Betreu­er­ver­gü­tung – und das Schon­ver­mö­gen des Behin­der­ten

Auch wenn ein Betreu­ter Ein­glie­de­rungs­hil­fe in einer Werk­statt für behin­der­te Men­schen bezieht, hat er sein Ver­mö­gen für die Ver­gü­tung sei­nes Betreu­ers inso­weit ein­zu­set­zen, als es den all­ge­mei­nen Schon­be­trag nach § 90 Abs. 2 Nr. 9 SGB XII von der­zeit 5.000 € über­steigt. Der erhöh­te Ver­mö­gens­frei­be­trag nach § 60 a SGB XII von bis zu 25.000 € fin­det dabei kei­ne Anwen­dung.

Betreu­er­ver­gü­tung – und das Schon­ver­mö­gen des Behin­der­ten

Der Berufs­be­treu­er hat einen Anspruch auf Ver­gü­tung sei­ner Amts­füh­rung gemäß §§ 1908 i Abs. 1 Satz 1, 1836 Abs. 1 Satz 2 und 3 BGB iVm § 1 Abs. 2 Satz 1 VBVG. Schuld­ner des Ver­gü­tungs­an­spruchs ist grund­sätz­lich der Betreu­te. Die zu bewil­li­gen­de Ver­gü­tung ist aber nach § 1 Abs. 2 Satz 2 VBVG aus der Staats­kas­se zu zah­len, wenn der Betreu­te mit­tel­los ist. Mit der Leis­tungs­er­brin­gung durch die Staats­kas­se gehen die Ver­gü­tungs­an­sprü­che gemäß § 1836 e Abs. 1 Satz 1 BGB auf die­se über und kön­nen im Wege des Regres­ses gegen den Betreu­ten gel­tend gemacht wer­den. Der Betreu­te ist damit grund­sätz­lich zur Rück­zah­lung der Betreu­er­ver­gü­tung ver­pflich­tet. Ob und inwie­weit die Staats­kas­se ihn dann aus der über­ge­gan­ge­nen For­de­rung in Anspruch neh­men kann, hängt eben­falls davon ab, ob der Betreu­te leis­tungs­fä­hig oder mit­tel­los ist. Ein zur Zeit der Betreu­er­tä­tig­keit mit­tel­lo­ser Betreu­ter muss also vor­be­halt­lich ein­ge­tre­te­ner Ver­jäh­rung etwai­ge spä­ter ver­füg­ba­re Mit­tel für die Kos­ten der Betreu­ung ein­set­zen 1.

Der Betreu­te gilt nach §§ 1908 i Abs. 1 Satz 1, 1836 d Nr. 1 BGB als mit­tel­los, wenn er die Ver­gü­tung aus sei­nem ein­zu­set­zen­den Ein­kom­men oder Ver­mö­gen nicht, nur zum Teil oder nur in Raten auf­brin­gen kann. Die Inan­spruch­nah­me des Betreu­ten ist dabei auf die gemäß § 1836 c BGB ein­zu­set­zen­den Mit­tel begrenzt. Sein Ver­mö­gen hat der Betreu­te gemäß § 1836 c Nr. 2 BGB nach Maß­ga­be des § 90 SGB XII für die Betreu­er­ver­gü­tung auf­zu­brin­gen.

Im Aus­gangs­punkt zutref­fend hat im vor­lie­gen­den Fall das Land­ge­richt Kas­sel 2 erkannt, dass dem Betrof­fe­nen nach § 90 Abs. 2 Nr. 9 SGB XII iVm § 1 Nr. 1 der Ver­ord­nung zur Durch­füh­rung des § 90 Abs. 2 Nr. 9 SGB XII 3 ein Schon­be­trag in Höhe von der­zeit 5.000 € zusteht, so dass sich sein für die Betreu­er­ver­gü­tung ein­zu­set­zen­des Ver­mö­gen auf 23.000 € beläuft. Rechts­feh­ler­haft ist jedoch die Ansicht des Land­ge­richts Kas­sel, dem Betrof­fe­nen sei ange­sichts der Ein­füh­rung des § 60 a SGB XII ein zusätz­li­cher Frei­be­trag von wei­te­ren 25.000 € zuzu­bil­li­gen.

