Die Betreu­er­ver­gü­tung und die bestehen­de Lebens­ver­si­che­rung

Der Ein­satz einer ange­mes­se­nen finan­zi­el­len Vor­sor­ge für den Todes­fall für die Ver­gü­tung des Berufs­be­treu­ers stellt für den Betreu­ten nur dann eine Här­te i.S.v. § 90 Abs. 3 Satz 1 SGB XII dar, wenn die Zweck­bin­dung ver­bind­lich fest­ge­legt ist. Bei einer kapi­tal­bil­den­den Lebens­ver­si­che­rung auf den Todes­fall ist die­se Vor­aus­set­zung in der Regel nicht erfüllt.

Die Betreu­er­ver­gü­tung und die bestehen­de Lebens­ver­si­che­rung

Ver­gü­tungs­schuld­ner des Berufs­be­treu­ers ist bei Mit­tel­lo­sig­keit des Betreu­ten die Staats­kas­se (§§ 1908 i Abs. 1 Satz 1, 1836 Abs. 1 Satz 3 BGB in Ver­bin­dung mit § 1 Abs. 2 Satz 2 VBVG) und bei vor­han­de­nem ver­wert­ba­ren Ver­mö­gen der Betreu­te (§§ 1908 i Abs. 1 Satz 1, 1836 Abs. 1 BGB in Ver­bin­dung mit § 1 Abs. 2 Satz 1 VBVG). Als mit­tel­los gilt ein Betreu­ter, der die Ver­gü­tung aus sei­nem ein­zu­set­zen­den Ein­kom­men oder Ver­mö­gen nicht oder nur zum Teil oder nur in Raten oder nur im Wege gericht­li­cher Gel­tend­ma­chung von Unter­halts­an­sprü­chen auf­brin­gen kann (§§ 1908 i Abs. 1, 1836 d BGB). Das ein­zu­set­zen­de Ver­mö­gen bestimmt sich gemäß § 1836 c Nr. 2 BGB nach § 90 SGB XII. Danach ist das gesam­te ver­wert­ba­re Ver­mö­gen (§ 90 Abs. 1 SGB XII) mit Aus­nah­me des in § 90 Abs. 2 SGB XII im Ein­zel­nen auf­ge­führ­ten Schon­ver­mö­gens ein­zu­set­zen, soweit dies kei­ne Här­te bedeu­tet (§ 90 Abs. 3 SGB XII).

Bei der von der Betreu­ten abge­schlos­se­nen Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­rung auf den Todes­fall bzw. deren Rück­kaufs­wert han­delt es sich grund­sätz­lich um ver­wert­ba­res Ver­mö­gen im Sin­ne des § 90 Abs. 1 SGB XII [1].

Da die Lebens­ver­si­che­rung der Betreu­ten nicht zu den geschütz­ten Ver­mö­gens­wer­ten zählt, die in § 90 Abs. 2 SGB XII abschlie­ßend genannt sind [2], schei­det eine Berück­sich­ti­gung der Lebens­ver­si­che­rung bzw. deren Rück­kaufs­wert bei der Ermitt­lung des ein­zu­set­zen­den Ver­mö­gens nur aus, soweit die Ver­wer­tung der Lebens­ver­si­che­rung für die Betreu­te eine Här­te bedeu­ten wür­de (§ 90 Abs. 3 SGB XII).

Mit die­ser Vor­schrift kön­nen aty­pi­sche Fall­kon­stel­la­tio­nen im Ein­zel­fall auf­ge­fan­gen wer­den, die nicht von den in § 90 Abs. 2 SGB XII genann­ten Fall­grup­pen erfasst sind, die aber den in die­ser Vor­schrift zum Aus­druck kom­men­den Leit­vor­stel­lun­gen des Geset­zes für die Ver­scho­nung von Ver­mö­gen ver­gleich­bar sind [3].

