Der ange­mes­se­ne Wohn­wert für Eigen­heim

Mit der Fra­ge der Bemes­sung des soge­nann­ten ange­mes­se­nen Wohn­werts, wenn der Unter­halts­pflich­ti­ge das Eigen­heim zusam­men mit einem unter­halts­be­rech­tig­ten Kind bewohnt, hat sich aktu­ell der Bun­des­ge­richts­hof beschäf­tigt:

Der ange­mes­se­ne Wohn­wert für Eigen­heim

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist von der Berück­sich­ti­gung des vol­len Wohn­werts dann abzu­se­hen, wenn die Woh­nung gemes­sen an den Ein­kom­mens­ver­hält­nis­sen der Ehe­leu­te zu groß ist und eine Pflicht zur Ver­wer­tung des Wohn­ei­gen­tums (noch) nicht besteht 1. Dann ist der Vor­teil miet­frei­en Woh­nens nach der Tren­nung der Par­tei­en nur in dem Umfang zu berück­sich­ti­gen, wie er sich als ange­mes­se­ne Woh­nungs­nut­zung durch den in der Ehe­woh­nung ver­blie­be­nen Ehe­gat­ten dar­stellt. Dabei ist auf den Miet­zins abzu­stel­len, den er auf dem ört­li­chen Woh­nungs­markt für eine dem ehe­li­chen Lebens­stan­dard ent­spre­chen­de klei­ne­re Woh­nung zah­len müss­te 2. Ist eine Wie­der­her­stel­lung der ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft aller­dings nicht mehr zu erwar­ten, etwa wenn ein Schei­dungs­an­trag rechts­hän­gig ist oder die Ehe­gat­ten die ver­mö­gens­recht­li­chen Fol­gen ihrer Ehe abschlie­ßend gere­gelt haben, sind sol­che Aus­nah­men von der Berück­sich­ti­gung des vol­len Miet­werts nicht mehr gerecht­fer­tigt 3.

Im vor­lie­gend ent­schie­de­nen Fall hat­te das Beru­fungs­ge­richt für das ers­te Tren­nungs­jahr den soge­nann­ten ange­mes­se­nen Wohn­wert zugrun­de gelegt und die­sen mit 330 € bemes­sen. Für die Zeit danach hat es einen "objek­ti­ven" Wohn­wert in Ansatz gebracht und die­sen auf eben­falls 330 € geschätzt.

Das begeg­net für den Bun­des­ge­richts­hof Beden­ken: Hin­sicht­lich des ange­mes­se­nen Wohn­werts hat das Beru­fungs­ge­richt zur Begrün­dung auf den in sei­nen Unter­halts­grund­sät­zen 4 aus­ge­wie­se­nen Betrag von (sei­ner­zeit) 330 € hin­ge­wie­sen. Abge­se­hen davon, dass es sich hier­bei um einen Min­dest­be­trag han­delt, hat das Beru­fungs­ge­richt nicht berück­sich­tigt, dass sich die­ser Betrag allein auf den Unter­halts­pflich­ti­gen bezieht. Im vor­lie­gen­den Fall kommt das miet­freie Woh­nen aber auch dem gemein­sa­men Sohn zugu­te. Der Beklag­te leis­tet inso­weit Natu­ral­un­ter­halt, der ihn von der Unter­halts­pflicht gegen­über dem Sohn teil­wei­se befreit 5. Die­ser Umstand ist im Rah­men der Fest­le­gung des ange­mes­se­nen Wohn­werts zu berück­sich­ti­gen, zumal das Beru­fungs­ge­richt den nicht um den Wohn­be­darf gekürz­ten Unter­halts­an­spruch des Soh­nes vom Ein­kom­men des Beklag­ten abge­zo­gen hat.

Hin­sicht­lich des für die Zeit nach Juli 2009 auf den­sel­ben Betrag geschätz­ten vol­len Wohn­werts hat das Beru­fungs­ge­richt nicht begrün­det, war­um es einen geän­der­ten Bewer­tungs­maß­stab bereits nach Been­di­gung des ers­ten Tren­nungs­jah­res ange­wen­det hat, statt wie nach der oben ange­führ­ten Bun­des­ge­richts­hofs­recht­spre­chung, erst wenn ein Schei­dungs­an­trag rechts­hän­gig ist oder die Ehe­gat­ten die ver­mö­gens­recht­li­chen Fol­gen ihrer Ehe abschlie­ßend gere­gelt haben. Im Übri­gen rügt die Revi­si­on zu Recht, dass eine trag­fä­hi­ge Grund­la­ge für eine Schät­zung nach § 287 ZPO im Beru­fungs­ur­teil nicht auf­ge­führt ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 31. Okto­ber 2012 – XII ZR 30/​10

  1. BGH, Urtei­le vom 05.03.2008 – XII ZR 22/​06, Fam­RZ 2008, 963, 965; vom 18.01.2012 – XII ZR 177/​09, Fam­RZ 2012, 514 und BGHZ 154, 247, 254 = Fam­RZ 2003, 1179, 1182 m.w.N.[]
  2. BGH, Urteil vom 28.03.2007 – XII ZR 21/​05, Fam­RZ 2007, 879, 880 f.; vgl. Wendl/​Gerhardt Das Unter­halts­recht in der fami­li­en­rich­ter­li­chen Pra­xis 8. Aufl. § 1 Rn. 479[]
  3. BGH, Urteil vom 05.03.2008 – XII ZR 22/​06, Fam­RZ 2008, 963 Rn. 15[]
  4. vgl. Fam­RZ 2008, 224, 229 Nr. 21.4[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 17.12.2008 – XII ZR 63/​07, Fam­RZ 2009, 404 Rn. 16[]