Wel­che Aus­wir­kun­gen § 60 a SGB XII auf das nach § 1836 c BGB für die Betreu­er­ver­gü­tung ein­zu­set­zen­de Ver­mö­gen hat, ist umstrit­ten.

Einer­seits wird ver­tre­ten, dass § 60 a SGB XII aus­weis­lich sei­nes aus­drück­li­chen Wort­lauts die Vor­schrift des § 90 Abs. 3 Satz 2 SGB XII dahin­ge­hend modi­fi­zie­re, dass ein zusätz­li­cher Betrag von 25.000 € für die Lebens­füh­rung und Alters­si­che­rung als ange­mes­sen gel­te. Der Gesetz­ge­ber habe mit der Ein­füh­rung des § 60 a SGB XII aner­kannt, dass für Per­so­nen, die Ein­glie­de­rungs­hil­fe erhal­ten, ein erhöh­ter Ver­mö­gens­frei­be­trag erfor­der­lich sei, um behin­de­rungs­be­ding­te Nach­tei­le aus­zu­glei­chen und eine gleich­be­rech­tig­te Teil­ha­be am gesell­schaft­li­chen Leben sowie eine ange­mes­se­ne Alters­ver­sor­gung sicher­zu­stel­len. Ange­sichts die­ser gesetz­ge­be­ri­schen Inten­ti­on sei das Pri­vi­leg des § 60 a SGB XII stets zu berück­sich­ti­gen, wenn die Vor­schrift des § 90 SGB XII zur Anwen­dung kom­me, also auch im Rah­men der Ver­wei­sung in § 1836 c Nr. 2 BGB 4.

Nach ande­rer Ansicht schei­det eine Anwen­dung des § 60 a SGB XII im Rah­men des § 1836 c BGB man­gels aus­drück­li­cher Ver­wei­sung aus. Bei der Zah­lung der Betreu­er­ver­gü­tung aus der Staats­kas­se han­de­le es sich gera­de nicht um eine Form von Ein­glie­de­rungs­hil­fe, son­dern eher wenn über­haupt um eine Hil­fe in beson­de­ren Lebens­la­gen nach § 73 SGB XII. Daher kön­ne § 60 a SGB XII bei der Ermitt­lung des für die Betreu­er­ver­gü­tung ein­zu­set­zen­den Ver­mö­gens kei­ne Berück­sich­ti­gung fin­den 5.

Die letzt­ge­nann­te Auf­fas­sung ist zutref­fend. Für sie strei­ten sowohl der Wil­le des Gesetz­ge­bers, wie er sich aus der Gesetz­ge­bungs­ge­schich­te erschließt, als auch Sinn und Zweck der Rege­lung sowie die Geset­zes­sys­te­ma­tik.

Dem Land­ge­richt Kas­sel ist zuzu­ge­ben, dass Emp­fän­gern von Ein­glie­de­rungs­hil­fe zur Beschäf­ti­gung in einer Werk­statt für behin­der­te Men­schen nach der vor­herr­schen­den Ansicht für die bis zum 31.12 2004 gel­ten­de Rechts­la­ge der erhöh­te Frei­be­trag des § 88 Abs. 3 Satz 3 BSHG bei der Ermitt­lung des ein­zu­set­zen­den Ver­mö­gens nach § 1836 c Nr. 2 BGB aF zustand 6.

Mit Wir­kung zum 1.09.1994 war Satz 3 in die Vor­schrift des § 88 Abs. 3 BSHG ein­ge­fügt wor­den (Art. 32 des Geset­zes zur Reform der agrar­so­zia­len Siche­rung vom 29.07.1994, BGBl. I S. 1890, 1942). Der Gesetz­ge­ber woll­te damit auf ein Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 29.04.1993 7 reagie­ren, das jen­seits des all­ge­mei­nen Frei­be­trags nach § 88 Abs. 2 Nr. 8 BSHG einen Ver­mö­gens­ein­satz für die Kos­ten einer Ein­glie­de­rungs­hil­fe zur Beschäf­ti­gung in einer Werk­statt für Behin­der­te bejaht hat­te. Die Fol­gen die­ses Urteils wür­den all­ge­mein als unge­recht emp­fun­den, ins­be­son­de­re weil durch einen so weit­ge­hen­den Ver­mö­gens­ein­satz für die Arbeits­mög­lich­keit in einer Werk­statt den behin­der­ten Men­schen oft die Arbeits­mo­ti­va­ti­on genom­men wer­de 8.

