Betreu­ung – auf­grund einer Ver­dachts­dia­gno­se

Die Vor­aus­set­zun­gen für eine Betreu­ung nach § 1896 BGB kön­nen nicht auf­grund einer blo­ßen Ver­dachts­dia­gno­se des Sach­ver­stän­di­gen fest­ge­stellt wer­den 1.

Betreu­ung – auf­grund einer Ver­dachts­dia­gno­se

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall wen­de­te sich ein 1974 gebo­re­ner selb­stän­di­ger Taxi­un­ter­neh­mer gegen die Anord­nung sei­ner Betreu­ung. Seit April 2014 erstat­te­te er mehr­fach Anzei­gen bei ver­schie­de­nen Behör­den, dar­un­ter dem Lan­des­kri­mi­nal­amt Baden-Würt­tem­berg, dem Bun­des­amt für Ver­fas­sungs­schutz und dem Aus­wär­ti­gen Amt in Ber­lin wegen ver­schie­de­ner ver­meint­li­cher Straf­ta­ten.

Auf die Anre­gung des Poli­zei­prä­si­di­ums, wonach der Betrof­fe­ne offen­sicht­lich an Ver­fol­gungs­wahn lei­de, hat das Amts­ge­richt Kon­stanz eine Betreu­ung für die Auf­ga­ben­krei­se Ver­mö­gens­sor­ge, Gesund­heits­für­sor­ge, Ver­tre­tung gegen­über Behör­den, Ver­si­che­run­gen, Ren­ten- und Sozi­al­leis­tungs­trä­gern, Ver­tre­tung in recht­li­chen Ange­le­gen­hei­ten und Auf­ent­halts­be­stim­mung ein­ge­rich­tet und einen Berufs­be­treu­er bestellt. Fer­ner hat es einen Ein­wil­li­gungs­vor­be­halt für die Auf­ga­ben­krei­se Ver­mö­gens­sor­ge und Ver­tre­tung in recht­li­chen Ange­le­gen­hei­ten ange­ord­net 2. Das Land­ge­richt Kon­stanz hat auf die Beschwer­de des Betrof­fe­nen die Auf­ga­ben­krei­se teil­wei­se ein­ge­schränkt bzw. kon­kre­ti­siert, die Über­prü­fungs­frist ver­kürzt und die Beschwer­de im Übri­gen zurück­ge­wie­sen 3. Hier­ge­gen wen­de­te sich der Betrof­fe­ne mit sei­ner nun vor dem Bun­des­ge­richts­hof erfolg­rei­chen Rechts­be­schwer­de:

Nach Auf­fas­sung des Land­ge­richts lie­gen die Vor­aus­set­zun­gen für eine Betreu­ung vor. Nach dem Inhalt des vom Amts­ge­richt ein­ge­hol­ten Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens lei­de der Betrof­fe­ne an einer para­noi­den Psy­cho­se aus dem schi­zo­phre­nen For­men­kreis; fer­ner kön­ne dif­fe­ren­zi­al­dia­gnos­tisch von einer wahn­haf­ten Stö­rung aus­ge­gan­gen wer­den. Die Dia­gno­se der Sach­ver­stän­di­gen beru­he auf einer per­sön­li­chen Unter­su­chung des Betrof­fe­nen und einer Berück­sich­ti­gung der ver­schie­de­nen Ein­ga­ben des Betrof­fe­nen. Die Dia­gno­se sei nach­voll­zieh­bar. Die­se Aus­füh­run­gen hal­ten der Ver­fah­rens­rüge nicht stand, die Ent­schei­dung grün­det auf einer Ver­dachts­dia­gno­se:

Zu den für die Bestel­lung eines Betreu­ers erfor­der­li­chen Ermitt­lun­gen gehört nach § 280 FamFG die Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens. Die­sem Gut­ach­ten muss wie­der­um mit hin­rei­chen­der Sicher­heit zu ent­neh­men sein, dass die Vor­aus­set­zun­gen für die Anord­nung einer Betreu­ung nach § 1896 BGB vor­lie­gen; eine Ver­dachts­dia­gno­se genügt nicht 4.

Die­sen Anfor­de­run­gen wird das ein­ge­hol­te Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten nicht gerecht.

Zwar geht das Land­ge­richt in der Begrün­dung des ange­foch­te­nen Beschlus­ses davon aus, dass die Sach­ver­stän­di­ge beim Betrof­fe­nen eine para­noi­de Psy­cho­se fest­ge­stellt habe. Dies steht aber im Wider­spruch zu sei­nen inso­weit zutref­fen­den Aus­füh­run­gen im Tat­be­stand, wonach die Sach­ver­stän­di­ge vom "Ver­dacht" einer Psy­cho­se aus­ge­gan­gen sei. Dies ent­spricht dem sich im Übri­gen ledig­lich auf zwei­ein­halb Sei­ten erstre­cken­den Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten der Amts­ärz­tin. Danach besteht der "Ver­dacht", dass der Betrof­fe­ne an einer "para­noi­den Psy­cho­se aus dem schi­zo­phre­nen For­men­kreis. Dif­fe­ren­zi­al­dia­gno­se: wahn­haf­te Stö­rung" lei­de. Bei die­ser Sach­la­ge hät­te sich das Land­ge­richt über­dies durch die in den Gerichts­ak­ten befind­li­chen wei­te­ren Schrift­stü­cke ver­an­lasst sehen müs­sen, eine ergän­zen­de Begut­ach­tung durch­zu­füh­ren, die auch die Beschei­ni­gung des TÜV vom 15.09.2015 und das ärzt­li­che Attest vom 04.09.2015 ein­be­zieht.

Gemäß § 74 Abs. 5 FamFG hat der Bun­des­ge­richts­hof den ange­foch­te­nen Beschluss auf­ge­ho­ben und die Sache zur erneu­ten Behand­lung und Ent­schei­dung an das Land­ge­richt zurück­ver­wie­sen. Eine abschlie­ßen­de Ent­schei­dung in der Sache gemäß § 74 Abs. 6 Satz 1 FamFG war dem Bun­des­ge­richts­hof nicht mög­lich, da die­se wegen der durch das Land­ge­richt noch durch­zu­füh­ren­den Ermitt­lun­gen nicht zur End­ent­schei­dung reif ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. Okto­ber 2016 – XII ZB 622/​15

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 16.05.2012 XII ZB 584/​11 Fam­RZ 2012, 1210[]
  2. AG Kon­stanz, Beschluss vom 10.08.2015 – XVII 265/​15[]
  3. LG Kon­stanz, Beschluss vom 07.12.2015 – C 12 T 179/​15[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 16.05.2012 XII ZB 584/​11 Fam­RZ 2012, 1210 Rn. 7 mwN; vom 01.10.2014 XII ZB 462/​14 Fam­RZ 2015, 44 Rn. 15; und vom 03.02.2016 XII ZB 425/​14 Fam­RZ 2016, 701 Rn. 11[]