Das Rechts­schutz­be­dürf­nis bei der Anschluss­be­schwer­de in Fami­li­en­sa­chen

In Ver­fah­ren der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit ist die Ein­le­gung einer Anschluss­be­schwer­de man­gels eines Rechts­schutz­be­dürf­nis­ses unzu­läs­sig, wenn mit der Anschlie­ßung (ledig­lich) das glei­che Ziel wie mit dem Haupt­rechts­mit­tel ver­folgt wer­den soll.

Das Rechts­schutz­be­dürf­nis bei der Anschluss­be­schwer­de in Fami­li­en­sa­chen

In Fami­li­en­sa­chen der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit hat jeder Betei­lig­te nach § 66 Satz 1 FamFG die Mög­lich­keit, ohne die Ein­le­gung einer eige­nen Beschwer­de auch nach Ablauf der maß­geb­li­chen Beschwer­de­frist im Wege der Anschlie­ßung an ein bereits ein­ge­leg­tes (Haupt) Rechts­mit­tel sei­ne Rech­te in der Beschwer­de­instanz zu ver­fol­gen. Mit die­ser Rege­lung hat der Gesetz­ge­ber an den bis zum 31.08.2009 gel­ten­den Rechts­zu­stand ange­knüpft, nach dem die Anschlie­ßung an ein Rechts­mit­tel in Ver­fah­ren der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit ver­ein­zelt spe­zi­al­ge­setz­lich gere­gelt war (§§ 22 Abs. 2, 28 Abs. 1 LwVfG; § 11 Abs. 3 HöfeV­fO) und dar­über hin­aus von der Recht­spre­chung auch ohne aus­drück­li­che Rege­lung für zuläs­sig erach­tet wur­de, wenn sich im Ver­fah­ren meh­re­re Betei­lig­te mit ent­ge­gen­ge­setz­ten Inter­es­sen gegen­über­stan­den und die Gesichts­punk­te der Waf­fen­gleich­heit und der Ver­fah­rens­öko­no­mie eine Über­win­dung des Ver­bots der Schlech­ter­stel­lung des Rechts­mit­tel­füh­rers gebo­ten 1.

Nach dem Wort­laut des Geset­zes ist die durch § 66 Satz 1 FamFG eröff­ne­te Mög­lich­keit der Anschlie­ßung an eine Beschwer­de in Ver­fah­ren der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit weder auf kon­tra­dik­to­risch gepräg­te Ver­fah­ren beschränkt, noch setzt die Anschlie­ßung von vorn­her­ein vor­aus, dass im betref­fen­den Beschwer­de­ver­fah­ren für den Füh­rer des Haupt­rechts­mit­tels das Ver­bot der refor­ma­tio in pei­us gel­ten muss. Ob die Zuläs­sig­keit der Anschlie­ßung gleich­wohl vor­aus­setzt, dass sich der Anschluss­be­schwer­de­füh­rer in eine Geg­ner­stel­lung zum Füh­rer des Haupt­rechts­mit­tels brin­gen will 2, braucht unter den hier obwal­ten­den Umstän­den in die­ser All­ge­mein­heit nicht ent­schie­den zu wer­den. Denn für die Ein­le­gung eines unselb­stän­di­gen Anschluss­rechts­mit­tels muss jeden­falls ein Rechts­schutz­be­dürf­nis vor­lie­gen 3, wor­an es nach all­ge­mei­ner Ansicht auch unter der Gel­tung des neu­en Ver­fah­rens­rechts fehlt, wenn mit der Anschlie­ßung (ledig­lich) das glei­che Ziel wie mit dem Haupt­rechts­mit­tel ver­folgt wer­den soll 4.

Ein Betei­lig­ter, der das Begeh­ren des Beschwer­de­füh­rers unter­stüt­zen möch­te, kann auch ohne Anschlie­ßung in der durch das Haupt­rechts­mit­tel eröff­ne­ten Beschwer­de­instanz sei­ne Bean­stan­dun­gen zu der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung zur Spra­che brin­gen und auch sonst zur Sach- und Rechts­la­ge umfas­send vor­tra­gen 5. Schließ­lich kann ein recht­lich schüt­zens­wer­tes Inter­es­se an der Ein­le­gung einer unselb­stän­di­gen Anschluss­be­schwer­de bei einem Gleich­lauf mit dem Rechts­schutz­ziel des Haupt­rechts­mit­tels auch nicht damit begrün­det wer­den, dass der Betei­lig­te durch die Anschlie­ßung die Mög­lich­keit erhal­ten sol­le, die im zwei­ten Rechts­zug erge­hen­de Ent­schei­dung selbst mit einer Rechts­be­schwer­de zum Bun­des­ge­richts­hof anfech­ten zu kön­nen. Der Bun­des­ge­richts­hof hat bereits aus­ge­spro­chen, dass die unselb­stän­di­ge Anschlie­ßung auch in den Ver­fah­ren der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit allein der sach­ge­rech­ten Aus­ge­stal­tung des Beschwer­de­ver­fah­rens dient und nicht den Zweck hat, eine Fort­set­zung des Ver­fah­rens in der drit­ten Instanz zu ermög­li­chen 6. Es sind kei­ne Anhalts­punk­te dafür ersicht­lich, dass die­se Beur­tei­lung durch die Reform­ge­setz­ge­bung grund­le­gend in Fra­ge gestellt wer­den könn­te, zumal die Begrün­dung des Gesetz­ent­wur­fes selbst die Erwar­tung erken­nen lässt, dass die durch § 66 FamFG eröff­ne­te Mög­lich­keit der Anschlie­ßung "in ers­ter Linie" in sol­chen Ver­fah­ren prak­ti­sche Bedeu­tung erlan­gen wird, in denen sich Betei­lig­te gegen­sätz­lich mit wider­strei­ten­den Anlie­gen gegen­über­ste­hen 7.