Nach über­wie­gen­der Auf­fas­sung in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur wer­den Ver­mö­gens­wer­te, die zur Absi­che­rung der Kos­ten einer ange­mes­se­nen Bestat­tung und Grab­pfle­ge ange­spart wur­den, durch die Här­te­re­ge­lung des § 90 Abs. 3 Satz 1 SGB XII geschützt [4]. Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat mit der Erwä­gung, dass der Wunsch vie­ler Men­schen, für die Zeit nach ihrem Tod vor­zu­sor­gen, dahin zu re- spek­tie­ren sei, dass ihnen die Mit­tel erhal­ten blei­ben müss­ten, die sie für eine ange­mes­se­ne Bestat­tung und Grab­pfle­ge zurück­ge­legt haben, erbrach­te Leis­tun­gen auf einen Grab­pfle­ge­ver­trag als zu ver­scho­nen­des Ver­mö­gen nach § 90 Abs. 3 Satz 1 SGB XII behan­delt.

Die­ser Auf­fas­sung tritt der Bun­des­ge­richts­hof für die Fra­ge, wel­che Ver­mö­gens­wer­te ein Betreu­ter nach §§ 1908 i Abs. 1 Satz 1, 1836 c Nr. 2 BGB für die Betreu­er­ver­gü­tung ein­zu­set­zen hat, im Grund­satz bei. Das ver­fas­sungs­recht­lich in Art. 2 Abs. 1 GG geschütz­te all­ge­mei­ne Per­sön­lich­keits­recht umfasst das Recht, über die eige­ne Bestat­tung zu bestim­men. Dazu gehört auch die Dis­po­si­ti­ons­frei­heit, bereits zu Leb­zei­ten in ange­mes­se­nem Umfang für die Durch­füh­rung und Bezah­lung der eige­nen Bestat­tung Sor­ge zu tra­gen [5]. Die­ses durch Art. 2 Abs. 1 GG garan­tier­te Recht ist nur dann aus­rei­chend gewähr­leis­tet, wenn ein Betreu­ter die für eine ange­mes­se­ne finan­zi­el­le Vor­sor­ge für den Todes­fall bestimm­ten Mit­tel nicht für die Ver­gü­tung des Betreu­ers ein­set­zen muss. Dafür spricht auch, dass die Bun­des­re­gie­rung eine Geset­zes­in­itia­ti­ve des Bun­des­rats, die eine Aus­wei­tung des Kata­logs für das Schon­ver­mö­gen in § 90 Abs. 2 SGB XII auf Ster­be­geld­ver­si­che­run­gen und Bestat­tungs­vor­sor­ge­ver­trä­ge vor­sah, aus­drück­lich mit der Begrün­dung abge­lehnt hat, die vor­ge­schla­ge­ne Rege­lung sei nicht erfor­der­lich, weil bereits nach gel­ten­dem Recht mit der Här­te­fall­re­ge­lung in § 90 Abs. 3 SGB XII sowie mit der Vor­schrift des § 74 SGB XII eine men­schen­wür­di­ge Bestat­tung für Sozi­al­hil­fe­emp­fän­ger sicher­ge­stellt sei [6].

