Der nach Ver­gleich gezahl­te Kin­des­un­ter­halt – und der fami­li­en­recht­li­che Aus­gleichs­an­spruch gegen den ande­ren Eltern­teil

Ein fami­li­en­recht­li­cher Aus­gleichs­an­spruch gegen den ande­ren Eltern­teil auf teil­wei­se Erstat­tung des an ein gemein­sa­mes Kind gezahl­ten Unter­halts wird nicht ohne wei­te­res dadurch aus­ge­schlos­sen, dass der Eltern­teil mit der Unter­halts­zah­lung eine Ver­pflich­tung aus einem gericht­li­chen Ver­gleich erfüllt 1.

Der nach Ver­gleich gezahl­te Kin­des­un­ter­halt – und der fami­li­en­recht­li­che Aus­gleichs­an­spruch gegen den ande­ren Eltern­teil

Der fami­li­en­recht­li­che Aus­gleichs­an­spruch ist in der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs grund­sätz­lich für sol­che Fäl­le aner­kannt, in denen ein Eltern­teil für den Unter­halt eines gemein­sa­men Kin­des auf­ge­kom­men ist und dadurch des­sen Unter­halts­an­spruch erfüllt hat, obwohl (auch) der ande­re Eltern­teil ganz oder teil­wei­se unter­halts­pflich­tig war. Der Anspruch beruht auf der Unter­halts­pflicht bei­der Eltern gegen­über ihrem Kind und ergibt sich aus der Not­wen­dig­keit, die Unter­halts­last im Ver­hält­nis zwi­schen ihnen nach § 1606 Abs. 3 Satz 1 BGB ent­spre­chend ihrem Leis­tungs­ver­mö­gen gerecht zu ver­tei­len 2.

Für den im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall streit­ge­gen­ständ­li­chen Unter­halt ihrer gemein­sa­men Toch­ter haf­te­ten die Eltern durch­ge­hend nach § 1606 Abs. 3 Satz 1 BGB antei­lig nach ihren Erwerbs- und Ver­mö­gens­ver­hält­nis­sen 3, nach­dem die Toch­ter auch wäh­rend der letz­ten Mona­te ihrer Min­der­jäh­rig­keit aus­wärts durch Drit­te betreut wur­de. Eine Bestim­mung dahin­ge­hend, der gemein­sa­men Toch­ter in der Zeit ihrer Min­der­jäh­rig­keit wei­ter­hin Natu­ral­un­ter­halt zu gewäh­ren, konn­te die Mut­ter dem­ge­gen­über schon des­we­gen wirk­sam nicht tref­fen, weil das Bestim­mungs­recht nach § 1612 Abs. 2 BGB den Eltern als Inha­bern der gemein­sa­men elter­li­chen Sor­ge hier nur gemein­sam zustand 4. Ob eine sol­che Bestim­mung zudem die nach § 1612 Abs. 2 Satz 1 BGB gebo­te­ne Rück­sicht auf die Belan­ge der gemein­sa­men Toch­ter genom­men hät­te, kann danach dahin­ste­hen.

Der gericht­li­che Unter­halts­ver­gleich ent­fal­tet kei­ne "Sperr­wir­kung", die der Gel­tend­ma­chung des fami­li­en­recht­li­chen Aus­gleichs­an­spruchs ent­ge­gen gehal­ten wer­den könn­te.

Zwar hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den, dass einem Eltern­teil, der eine ihm durch rechts­kräf­ti­ge Ent­schei­dung auf­er­leg­te Unter­halts­ver­pflich­tung gegen­über einem gemein­sa­men Kind erfüllt, kein fami­li­en­recht­li­cher Aus­gleichs­an­spruch auf – teil­wei­se – Erstat­tung sei­ner Unter­halts­zah­lun­gen gegen­über dem ande­ren Eltern­teil zusteht 5.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat hier­zu aus­ge­führt, dass der Unter­halts­ver­pflich­te­te, der an sein unter­halts­be­rech­tig­tes Kind jeweils die Unter­halts­be­trä­ge gezahlt hat, zu deren Leis­tung er ihm gegen­über rechts­kräf­tig ver­ur­teilt wor­den ist, nur sei­ner eige­nen rechts­kräf­tig fest­ge­stell­ten Unter­halts­pflicht nach­ge­kom­men ist, nicht aber eine Ver­bind­lich­keit erfüllt hat, die sich im Ver­hält­nis gegen­über dem Kind als Ver­pflich­tung des ande­ren Eltern­teils dar­stellt. Bei die­ser Sach­la­ge ent­spricht die Zubil­li­gung eines fami­li­en­recht­li­chen Aus­gleichs­an­spruchs nicht dem Sinn und Zweck die­ses Anspruchs. Der Aus­gleichs­an­spruch ist näm­lich nicht dazu bestimmt, gericht­lich fest­ge­setz­te Unter­halts­ver­pflich­tun­gen, die auf einer Abwä­gung der Leis­tungs­fä­hig­keit bei­der Eltern beru­hen, durch "Aus­gleich" von Unter­halts­an­tei­len im Ver­hält­nis der Eltern zuein­an­der abzu­än­dern 5.

Die­se Erwä­gun­gen sind jeden­falls auf eine durch einen gericht­li­chen Ver­gleich gere­gel­te Unter­halts­ver­pflich­tung nicht über­trag­bar.