Auch die Beson­der­hei­ten des Anpas­sungs­ver­fah­rens wegen Unter­halt (§§ 33, 34 VersAus­glG) gebie­ten inso­weit kei­ne ande­re Beur­tei­lung.

Anträ­ge nach § 33 VersAus­glG haben ledig­lich ver­fah­rens­ein­lei­ten­de Funk­ti­on und bedür­fen kei­ner Bezif­fe­rung oder sons­ti­gen Kon­kre­ti­sie­rung dahin­ge­hend, wel­che lau­fen­den Ver­sor­gun­gen des Aus­gleichs­pflich­ti­gen in wel­cher Höhe ange­passt wer­den sol­len 8. Das Beschwer­de­ge­richt wird daher durch bestimm­te Anträ­ge des Beschwer­de­füh­rers hin­sicht­lich des Umfangs der vor­zu­neh­men­den Anpas­sung wegen Unter­halt nicht gebun­den, und zwar auch nicht hin­sicht­lich der nach § 33 Abs. 4 VersAus­glG zu tref­fen­den Ent­schei­dung, wel­che von meh­re­ren ein­ge­tre­te­nen Kür­zun­gen aus­zu­set­zen sind 9. Ein Rechts­schutz­be­dürf­nis für die Ein­le­gung einer unselb­stän­di­gen Anschluss­be­schwer­de durch den Ehe­gat­ten des Haupt­rechts­mit­tel­füh­rers lässt sich in die­sen Ver­fah­ren des­halb ins­be­son­de­re nicht dar­aus her­lei­ten, dass mit der Anschlie­ßung die sach­li­chen Ent­schei­dungs­be­fug­nis­se des Beschwer­de­ge­richts erwei­tert wer­den könn­ten.

Eben­so wenig ver­mag der Ehe­gat­te des Beschwer­de­füh­rers durch die Ein­le­gung einer unselb­stän­di­gen Anschluss­be­schwer­de eine sach­li­che Ent­schei­dung des Beschwer­de­ge­richts über die Aus­set­zung der Kür­zung für den Fall zu erzwin­gen, dass der Beschwer­de­füh­rer sein Haupt­rechts­mit­tel zurück­nimmt. Denn in die­sem Fal­le wür­de die Anschlie­ßung nach § 66 Satz 2 FamFG ihre Wir­kung ver­lie­ren und eine Wei­ter­ver­fol­gung der Anschluss­be­schwer­de unzu­läs­sig wer­den 10.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Febru­ar 2014 – XII ZB 706/​12

  1. BGHZ 71, 314, 317 f. = NJW 1978, 1977 f.; BGH, Beschlüs­se in BGHZ 86, 51, 52 f. = Fam­RZ 1983, 154 f.; und in BGHZ 92, 207, 210 f. = Fam­RZ 1985, 59, 60[]
  2. vgl. Keidel/​Sternal FamFG 18. Aufl. § 66 Rn. 8 b mit Nach­wei­sen zum Streit­stand[]
  3. vgl. nur Münch­Komm-FamFG/Ans­gar Fischer 2. Aufl. § 66 Rn. 25 f.[]
  4. OLG Bre­men Fam­RZ 2011, 1296, 1297; KG NJW-RR 2011, 1372 f.; OLG Mün­chen Fam­RZ 2012, 1503; Keidel/​Sternal FamFG 18. Aufl. § 66 Rn. 8 b; Prütting/​Helms/​Abramenko FamFG 3. Aufl. § 66 Rn. 3; Münch­Komm-FamFG/Ans­gar Fischer 2. Aufl. § 66 Rn. 25; Johannsen/​Henrich/​Althammer Fami­li­en­recht 5. Aufl. § 66 FamFG Rn. 3[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 15.01.2014 – XII ZB 413/​12[]
  6. BGH, Beschluss BGHZ 92, 207, 212 f. = Fam­RZ 1985, 59, 60[]
  7. vgl. BT-Drs. 16/​6308, S.206[]
  8. vgl. OLG Hamm MDR 2011, 983; Münch­Komm-BGB/Gräper 6. Aufl. § 34 VersAus­glG Rn. 3; FAKomm-Fam­R/Wick 5. Aufl. § 34 VersAus­glG Rn. 7; Ruland Ver­sor­gungs­aus­gleich 3. Aufl. Rn. 957[]
  9. OLG Cel­le Fam­RZ 2013, 1313, 1314[]
  10. vgl. BGH, Urteil in BGHZ 100, 383, 390 = Fam­RZ 1987, 800, 801[]