Der 18. Geburts­tag und die gesetz­li­che Ver­fah­rens­stand­schaft eines Eltern­teils

Endet die gesetz­li­che Ver­fah­rens­stand­schaft eines Eltern­teils nach § 1629 Abs. 3 BGB mit Ein­tritt der Voll­jäh­rig­keit des Kin­des, so kann das Kind als Antrag­stel­ler in das Ver­fah­ren nur im Wege des gewill­kür­ten Betei­lig­ten­wech­sels ein­tre­ten [1]. Die­ser ist nicht von der Zustim­mung des Antrags­geg­ners abhän­gig.

Der 18. Geburts­tag und die gesetz­li­che Ver­fah­rens­stand­schaft eines Eltern­teils

Die auf Sei­ten eines Eltern­teils (hier: der Mut­ter) bestehen­de Ver­fah­rens­stand­schaft nach § 1629 Abs. 3 Satz 1 BGB bestand zwar über die Schei­dung hin­aus zunächst noch fort [2]. Sie ist aber mit Ein­tritt der Voll­jäh­rig­keit der Antrag­stel­le­rin ent­fal­len, was auch wegen des Unter­halts für die Ver­gan­gen­heit gilt [3].

Wie dem Weg­fall der Ver­fah­rens­stand­schaft bei Ein­tritt der Voll­jäh­rig­keit des Kin­des im Ver­fah­ren Rech­nung zu tra­gen ist, ist umstrit­ten. Nach der frü­he­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs trat in Anleh­nung an den Ein­tritt des Gemein­schuld­ners anstel­le des Kon­kurs­ver­wal­ters nach Been­di­gung des Kon­kurs­ver­fah­rens ein Par­tei­wech­sel kraft Geset­zes ein, durch den das unter­halts­be­rech­tig­te Kind ohne wei­te­re pro­zes­sua­le Erklä­run­gen an die Stel­le des Eltern­teils tre­ten soll­te [4]. Dage­gen ist der Bun­des­ge­richts­hof in einer neue­ren Ent­schei­dung bei Ein­le­gung der Revi­si­on durch das voll­jäh­rig gewor­de­ne Kind davon aus­ge­gan­gen, dass das Kind ein Recht hat, in den Pro­zess ein­zu­tre­ten, wel­ches durch Erklä­rung gel­tend zu machen ist [2]. Auch im Schrift­tum ist in Zwei­fel gezo­gen wor­den, dass sich der Par­tei­wech­sel schon kraft Geset­zes voll­zieht [5].

Der Bun­des­ge­richts­hof hält an sei­ner ein­gangs genann­ten frü­he­ren Recht­spre­chung nicht fest. Aus Sinn und Zweck der gesetz­li­chen Pro­zess- bzw. Ver- fah­rens­stand­schaft nach § 1629 Abs. 3 BGB folgt viel­mehr, dass es der frei­en Ent­schei­dung des voll­jäh­rig gewor­de­nen Kin­des über­las­sen blei­ben muss, ob es sich am Ver­fah­ren betei­ligt und die­ses fort­setzt. Dass das Kind einer­seits die Mög­lich­keit hat, dem Ver­fah­ren bei­zu­tre­ten, es ande­rer­seits hier­zu aber auch nicht gezwun­gen wer­den darf, lässt sich nur durch einen gewill­kür­ten Klä­ger- bzw. Antrag­stel­ler­wech­sel sicher­stel­len. Ent­spre­chend war in den genann­ten, vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fäl­len [6] das Ver­fah­ren jeweils vom voll­jäh­rig gewor­de­nen Kind fort­ge­setzt wor­den.

Die als zwin­gend aus­ge­stal­te­te Rege­lung in § 1629 Abs. 3 Satz 1 BGB lässt die Gel­tend­ma­chung des Unter­halts nur im eige­nen Namen des sor­ge­be­rech­tig­ten Eltern­teils zu und ver­folgt den Zweck, das Kind aus dem Streit der Eltern her­aus­zu­hal­ten [7]. Dem wider­sprä­che es, wenn das Kind mit Ein­tritt sei­ner Voll­jäh­rig­keit ohne Rück­sicht auf sei­nen Wil­len zur Par­tei bzw. zum Betei­lig­ten des Ver­fah­rens wür­de. Soll­te das Kind sich etwa ent­schlie­ßen, das Ver­fah­ren nicht wei­ter­zu­füh­ren, müss­te es den Unter­halts­an­trag mit der Kos­ten­fol­ge nach §§ 113 Abs. 1 Satz 2 FamFG, 269 Abs. 3 ZPO zurück­neh­men. Eine ein­sei­ti­ge Erle­di­gungs­er­klä­rung wäre man­gels eines erle­di­gen­den Ereig­nis­ses unbe­grün­det. Aber auch eine über­ein­stim­men­de Erle­di­gungs­er­klä­rung wäre für das Kind mit einem Kos­ten­ri­si­ko ver­bun­den. Dage­gen kann der ehe­ma­li­ge Ver­fah­rens­stand­schaf­ter den Antrag abge­se­hen von einer etwai­gen Antrags­um­stel­lung auf einen (in sei­ner Per­son ent­stan­de­nen) fami­li­en­recht­li­chen Aus­gleichs­an­spruch not­falls ein­sei­tig für erle­digt erklä­ren, weil mit der Ver­fah­rens­füh­rungs­be­fug­nis eine Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zung nach­träg­lich ent­fal­len ist [8].

