Die abge­lehn­te Auf­he­bung einer Betreu­ung – und die Anhö­rung der Betrof­fe­nen

Eine per­sön­li­che Anhö­rung des Betrof­fe­nen ist auch im Ver­fah­ren betref­fend die Auf­he­bung einer Betreu­ung gene­rell unver­zicht­bar, wenn sich das Gericht zur Ein­ho­lung eines neu­en Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens ent­schließt und die­ses Gut­ach­ten als Tat­sa­chen­grund­la­ge für sei­ne Ent­schei­dung her­an­zie­hen will.

Die abge­lehn­te Auf­he­bung einer Betreu­ung – und die Anhö­rung der Betrof­fe­nen

Gemäß § 294 Abs. 1 FamFG gel­ten für die Auf­he­bung einer Betreu­ung oder eines Ein­wil­li­gungs­vor­be­halts die §§ 279 Abs. 1, 3 und 4, 288 Abs. 2 Satz 1 FamFG ent­spre­chend. Nicht erfasst von der Ver­wei­sung wird zwar § 278 Abs. 1 FamFG, der die per­sön­li­che Anhö­rung des Betrof­fe­nen vor­schreibt. Dies ändert aber nichts dar­an, dass auch im Auf­he­bungs­ver­fah­ren die all­ge­mei­nen Ver­fah­rens­re­geln, ins­be­son­de­re die Grund­sät­ze des recht­li­chen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG) und der Amts­er­mitt­lung (§ 26 FamFG), zu beach­ten sind. Nach § 26 FamFG hat das Gericht von Amts wegen die zur Fest­stel­lung der Tat­sa­chen erfor­der­li­chen Ermitt­lun­gen durch­zu­füh­ren und die geeig­net erschei­nen­den Bewei­se zu erhe­ben. Nach den Maß­stä­ben des § 26 FamFG bestimmt sich, ob im Ein­zel­fall auch im Auf­he­bungs­ver­fah­ren eine per­sön­li­che Anhö­rung des Betrof­fe­nen durch­zu­füh­ren ist, um dem Gericht dadurch einen unmit­tel­ba­ren Ein­druck von dem Betrof­fe­nen zu ver­schaf­fen 1.

Da über Art und Umfang der Ermitt­lun­gen grund­sätz­lich der Tatrich­ter nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen ent­schei­det, obliegt dem Rechts­be­schwer­de­ge­richt inso­weit ledig­lich eine Kon­trol­le auf Rechts­feh­ler, ins­be­son­de­re die Prü­fung, ob der Tatrich­ter die Gren­zen sei­nes Ermes­sens ein­ge­hal­ten hat und die recht­li­che Wür­di­gung auf einer aus­rei­chen­den Sach­ver­halts­auf­klä­rung beruht 2. Im Ein­zel­fall mag es dabei recht­lich unbe­denk­lich sein, von einer per­sön­li­chen Anhö­rung des Betrof­fe­nen im Auf­he­bungs­ver­fah­ren abzu­se­hen, wenn sich sein Begeh­ren nach Auf­he­bung der Betreu­ung von vorn­her­ein als eine offen­kun­dig aus­sichts­lo­se oder que­ru­la­to­risch erschei­nen­de Ein­ga­be dar­stellt 3. Eine Anhö­rung des Betrof­fe­nen ist dem­ge­gen­über auch im Auf­he­bungs­ver­fah­ren gene­rell unver­zicht­bar, wenn sich das Gericht zur Ein­ho­lung eines neu­en Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens ent­schließt und die­ses Gut­ach­ten als Tat­sa­chen­grund­la­ge für sei­ne Ent­schei­dung her­an­zie­hen will 4. Mit Recht weist die Rechts­be­schwer­de dar­auf hin, dass erst die per­sön­li­che Anhö­rung des Betrof­fe­nen und der dadurch von ihm gewon­ne­ne Ein­druck das Gericht in die Lage ver­set­zen, sei­ne Kon­troll­funk­ti­on gegen­über dem Sach­ver­stän­di­gen sach­ge­recht aus­zu­üben.

Gemes­sen dar­an konn­te auf eine Anhö­rung des Betrof­fe­nen im vor­lie­gen­den Fall nicht ver­zich­tet wer­den. Denn obwohl das Amts­ge­richt wie auch das Beschwer­de­ge­richt ihre Ent­schei­dun­gen maß­geb­lich auf das im Auf­he­bungs­ver­fah­ren ein­ge­hol­te Gut­ach­ten gestützt haben, ist der Betrof­fe­ne weder im ers­ten noch im zwei­ten Rechts­zug durch das Gericht per­sön­lich ange­hört wor­den.

Die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung kann daher kei­nen Bestand haben. Die Zurück­ver­wei­sung gibt dem Beschwer­de­ge­richt zugleich Gele­gen­heit, die Not­wen­dig­keit der Bestel­lung eines Ver­fah­rens­pfle­gers für den Betrof­fe­nen zu prü­fen 5 und ergän­zen­de Fest­stel­lun­gen zur Fort­dau­er der mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen für die Anord­nung einer Betreu­ung in den Auf­ga­ben­krei­sen Gesund­heits­sor­ge sowie Woh­nungs­an­ge­le­gen­hei­ten zu tref­fen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. August 2016 – XII ZB 531/​15

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 11.05.2016 – XII ZB 363/​15 , Fam­RZ 2016, 1350 Rn. 8; und vom 02.02.2011 – XII ZB 467/​10 , Fam­RZ 2011, 556 Rn. 9 f. und 20[]
  2. BGH, Beschluss vom 11.05.2016 – XII ZB 363/​15 , Fam­RZ 2016, 1350 Rn. 9[]
  3. vgl. OLG Zwei­brü­cken BtPrax 1998, 150; OLG Karls­ru­he Fam­RZ 1994, 449, 450[]
  4. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 02.12 2015 – XII ZB 227/​12 , Fam­RZ 2016, 300 Rn. 9; und vom 02.09.2015 – XII ZB 138/​15 , Fam­RZ 2015, 1959 Rn. 13 zur erneu­ten Anhö­rung des Betrof­fe­nen bei Ein­ho­lung eines neu­en Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens im Beschwer­de­ver­fah­ren[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 29.06.2011 – XII ZB 19/​11 , Fam­RZ 2011, 1577 Rn. 8 f.[]