Im Gegen­satz zu der durch gericht­li­che Ent­schei­dung auf­er­leg­ten Unter­halts­ver­pflich­tung kön­nen Unter­halts­re­ge­lun­gen in gericht­li­chen Ver­glei­chen – wie in voll­streck­ba­ren Urkun­den – nicht in mate­ri­el­le Rechts­kraft erwach­sen. Soweit ein gericht­li­cher Ver­gleich im Ver­fah­ren nach § 239 FamFG abge­än­dert wer­den kann, rich­tet sich der Umfang der Abän­de­rung allein nach mate­ri­el­lem Recht (§ 239 Abs. 2 FamFG). Der Tat­sa­chen­vor­trag in einem sol­chen Abän­de­rungs­ver­fah­ren unter­liegt kei­ner zeit­li­chen Ein­schrän­kung, da die Prä­k­lu­si­on aus § 238 Abs. 2 FamFG, die nur der Siche­rung der Rechts­kraft­wir­kung gericht­li­cher Ent­schei­dun­gen dient, kei­ne ent­spre­chen­de Anwen­dung fin­det 6. Daher kön­nen grund­sätz­lich auch Tat­sa­chen gel­tend gemacht wer­den, die schon im Zeit­punkt der Errich­tung des Titels bestan­den haben. Dabei ist – vor­ran­gig gegen­über einer Stö­rung der Geschäfts­grund­la­ge – durch Aus­le­gung zu ermit­teln, ob und mit wel­chem Inhalt die Betei­lig­ten eine bin­den­de Rege­lung hin­sicht­lich einer mög­li­chen Abän­de­rung getrof­fen haben 7. Eben­so wenig bestehen man­gels Rechts­kraft hin­sicht­lich des Zeit­punk­tes, ab dem eine Abän­de­rung begehrt wer­den kann, ver­fah­rens­recht­li­che Ein­schrän­kun­gen; § 238 Abs. 3 FamFG fin­det des­we­gen auch kei­ne ent­spre­chen­de Anwen­dung 8.

Mit sei­nen Zah­lun­gen auf das Kon­to zum Unter­halt der gemein­sa­men Toch­ter ist im vor­lie­gen­den Fall der Vater im Ver­hält­nis zur Toch­ter nicht einer eige­nen rechts­kräf­tig fest­ge­stell­ten Unter­halts­pflicht nach­ge­kom­men. Viel­mehr hat er – soweit die Mut­ter ihrer Unter­halts­ver­pflich­tung nicht nach­ge­kom­men ist – an ihrer Stel­le eine Unter­halts­ver­bind­lich­keit erfüllt, die ihr gegen­über der gemein­sa­men Toch­ter oble­gen hat.

Der gericht­li­che Ver­gleich ist im vor­lie­gen­den Fall nach Ziff. 3 des Ver­gleichs bei wesent­li­cher Ände­rung der Ver­hält­nis­se frei abän­der­bar. Da sich der Umfang der Abän­de­rung allein nach mate­ri­el­lem Recht bestimmt, kann die Abän­der­bar­keit des Ver­gleichs auch inzi­dent im Rah­men des fami­li­en­recht­li­chen Aus­gleichs­an­spruchs über­prüft wer­den. Wegen der feh­len­den mate­ri­el­len Rechts­kraft des Ver­gleichs ste­hen auch Sinn und Zweck des fami­li­en­recht­li­chen Aus­gleichs­an­spruchs einem Erstat­tungs­an­spruch des Vaters nicht ent­ge­gen.

Dass der Vater die Mut­ter unmit­tel­bar nach Auf­nah­me der Zah­lun­gen auf­ge­for­dert hat­te, sich antei­lig am Unter­halt für die gemein­sa­me Toch­ter zu betei­li­gen, ist zwi­schen den Eltern unstrei­tig.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 8. Febru­ar 2017 – XII ZB 116/​16

  1. Abgren­zung zu den BGH, Urtei­len vom 25.05.1994 XII ZR 78/​93 Fam­RZ 1994, 1102; und vom 20.05.1981 IVb ZR 558/​80 Fam­RZ 1981, 761[]
  2. BGH, Beschluss vom 20.04.2016 – XII ZB 45/​15Fam­RZ 2016, 1053 Rn. 11 mwN[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 13.04.1988 – IVb ZR 49/​87Fam­RZ 1988, 1039, 1041; vom 06.11.1985 – IVb ZR 69/​84Fam­RZ 1986, 153 f.; und vom 02.07.1980 – IVb ZR 519/​80Fam­RZ 1980, 994 f.[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 26.10.1983 – IVb ZR 14/​82Fam­RZ 1984, 37, 38 f.[]
  5. BGH, Urtei­le vom 25.05.1994 – XII ZR 78/​93Fam­RZ 1994, 1102, 1103 f.; und vom 20.05.1981 – IVb ZR 558/​80Fam­RZ 1981, 761, 762[][]
  6. vgl. BGH, Urtei­le BGHZ 189, 284 = Fam­RZ 2011, 1041 Rn. 23 (für den Fall einer Jugend­amts­ur­kun­de); BGHZ 186, 1 = Fam­RZ 2010, 1238 Rn. 12; vom 23.11.1994 – XII ZR 168/​93Fam­RZ 1995, 221, 223 und BGHZ (GSZ) 85, 64, 73 = Fam­RZ 1983, 22, 24 f.[]
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 23.11.2011 – XII ZR 47/​10Fam­RZ 2012, 197 Rn. 15 und BGHZ 186, 1 = Fam­RZ 2010, 1238 Rn. 12 f.[]
  8. vgl. BGH, Urteil BGHZ 189, 284 = Fam­RZ 2011, 1041 Rn. 23[]