Durch einen hier allein mög­li­chen gewill­kür­ten Betei­lig­ten­wech­sel wird dem­nach nicht nur der Ver­fah­rens­herr­schaft des (ursprüng­li­chen) Antrag­stel­lers Rech­nung getra­gen, son­dern vor allem auch dem Umstand, dass das Kind nicht ohne sei­nen Wil­len Betei­lig­ter des Ver­fah­rens wer­den darf und aus dem Streit der Eltern her­aus­ge­hal­ten wer­den soll.

Vor­lie­gend hat die voll­jäh­rig gewor­de­ne Toch­tet mit Zustim­mung ihrer Mut­ter den Ein­tritt in das Ver­fah­ren erklärt. Da der Betei­lig­ten­wech­sel allein im Weg­fall der Ver­fah­rens­füh­rungs­be­fug­nis begrün­det liegt und nicht mit einer Ände­rung des Streit­stoffs ver­bun­den ist, bedurf­te es kei­ner Zustim­mung des Antrags­geg­ners [9]. Im Gegen­satz zum Par­tei­wech­sel bei Ein­zel­rechts­nach­fol­ge [10] ist der Betei­lig­ten­wech­sel nicht wie gemäß §§ 113 Abs. 1 Satz 2 FamFG, 265 Abs. 2 Satz 2 ZPO kraft aus­drück­li­cher gesetz­li­cher Anord­nung an die Zustim­mung des Ver­fah­rens­geg­ners gebun­den [11]. Der Betei­lig­ten­wech­sel ist dem­entspre­chend auch noch in der Rechts­be­schwer­de­instanz zuläs­sig [12].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Juni 2013 – XII ZB 39/​11

  1. teil­wei­se Auf­ga­be von BGH, Urtei­le vom 23.02.1983 – IVb ZR 359/​81, FamRZ 1983, 474; und vom 30.01.1985 – IVb ZR 70/​83, FamRZ 1985, 471[]
  2. BGH, Urteil BGHZ 109, 211 = FamRZ 1990, 283, 284[][]
  3. BGH, Urteil vom 23.02.1983 – IVb ZR 359/​81, FamRZ 1983, 474, 475[]
  4. BGH, Urtei­le vom 23.02.1983 – IVb ZR 359/​81, FamRZ 1983, 474, 475; und vom 30.01.1985 – IVb ZR 70/​83, FamRZ 1985, 471, 473[]
  5. Johannsen/​Henrich/​Jaeger Fami­li­en­recht 5. Aufl. § 1629 Rn. 12; Bamberger/​Roth/​Veit BGB 3. Aufl. § 1629 Rn. 51.1 mwN; Schwab/​Streicher Hand­buch des Schei­dungs­rechts 6. Aufl. I Rn. 568; Eschenbruch/​Klinkhammer Unter­halts­pro­zess 5. Aufl. Kap. 5 Rn. 64 f.[]
  6. BGH, Urtei­le vom 23.02.1983 IVb ZR 359/​81, FamRZ 1983, 474, 475 und vom 30.01.1985 IVb ZR 70/​83, FamRZ 1985, 471, 473[]
  7. BT-Drucks. 10/​4514 S. 23; Staudinger/​PeschelGutzeit BGB [2007] § 1629 Rn. 44 mwN[]
  8. vgl. Johannsen/​Henrich/​Jaeger Fami­li­en­recht 5. Aufl. § 1629 Rn. 12; Bamberger/​Roth/​Veit BGB 3. Aufl. § 1629 Rn. 51.1 sowie BGH, Urteil vom 26.04.1989 IVb ZR 42/​88, FamRZ 1989, 850[]
  9. vgl. BGH, Urteil BGHZ 109, 211 = FamRZ 1990, 283, 284; BGH, Beschluss vom 27.06.2012 – XII ZR 89/​10, FamRZ 2012, 1489 Rn. 11; vgl. auch BGHZ 123, 132 = NJW 1993, 3072[]
  10. vgl. BGH, Urteil vom 29.08.2012 – XII ZR 154/​09, FamRZ 2012, 1793 Rn. 15[]
  11. vgl. BGHZ 123, 132 = NJW 1993, 3072[]
  12. vgl. BGH, Urteil BGHZ 109, 211 = FamRZ 1990, 283, 284; BGH, Beschluss vom 27.06.2012 – XII ZR 89/​10, FamRZ 2012, 1489 Rn. 11; Thomas/​Putzo/​Hüßtege ZPO 34. Aufl. § 50 Vor­bem. Rn. 24[]