Aller­dings ist die­se Pri­vi­le­gie­rung nur dann gerecht­fer­tigt, wenn sicher­ge­stellt ist, dass der ange­spar­te Ver­mö­gens­wert tat­säch­lich für die Bestat­tungs­kos­ten oder die Grab­pfle­ge ver­wen­det wird. Die Pri­vi­le­gie­rung der finan­zi­el­len Vor­sor­ge für die Bestat­tung und Grab­pfle­ge gegen­über dem sons­ti­gen Ver­mö­gen des Betreu­ten beruht zwar zum einen auf deren beson­de­rer Zweck­be­stim­mung, die Aus­fluss der Men­schen­wür­de und des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­recht nach Art. 2 Abs. 1 GG ist. Bei der Prü­fung der Här­te­fall­re­ge­lung nach § 90 Abs. 3 Satz 1 SGB XII ist jedoch auch von Bedeu­tung, dass der Betreu­te sei­nen Wunsch, für eine ange­mes­se­ne Bestat­tung vor­zu­sor­gen, dadurch ver­wirk­licht, dass er bereits zu Leb­zei­ten eine ent­spre­chen­de Ver­mö­gens­dis­po­si­ti­on trifft und ihm die­ser Ver­mö­gens­wert somit nicht mehr zur frei­en Ver­fü­gung steht. Nur wenn der Betreu­te die für die Bestat­tung vor­ge­se­he­nen Mit­tel aus sei­nem übri­gen Ver­mö­gen aus­ge­schie­den und mit einer ent­spre­chen­den Zweck­bin­dung ver­bind­lich fest­ge­legt hat, stellt der Ein­satz die­ser Mit­tel für die Betreu­er­ver­gü­tung für ihn eine unzu­mut­ba­re Här­te i.S.v. § 90 Abs. 3 Satz 1 SGB XII dar [7]. Dies ist etwa der Fall, wenn der Betreu­te ein ange­spar­tes Gut­ha­ben an ein Bestat­tungs­un­ter­neh­men abge­tre­ten hat, bei einem mit Sperr­ver­merk ver­se­he­nen Spar­kon­to ange­leg­ten Gut­ha­ben [8], einer Ster­be­geld­ver­si­che­rung [9], einem soge­nann­ten Bestat­tungs­vor­sor­ge­ver­trag [10] oder einem Grab­pfle­ge­ver­trag [11]. Die blo­ße Absicht des Betreu­ten, ein ange­spar­tes Gut­ha­ben im Fal­le des Todes für die Bestat­tungs­kos­ten zu ver­wen­den, ohne einen ent­spre­chen­den Teil sei­nes Ver­mö­gens mit einer ent­spre­chen­den Zweck­bin­dung aus dem übri­gen Ver­mö­gen aus­zu­glie­dern, genügt dage­gen nicht.

Im vor­lie­gen­den Fall ist die erfor­der­li­che Zweck­bin­dung nicht gege­ben. Die Betreu­te hat eine kapi­tal­bil­den­de Lebens­ver­si­che­rung auf den Todes­fall abge­schlos­sen. Die­se wur­de zwar vom Ver­si­che­rer als Ster­be­geld­ver­si­che­rung bezeich­net. Bereits aus der Bera­tungs­do­ku­men­ta­ti­on geht indes her­vor, dass die Betreu­te für den Todes­fall einen Ver­si­che­rungs­schutz gewünscht hat, der „zum Bei­spiel für die Absi­che­rung von Bestat­tungs­kos­ten“ ver­wen­det wer­den kann. Dar­aus lässt sich zwar die Absicht der Betreu­ten schlie­ßen, durch den abge­schlos­se­nen Ver­si­che­rungs­ver­trag die Kos­ten ihrer Bestat­tung regeln zu wol­len. Eine Ver­wen­dung der Ver­si­che­rungs­sum­me für die­sen Zweck ist jedoch durch die kon­kre­te Ver­trags­ge­stal­tung nicht gewähr­leis­tet. Der Betreu­ten bleibt die Mög­lich­keit, bis zu dem vor­ge­se­he­nen Lauf­zeit­ende die Ver­si­che­rung zum Rück­kaufs­wert auf­zu­lö­sen und das Kapi­tal ander­wei­tig zu ver­wen­den. Auch für die Zeit nach dem Tode der Betreu­ten ist durch die gewähl­te Ver­trags­ge­stal­tung nicht sicher­ge­stellt, dass die aus­ge­zahl­te Ver­si­che­rungs­leis­tung für Bestat­tungs­kos­ten oder für die Grab­pfle­ge ver­wen­det wird. Die Betreu­te hat für den Fall ihres Todes ihren Sohn als Bezugs­be­rech­tig­ten bestimmt. Die­sem fließt die Ver­si­che­rungs­sum­me als Teil sei­nes eige­nen Ver­mö­gens zu, ohne dass ihm eine Ver­pflich­tung auf­er­legt wor­den ist, mit die­sem Kapi­tal die Bestat­tungs­kos­ten der Betreu­ten zu bestrei­ten.

