Das Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht des geschie­de­nen Ehe­gat­ten

Die Aus­nah­me des § 385 Abs. 1 Nr. 3 ZPO vom Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht des geschie­de­nen Ehe­gat­ten nach § 383 Abs. 1 Nr. 2 ZPO setzt nicht vor­aus, dass alle Pro­zess­par­tei­en Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge sind. Die Vor­schrift ist auch im Anwalts­haf­tungs­pro­zess nach einer güter­recht­li­chen Strei­tig­keit unter geschie­de­nen Ehe­gat­ten anwend­bar. Bei Klä­rung der Fra­ge in § 385 Abs. 1 Nr. 3 ZPO, ob eine Ver­mö­gens­an­ge­le­gen­heit fami­li­en­be­dingt ist, darf nicht nur iso­liert ein iso­lier­ter Ver­mö­gens­wert zugrun­de­ge­legt wer­den. Maß­geb­lich sind auch die aus die­sem Ver­mö­gens­wert resul­tie­ren­den güter­recht­li­chen Aus­gleichs­an­sprü­che.

Das Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht des geschie­de­nen Ehe­gat­ten

Die Gegen­an­sicht stützt das Argu­ment, dass die Anwen­dung des § 385 Abs. 1 Nr. 3 ZPO, von der hier nicht gege­be­nen Aus­nah­me der Abtre­tung des Anspruchs abge­se­hen, vor­aus­setzt, dass alle Par­tei­en des Rechts­streits Fami­li­en­mit­glie­der sind, im wesent­li­chen auf die Kom­men­tie­rung von Ahrens1. Die­se Ansicht wird damit begrün­det, dass § 385 Abs. 1 Nr. 3 ZPO grund­sätz­lich für Rechts­strei­tig­kei­ten inner­halb der Fami­lie gedacht sei, denn nur dann kön­ne die Zeug­nis­ver­wei­ge­rung aus Rück­sicht auf die fami­liä­re Bin­dung zu einer Par­tei den Inter­es­sen ande­rer Fami­li­en­mit­glie­der zuwi­der­lau­fen; die beweis­füh­ren­de Par­tei wer­de bei sol­chen Strei­tig­kei­ten viel­fach auf Zeu­gen aus der Fami­lie ange­wie­sen sein und ande­re Beweis­mit­tel wür­den häu­fig feh­len, weil Ver­mö­gens­an­ge­le­gen­hei­ten der Fami­lie erfah­rungs­ge­mäß nicht nach außen getra­gen wür­den. Die hier­aus resul­tie­ren­den Beweis­schwie­rig­kei­ten lie­ßen befürch­ten, dass die Zeug­nis­ver­wei­ge­rung aus fami­liä­ren Grün­den bei fami­li­en­in­ter­nen Strei­tig­kei­ten dem Fami­li­en­frie­den nicht dien­lich sei. Kön­ne die Zeug­nis­ver­wei­ge­rung aber nicht zur Wah­rung des Fami­li­en­frie­dens bei­tra­gen, ver­lie­re das Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht aus fami­liä­ren Grün­den sei­ne Recht­fer­ti­gung. Auch Scheuch2 führt ohne nähe­re Begrün­dung aus, dass § 385 Abs. 1 Nr. 3 ZPO auf Rechts­strei­tig­kei­ten, die inner­halb der Fami­lie geführt wer­den, zu beschrän­ken sei. Das OLG Karls­ru­he3 ent­schied im Fall eines auf das kla­gen­de Bun­des­land über­ge­gan­ge­nen Anspruchs gemäß § 37 BaFöG, dass § 385 Abs. 1 Nr. 3 ZPO auch in die­sem Fall anwend­bar ist, da für die Anwen­dung der §§ 383, 385 ZPO nicht Vor­aus­set­zung sei, dass sämt­li­che Par­tei­en des Rechts­streits nahe Ange­hö­ri­ge sei­en. Die­se Ent­schei­dung ent­hält kei­ne Ein­schrän­kung dahin­ge­hend, dass dies nur im kon­kre­ten Fall des Anspruchs­über­gan­ges gel­ten soll.

