Der Berufs­be­treu­er von der Par­tei­hoch­schu­le "Karl Marx"

Mit der Höhe der Betreu­er­ver­gü­tung eines Berufs­be­treu­ers hat sich der Bun­des­ge­richts­hof bereits des öfte­ren zu befas­sen. Dies­mal betraf es die Qua­li­fi­ka­ti­on eines Berufs­be­treu­ers mit einem Abschluss als Diplom­ge­sell­schafts­wis­sen­schaft­ler an der Par­tei­hoch­schu­le "Karl Marx" beim Zen­tral­ko­mi­tee der SED:

Der Berufs­be­treu­er von der Par­tei­hoch­schu­le "Karl Marx"

Nach § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 1 VBVG erhält der Betreu­er einen auf 33, 50 € erhöh­ten Stun­den­satz, wenn er über beson­de­re, für die Betreu­ung nutz­ba­re Kennt­nis­se ver­fügt, die er durch eine abge­schlos­se­ne Leh­re oder eine ver­gleich­ba­re abge­schlos­se­ne Aus­bil­dung erwor­ben hat.

Beson­de­re für die Betreu­ung nutz­ba­re Kennt­nis­se sind über das jeder­mann zu Gebo­te ste­hen­de Wis­sen hin­aus­ge­hen­de Kennt­nis­se, die den Betreu­er in die Lage ver­set­zen, sei­ne Auf­ga­ben zum Wohl des Betreu­ten bes­ser und effek­ti­ver zu erfül­len 1.

Sol­che Kennt­nis­se sind im Hin­blick dar­auf, dass es sich bei der Betreu­ung um eine recht­li­che Betreu­ung han­delt (§ 1901 Abs. 1 BGB), regel­mä­ßig Rechts­kennt­nis­se 2.

Einer abge­schlos­se­nen Leh­re ver­gleich­bar ist eine Aus­bil­dung, wenn sie staat­lich regle­men­tiert oder zumin­dest staat­lich aner­kannt ist, einen for­ma­len Abschluss auf­weist und der durch sie ver­mit­tel­te Stand an Wis­sen und Fähig­kei­ten nach Art und Umfang dem einer Leh­re ent­spricht. Als Kri­te­ri­en kön­nen ins­be­son­de­re der mit der Aus­bil­dung ver­bun­de­ne Zeit­auf­wand, der Umfang und Inhalt des Lehr­stof­fes und die Zulas­sungs­vor­aus­set­zun­gen her­an­ge­zo­gen wer­den 3. Für die Annah­me der Ver­gleich­bar­keit einer Aus­bil­dung mit einer Leh­re kann auch spre­chen, wenn die durch die Abschluss­prü­fung erwor­be­ne Qua­li­fi­ka­ti­on Zugang zu beruf­li­chen Tätig­kei­ten ermög­licht, deren Aus­übung übli­cher­wei­se den so aus­ge­bil­de­ten Kräf­ten vor­be­hal­ten ist. Bei der Prü­fung der Ver­gleich­bar­keit hat der Tatrich­ter stren­ge Maß­stä­be anzu­le­gen 4.

Aus­ge­hend von die­sen Maß­stä­ben wird die Annah­me des Beschwer­de­ge­richts, der von dem Betreu­er erwor­be­ne Abschluss an der Par­tei­hoch­schu­le "Karl Marx" habe nicht wenigs­tens einer für die Aus­übung der Betreu­ungs­tä­tig­keit nutz­ba­ren Unter­wei­sung auf dem Niveau einer Leh­re ent­spro­chen, von sei­nen Fest­stel­lun­gen nicht getra­gen.

Um dies beur­tei­len zu kön­nen, bedarf es der Fest­stel­lun­gen zu Art und Umfang der Aus­bil­dung an der Par­tei­hoch­schu­le "Karl Marx". Dar­über hin­aus ist zu klä­ren, ob durch die­se Aus­bil­dung für die Betreu­ung nutz­ba­re Fach­kennt­nis­se ver­mit­telt wor­den sind. Sol­che Fest­stel­lun­gen und Klä­run­gen sind in dem ange­foch­te­nen Beschluss nicht ent­hal­ten. Der ange­foch­te­ne Beschluss nimmt ledig­lich Bezug auf einen in ande­rer Sache ergan­ge­nen Land­ge­richts­be­schluss vom 28.09.2005, des­sen Inhalt jedoch dem Bun­des­ge­richts­hof nicht zugäng­lich ist. Der Bun­des­ge­richts­hof kann daher nicht über­prü­fen, ob das Land­ge­richt bei der Beur­tei­lung der Fra­ge, ob durch die dem Betreu­er erteil­te Aus­bil­dung für die Betreu­ung nutz­ba­re Fach­kennt­nis­se ver­mit­telt wor­den sind, von zutref­fen­den Grund­la­gen aus­ge­gan­gen ist. Ins­be­son­de­re kann der Bun­des­ge­richts­hof dem Angriff der Rechts­be­schwer­de nicht nach­ge­hen, das Land­ge­richt habe die in dem absol­vier­ten Stu­di­um ver­mit­tel­ten Lehr­in­hal­te anhand über­al­ter­ter Lehr­plä­ne für den Lehr­gang 1969 bis 1972 über­prüft, wel­che für die hier rele­van­te Stu­di­en­zeit von 1983 bis 1985 kei­ne Gül­tig­keit mehr gehabt hät­ten.

Die Sache ist daher zur Nach­ho­lung der not­wen­di­gen Fest­stel­lun­gen zu Art und Umfang der Aus­bil­dung an der Par­tei­hoch­schu­le "Karl Marx" in den Jah­ren 1983 bis 1985 und der Nutz­bar­keit der ver­mit­tel­ten Kennt­nis­se für die Betreu­ung an das Beschwer­de­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. Mai 2014 – XII ZB 98/​14

  1. BGH, Beschluss vom 18.01.2012 XII ZB 409/​10 Fam­RZ 2012, 629 Rn. 10; vgl. BT-Drs. 13/​7158 S. 14 f.[]
  2. BGH, Beschluss vom 22.08.2012 XII ZB 319/​11 NJW-RR 2012, 1475 Rn. 17[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 18.01.2012 XII ZB 409/​10 Fam­RZ 2012, 629 Rn. 11 [zur Ver­gleich­bar­keit mit einem Stu­di­um]; und vom 26.10.2011 XII ZB 312/​11 Fam­RZ 2012, 213 Rn. 13 [zur Ver­gleich­bar­keit mit einer abge­schlos­se­nen Leh­re][]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 04.04.2012 XII ZB 447/​11 NJW-RR 2012, 774 Rn. 16; und vom 10.04.2013 XII ZB 349/​12 Fam­RZ 2013, 1029 Rn. 15[]