Betreu­ungs­ver­fah­ren – und das nur an den Ver­fah­rens­pfle­ger bekannt gege­be­ne Gutachten

Sieht das Betreu­ungs­ge­richt ent­spre­chend § 288 Abs. 1 FamFG von der Bekannt­ga­be eines Gut­ach­tens an den Betrof­fe­nen ab, kann durch die Bekannt­ga­be des Gut­ach­tens an den Ver­fah­rens­pfle­ger allen­falls dann ein not­wen­di­ges Min­dest­maß recht­li­chen Gehörs sicher­ge­stellt wer­den, wenn zusätz­lich die Erwar­tung gerecht­fer­tigt ist, dass der Ver­fah­rens­pfle­ger mit dem Betrof­fe­nen über das Gut­ach­ten spricht. Letz­te­res setzt in der Regel einen ent­spre­chen­den Hin­weis des Betreu­ungs­ge­richts an den Ver­fah­rens­pfle­ger vor­aus1.

Betreu­ungs­ver­fah­ren – und das nur an den Ver­fah­rens­pfle­ger bekannt gege­be­ne Gutachten

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat das erst­in­stanz­lich täti­ge Amts­ge­richt Offen­bach am Main2 zur Fra­ge der Betreu­ungs­be­dürf­tig­keit ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten nach § 280 FamFG ein­ge­holt und sei­ne Ent­schei­dung – eben­so wie in der Beschwer­de­instanz das Land­ge­richt Darm­stadt3 – dar­auf gestützt.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs setzt die Ver­wer­tung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens als Grund­la­ge einer Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che gemäß § 37 Abs. 2 FamFG vor­aus, dass das Gut­ach­ten dem Betrof­fe­nen mit sei­nem vol­len Wort­laut zur Ver­fü­gung gestellt wird. Davon kann nur unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 288 Abs. 1 FamFG abge­se­hen wer­den4. Eine in ers­ter Instanz ver­fah­rens­feh­ler­haft unter­blie­be­ne ord­nungs­ge­mä­ße Bekannt­ga­be des Gut­ach­tens ist gemäß § 68 Abs. 3 FamFG im Beschwer­de­ver­fah­ren nach­zu­ho­len5.

Die­sen Anfor­de­run­gen wird das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren nicht gerecht:

Das Amts­ge­richt Offen­bach hat das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten aus­weis­lich sei­ner Ver­fü­gung vom 12.11.2019 nicht dem Betrof­fe­nen, son­dern aus­schließ­lich dem Ver­fah­rens­pfle­ger bekanntgegeben.

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Es kann dahin­ste­hen, ob nach den getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen ein Fall vor­liegt, bei dem ent­spre­chend § 288 Abs. 1 FamFG von der Bekannt­ga­be des Gut­ach­tens an den Betrof­fe­nen abge­se­hen wer­den konn­te, weil das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten den Hin­weis ent­hält, dass auf die Mit­tei­lung der Fremd­a­na­mne­se an den Betrof­fe­nen zur Ver­mei­dung einer wei­te­ren „fami­liä­ren Eska­la­ti­on“ ver­zich­tet wer­den soll­te. Unbe­scha­det der Fra­ge, ob dies die Annah­me recht­fer­tigt, dass der Betrof­fe­ne durch die Bekannt­ga­be des Gut­ach­tens Gesund­heits­nach­tei­le ent­spre­chend § 288 Abs. 1 FamFG zu befürch­ten hät­te6, hät­te das Gericht schon nicht das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten mit sei­nem vol­len Wort­laut gegen­über dem Betrof­fe­nen zurück­hal­ten dürfen.

Hin­zu kommt, dass das Gericht den Ver­fah­rens­pfle­ger ersicht­lich nicht mit der Auf­ga­be betraut hat, das Gut­ach­ten mit dem Betrof­fe­nen nach den Vor­ga­ben des Sach­ver­stän­di­gen zu besprechen.

Sieht das Betreu­ungs­ge­richt ent­spre­chend § 288 Abs. 1 FamFG von der Bekannt­ga­be eines Gut­ach­tens an den Betrof­fe­nen ab, kann durch die Bekannt­ga­be an den Ver­fah­rens­pfle­ger allen­falls dann ein not­wen­di­ges Min­dest­maß recht­li­chen Gehörs sicher­ge­stellt wer­den, wenn zusätz­lich die Erwar­tung gerecht­fer­tigt ist, dass der Ver­fah­rens­pfle­ger mit dem Betrof­fe­nen über das Gut­ach­ten spricht. Letz­te­res setzt in der Regel einen ent­spre­chen­den Hin­weis des Betreu­ungs­ge­richts an den Ver­fah­rens­pfle­ger vor­aus7.

Weder den getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen noch den Gerichts­ak­ten ist ein ent­spre­chen­der Hin­weis zu ent­neh­men. Das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten ist dem Ver­fah­rens­pfle­ger aus­weis­lich der Gerichts­ak­ten erst mit dem Beschluss über die Anord­nung der Betreu­ung bekannt­ge­ge­ben wor­den. Auch sei­ner – gegen­über dem Land­ge­richt im Beschwer­de­ver­fah­ren abge­ge­be­nen – Stel­lung­nah­me ist nicht zu ent­neh­men, dass der Ver­fah­rens­pfle­ger das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten mit dem Betrof­fe­nen bespro­chen hat. Des­halb ist rechts­be­schwer­de­recht­lich davon aus­zu­ge­hen, dass dies nicht gesche­hen ist.

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Der dar­in lie­gen­de Ver­fah­rens­feh­ler ist im Beschwer­de­ver­fah­ren nicht beho­ben wor­den. Weder aus den Fest­stel­lun­gen des Beschwer­de­ge­richts noch aus den Gerichts­ak­ten lässt sich ent­neh­men, dass dem Betrof­fe­nen das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten im Beschwer­de­ver­fah­ren zur Ver­fü­gung gestan­den hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. Okto­ber 2020 – XII ZB 153/​20

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 11.03.2020 – XII ZB 496/​19 , FamRZ 2020, 1124[]
  2. AG Offen­bach a.M., Beschluss vom 12.11.2019 – 14 XVII 200/​19[]
  3. LG Darm­stadt, Beschluss vom 02.03.2020 – 5 T 697/​19[]
  4. st. Rspr., vgl. etwa BGH, Beschluss vom 12.08.2020 – XII ZB 204/​20 11 mwN[]
  5. BGH, Beschluss vom 11.03.2020 – XII ZB 496/​19 , FamRZ 2020, 1124 Rn. 6[]
  6. vgl. BGH, Beschluss vom 06.05.2020 – XII ZB 6/​20 , FamRZ 2020, 1303 Rn. 8[]
  7. BGH, Beschluss vom 11.03.2020 – XII ZB 496/​19 , FamRZ 2020, 1124 Rn. 5 mwN[]