Betreu­ungs­ver­fah­ren – und das dem Betrof­fe­nen nicht über­las­se­ne Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Wird dem Betrof­fe­nen das im Ver­fah­ren ein­ge­hol­te Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten nicht recht­zei­tig vor dem Anhö­rungs­ter­min über­las­sen, lei­det die Anhö­rung an einem wesent­li­chen Ver­fah­rens­man­gel. Dann hat das Beschwer­de­ge­richt die­sen Man­gel durch die Über­sen­dung des Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens an den Betrof­fe­nen und des­sen anschlie­ßen­de erneu­te Anhö­rung zu behe­ben 1.

Betreu­ungs­ver­fah­ren – und das dem Betrof­fe­nen nicht über­las­se­ne Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs räumt § 68 Abs. 3 Satz 2 FamFG dem Beschwer­de­ge­richt zwar die Mög­lich­keit ein, von einer erneu­ten Anhö­rung des Betrof­fe­nen abzu­se­hen, etwa wenn die erst­in­stanz­li­che Anhö­rung des Betrof­fe­nen nur kur­ze Zeit zurück­liegt, sich nach dem Akten­in­halt kei­ne neu­en ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Tat­sa­chen oder recht­li­chen Gesichts­punk­te erge­ben, das Beschwer­de­ge­richt das in den Akten doku­men­tier­te Ergeb­nis der erst­in­stanz­li­chen Anhö­rung nicht abwei­chend wer­ten will und es auf den per­sön­li­chen Ein­druck des Gerichts von dem Betrof­fe­nen nicht ankommt.

Zieht das Beschwer­de­ge­richt für sei­ne Ent­schei­dung dage­gen eine neue Tat­sa­chen­grund­la­ge her­an, die nach der amts­ge­richt­li­chen Ent­schei­dung datiert, gebie­tet dies eine erneu­te per­sön­li­che Anhö­rung des Betrof­fe­nen 2. Zudem kann im Beschwer­de­ver­fah­ren nicht von einer Wie­der­ho­lung sol­cher Ver­fah­rens­hand­lun­gen abge­se­hen wer­den, bei denen das Gericht des ers­ten Rechts­zugs zwin­gen­de Ver­fah­rens­vor­schrif­ten ver­letzt hat. In die­sem Fall muss das Beschwer­de­ge­richt, vor­be­halt­lich der Mög­lich­kei­ten nach § 69 Abs. 1 Satz 2 und 3 FamFG, den betref­fen­den Teil des Ver­fah­rens nach­ho­len 3.

Gemes­sen hier­an darf das Land­ge­richt nicht von einer per­sön­li­chen Anhö­rung des Betrof­fe­nen nach § 68 Abs. 3 Satz 2 FamFG abse­hen, wenn bereits die Anhö­rung des Betrof­fe­nen durch das Amts­ge­richt an einem wesent­li­chen Ver­fah­rens­man­gel litt. Dies ist etwa der Fall, wenn dem Betrof­fe­nen das ein­ge­hol­te Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten nicht über­las­sen wur­de.

Die Ver­wer­tung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens als Grund­la­ge einer Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che setzt gemäß § 37 Abs. 2 FamFG vor­aus, dass das Gericht den Betei­lig­ten Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me ein­ge­räumt hat. Inso­weit ist das Gut­ach­ten mit sei­nem vol­len Wort­laut im Hin­blick auf die Ver­fah­rens­fä­hig­keit des Betrof­fe­nen (§ 275 FamFG) grund­sätz­lich auch ihm per­sön­lich zur Ver­fü­gung zu stel­len. Davon kann nur unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 288 Abs. 1 FamFG abge­se­hen wer­den 4.

So ließ sich etwa in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall aus der Gerichts­ak­te nicht erse­hen, dass der Inhalt des Gut­ach­tens dem Betrof­fe­nen in vol­lem Umfang bekannt gege­ben wor­den ist. Das Amts­ge­richt hat das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten erst zusam­men mit sei­ner Ent­schei­dung und ledig­lich der Kon­troll­be­treue­rin über­mit­telt. Eben­so wenig ent­hält das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten einen Hin­weis dar­auf, dass der Betrof­fe­ne durch des­sen Bekannt­ga­be Gesund­heits­nach­tei­le ent­spre­chend § 288 Abs. 1 FamFG zu befürch­ten hät­te 5. Die­sen Man­gel hät­te das Land­ge­richt durch die Über­sen­dung des Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens an den Betrof­fe­nen und des­sen anschlie­ßen­de erneu­te Anhö­rung behe­ben müs­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 5. Juni 2019 -XII ZB 58/​19

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 06.02.2019 XII ZB 504/​18 MDR 2019, 498[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 28.09.2016 XII ZB 313/​16 Fam­RZ 2016, 2089 Rn. 5 mwN zu § 319 Abs. 1 Satz 1 FamFG[]
  3. BGH, Beschluss vom 14.03.2018 XII ZB 503/​17 Fam­RZ 2018, 849 Rn. 9 mwN[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 06.02.2019 XII ZB 504/​18 MDR 2019, 498 Rn. 9 mwN[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 17.05.2017 XII ZB 18/​17 Fam­RZ 2017, 1323 Rn. 11 mwN[]