Die beim fal­schen Gericht ein­ge­reich­te Beschwer­de

Hat ein Betei­lig­ter ent­ge­gen § 64 Abs. 1 Satz 1 FamFG die Beschwer­de­schrift beim unzu­stän­di­gen Beschwer­de­ge­richt ein­ge­reicht und damit die Beschwer­de­frist ver­säumt, so ver­stößt die unter­las­se­ne Wei­ter­lei­tung der Beschwer­de an das zustän­di­ge Amts­ge­richt jedoch gegen den Grund­satz des fai­ren Ver­fah­rens und lässt daher die Kau­sa­li­tät der schuld­haf­ten Pflicht­ver­let­zung für die Frist­ver­säu­mung ent­fal­len.

Die beim fal­schen Gericht ein­ge­reich­te Beschwer­de

Wird in einer Fami­li­en­streit­sa­che die Beschwer­de anstatt bei dem gemäß § 64 Abs. 1 FamFG für ihre Ent­ge­gen­nah­me zustän­di­gen Amts­ge­richt beim Beschwer­de­ge­richt ein­ge­legt, hat das ange­ru­fe­ne Gericht die Beschwer­de­schrift im ordent­li­chen Geschäfts­gang an das Amts­ge­richt wei­ter­zu­lei­ten, wenn ohne wei­te­res die Unzu­stän­dig­keit des ange­ru­fe­nen Gerichts erkenn­bar und damit regel­mä­ßig die Bestim­mung des zustän­di­gen Gerichts mög­lich ist 1.

Dies folgt aus dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Anspruch des Recht­su­chen­den auf ein fai­res Ver­fah­ren (Art. 2 Abs. 1 GG i.V.m. dem Rechts­staats­prin­zip).

Geht der Schrift­satz so zei­tig ein, dass die frist­ge­rech­te Wei­ter­lei­tung an das Amts­ge­richt im ordent­li­chen Geschäfts­gang ohne wei­te­res erwar­tet wer­den kann, darf ein Ver­fah­rens­be­tei­lig­ter dar­auf ver­trau­en, dass der Schrift­satz noch recht­zei­tig dort ein­geht. Geschieht dies tat­säch­lich nicht, wirkt sich das Ver­schul­den des Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten oder sei­nes Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten nicht mehr aus, so dass ihm Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zu gewäh­ren ist 2.

Eine wei­ter­ge­hen­de Ver­pflich­tung, etwa eine beschleu­nig­te Wei­ter­lei­tung an das zustän­di­ge Gericht oder eine Ver­pflich­tung, den Betei­lig­ten oder des­sen Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten durch Tele­fo­nat oder Tele­fax von der Ein­rei­chung des Rechts­mit­tels bei einem unzu­stän­di­gen Gericht zu unter­rich­ten, ergibt sich von Ver­fas­sungs wegen jedoch nicht.

Denn sonst wür­de dem Betei­lig­ten die Ver­ant­wor­tung für die Ermitt­lung des rich­ti­gen Adres­sa­ten frist­ge­bun­de­ner Schrift­sät­ze voll­stän­dig abge­nom­men und dem nicht emp­fangs­zu­stän­di­gen Gericht über­tra­gen 3.

Unter­bleibt die gebo­te­ne Wei­ter­lei­tung der Beschwer­de­schrift an das Amts­ge­richt, ist wei­te­re Vor­aus­set­zung für eine Wie­der­ein­set­zung, dass die bei einer Wei­ter­lei­tung im ordent­li­chen Geschäfts­gang ver­blei­ben­de Zeit für die Frist­wah­rung aus­rei­chend gewe­sen wäre 4. Dies hat grund­sätz­lich der die Wie­der­ein­set­zung begeh­ren­de Betei­lig­te dar­zu­le­gen und glaub­haft zu machen 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. Janu­ar 2014 – XII ZB 571/​12

  1. BGH, Beschlüs­se vom 27.02.2013 – XII ZB 6/​13 Fam­RZ 2013, 779 Rn. 11; und vom 17.08.2011 – XII ZB 50/​11 Fam­RZ 2011, 1649 Rn. 23 mwN[]
  2. BGH, Beschluss vom 23.05.2012 – XII ZB 375/​11 Fam­RZ 2012, 1205 Rn. 26 mwN[]
  3. BVerfG Fam­RZ 2001, 827; stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. BGH, Beschlüs­se vom 27.02.2013 – XII ZB 6/​13 Fam­RZ 2013, 779 Rn. 12; vom 15.06.2011 – XII ZB 468/​10 Fam­RZ 2011, 1389 Rn. 12; und vom 17.08.2011 – XII ZB 50/​11 Fam­RZ 2011, 1649 Rn. 22[]
  4. BGH, Beschluss vom 17.08.2011 – XII ZB 50/​11 Fam­RZ 2011, 1649 Rn. 27[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 23.05.2012 – XII ZB 375/​11 Fam­RZ 2012, 1205 Rn. 29 mwN[]