Der Gut­ach­ter in der Unter­brin­gungs­sa­che

Der Gut­ach­ter in einer Unter­brin­gungs­sa­che muss schon vor der Unter­su­chung des Betrof­fe­nen zum Sach­ver­stän­di­gen bestellt wor­den sein 1.

Der Gut­ach­ter in der Unter­brin­gungs­sa­che

Gemäß § 329 Abs. 2 Satz 1 FamFG gel­ten für die Ver­län­ge­rung der Geneh­mi­gung oder Anord­nung einer Unter­brin­gungs­maß­nah­me die Vor­schrif­ten für die erst­ma­li­ge Anord­nung oder Geneh­mi­gung ent­spre­chend. Das bedeu­tet, dass sämt­li­che Ver­fah­rens­ga­ran­ti­en für die Erst­ent­schei­dung unein­ge­schränkt auch im Ver­län­ge­rungs­ver­fah­ren gel­ten, ins­be­son­de­re die zwin­gen­de Anhö­rung des Betrof­fe­nen gemäß § 319 FamFG sowie die Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens zum (Fort)Bestehen der Unter­brin­gungs­vor­aus­set­zun­gen gemäß § 321 FamFG 2.

§ 321 Abs. 1 FamFG ord­net im Hin­blick auf die mit der Unter­brin­gung ein­her­ge­hen­den erheb­li­chen Ein­grif­fe in die Frei­heits­rech­te des Betrof­fe­nen zwin­gend die Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens an. Dadurch soll eine sorg­fäl­ti­ge Sach­ver­halts­auf­klä­rung zur Fest­stel­lung der medi­zi­ni­schen Vor­aus­set­zun­gen einer Unter­brin­gung sicher­ge­stellt wer­den 3.

Gemäß § 321 Abs. 1 Satz 2 FamFG hat der Sach­ver­stän­di­ge den Betrof­fe­nen vor Erstat­tung des Gut­ach­tens per­sön­lich zu unter­su­chen oder zu befra­gen, wobei er vor der Unter­su­chung des Betrof­fe­nen bereits zum Sach­ver­stän­di­gen bestellt sein und ihm den Zweck der Unter­su­chung eröff­net haben muss, damit der Betrof­fe­ne sein Recht, an der Beweis­auf­nah­me teil­zu­neh­men, sinn­voll aus­üben kann 4.

Dem wird ein vom Amts­ge­richt ein­ge­hol­te Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten nicht gerecht, bei dem weder aus den gericht­li­chen Fest­stel­lun­gen noch aus der Akte ersicht­lich wird, dass der Betrof­fe­nen die Bestel­lung ihrer behan­deln­den Ärz­tin zur gericht­li­chen Sach­ver­stän­di­gen vor Beginn der Begut­ach­tung bekannt gege­ben wor­den ist. Dar­über hin­aus konn­te im hier ent­schie­de­nen Fall dem münd­lich erstat­te­ten Gut­ach­ten nicht ent­nom­men wer­den, dass die Sach­ver­stän­di­ge die Betrof­fe­ne über­haupt auf ihre Funk­ti­on als sol­che hin­ge­wie­sen und dass sie die Betrof­fe­ne zum Zwe­cke der Gut­ach­te­n­er­stat­tung geson­dert unter­sucht hat. Denn die Bestel­lung zur Sach­ver­stän­di­gen ist erst im Anhö­rungs­ter­min unmit­tel­bar vor der Abga­be der gut­ach­ter­li­chen Stel­lung­nah­men erfolgt.

Die Betrof­fe­ne ist durch die­sen Ver­fah­rens­man­gel in ihrem Frei­heits­grund­recht aus Art. 2 Abs. 2 Satz 2 GG ver­letzt wor­den 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. Sep­tem­ber 2015 – XII ZB 250/​15

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 07.08.2013 – XII ZB 691/​12, Fam­RZ 2013, 1725[]
  2. Keidel/​Budde FamFG 18. Aufl. § 329 Rn. 10; Schul­te-Bun­er­t/Wein­reich/Do­deg­ge FamFG 4. Aufl. § 329 Rn. 8[]
  3. BGH, Beschluss vom 29.01.2014 – XII ZB 330/​13, Fam­RZ 2014, 649 Rn. 14 mwN[]
  4. BGH, Beschluss vom 07.08.2013 – XII ZB 691/​12, Fam­RZ 2013, 1725 Rn. 8 mwN[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 29.01.2014 – XII ZB 330/​13, Fam­RZ 2014, 649 Rn. 22 ff.[]