Das Reichs­ge­richt hat zu die­ser Fra­ge in einer Ent­schei­dung4 aus­ge­führt, die Aus­nah­me vom Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht beru­he auf dem durch den mut­maß­li­chen Man­gel ande­rer Beweis­mit­tel her­vor­ge­ru­fe­nen Bedürf­nis. Die Anwend­bar­keit die­ser Bestim­mung kön­ne also nicht dar­an geknüpft sein, dass die Art der in Fra­ge kom­men­den Ver­mö­gens­an­ge­le­gen­hei­ten nur auf dem Boden eines Fami­li­en­ver­hält­nis­ses ent­ste­hen kön­ne, sie kön­ne nicht dadurch aus­ge­schlos­sen wer­den, dass eine gleich­ge­la­ger­te Ver­mö­gens­an­ge­le­gen­heit zwi­schen Per­so­nen in Fra­ge kom­men kön­ne, die in kei­nem Fami­li­en­ver­band ste­hen. Ent­schei­dend sei ledig­lich, dass die kon­kre­te Ver­mö­gens­an­ge­le­gen­heit ihre Grund­la­ge im Fami­li­en­ver­band habe. Das OLG Nürn­berg führt in einer Ent­schei­dung5 aus, dass es in § 385 Abs. 1 Nr. 3 ZPO kei­ne so ein­schrän­ken­de Auf­fas­sung erken­nen kön­ne, wie von Ahrens (Ahrens, aaO.)) geäu­ßert.

Auch das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart ver­mag der letzt­ge­nann­ten ein­schrän­ken­den Aus­le­gung von Ahrens nicht zu fol­gen. Ins­be­son­de­re wird die dort genann­te Ansicht, nur bei Rechts­strei­tig­kei­ten inner­halb der Fami­lie kön­ne die Zeug­nis­ver­wei­ge­rung aus Rück­sicht auf die fami­liä­re Bin­dung zu einer Par­tei den Inter­es­sen ande­rer Fami­li­en­mit­glie­der zuwi­der­lau­fen, nicht geteilt. Gera­de der vor­lie­gen­de Fall zeigt, dass auch in einer aus einer Fami­li­en­an­ge­le­gen­heit resul­tie­ren­den Anwalts­haf­tungs­sa­che die Zeug­nis­ver­wei­ge­rung des geschie­de­nen Ehe­gat­ten den Inter­es­sen der Klä­ge­rin erheb­lich zuwi­der­lau­fen kann. Genau die glei­chen von Ahrens beschrie­be­nen Beweis­schwie­rig­kei­ten tre­ten nicht nur in einem Ver­fah­ren zwi­schen Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen, son­dern unter Umstän­den auch bei Strei­tig­kei­ten zwi­schen Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen und drit­ten Per­so­nen auf.

Ein wei­te­res Argu­ment spricht gegen die ein­schrän­ken­de Aus­le­gung des § 385 Abs. 1 Nr. 3 ZPO. Der Gesetz­ge­ber hat, wie die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung zutref­fend aus­führt, die Aus­nah­me­vor­schrift damit begrün­det, dass das Inter­es­se des grund­sätz­lich zur Aus­sa­ge­ver­wei­ge­rung berech­tig­ten Fami­li­en­mit­glieds zur Ver­mei­dung der Stö­rung des Fami­li­en­frie­dens zurück­zu­tre­ten habe. Zutref­fend dürf­te auch der wei­te­re Gesichts­punkt sein, dass die­ser Geset­zes­zweck jeden­falls dann nicht ein­schlä­gig ist, wenn dem Fami­li­en­frie­den ange­sichts der rechts­kräf­ti­gen Schei­dung der Ehe und der erfolg­ten güter­recht­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung kei­ne ent­schei­den­de Bedeu­tung mehr zukom­me. Dann muss aber auch berück­sich­tigt wer­den, dass schon das Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht gemäß § 383 Abs. 1 Nr. 2 ZPO zur Ver­mei­dung einer Kon­flikt­si­tua­ti­on inner­halb der Fami­lie geschaf­fen wur­de6. Wenn daher dem Fami­li­en­frie­den ange­sichts der rechts­kräf­ti­gen Schei­dung der Ehe und der erfolg­ten güter­recht­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung kei­ne ent­schei­den­de Bedeu­tung mehr zukommt, kommt auch schon dem Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht nach § 383 ZPO eben­so wenig eine ent­schei­den­de Bedeu­tung mehr zu, so dass, wenn schon das Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht bei geschie­de­nen Ehe­gat­ten über­haupt wei­ter­gel­ten soll, die Aus­nah­me­vor­schrift des § 385 Abs. 1 Nr. 3 ZPO ent­spre­chend weit aus­zu­le­gen ist.

