Die Behaup­tung eines Drit­ten als Ehe­stö­rung

Ein Ver­fah­ren, in dem die Unter­las­sung einer von einem Drit­ten getä­tig­ten Äuße­rung begehrt wird, die geeig­net ist, die per­sön­li­che Bezie­hung zwi­schen Ehe­gat­ten zu beein­träch­ti­gen, ist kei­ne sons­ti­ge Fami­li­en­sa­che i.S.d. § 266 Abs. 1 Nr. 2 FamFG.

Die Behaup­tung eines Drit­ten als Ehe­stö­rung

Nach die­ser Vor­schrift sind sons­ti­ge Fami­li­en­sa­chen, für die die Zustän­dig­keit des Fami­li­en­ge­richts begrün­det ist, Ver­fah­ren, die aus der Ehe her­rüh­ren­de Ansprü­che betref­fen. Die­se Vor­aus­set­zung ist erfüllt, wenn der Anspruch in der Ehe selbst sei­ne Grund­la­ge fin­det. Der blo­ße Zusam­men­hang des gel­tend gemach­ten Anspruchs mit einer Ehe genügt hier­für nicht1. Neben den aus § 1353 BGB her­ge­lei­te­ten Ansprü­chen ver­mö­gens­recht­li­cher und per­sön­li­cher Art zwi­schen den Ehe­gat­ten wer­den von § 266 Abs. 1 Nr. 2 FamFG die Ansprü­che erfasst, die dem Schutz der ehe­li­chen Lebens­ge­mein­schaft vor Stö­run­gen die­nen2. Dazu zäh­len ins­be­son­de­re die sich aus §§ 823 Abs. 1, 1004 BGB iVm Art. 6 Abs. 1 GG erge­ben­den Unter­las­sungs- und Besei­ti­gungs­an­sprü­che bei Stö­run­gen des räum­lich­ge­gen­ständ­li­chen Bereichs der Ehe, auch wenn sie sich gegen einen Drit­ten rich­ten3.

Eine Ver­let­zung des räum­lich­ge­gen­ständ­li­chen Bereichs der Ehe ist durch die von der Antrag­stel­le­rin behaup­te­te Äuße­rung des Antrags­geg­ners jedoch nicht gege­ben. Der Schutz­be­reich des "räum­lich­ge­gen­ständ­li­chen Bereichs der Ehe" beschränkt sich auf den äuße­ren Bereich der Lebens­ge­stal­tung der Ehe­gat­ten, der die Grund­la­ge für das gemein­sa­me Ehe- und Fami­li­en­le­ben bil­det und zugleich den ein­zel­nen Fami­li­en­mit­glie­dern die Ent­fal­tung ihrer Per­sön­lich­keit ermög­li­chen soll4. Er umfasst daher ins­be­son­de­re die Ehe­woh­nung in dem Bestand, in dem sie die Ehe­leu­te gemein­sam nut­zen5. Ehe­stö­run­gen, die unmit­tel­bar die inne­re Lebens- und Geschlechts­ge­mein­schaft der Ehe­gat­ten berüh­ren, sind dage­gen als inner­ehe­li­cher Vor­gang nicht in den Schutz­zweck der delik­ti­schen Haf­tungs­tat­be­stän­de ein­be­zo­gen6.