Unge­ach­tet die­ser Ziel­set­zung des neu­en Sat­zes 3 hat der Gesetz­ge­ber bei der mit Wir­kung zum 1.01.1999 erst­mals ein­ge­führ­ten gesetz­li­chen Defi­ni­ti­on der Mit­tel­lo­sig­keit in § 1836 c BGB aF (Art. 1 Nr. 10 des Geset­zes zur Ände­rung des Betreu­ungs­rechts sowie ande­rer Vor­schrif­ten vom 25.06.1998, BGBl. I S. 1580, 1581) bewusst ins­ge­samt auf die Vor­schrift des § 88 BSHG ver­wie­sen. Dem Betreu­ten soll­te aus­drück­lich auch bei der Bemes­sung sei­nes für die Betreu­er­ver­gü­tung ein­zu­set­zen­den Ver­mö­gens der erhöh­te Frei­be­trag zuteil wer­den, wenn die Vor­aus­set­zun­gen der Gewäh­rung von Ein­glie­de­rungs­hil­fe zur Beschäf­ti­gung in einer Werk­statt für behin­der­te Men­schen tat­säch­lich vor­lie­gen 9.

Der ursprüng­li­che Rege­lungs­zweck des § 88 Abs. 3 Satz 3 BSHG näm­lich den Beschäf­tig­ten einer Werk­statt für behin­der­te Men­schen einen höhe­ren Ver­mö­gens­frei­be­trag für die­se sozi­al­hil­fe­recht­li­che Ein­glie­de­rungs­maß­nah­me zu belas­sen war aller­dings ent­fal­len, nach­dem die Vor­schrift des § 43 Abs. 2 BSHG im Zuge des Inkraft­tre­tens des Neun­ten Buchs Sozi­al­ge­setz­buch (Reha­bi­li­ta­ti­on und Teil­ha­be behin­der­ter Men­schen) zum 1.07.2001 neu gefasst wur­de (Art. 15 Nr. 10 des Geset­zes vom 19.06.2001 10). Denn fort­an waren die Kos­ten für bestimm­te Maß­nah­men der Ein­glie­de­rungs­hil­fe, so auch für Leis­tun­gen in Werk­stät­ten für behin­der­te Men­schen, bedürf­tig­keits­un­ab­hän­gig in vol­lem Umfang (abge­se­hen von einem Essens­kos­ten­bei­trag) vom Trä­ger der Sozi­al­hil­fe zu über­neh­men 11. Gleich­wohl wur­de die Vor­schrift des § 88 Abs. 3 Satz 3 BSHG nicht abge­schafft, was auf einer bewuss­ten Ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers beruh­te, wie die redak­tio­nel­le Anpas­sung ihres Wort­lauts zeigt (Art. 15 Nr. 16 des Geset­zes vom 19.06.2001, BGBl. I S. 1046, 1112; BT-Drs. 14/​5074 S. 125). Ange­sichts der wei­ter bestehen­den Ver­wei­sung auch auf § 88 Abs. 3 Satz 3 BSHG war die sei­ner­zeit vor­herr­schen­de Ansicht zum Ver­ständ­nis des § 1836 c Nr. 2 BGB aF also durch­aus fol­ge­rich­tig.

