Der aus­wär­ti­ge Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te

Der stän­di­ge Auf­ent­halt eines Betei­lig­ten am Ort des Ver­fah­rens­ge­richts, wo die­ser einen Zweit­wohn­sitz unter­hält und wo er sich zum Zwe­cke sei­ner Berufs­aus­übung werk­täg­lich auf­hält, begrün­det die Oblie­gen­heit, einen Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten am Ort des Gerichts zu beauf­tra­gen.

Der aus­wär­ti­ge Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te

Nach § 113 Abs. 1 FamFG in Ver­bin­dung mit § 91 Abs. 2 ZPO sind die gesetz­li­chen Gebüh­ren und Aus­la­gen des Rechts­an­walts der obsie­gen­den Par­tei zu erstat­ten. Rei­se­kos­ten eines Rechts­an­walts, der nicht in dem Bezirk des Ver­fah­rens­ge­richts nie­der­ge­las­sen ist und auch am Ort des Ver­fah­rens­ge­richts nicht wohnt, sind nur inso­weit zu erstat­ten, als die Zuzie­hung zur zweck­ent­spre­chen­den Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung not­wen­dig ist.

Inso­weit folgt aus dem Ver­fah­rens­rechts­ver­hält­nis ein Kos­ten­scho­nungs­ge­bot 1. Jeder Betei­lig­te ist ver­pflich­tet, die Kos­ten der Ver­fah­rens­füh­rung, die im Fal­le des Sie­ges vom Geg­ner erstat­tet wer­den sol­len, so nied­rig zu hal­ten, wie sich dies mit der Wah­rung sei­ner berech­tig­ten Belan­ge ver­ein­ba­ren lässt 2. Maß­geb­lich ist, ob eine ver­stän­di­ge und wirt­schaft­lich ver­nünf­ti­ge Par­tei die Kos­ten aus­lö­sen­de Maß­nah­me im Zeit­punkt ihrer Ver­an­las­sung als sach­dien­lich anse­hen durf­te 3. In die­sem Zusam­men­hang ist ein objek­ti­ver Maß­stab anzu­le­gen, d.h. es darf weder auf indi­vi­du­el­le Wis­sens­lü­cken und Fähig­kei­ten abge­stellt wer­den noch auf ein dies­be­züg­li­ches Ver­schul­den 4. Die­se Sicht­wei­se dient auch dem Zweck, das Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren nicht mit über­mä­ßi­gen Dif­fe­ren­zie­run­gen über die Erstat­tungs­fä­hig­keit zu belas­ten 3.

Die Zuzie­hung eines in der Nähe ihres Wohn- oder Geschäfts­or­tes ansäs­si­gen Rechts­an­walts durch eine an einem aus­wär­ti­gen Gericht kla­gen­de oder ver­klag­te Par­tei ist in der Regel als eine Maß­nah­me zweck­ent­spre­chen­der Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung anzu­se­hen, weil ein per­sön­li­ches Infor­ma­ti­ons- und Bera­tungs­ge­spräch zwi­schen Par­tei und Anwalt min­des­tens zu Beginn eines Man­dats in der ganz über­wie­gen­den Mehr­zahl der Fäl­le erfor­der­lich und sinn­voll ist 5. Dies gilt selbst dann, wenn sie sich gele­gent­lich am Ort des Pro­zess­ge­richts auf­hält 6 oder wenn sie dort eine Zweig­nie­der­las­sung unter­hält 7.

Im vor­lie­gend vom Ober­lan­des­ge­richt Cel­le ent­schie­de­nen Fall unter­hält der Antrags­geg­ner sei­nen Haupt­wohn­sitz zwar in E.. Der Haupt­wohn­sitz stellt auch grund­sätz­lich ein für das Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren taug­li­ches objek­ti­ves Kri­te­ri­um einer Pri­vat­par­tei dar. Ent­schei­dend ist hier aber, dass der Antrags­geg­ner auch im Bezirk des Ver­fah­rens­ge­richts einen Wohn­sitz unter­hält und dass er sich nicht nur gele­gent­lich son­dern werk­tags stän­dig am Ort des Ver­fah­rens­ge­richts auf­hält. Es wäre ihm ohne zusätz­li­che Anstren­gun­gen mög­lich gewe­sen, einen Rechts­an­walt im Bezirk des Ver­fah­rens­ge­richts zu beauf­tra­gen. Aus den kon­kre­ten Lebens­um­stän­den ergab sich somit die Oblie­gen­heit, einen Rechts­an­walt am Ort des stän­di­gen Auf­ent­halts­or­tes zu beauf­tra­gen.