Da somit im vor­lie­gen­den Fall nicht sicher­ge­stellt ist, dass die von der Betreu­ten ange­spar­te Ver­si­che­rung auch tat­säch­lich für die Bestat­tungs­kos­ten ein­ge­setzt wird, stellt es auch kei­ne Här­te i.S.v. § 90 Abs. 3 SGB XII dar, wenn die­ser Ver­mö­gens­wert im Rah­men der Prü­fung der Mit­tel­lo­sig­keit der Betreu­ten berück­sich­tigt wird.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 30. April 2014 – XII ZB 632/​13

  1. vgl. BVerwG NJW 1998, 1879, 1880 und NJW 2004, 3647 sowie BGH, Beschluss vom 09.06.2010 XII ZB 120/​08 FamRZ 2010, 1643 Rn. 15 zur Pro­zess­kos­ten­hil­fe[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 09.06.2010 XII ZB 120/​08 FamRZ 2010, 1643 Rn. 18[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 09.06.2010 XII ZB 120/​08 FamRZ 2010, 1643 Rn.19[]
  4. BVerwG NJW 2004, 2914, 2915; BSG ZEV 2008, 539, 541; OLG Frank­furt FamRZ 2001, 868, 869; OLG Zwei­brü­cken FGPrax 2006, 21; OLG Schles­wig FamRZ 2007, 1188 f.; OLG Mün­chen FamRZ 2007, 1189 f.; Deinert/​Lütgens Die Ver­gü­tung des Betreu­ers 6. Aufl. Rn. 1339 ff.; HK-BUR/­Win­hold-Schöt­t/­D­ei­nert [Juli 2008] § 1836 c BGB Rn. 61 ff.; Knit­tel Betreu­ungs­recht [Stand: 1.03.2012] § 1836 c BGB Rn. 68; Jürgens/​Marschner Betreu­ungs­recht 4. Aufl. § 1836 c BGB Rn. 13; NK-BGB/­Frit­sche 2. Aufl. § 1836 c Rn. 9; Beck­OK BGB/​Bettin [Stand: 1.02.2014] § 1836 c Rn. 5; Grube/​Wahrendorf SGB XII Sozi­al­hil­fe 4. Aufl. § 90 Rn. 80; Dei­nert FamRZ 1999, 1187, 1189 f.[]
  5. OLG Zwei­brü­cken FGPrax 2006, 21; OLG Frank­furt FamRZ 2001, 868, 869; Knit­tel Betreu­ungs­recht [Stand: 1.03.2012] § 1836 c BGB Rn. 68; HK-BUR/­Win­hold-Schöt­t/­D­ei­nert [Juli 2008] § 1836 c BGB Rn. 62[]
  6. BT-Drs. 16/​239 S. 10, 15 u. 17[]
  7. OLG Frank­furt FamRZ 2001, 868, 869; HK-BUR/­Win­hold-Schöt­t/­D­ei­nert [Juli 2008] § 1836 c BGB Rn. 61; Deinert/​Lütgens Die Ver­gü­tung des Betreu­ers 6. Aufl. Rn. 1340[]
  8. LG Sta­de BtPrax 2003, 233[]
  9. vgl. OLG Zwei­brü­cken FGPrax 2006, 21[]
  10. vgl. BSG ZEV 2008, 539 ff.; OLG Frank­furt FamRZ 2001, 868 f.; OLG Mün­chen FamRZ 2007, 1189 f.[]
  11. BVerwG NJW 2004, 2914 f.[]