Indes­sen hat sich die Rechts­la­ge infol­ge der Über­füh­rung des Bun­des­so­zi­al­hil­fe­ge­set­zes in das Zwölf­te Buch Sozi­al­ge­setz­buch (Sozi­al­hil­fe) zum 1.01.2005 grund­le­gend geän­dert (Art. 1 des Geset­zes zur Ein­ord­nung des Sozi­al­hil­fe­rechts in das Sozi­al­ge­setz­buch vom 27.12 2003, BGBl. I S. 3022). Die Vor­schrift des § 88 BSHG wur­de im Wesent­li­chen inhalts­gleich in § 90 SGB XII über­nom­men, aller­dings mit Aus­nah­me des § 88 Abs. 3 Satz 3 BSHG, der so die Geset­zes­be­grün­dung "dadurch obso­let gewor­den ist, dass mit Inkraft­tre­ten des Neun­ten Buchs die Prü­fung der Bedürf­tig­keit bei einer Beschäf­ti­gung in einer Werk­statt für behin­der­te Men­schen ent­fal­len ist" 12. Der Gesetz­ge­ber ging nun also doch davon aus, dass eine § 88 Abs. 3 Satz 3 BSHG ent­spre­chen­de Rege­lung nicht mehr erfor­der­lich war, weil bestimm­te Maß­nah­men der Ein­glie­de­rungs­hil­fe, wie die Leis­tun­gen in Werk­stät­ten für behin­der­te Men­schen, ohne­hin bedürf­tig­keits­un­ab­hän­gig zu erbrin­gen waren. Die dies bis dahin regeln­de Vor­schrift des § 43 Abs. 2 Satz 1 Nr. 7 BSHG wur­de inhalts­gleich in § 92 Abs. 2 Satz 1 Nr. 7 SGB XII über­nom­men. Zusätz­lich wur­de durch die Ein­fü­gung eines neu­en Sat­zes 2 in § 92 Abs. 2 SGB XII aus­drück­lich klar­ge­stellt, dass die genann­ten Ein­glie­de­rungs­leis­tun­gen, wie in Werk­stät­ten für behin­der­te Men­schen, ohne Rück­sicht auf vor­han­de­nes Ver­mö­gen zu gewäh­ren sind 13.

Die Vor­schrift des § 1836 c BGB wur­de redak­tio­nell ange­passt 14 und nimmt in ihrer Nr. 2 (ledig­lich) § 90 SGB XII in Bezug. Dage­gen hat der Gesetz­ge­ber trotz des ent­fal­le­nen Rege­lungs­ge­halts des § 88 Abs. 3 Satz 3 BSHG kei­ne Ver­wei­sung auf § 92 SGB XII vor­ge­nom­men. Hier­aus wur­de zu Recht der Schluss gezo­gen, dass § 92 SGB XII bei der Ermitt­lung des für die Betreu­er­ver­gü­tung ein­zu­set­zen­den Ein­kom­mens nicht zu berück­sich­ti­gen sei und den Betreu­ten seit dem 1.01.2015 kein erwei­ter­tes Schon­ver­mö­gen mehr zuste­he, auch wenn sie Ein­glie­de­rungs­hil­fe in einer Werk­statt für behin­der­te Men­schen bezie­hen 15. Somit sind zwar die in § 92 Abs. 2 Satz 2 SGB XII genann­ten Ein­glie­de­rungs­leis­tun­gen als sol­che (z.B. in einer Werk­statt für behin­der­te Men­schen) ohne Berück­sich­ti­gung von vor­han­de­nem Ver­mö­gen durch den Sozi­al­hil­fe­trä­ger zu erbrin­gen. Bezüg­lich der dort nicht genann­ten Leis­tun­gen der Ein­glie­de­rungs­hil­fe und aller ande­ren Sozi­al­leis­tun­gen, wie der Über­nah­me der Betreu­er­ver­gü­tung durch die Staats­kas­se, bleibt es aber bei den hier­für vor­ge­se­he­nen Rege­lun­gen zum Ver­mö­gens­ein­satz in § 90 SGB XII.

