Bewer­tung eines Ver­mö­gens­ge­gen­stan­des im Zuge­winn­aus­gleich

Wird die Art und Wei­se der Bewer­tung eines Ver­mö­gens­ge­gen­stan­des vom Gesetz nicht gere­gelt, ist es Auf­ga­be des Tatrich­ters, im Ein­zel­fall eine geeig­ne­te Bewer­tungs­art sach­ver­halts­spe­zi­fisch aus­zu­wäh­len und anzu­wen­den 1.

Bewer­tung eines Ver­mö­gens­ge­gen­stan­des im Zuge­winn­aus­gleich

Lässt sich die Wert­hal­tig­keit eines in den Zuge­winn­aus­gleich fal­len­den Anrechts bezo­gen auf den Stich­tag nicht hin­rei­chend kon­kret bestim­men, hat der Tatrich­ter im Rah­men der gemäß § 287 ZPO durch­zu­füh­ren­den Schät­zung die ihm im Zeit­punkt sei­ner Ent­schei­dung zugäng­li­chen Erkennt­nis­mög­lich­kei­ten zu nut­zen.

Die Beson­der­heit bei der Bewer­tung der in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall streit­ge­gen­ständ­li­chen Anwart­schaft besteht dar­in, dass das Anrecht des Beklag­ten zum Stich­tag betrags­mä­ßig weder fest­stand noch fest­stell­bar war und es des­halb an einem ihm zure­chen­ba­ren Kapi­tal­wert fehlt. Fest steht allein der von den Durch­schnitts­pro­vi­sio­nen der letz­ten drei Kalen­der­jah­re maß­geb­li­che Pro­zent­satz bezo­gen auf den Stich­tag: Der Beklag­te konn­te am Stich­tag auf eine Betriebs­zu­ge­hö­rig­keit von fünf­zehn Jah­ren zurück­bli­cken. Damit hat er ein Anrecht in Höhe von 45 % der Durch­schnitts­pro­vi­sio­nen erwor­ben.

Wie der Wert für ein sol­ches Anrecht im Zuge­winn­aus­gleich zu ermit­teln ist, hat der Bun­des­ge­richts­hof – bis­lang – nicht ent­schie­den.

Wird die Art und Wei­se der Bewer­tung eines Ver­mö­gens­ge­gen­stan­des vom Gesetz nicht gere­gelt, ist es Auf­ga­be des Tatrich­ters, im Ein­zel­fall eine geeig­ne­te Bewer­tungs­art sach­ver­halts­spe­zi­fisch aus­zu­wäh­len und anzu­wen­den. In der Sache han­delt es sich um eine Schät­zung im Rah­men des § 287 Abs. 2 ZPO (BGH, Urtei­le in BGHZ 130, 298 = Fam­RZ 1995, 1270; und vom 17.07.2002 – XII ZR 218/​00, Fam­RZ 2003, 153, 154)). Dies ent­bin­det das Gericht indes nicht davon, in sei­ner Ent­schei­dung die tat­säch­li­chen Grund­la­gen sei­ner Schät­zung und ihre Aus­wer­tung in objek­tiv nach­prüf­ba­rer Wei­se anzu­ge­ben 2. Die­se tatrich­ter­li­che Bewer­tung kann nach all­ge­mei­nen Grund­sät­zen nur dar­auf­hin über­prüft wer­den, ob sie gegen Denk­ge­set­ze oder Erfah­rungs­sät­ze ver­stößt oder sonst auf rechts­feh­ler­haf­ten Erwä­gun­gen beruht.

Ist eine erst in der Zukunft fäl­lig wer­den­de For­de­rung zu bewer­ten, ist zu beach­ten, dass sie einen gerin­ge­ren wirt­schaft­li­chen Wert als eine bereits fäl­li­ge hat. Des­halb ist nichts dage­gen ein­zu­wen­den, die For­de­rung zu dem für die Ermitt­lung des End­ver­mö­gens maß­ge­ben­den Bewer­tungs­stich­tag abzu­zin­sen. In die­sem Sin­ne hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits im Fall eines betrags­mä­ßig fest­ste­hen­den Anrechts auf "Alters­ka­pi­tal" ent­schie­den 3.

Eben­so hat der Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den, dass die Unge­wiss­heit, ob der im Anrecht ver­kör­per­te Ver­mö­gens­wert dem Begüns­tig­ten oder sei­nen Rechts­nach­fol­gern zufal­len wird, bei der Bewer­tung des Anrechts berück­sich­tigt wer­den muss 4. So kann die Erle­bens­wahr­schein­lich­keit des Anrechts­in­ha­bers etwa durch das Ver­hält­nis der Erle­bens­quo­ten erfasst wer­den, die für den Anrechts­in­ha­ber bei Ein­tritt des (Alters-) Ver­sor­gungs­fal­les einer­seits und zum Bewer­tungs­stich­tag ande­rer­seits gel­ten 5.