Dass der Antrags­geg­ner sei­nen Rechts­an­walt bereits vor­ge­richt­lich mit der Wahr­neh­mung sei­ner Inter­es­sen beauf­tragt hat­te, recht­fer­tigt kei­ne abwei­chen­de Beur­tei­lung. Zwar ist es im All­ge­mei­nen güns­ti­ger, den vor­ge­richt­lich ein­ge­schal­te­ten Rechts­an­walt auch mit der Ver­fah­rens­ver­tre­tung zu beauf­tra­gen, denn die Geschäfts­ge­bühr für das Betrei­ben des Geschäfts (Nr. 2300 VV-RVG) wird nach der Vor­be­mer­kung 3 Abs. 4 zu Nr. 3100 VV-RVG zur Hälf­te, jedoch höchs­tens mit einem Gebüh­ren­satz von 0,75, auf die 1,3 Ver­fah­rens­ge­bühr nach Nr. 3100 VV-RVG ange­rech­net. Für die Fra­ge der Not­wen­dig­keit, einen aus­wär­ti­gen Rechts­an­walt ein­zu­schal­ten, ist jedoch nicht auf den Zeit­punkt abzu­stel­len, in dem sich die Fra­ge stellt, wel­cher Rechts­an­walt mit der Pro­zess­ver­tre­tung man­da­tiert wer­den soll, son­dern auf den der Beauf­tra­gung des Rechts­an­walts mit der außer­ge­richt­li­chen Wahr­neh­mung der Inter­es­sen der Par­tei 8. Im Streit­fall war schon zum Zeit­punkt der Beauf­tra­gung des Rechts­an­walts abseh­bar, dass es zu einem gericht­li­chen Ver­fah­ren in L. kom­men wür­de. Der Antrags­geg­ner hät­te daher bei ver­nünf­ti­ger und kos­ten­be­wuss­ter Wahr­neh­mung sei­ner Belan­ge, sei­ne werk­täg­li­che Anwe­sen­heit in L. und W. genutzt, um dort einen Rechts­an­walt mit der Wahr­neh­mung sei­ner Inter­es­sen zu beauf­tra­gen.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Beschluss vom 3. Juni 2013 – 17 WF 107/​13

  1. BeckOK/​Jaspersen/​Wache ZPO § 91 Rdn. 119[]
  2. BGH, Beschluss vom 02.05.2007 – XII ZB 156/​06, NJW 2007, 2257; BGH, Beschluss vom 03.07.2007 – VI ZB 21/​06, NJW 2007, 3723[]
  3. BGH, Beschluss vom 09.09.2004 – I ZB 5/​04, NJW-RR 2004, 1724[][]
  4. BGH, Beschluss vom 23.11.2006 – I ZB 39/​06, NJW-RR 2007, 1575 f.[]
  5. BGH Beschluss vom 23.03.2004 – VIII ZB 145/​03, Fam­RZ 2004, 866 m.w.N.; BGH Beschluss vom 21.01.2004 – IV ZB 32/​03, BGH-Report 2004, 706 f.; BGH, Beschluss vom 16.10.2002 – VIII ZB 30/​02, Fam­RZ 2003, 441[]
  6. BGH, Beschluss vom 18.02.2004 – XII ZB 182/​03, NJW-RR 2004, 1216[]
  7. BGH, Beschluss vom 03.03.2005 – I ZB 24/​04, NJW-RR 2005, 922[]
  8. BGH, Beschluss vom 22.02.2007 – VII ZB 93/​06, NJW-RR 2007, 1071[]