Die­se Sicht­wei­se ent­spricht auch dem all­ge­mei­nen Rege­lungs­kon­zept des Zwölf­ten Buchs Sozi­al­ge­setz­buch, dem unter­schied­li­che Frei­be­trä­ge für ver­schie­de­ne Arten der Sozi­al­hil­fe nicht fremd sind. Anders als noch unter dem Bun­des­so­zi­al­hil­fe­ge­setz gel­ten die Maß­nah­me­leis­tung (hier die Ein­glie­de­rungs­leis­tung) und die Deckung des Lebens­un­ter­halts nicht mehr als ein­heit­li­che Leis­tung 16. So steht bei­spiels­wei­se Bewoh­nern sta­tio­nä­rer Ein­rich­tun­gen ein ange­mes­se­ner Bar­be­trag zur per­sön­li­chen Ver­fü­gung als wei­te­rer not­wen­di­ger Lebens­un­ter­halt nach § 27 b Abs. 2 SGB XII zu. Hier­bei han­delt es sich jedoch nicht mehr um einen Teil der Ein­glie­de­rungs­leis­tung, son­dern aus­schließ­lich um eine Hil­fe zum Lebens­un­ter­halt, die den hier­für gel­ten­den Anrech­nungs­vor­schrif­ten unter­liegt 17. Hil­fe zum Lebens­un­ter­halt erhält gemäß § 19 Abs. 1 SGB XII nicht, wer sei­nen not­wen­di­gen Lebens­un­ter­halt nach § 27 Abs. 1 und 2 SGB XII in den Gren­zen der §§ 82 ff. und 90 f. SGB XII aus Ein­kom­men und Ver­mö­gen selbst sicher­stel­len kann 18. Der Bewoh­ner einer sta­tio­nä­ren Ein­rich­tung muss also sein Ver­mö­gen zwar unter Umstän­den nicht für die Ein­glie­de­rungs­leis­tung ein­set­zen, wohl aber in den Gren­zen des § 90 SGB XII für sei­nen not­wen­di­gen Lebens­un­ter­halt. Glei­ches gilt hin­sicht­lich des eben­falls nicht nach § 92 Abs. 2 Satz 2 SGB XII pri­vi­le­gier­ten Ver­mö­gens­ein­sat­zes für die Betreu­er­ver­gü­tung 19.

Hier­an hat auch die zum 1.01.2017 in Kraft getre­te­ne Rege­lung des § 60 a SGB XII (Art. 11 Nr. 2 des Geset­zes zur Stär­kung der Teil­ha­be und Selbst­be­stim­mung von Men­schen mit Behin­de­run­gen vom 23.12 2016 20, im Fol­gen­den: Bun­des­teil­ha­be­ge­setz) nichts geän­dert.

Durch das Bun­des­teil­ha­be­ge­setz wird das Recht der Ein­glie­de­rungs­hil­fe mit Wir­kung zum 1.01.2020 aus dem Zwölf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch her­aus­ge­löst und im Neun­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch Teil 2 gere­gelt. Dadurch sol­len die mit dem Zwölf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch begon­ne­nen Schrit­te einer Tren­nung von Fach­leis­tung und von Leis­tun­gen zum Lebens­un­ter­halt zum Abschluss gebracht wer­den. Die Ein­glie­de­rungs­hil­fe soll sich künf­tig auf die rei­nen Fach­leis­tun­gen kon­zen­trie­ren, wäh­rend die Leis­tun­gen zum Lebens­un­ter­halt wie bei Men­schen ohne Behin­de­run­gen nach dem Zwölf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch oder dem Zwei­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch erbracht wer­den sol­len 21. Die der­zeit noch in § 92 Abs. 2 SGB XII genann­ten Ein­glie­de­rungs­maß­nah­men, wie die Leis­tun­gen in aner­kann­ten Werk­stät­ten für behin­der­te Men­schen, wer­den zukünf­tig in § 138 Abs. 1 SGB IX gere­gelt sein. Für die­se Leis­tun­gen wird wei­ter­hin kein Ver­mö­gen ein­zu­set­zen sein, nach­dem § 92 Abs. 2 Satz 2 SGB XII inhalts­gleich in § 140 Abs. 3 SGB IX über­nom­men wird 22.