Ent­spre­chend führt auch das Ober­lan­des­ge­richt Nürn­berg in der zitier­ten Ent­schei­dung aus, wenn schon inner­halb eines bestehen­den Fami­li­en­ver­ban­des ein Zurück­tre­ten per­sön­li­cher Kon­flikt­si­tua­tio­nen vom Gesetz­ge­ber gewollt sei, so müs­se dies erst recht gel­ten, wenn durch die Schei­dung der Ehe die per­sön­li­chen Berüh­rungs­punk­te wesent­lich ver­min­dert und in aller Regel für die Zukunft sogar aus­ge­schlos­sen sei­en, so dass die Kon­flikt­ge­fahr erheb­lich her­ab­ge­setzt sei.

Auch dem zwei­ten Argu­ment, dass es sich nicht um eine durch das Fami­li­en­ver­hält­nis beding­te Ver­mö­gens­an­ge­le­gen­heit hand­le, weil – im hier ent­schie­de­nen Fall – die Arzt­pra­xis des Zeu­gen auch ohne die Ehe exis­tie­ren wür­de, ver­mag sich das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart nicht anzu­schlie­ßen. Die Ange­le­gen­heit müs­se durch die Zuge­hö­rig­keit zur Fami­lie bedingt sein und ent­fal­len, wenn die Betrof­fe­nen im kon­kre­ten Fall nicht Fami­li­en­mit­glie­der wären. Dass der Rechts­streit irgend­wie auf der Ver­mö­gens­an­ge­le­gen­heit beru­he, sei nicht erfor­der­lich, es genü­ge, dass die fami­li­en­be­ding­te Ver­mö­gens­an­ge­le­gen­heit in einem tat­säch­li­chen Zusam­men­hang mit dem Rechts­streit ste­he7. Ähn­lich weit ist die bereits zitier­te Defi­ni­ti­on des Reichs­ge­richts, wonach ent­schei­dend ledig­lich ist, dass die kon­kre­te Ver­mö­gens­an­ge­le­gen­heit ihre Grund­la­ge im Fami­li­en­ver­band hat8. Nach die­sen Defi­ni­tio­nen han­delt es sich bei der Ange­le­gen­heit, zu der der Zeu­ge Unter­la­gen vor­le­gen soll, um eine durch das Fami­li­en­ver­hält­nis beding­te Ver­mö­gens­an­ge­le­gen­heit. Dabei darf nicht iso­liert nur auf die Pra­xis des Zeu­gen als Ver­mö­gens­wert zum Stich­tag des End­ver­mö­gens gese­hen wer­den, son­dern ins­be­son­de­re auf den hier­aus resul­tie­ren­den Zuge­winn­aus­gleichs­an­spruch der Ehe­frau, der wie­der­um letzt­lich Gegen­stand des Haf­tungs­pro­zes­ses ist.

Obel­ran­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 19. Novem­ber 2012 – 11 W 4/​12

  1. Wieczorek/​Schütze/​Ahrens, ZPO, § 385 Rn. 16 []
  2. Beck­OK-ZPO/­Scheuch, § 385 Rn. 5 []
  3. OLG Karsl­ru­he, Fam­RZ 1989,764 []
  4. RGZ 40, 345, 347 []
  5. OLG Nürn­berg Fam­RZ 1992, 1315 f. []
  6. Zöller/​Greger, ZPO, 29. Auf­la­ge, § 383 Rdnr. 1a []
  7. Damrau, Münch­ner Kom­men­tar, ZPO, 3. Auf­la­ge § 385 Rn. 4. []
  8. RG aaO. []