Der Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te im Betreu­ungs­ver­fah­ren – und das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Wird ein Betrof­fe­ner in einem Betreu­ungs­ver­fah­ren von einem Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten ver­tre­ten, der Akten­ein­sicht erhal­ten hat, muss ihm zur Wah­rung recht­li­chen Gehörs ein ein­ge­hol­tes Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten nicht mehr per­sön­lich aus­ge­hän­digt wer­den 1.

Der Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te im Betreu­ungs­ver­fah­ren – und das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten

Die Ver­wer­tung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens als Grund­la­ge einer Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che setzt gemäß § 37 Abs. 2 FamFG vor­aus, dass das Gericht den Betei­lig­ten Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me ein­ge­räumt hat. Inso­weit ist das Gut­ach­ten in sei­nem vol­len Wort­laut im Hin­blick auf die Ver­fah­rens­fä­hig­keit des Betrof­fe­nen (§ 275 FamFG) grund­sätz­lich auch ihm per­sön­lich zur Ver­fü­gung zu stel­len. Davon kann nur unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 288 Abs. 1 FamFG abge­se­hen wer­den 2. Wird das Gut­ach­ten dem Betrof­fe­nen nicht aus­ge­hän­digt, ver­letzt das Ver­fah­ren ihn grund­sätz­lich in sei­nem Anspruch auf recht­li­ches Gehör gemäß Art. 103 Abs. 1 Satz 1 GG 3.

Etwas ande­res gilt jedoch, wenn der Betrof­fe­ne durch einen Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten (§ 10 Abs. 2 Satz 1 FamFG) ver­tre­ten wird, zu des­sen Kennt­nis das Gut­ach­ten gelangt ist. Denn anders als ein nach § 276 FamFG bestell­ter Ver­fah­rens­pfle­ger 4 ist der Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te rechts­ge­schäft­li­cher Ver­tre­ter des Betrof­fe­nen 5. Die Bekannt­ga­be des Gut­ach­tens an ihn wirkt somit für und gegen den Betrof­fe­nen selbst.

Danach war im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung des Land­ge­richts ver­fah­rens­feh­ler­frei zustan­de gekom­men: Zwar lässt sich der Akte nicht ent­neh­men, dass das vom Amts­ge­richt ein­ge­hol­te Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten dem Betrof­fe­nen per­sön­lich aus­ge­hän­digt wor­den ist, obwohl er eine Über­sen­dung sogar schrift­lich ver­langt hat­te. Die Vor­aus­set­zun­gen des § 288 Abs. 1 FamFG für ein Abse­hen von der per­sön­li­chen Bekannt­ga­be lie­gen aus­weis­lich des Gut­ach­tens nicht vor. Jedoch hat sich – nach Erlass des amts­ge­richt­li­chen Beschlus­ses – eine Rechts­an­wäl­tin als Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te für den Betrof­fe­nen bestellt, der die Akte mit dem dar­in befind­li­chen Gut­ach­ten noch vor Erlass der Nicht­ab­hil­fe­ent­schei­dung des Amts­ge­richts zur Ver­fü­gung gestellt wur­de. Die Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te hat­te somit im Beschwer­de­ver­fah­ren Kennt­nis vom gesam­ten Akten­in­halt, mit­hin auch von dem Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten. Die­se Kennt­nis muss sich der Betrof­fe­ne zurech­nen las­sen, so dass eine Ver­let­zung recht­li­chen Gehörs inso­weit aus­schei­det 6.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 28. März 2018 – XII ZB 168/​17

  1. im Anschluss an BGH, Beschlüs­se vom 07.02.2018 XII ZB 334/​17; vom 22.03.2017 XII ZB 358/​16, Fam­RZ 2017, 996; und vom 06.07.2016 XII ZB 131/​16, Fam­RZ 2016, 1668[]
  2. vgl. jeweils zur Unter­brin­gung BGH, Beschlüs­se vom 16.09.2015 XII ZB 250/​15 Fam­RZ 2015, 2156 Rn. 15 mwN; und vom 08.03.2017 XII ZB 516/​16 Fam­RZ 2017, 911 Rn. 5[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 17.05.2017 XII ZB 18/​17 Fam­RZ 2017, 1323 Rn. 10; und vom 11.08.2010 XII ZB 138/​10 BtPrax 2010, 278 Rn. 7, 10[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 08.03.2017 XII ZB 516/​16 Fam­RZ 2017, 911 Rn. 7 mwN[]
  5. BGH, Beschluss vom 07.02.2018 XII ZB 334/​17 12 mwN[]
  6. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 06.07.2016 XII ZB 131/​16 Fam­RZ 2016, 1668 Rn. 16; und vom 22.03.2017 XII ZB 358/​16 Fam­RZ 2017, 996 Rn. 17 f.[]