Im vor­lie­gen­den Fall sieht die Antrag­stel­le­rin die Ehe­stö­rung dar­in, dass der Antrags­geg­ner mit sei­nem Ver­hal­ten das Ziel ver­folgt habe, die Ehe der Antrag­stel­le­rin zu zer­stö­ren. Aus die­sem Vor­trag der Antrag­stel­le­rin ergibt sich kein Ein­griff in deren äuße­ren ehe­li­chen Lebens­be­reich, son­dern eine Beein­träch­ti­gung der per­sön­li­chen Bezie­hung der Ehe­leu­te unter­ein­an­der, die vom Schutz­be­reich des räum­lich­ge­gen­ständ­li­chen Bereichs der Ehe als einem sons­ti­gen Recht iSv § 823 Abs. 1 BGB nicht erfasst wird. Daher ent­spre­chen die für die Zustän­dig­keits­be­stim­mung maß­geb­li­chen Umstän­de nicht gleich­zei­tig den not­wen­di­gen Tat­be­stands­merk­ma­len des gel­tend gemach­ten Anspruchs (soge­nann­te dop­pelt rele­van­te Tat­sa­chen)7. Da die von der Antrag­stel­le­rin behaup­te­te Äuße­rung des Antrags­geg­ners nicht in den Schutz­be­reich des räum­lich­ge­gen­ständ­li­chen Bereichs der Ehe ein­greift, kann sich ein Unter­las­sungs­an­spruch der Antrag­stel­le­rin ledig­lich auf­grund einer Ver­let­zung ihrer per­sön­li­chen Ehre nach §§ 823 Abs. 1, 1004 BGB erge­ben. Das gleich­wohl ange­ru­fe­ne Fami­li­en­ge­richt kann daher schon allein auf­grund des Sach­vor­trags der Antrag­stel­le­rin dar­über ent­schei­den8, ob eine sons­ti­ge Fami­li­en­sa­che iSv § 266 Abs. 1 Nr. 2 FamFG gege­ben ist. Eine Beweis­erhe­bung über die Behaup­tung der Antrag­stel­le­rin, der Antrags­geg­ner habe – wie bereits mehr­fach in der Ver­gan­gen­heit hin­sicht­lich fünf wei­te­rer Ehen – mit sei­nem Ver­hal­ten das Ziel ver­folgt, auch die Ehe der Antrag­stel­le­rin zu zer­stö­ren, war daher im Rah­men der Zustän­dig­keits­prü­fung nicht ver­an­lasst.

Schließ­lich kann die hier zu beur­tei­len­de Strei­tig­keit nicht aus ande­ren Grün­den als sons­ti­ge Fami­li­en­sa­che iSv § 266 Abs. 1 Nr. 2 FamFG qua­li­fi­ziert wer­den.

Der Gesetz­ge­ber hat mit § 266 FamFG den Zustän­dig­keits­be­reich der Fami­li­en­ge­rich­te deut­lich erwei­tert ("Gro­ßes Fami­li­en­ge­richt"). Damit sol­len bestimm­te Zivil­rechts­strei­tig­kei­ten, die eine beson­de­re Nähe zu fami­li­en­recht­lich gere­gel­ten Rechts­ver­hält­nis­sen auf­wei­sen oder die in engem Zusam­men­hang mit der Auf­lö­sung eines sol­chen Rechts­ver­hält­nis­ses ste­hen, eben­falls Fami­li­en­sa­chen wer­den. Ord­nungs­kri­te­ri­um dabei ist nach der Geset­zes­be­grün­dung allein die Sach­nä­he des Fami­li­en­ge­richts zum Ver­fah­rens­ge­gen­stand. Im Inter­es­se aller Betei­lig­ten soll es dem Fami­li­en­ge­richt mög­lich sein, alle durch den sozia­len Ver­band von Ehe und Fami­lie sach­lich ver­bun­de­nen Rechts­strei­tig­kei­ten zu ent­schei­den9. Zu Recht weist das Beschwer­de­ge­richt daher dar­auf hin, dass Ehe­stö­rungs­ver­fah­ren nur ein Bei­spiel für eine sons­ti­ge Fami­li­en­sa­che iSv § 266 Abs. 1 Nr. 2 FamFG sind. Die mit der Erwei­te­rung der Zustän­dig­keit der Fami­li­en­ge­rich­te durch die Neu­re­ge­lung in § 266 FamFG ver­folg­te gesetz­ge­be­ri­sche Absicht erfor­dert es jedoch nicht, Ver­fah­ren, die nur mit­tel­bar Aus­wir­kung auf eine bestehen­de Ehe haben, als Fami­li­en­sa­chen zu qua­li­fi­zie­ren. Ein sol­ches Ver­ständ­nis des § 266 Abs. 1 Nr. 2 FamFG wür­de zu einem weit aus­ufern­den Anwen­dungs­be­reich der Vor­schrift füh­ren, weil sich die­ser dann auch auf Ver­fah­ren erstre­cken wür­de, deren Ein­ord­nung als Fami­li­en­sa­che nicht mehr mit der Sach­nä­he der Fami­li­en­ge­rich­te zum Ver­fah­rens­ge­gen­stand gerecht­fer­tigt wer­den kann.

