. Jürgens/​Marschner Betreu­ungs­recht 4. Aufl. § 1836 e BGB Rn. 2[]
  7. vgl. BT-Drucks. 13/​7158 S. 32; Palandt/​Götz BGB 72. Aufl. § 1836 e Rn. 2; Beck­OK BGB/​Bettin [Stand: 1.08.2012] § 1836 e Rn. 3[]
  8. vgl. hier­zu BGH, Beschluss vom 25.01.2012 – XII ZB 461/​11 FamRZ 2012, 627[]
  9. vgl. Münch­Komm-BGB/­Wa­genitz 6. Aufl. § 1836 e Rn. 6[]
  10. vgl. Scho­ch in LPK-SGB XII 8. Aufl. § 87 Rn. 21[]
  11. juris­PK-SGB XII/​Gutzler [Stand: 14.06.2011] § 85 Rn. 23; Schellhorn/​Hohm SGB XII 18. Aufl. § 85 Rn. 8[]
  12. BT-Drucks. 13/​7158 S. 32; s. auch OLG Düs­sel­dorf FamRZ 2001, 1485; Staudinger/​Bienwald BGB [2004] § 1836 e Rn. 4; Münch­Komm-BGB/­Wa­genitz 6. Aufl. § 1836 e Rn. 6[]