Das hier zu beur­tei­len­de Anrecht zeich­net sich indes­sen dadurch aus, dass sich sei­ne Wert­hal­tig­keit erst durch die – am Stich­tag nicht abseh­ba­re – wei­te­re Ent­wick­lung der Jah­res­pro­vi­sio­nen kon­kre­ti­siert. Des­halb stel­len die für den Stich­tag maß­geb­li­chen Durch­schnitts­pro­vi­sio­nen für die Höhe des spä­ter aus­zu­zah­len­den Kapi­tal­be­tra­ges kei­ne ver­läss­li­che Grö­ße dar. Zwar ist gemäß § 1376 Abs. 2 BGB bei der Berech­nung der Wert zugrun­de zu legen, den das bei Been­di­gung des Güter­stan­des vor­han­de­ne Ver­mö­gen in die­sem Zeit­punkt hat. Hier geht es jedoch gera­de um die Bewer­tung eines zum Zeit­punkt des Stich­ta­ges der Höhe nach nicht bestimm­ba­ren Rechts. In einem sol­chen Fall auf den Erkennt­nis­stand eines opti­ma­len Betrach­ters am Stich­tag abzu­stel­len und dabei spä­te­re Ent­wick­lun­gen des Anrechts nur dann zu berück­sich­ti­gen, wenn sie schon im Ansatz erkenn­bar waren 6, ist wegen der vor­ge­nann­ten Eigen­hei­ten des Anrechts hier nicht ziel­füh­rend.

In Fall­kon­stel­la­tio­nen die­ser Art, in denen völ­lig unge­wiss ist, wel­che Pro­vi­sio­nen in dem – dem Ren­ten­ein­tritt vor­aus­ge­hen­den – Drei-Jah­res-Zeit­raum zu erwar­ten sind, stellt sich die Fra­ge, ob das Anrecht der Höhe nach über­haupt unver­fall­bar und damit im Zuge­winn­aus­gleich zu berück­sich­ti­gen ist. Wür­de der Begüns­tig­te in den letz­ten drei Jah­ren vor sei­nem Aus­tritt kei­ne Pro­vi­sio­nen erzie­len, wäre sein Ver­sor­gungs­an­recht wert­los. Dies sprä­che gegen eine Unver­fall­bar­keit des Anrechts. Ande­rer­seits kann nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass der von dem Anrecht Begüns­tig­te drei Jah­re lang ohne jeg­li­che Ein­nah­men für das Unter­neh­men tätig ist. Von daher ver­bleibt dem Begüns­tig­ten jeden­falls ein Min­dest­wert, der im Zuge­winn­aus­gleich zu berück­sich­ti­gen ist.

Im Rah­men der Wert­ermitt­lung muss es dem Tatrich­ter wegen der Eigen­art des hier zu bestim­men­den Rechts und der damit ein­her­ge­hen­den Unwäg­bar­kei­ten erlaubt sein, die ihm im Zeit­punkt sei­ner Ent­schei­dung zugäng­li­chen Erkennt­nis­mög­lich­kei­ten zu nut­zen, um den Wert zum Stich­tag bes­ser zu erfas­sen. Wenn sich hier­aus kei­ne kon­kre­ten Erkennt­nis­se für die Wert­hal­tig­keit des Anrechts gewin­nen las­sen, bleibt Raum für eine Schät­zung nach § 287 ZPO. Grund­la­ge der Schät­zung ist dann der Kennt­nis­stand des Tatrich­ters im Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung.

Die Auf­fas­sung, wonach – wie bei der Ertrags­wert­ermitt­lung von Unter­neh­men – eine auf den Stich­tag bezo­ge­ne Pro­gno­se der Pro­vi­si­ons­ent­wick­lung vor­zu­neh­men und auf die­se Wei­se der mut­maß­li­che Pro­vi­si­ons­er­trag zu ermit­teln sei, ver­fängt nicht. Einer sol­chen Berech­nung liegt die Annah­me zugrun­de, dass sich der Wert eines Unter­neh­mens danach rich­tet, was ein Erwer­ber für die­ses bezah­len wür­de 7. Dem­ge­gen­über ist das Ver­sor­gungs­an­recht des Beklag­ten bezo­gen auf den Stich­tag weder wert­mä­ßig bestimmt noch – anders etwa als bei Unter­neh­men oder Lebens­ver­si­che­run­gen – in irgend­ei­ner Wei­se rea­li­sier­bar.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. Novem­ber 2010 – XII ZR 170/​09

  1. im Anschluss an BGH, Urtei­le in BGHZ 130, 298, 303; und vom 17.07.2002 – XII ZR 218/​00, Fam­RZ 2003, 153, 154[]
  2. BGH, Urtei­le vom 20.10.2010 – XII ZR 53/​09; und vom 26.03.2003 – XII ZR 167/​01, NJW-RR 2003, 873, 874; Lau­men in Prütting/​Gehrlein ZPO § 287 Rn. 21[]
  3. BGH, Urteil vom 17.07.2002 – XII ZR 218/​00Fam­RZ 2003, 153, 154[]
  4. BGH, Urtei­le in BGHZ 117, 70 = Fam­RZ 1992, 411, 414; in BGHZ 118, 242 = Fam­RZ 1992, 1155, 1159; und vom 17.07.2002 – XII ZR 218/​00, Fam­RZ 2003, 153, 154[]
  5. BGHZ 118, 242 = Fam­RZ 1992, 1155, 1159[]
  6. so etwa Palandt/​Brudermüller BGB 69. Aufl. § 1376 Rn. 8 zur Unter­neh­mens­be­wer­tung[]
  7. MünchKommBGB/​Koch 5. Auf­la­ge § 1376 Rn. 27[]