So lie­gen die Din­ge hier. Eine beson­de­re Sach­nä­he des Fami­li­en­ge­richts zum Ver­fah­rens­ge­gen­stand besteht nicht. Die Antrags­geg­ne­rin ver­folgt einen Unter­las­sungs­an­spruch aus §§ 823 Abs. 1, 1004 BGB auf­grund einer behaup­te­ten ehr­ver­let­zen­den Äuße­rung des Antrags­geg­ners. Das Ver­fah­ren weist damit kei­ne Beson­der­hei­ten auf, die eine Ent­schei­dung durch das Fami­li­en­ge­richt erfor­dern. Dass die Äuße­rung mög­li­cher­wei­se Aus­wir­kun­gen auf die per­sön­li­che Bezie­hung der Antrag­stel­le­rin zu ihrem Ehe­mann hat und der Fort­be­stand ihrer Ehe dadurch gefähr­det wor­den ist, genügt als mit­tel­ba­re Fol­ge nicht, um eine Zustän­dig­keit des Fami­li­en­ge­richts nach § 266 Abs. 1 Nr. 2 FamFG zu begrün­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Febru­ar 2014 – XII ZB 45/​13

  1. Zöller/​Lorenz ZPO 30. Aufl. § 266 FamFG Rn. 13; Bur­ger Fam­RZ 2009, 1017, 1018; Hei­ter FamRB 2010, 121, 122; vgl. auch BT-Drs. 16/​6308 S. 263; a. A. Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann ZPO 72. Aufl. § 266 FamFG Rn. 11 []
  2. vgl. Keidel/​Giers FamFG 18. Aufl. § 266 Rn. 9 []
  3. Johannsen/​Henrich/​Jaeger Fami­li­en­recht 5. Aufl. § 266 FamFG Rn. 10; Münch­Komm-FamFG/Er­b­arth 2. Aufl. § 266 Rn. 77 f.; Schul­te-Bun­er­t/Wein­reich/­Reh­me FamFG 4. Aufl. § 266 Rn. 14; Prütting/​Helms/​Heiter FamFG 3. Aufl. § 266 Rn. 43; Horndasch/​Viefhues/​Cremer FamFG 3. Aufl. § 266 Rn.20; Keidel/​Giers FamFG 18. Aufl. § 266 Rn. 10; Thomas/​Putzo/​Hüßtege ZPO 34. Aufl. § 266 FamFG Rn. 4; vgl. auch BT-Drs. 16/​6308 S. 262 f. []
  4. BGHZ 6, 360, 365 f. = NJW 1952, 975 []
  5. Staudinger/​Voppel BGB [2012] § 1353 Rn. 115; Münch­Komm-FamFG/Er­b­arth 2. Aufl. § 266 Rn. 78 []
  6. BGH, Urteil vom 19.12 1989 – IV b ZR 56/​88 , Fam­RZ 1990, 367, 369 []
  7. vgl. hier­zu auch BGH, Beschluss vom 05.12 2012 – XII ZB 652/​11 , Fam­RZ 2013, 281 Rn. 33 []
  8. vgl. hier­zu BGH, Beschluss vom 05.12 2012 – XII ZB 652/​11 , Fam­RZ 2013, 281 Rn.20 ff. []
  9. BGH, Beschluss vom 05.12 2012 – XII ZB 652/​11 , Fam­RZ 2013, 281 Rn. 25; vgl. auch BT-Drs. 16/​6308 S. 168 f. []