Für alle ande­ren Leis­tun­gen der Ein­glie­de­rungs­hil­fe sieht der neue § 139 SGB IX eine an § 90 SGB XII ange­lehn­te Rege­lung zur Ver­mö­gens­an­rech­nung vor, wobei die Höhe des ein­zu­set­zen­den Bar­ver­mö­gens mit mehr als 50.000 € deut­lich über den Schon­be­trag nach § 90 Abs. 1 Nr. 9 SGB XII hin­aus­geht. Der Gesetz­ge­ber hielt die­se Erhö­hung für ange­zeigt, weil es um Men­schen mit erheb­li­cher Teil­ha­be­ein­schrän­kung gehe und die Rege­lung des § 139 SGB IX nur für Fach­leis­tun­gen der Ein­glie­de­rungs­hil­fe gel­te 23. Men­schen mit Behin­de­run­gen sol­len also in Bezug auf alle Ein­glie­de­rungs­leis­tun­gen des Neun­ten Buchs Sozi­al­ge­setz­buch, soweit sie nicht ohne­hin bereits unab­hän­gig von vor­han­de­nem Ver­mö­gen zu erbrin­gen sind, in den Genuss eines erhöh­ten Frei­be­trags kom­men. Dage­gen sol­len Leis­tun­gen zum Lebens­un­ter­halt auch künf­tig nach dem Zwölf­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch erbracht wer­den. Für sol­che Leis­tun­gen wird auch wei­ter­hin nach Maß­ga­be des § 90 SGB XII eben­so wie für die Betreu­er­ver­gü­tung vor­han­de­nes Ver­mö­gen ein­zu­set­zen sein.

Die Vor­schrift des § 60 a SGB XII wur­de im Vor­griff auf die Neu­re­ge­lun­gen im Neun­ten Buch Sozi­al­ge­setz­buch geschaf­fen und sieht über­gangs­wei­se einen zusätz­li­chen Ver­mö­gens­frei­be­trag von 25.000 € für Per­so­nen vor, die Ein­glie­de­rungs­hil­fe erhal­ten. Dadurch wer­de den Betrof­fe­nen so die Geset­zes­be­grün­dung bereits jetzt ermög­licht, einen Teil der Ver­bes­se­rung bei der Ein­kom­mens­an­rech­nung anzu­spa­ren und Ver­mö­gen auf­zu­bau­en bzw. bestehen zu las­sen. Denn die Betrof­fe­nen, die auf­grund ihrer Behin­de­rung oft­mals vor erheb­li­chen, ins­be­son­de­re auch finan­zi­el­len Her­aus­for­de­run­gen stün­den, sol­len selbst­be­stimmt und ange­mes­sen auf unvor­her­ge­se­he­ne Lebens­er­eig­nis­se reagie­ren kön­nen 24.

Bereits die sys­te­ma­ti­sche Stel­lung des § 60 a SGB XII im Sechs­ten Kapi­tel (Ein­glie­de­rungs­hil­fe für behin­der­te Men­schen) und nicht im Elf­ten Kapi­tel (Ein­satz des Ein­kom­mens und des Ver­mö­gens) des Zwölf­ten Buchs Sozi­al­ge­setz­buch lässt dar­auf schlie­ßen, dass der zusätz­li­che Ver­mö­gens­frei­be­trag nur bei Leis­tun­gen der Ein­glie­de­rungs­hil­fe und nicht bei ande­ren Sozi­al­leis­tun­gen, wie der Hil­fe zum Lebens­un­ter­halt oder der Über­nah­me der Betreu­er­ver­gü­tung durch die Staats­kas­se, zu berück­sich­ti­gen ist. Dies steht auch im Ein­klang mit dem erklär­ten Wil­len des Gesetz­ge­bers, der "bei Leis­tun­gen nach dem Sechs­ten Kapi­tel" einen zusätz­li­chen Betrag von 25.000 € für eine ange­mes­se­ne Lebens­füh­rung und Alters­si­che­rung als not­wen­dig erach­tet hat 25. Dar­an ändert auch der Umstand nichts, dass § 60 a SGB XII beschränkt auf die Leis­tun­gen der Ein­glie­de­rungs­hil­fe die bis­he­ri­ge Här­te­fall­re­ge­lung des § 90 Abs. 3 SGB XII ergän­zen 25 soll.

Ein gesetz­ge­be­ri­scher Wil­le, den Emp­fän­gern von Ein­glie­de­rungs­hil­fe bei jeder Sozi­al­leis­tung den erhöh­ten Frei­be­trag des § 60 a SGB XII zuzu­bil­li­gen, ist dage­gen nicht ersicht­lich. Dies zeigt auch die fol­gen­de Über­le­gung: Das vom Land­ge­richt Kas­sel befür­wor­te­te Ver­ständ­nis des § 60 a SGB XII wür­de dazu füh­ren, dass Emp­fän­gern von Ein­glie­de­rungs­hil­fe seit dem Inkraft­tre­ten des Zwölf­ten Buchs Sozi­al­ge­setz­buch mit die­ser Norm erst­mals ein über § 90 Abs. 2 Nr. 8 SGB XII hin­aus­ge­hen­der Ver­mö­gens­frei­be­trag hin­sicht­lich der Betreu­er­ver­gü­tung zustün­de, aller­dings nur für die Dau­er von ins­ge­samt zwei Jah­ren bis zum Inkraft­tre­ten der Reform des Neun­ten Buchs Sozi­al­ge­setz­buch. Denn für die ab dem 1.01.2020 gel­ten­de Rechts­la­ge lie­ße sich nicht ver­tre­ten, dass über die Ver­wei­sung in § 1836 c Nr. 2 BGB auf § 90 SGB XII auch der dann in § 139 SGB IX gere­gel­te Frei­be­trag zur Anwen­dung kom­men müs­se. Eine sol­che "Ver­schlech­te­rung" wäre vom Gesetz­ge­ber nicht gewollt gewe­sen, der die Emp­fän­ger von Ein­glie­de­rungs­hil­fe wenn auch nur in Bezug auf die­se Leis­tun­gen durch die Über­gangs­re­ge­lung gera­de in den Genuss eines etwas höhe­ren Schon­be­trags brin­gen woll­te, bevor sie ab dem 1.01.2020 ohne­hin von einem noch­mals erhöh­ten Frei­be­trag pro­fi­tie­ren.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. März 2019 – XII ZB 290/​18

  1. BGH, Beschluss vom 09.01.2013 XII ZB 478/​11 Fam­RZ 2013, 440 Rn. 10 ff.[]
  2. LG Kas­sel, Beschluss vom 06.06.2018 3 T 141/​18 und 3 T 145/​18, BtPrax 2018, 157[]
  3. BGBl.2017 – I S. 519[]
  4. LG Bie­le­feld Beschluss vom 31.07.2018 23 T 386/​18 3 f.; LG Karls­ru­he Beschluss vom 19.04.2018 11 T 58/​18 10; LG Chem­nitz Fam­RZ 2018, 709; Beck­OK BGB/​Bettin [Stand: 1.11.2018] § 1836 c Rn. 5[]
  5. LG Hanau Beschluss vom 16.03.2017 3 T 46/​17[]
  6. OLG Cel­le Fam­RZ 2003, 1047; BayO­bLG Fam­RZ 2003, 966[]
  7. BVerw­GE 92, 254 = NVwZRR 1994, 102[]
  8. BT-Drs. 12/​7599 S. 3 f.[]
  9. BT-Drs. 13/​7158 S. 31[]
  10. BGBl. I S. 1046, 1111 f.[]
  11. vgl. BT-Drs. 14/​5074 S. 124 f.[]
  12. BT-Drs. 15/​1514 S. 24, 66[]
  13. BT-Drs. 15/​1514 S. 25, 66[]
  14. BT-Drs. 15/​1514 S. 43, 76[]
  15. OLG Mün­chen OLGR 2006, 300 f.; Jürgens/​Marschner Betreu­ungs­recht 5. Aufl. § 1836 c BGB Rn. 12; Deinert/​Lütgens BtPrax 2005, 180[]
  16. BT-Drs. 15/​1514 S. 54[]
  17. BSGE 121, 129 = BeckRS 2016, 70956 Rn. 15[]
  18. Cose­riu in Knickrehm/​Kreikebohm/​Waltermann Kom­men­tar zum Sozi­al­recht 5. Aufl. § 27 SGB XII Rn. 11[]
  19. vgl. Münch­Komm-BGB/Frösch­le 7. Aufl. § 1836 c Rn. 15[]
  20. BGBl I S. 3234, 3314[]
  21. BT-Drs. 18/​9522 S. 4[]
  22. BT-Drs. 18/​9522 S. 90 f., 303 f.[]
  23. BT-Drs. 18/​9522 S. 91, 304[]
  24. BT-Drs. 18/​9522 S. 150, 328[]
  25. BT-Drs. 18/​9522 S. 328[][]